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Einleitende Bemerkungen:
Im Text kursiv geschrieben Begriffe bzw. Abkürzung werden
durch die Bewegung des Mauszeigers über den Text entsprech-
ende Ausschreibung angezeigt.
Insbesondere weil einige der Abkürzungen nicht mehr ge-
bräuchlich sind.

Kleinere Fehler, die keine Sinnentstellung ergeben, wurden
durch mich korrigiert.

Die eingefügten Links verweisen auf entsprechende Dokumente
die die Aussagen bestätigen bzw. ihre Richtigkeit unterstreichen.

Der Fakt das 100 ENIGMA und DORA (T-52 Siemens Geheimschreiber) in
der Volksmarine eingesetzt wurden stützt auch weitere Hinweise
auf den temporären Einsatz dieser Maschinen in der Kasernierten
Volkspolizei bzw. bei der Nationalen Volksarmee.

Fregattenkapitän der Reserve
R i e b e , Johannes
geb.: 16. 1. 1928 in Demmin
wh.: Rostock, xxxxxxxxxxxxxxxx
z. Zt. Chiffreur Rat des Bez. Rostock        Rostock, 17. Sept. 1984


E r i n n e r u n g e n
über meine langjährige Tätigkeit im Chiffrierwesen der DDR
seit 1951                                                      BStU*310

Anfang des Jahres 1951 befand ich mich als Angehöriger der Kaser-
nierten Volkspolizeibereitschaft KVP (B) im Objekt Stern-Buchholz.
Seit November 1950 trug ich den Dienstgrad eines VP-Kommissars.

In der letzte Woche des Monats Mai 1951 erhielt ich die Komman-
dierung zu einem Lehrgang nach Adlershof. Hier befand sich in ei-
ner Baracke das Ausbildungsobjekt der HV-Ausbildung der VP.

Als weitere Lehrgangsteilnehmer traf ich hier die Genossen Birke,
Seifert, Bamberger und Heienbürger. Zum Lehrgang gehörte ca.
12 Genossen. Alle in Zivilkleidung. Ein persönliches Gespräch mit
Gen. Lunau entschied über den weiteren Verbleib auf dem Lehrgang.
Welche Ausbildung wir erreichen sollten, wußten zu diesem Zeitpunkt
jedoch noch keiner von uns.

Am folgenden Tag wurden wir durch den Chefinspekteur der VP, Gen.
Dölling, damals Chef der Politischen Verwaltung der KVP, dahinge-
hend eingewiesen, daß es sich um eine Ausbildung handeln würde,
für die nur besonders ausgewählte und klassenbewußte Genossen in
Frage kämen. An den weiteren Tagen, bis zum Wochenende, wurden wir
dann in das Geheimnis des Chiffrierens eingewiesen und im Verfah-
ren 001 ausgebildet.

Am Ende der Ausbildung wurde die persönliche Einsatzmöglichkeiten
als Chiffreur besprochen, wobei vorgesehen war, daß Chiffrierstel-
len in Berlin, HV-Ausbildung, Rostock, Hohenstücken, Großenhain,
Erfurt und Kochstedt zu eröffnen. Auf Befragen entschied ich mich
mit Gen. Kommissar Neumann, Günter für Rostock. Die Versetzung von
Stern-Buchholz nach Rostock erfolgte innerhalb von 8-Tagen.

In Rostock angekommen, meldeten wir uns beim Kommandeur mit der
Maßgabe, eine besondere Arbeit in der Dienststelle erfüllen zu
müssen. Damit konnten der Kommandeur bzw. die Personalstelle jedoch
wenig anfangen. Das Problem löste sich dann sehr schnell, als wir
erklärten, daß in der Dienststelle besondere Räume für unsere Tä-
tigkeit hergerichtet worden sein müssen. Einige Tage später kam
der Befehl zur Abholung des Chiffriermaterials. Ein PKW, Typ F8,
wurde uns zur Verfügung gestellt. Die Fahrt zur HVA, der Empfang
des Materials und die Abfahrt von der HVA am Nachmittag verlief
reibungslos. Auf der Autobahn bei Prenzlau hatten wir dann jedoch
einen Defekt am Kfz (Batterie war leer). Das Fahrzeug wurde von
Prenzlau bis Woldek geschoben in der Hoffnung, einen Abhang zu fin-
den, wo das Fahrzeug wieder in Gang gesetzt werden konnte.

Aber vergebens. Von Woldek ging es dann im Schlepp bis Güstrow.
Inzwischen war schon der nächste Tag angebrochen. Nachdem wir un-
sere Dienststelle in Kenntnis gesetzt hatte, wurde uns ein ande-
res Fahrzeug geschickt und so hatten wir die ersten Chiffriermate-
rialien trotz Autopanne sicher in die Dienststelle überführt.

Die nächsten Tage haben wir dann genutzt, um die erworbenen Kennt-
nisse im Verfahren 001 zu festigen. Der operative Spruchverkehr war
noch nicht sehr groß. In der ersten Zeit erfolgte der Spruchver-
kehr nur durch Eingänge von der HVA. im September/Oktober 1951 wur-
de der Gen. Neumann dann nach Eggesin abversetzt. Damit waren im
Norden der DDR schon 2 Chiffrierstellen vorhanden.

(Wird durch den BND-Spitzelbericht Bundesarchiv*24
bestätigt! 3. Oktober 1952
Seepolizei: Funkverfahren ... wird durch
Schluesselmaschine überschlüsselt. Vierstellige Buchstabengruppen,
deren erste und letzte den Schlüssel angeben.
Kasernierte Volkspolizei:
Die Funkstellen tauschen fünfstellige Buchstabentexte aus,
die vermutlich mit Enigma-Maschinenschlüssel verziffert sind.

6. Februar 1952
Schulung: Gebrauchvon Schlüsselmitteln
- Tarntafeln, - Handschlüssel, - Doppelkasten), - Handnotschlüssel
- Zahlenschlüssel.
Hand- Not- Zahlenschlüssel wird nicht mehr gelehrt.
Tarntafeln sind sowjetischer Herkunft.
Diese wurden aus einem Wort erstellt.
Nachrichtenschule PIRNA Schulung ENIGMA/I.)


Zur Geheimhaltung des Chiffrierwesens nannten wir uns Unterabtei-
lung 8. Die erste Bewährungsprobe kam, als Ende 1951 die Dienst-
stellenleitung nachts in die Dienststelle befohlen wurde und über
die Chiffrierverbindungen von der HVA die Mitteilung erhielt, wann
und wo Waffen und Technik für die Dienststelle empfangen werden
sollten. Diese Waffen und Technik mußten zu dieser Zeit unter
strengster Geheimhaltung und Vorsichtsmaßnahmen vor der Bevölkerung
in die Dienststelle gebracht werden.

Erst 1952 wurden erste militärische Einheiten gebildet und die Po-
lizeidienstgrade in militärische Dienstgrade verändert. Damit ver-
bunden war auch die Auflösung der Kasernierten Volkspolizeibereit-
schaft (KVP (B)) Rostock und Bildung eines mechanisierten Regi-
mentes. Ein Regiment hatte jedoch keine Unterabteilung 8 in der
Struktur.

Nachdem täglich chiffrierte Fernschreiben mit dem Inhalt
 Mit dem Ziel der Versetzung werden kommandiert nach .....
 Mitzubringen persönliche Gebrauchsartikel wie .....

eingingen, durfte ich selbst am 23. 10. 52 meine persönlichen Ge-
brauchsartikel einschließlich Panzerschrank und Schreibtisch
packen. Ich wurde zur Territorialen Verwaltung 4000 (Vorläufer
des Militärbezirkes) nach Pasewalk versetzt. Hier übernahm ich die
Leitung der Unterabteilung 8, zu der die Gen. Christ und Schramm
gehörten.

Seit meiner Zugehörigkeit zur VP/KVP übernahm ich erstmals die
Leitung einer Unterabteilung und war für die Anleitung von zwei
Spezialisten verantwortlich. Jedoch die weitere Eröffnung neuer
Chiffrierstellen erforderte noch im November 1952 die Versetzung
des Gen. Christ nach Dresden und des Gen. Schramm nach Prora/Rg.

Chiffrierverbindungen 001 bestanden zur HVA, zu den Divisionen
Prenzlau, Eggesin. Nach Prora wurde die Chiffrierverbindung da-
hingehend aufrecht erhalten, daß die wichtigsten geheimzuhaltenden
Texte, so u. a. Namen, Geburtsdaten u. a., in den Fernschreiben durch
Ersetzen von Buchstaben bearbeitet wurden.              -> s. a. 1950 Dokument

Der so durch Buchstabengruppen erarbeitete Klartext wurde mit
schwarzer Ausziehtusche unkenntlich gemacht. Bei Eingängen wurde
in umgekehrter Reihenfolge gehandelt. Da wurden die Buchstaben-
gruppen mit schwarzer Ausziehtusche unkenntlich gemacht und der
Klartext eingefügt. Dieses Verfahren wurde 1953 außer Kraft gesetzt.
Das Chiffrierverfahren 001 wurde zum Hauptverfahren.

Im I. Quartal 1953 hatte ich die zweite Bewährungsprobe als Chif-
freur zu bestehen. Vom Chef der TV, Generalmajor Reutsch, war ein
chiffriertes Fernschreiben an die Divisionen zu schicken, u. a.
auch nach Prenzlau, über die Winterfestmachung von Panzermotoren.
Es ergab sich, daß in Prenzlau 12 Panzermotoren defekt wurden durch
Frostschäden. Eines Abends, bereits spät, mußte meinerseits nun be-
wiesen werden, daß die Weisung termingerecht und auch dem Inhalt
nach richtig übermittelt wurde. Ich konnte die Aufgabe zuverlässig
realisieren. Im Februar 1953 erhielt ich hier auch erstmals die
Kontrolle des ZCO durch Gen. Schürmann. Er schien für mich völlig
überraschend und allein und erläuterte mir bei der Kontrolle die
Forderungen für hohe Sicherheit des Chiffrierwesens im Stabsbe-
reich.

Am 1. 5. 53 wurde ich wieder nach Rostock versetzt, nachdem ich
beim Leiter der 8. Abteilung, Gen. Seifert, darum ersucht hatte,
aufgrund meines Wohnungsproblems.

In Rostock mußten neue Räume für die Chiffrierstelle hergerichtet
werden. Die alten Räume der Chiffrierstelle von 1951 waren belegt
von der Politabteilung. Die Einrichtung der Räume nahm einen Zeit-
raum von Mai bis August 1953 in Anspruch. Neben der Bauaufsicht
für die Chiffrierstelle war ich noch in der UA Operativ tätig.
Auch dem Putsch am 17. 6. 1953 wurde durch uns erfolgreich begegnet.

Am 1. 9. 1953 wurde ich zur Seepolizei zum Objekt nach Parow bei
Stralsund kommandiert. Auch hier mußte erst eine Chiffrierstelle
hergerichtet werden. Ich muß bemerken, daß es bei der Seepolizei
bereits eine Chiffrierstelle gab. Sie arbeitete im wesentlichen
nach alten Verfahren der ehemaligen faschistischen Kriegsmarine.  -> s. Kontrollbericht 1960
Diese Mittel hatten solche Namen wie Wuma, Kunal und waren Buch-
stabenverfahren. Das Verfahren Kunal war so gestaltet, daß es
einmal durch einen Chiffreur und ein zweites mal durch den Leiter
oder Kommandanten chiffriert werden konnte und wurde für persön-
liche Nachrichten genutzt. Diese Mittel waren, wie gesagt, nicht
von unseren Chiffrierorgan erarbeitet bzw. bestätigt. Auch die
Chiffreure unterlagen zu dieser Zeit noch keiner Bestätigung.

Bis März 1954 bestanden zwei voneinander getrennte Chiffrierstel-
len, die dem Chef des Stabes unterstanden. Als höhere Vorge-
setzten hatte ich den Leiter der 8. Abteilung, Gen. Seifert, und
später Gen. Oberst Schön. Im März 1954 erhielt ich den Auftrag,
für den Bereich der Seepolizei, auf der Grundlage der vom ZCO erhal-
tenen Grundregeln für die Chiffrierarbeit entsprechende Grundre-
geln der Chiffrierarbeit in der Seepolizei zu erarbeiten.

Weiterhin wurden Kurzfristig die bisherigen Chiffreure abgelöst
und durch neue ersetzt. Nur wenige wurden übernommen. Auch in an-
derer Hinsicht taten sich große Problem auf: Für die Schiffe, wo
sich ebenfalls Chiffreure befanden, mußten Panzerstahlkassetten be-
schafft und montiert werden. Auf ideologischem Gebiet mußte einiges
geleistet werden, da die Kommandeure/Kommandanten es nicht verstan-
den, warum sie nicht die Arbeit des Chiffreurs kontrollieren und
keine Einsicht beim Chiffrieren nehmen durften. In den meisten
Fällen mußte der Kommandant seine Kammer verlassen, weil dort chif-
friert wurde. Viele Konsultationen waren notwendig mit dem damali-
gen Chef der Seepolizei, Gen. Vizeadmiral Verner, und dem ZCO.
Es war anfänglich so , daß der Chef der Seepolizei zu den Fragen
der Chiffrierarbeit eine Einstellung besaß und das ZCO eine andere.
Im Mai/Juni 1954 hatte sich dieses Problem jedoch im wesentlichen
geklärt.

Eine zweiseitige Unterstellung war noch vorhanden:

- Fragen der Chiffrierarbeit des Bereiches Seepolizei wurden direkt
  mit dem ZCO geregelt,

- Frage, die das Chiffrierverfahren 001 betrafen, wurden mit der
  NVA, 8. Abteilung geregelt.

Im Sommer 1954 wurden der Seepolizei etwa 100 Chiffriergeräte
Enigma und DORA vom ZCO zur Verfügung gestellt. Vom ZCO wurde
uns die Aufgabe gestellt, die Drähte in den Walzen nach vorgege-
bener neuer Einstellung zu verlöten. Nach erfolgter Neueinstellung
tat sich ein weiteres Problem auf. Die Geräte sollten auf Batterie
betrieben werden. Dazu wurden uns die erforderlichen Batterien
zur Verfügung gestellt. Da die Geräte aber schon älteren Typs wa-
ren, waren sie recht anfällig. Um eine stabile Verbindung abzusi-
chern, war es notwendig, jedem Teilnehmer mindestens ein weiteres
Gerät zur Verfügung zu stellen. Außerdem wiesen die Kontakte der
Lampen zum Ablesen des Chiffriertextes große Mängel auf. Aus die-
sen Gründen wurde dieses Vorhaben, die Enigma auf den Schiffen
und stationär einzusetzen, durch das ZCO aufgegeben.

In der Folgezeit wurden dann manuelle Chiffrierverfahren eingeführt,
die in der Handhabung unterschiedlich und recht kompliziert waren
und eine hohe Fehlerquote besaßen. Zu nennen sind u. a. die Verfah-
ren Dora, Toni. Im Verlauf des Jahres 1954 wurden dann die
zweiseitigen Unterstellung aufgehoben. Die Chiffrierstelle erhielt
ihre Anleitung nur noch von der 8. Abteilung des vorgesetzten Sta-
bes. Es begann die Zeit der Arbeit mit den Unterstellten. Auf den
Schiffen und in den Stäben wurden mehr und mehr Unteroffiziere mit
der Chiffrierarbeit betraut und selbst ausgebildet. Die Fluktuation
war groß. Die ideologische Aufklärungsarbeit nahm neben den Si-
cherheitsfragen einen breiten Raum ein. An eine volle Besetzung
der Planstellen war aufgrund der hohen kaderpolitischen Forderungen
nicht zu denken. Übungen nahmen an Zahl und Umfang zu. Es wurden
hohe Anforderungen an die Mitarbeiter des Chiffrierdienstes gestellt.
Informationsfluß, komplizierte Handhabungen der Mittel und mageln-
de Qualität der Nachrichtenverbindungen zu den Schiffen taten ihr
übriges.

Im Jahre 1959 nahm ich an einem Sonderlehrgang in Döbeln teil. Das
hier erworbene Wissen trug zur weiteren Qualifizierung bei und
ermöglichte Aufgaben der Chiffrierarbeit besser zu lösen, insbe-
sondere die Arbeit mit Mitteln der gedeckten Führung, wie Ge-
sprächstabellen und Tarntafeln.

Im April 1960 wurde ich zur Deutschen Grenzpolizei versetzt und
übernahm in der 6. Grenzbrigade die Funktion des Leiters der Unter-
abteilung. Vom Brigadestab zu den Bereitschaften wurde das Ver-
fahren 001 angewandt. Zu den Schiffen bestand Verbindung mit der
Tarntafel Enzian und einem Codierverfahren mittels Schlüsselcodes.

Erstmalig nahm die Chiffrierarbeit einen solchen Charakter an, wo
es davon abhing, ob die Nachrichten richtig nach Mittel und Zeit be-
arbeitet worden ist. Denn davon hing letzten Endes der Erfolg beim
Schutz der Seegrenzen der DDR ab.

Im Frühjahr 1961 hatten wir folgendes schweres Vorkommnis in der
Grenzbrigade. Ein auf Grenzvorposten eingesetztes Grenzboot wurde
von feindlichen Elementen dazu benutzt, um die DDR zu verlassen.
Der Komandant wurde gezwungen, sich in seiner Kammer aufzuhalten.
Dieser hat unter diesen Umständen die wichtigsten Unterlagen der
Tarntafel und die Schlüsselunterlagen durch Verbrennen vernichtet.
In Travemünde angekommen, haben die feindlichen Elemente das Boot
eiligst verlassen. Der Kommandant hat sofort die Führung wieder
übernommen und das Boot in seinen Stützpunkt überführt. Durch das
umsichtige Handeln des Kommandanten war zumindest abgesichert, daß
der Gegner nicht in den Besitz der Schlüsselunterlagen gekommen
wäre, wohl aber in den Besitz der Tarntafel und des Schlüsselcodes.

1961 wurde dann die erste Chiffriermaschine (CM-2) in der Deutschen
Volkspolizei/Deutsche Grenzpolizei eingeführt. Die Einführung des
maschinellen Chiffrierverfahrens war ein großer Fortschritt und
brachte und sie schon länger erhoffte Erleichterung der Arbeit.
Wir waren stolz, als wir den Brigadechef rufen durften, um ihn die
Dechiffrierung eines Telegrammes vorzuführen.

In der Grenzbrigade begann 1961 gleichzeitig meine aktive gesell-
schaftliche Arbeit. Ich wurde in die Parteileitung gewählt. Bis
1966 war ich u. a. Parteisekretär einer GO und AGL und habe das
vierjährige Studium der BPS absolviert. Auch habe ich bei 1966 die
10. Klasse abgeschlossen. 1963 wurde ich als Militärschöffe ge-
wählt. Bei der Bildung von Schöffenkollektiven wurde ich deren Vor-
sitzender.

Nach der Auflösung der Grenzbrigaden der Deutschen Grenzpolizei im
Oktober/November 1961 wurde die 6. Grenzbrigade Küste gebildet und
dem Kommando der Volksmarine unterstellt. Für die landseitige Si-
cherung der Grenze wurde ein Grenzregiment gebildet. Hier mußte
ebenfalls eine Chiffrierstelle gebildet werden, die mit einem Chif-
freur besetzt werden mußte.

Erstmalig kamen die Kenntnisse des Sonderlehrgangs von 1959 zur
Wirkung. Es mußte für das Grenzregiment eine Tarntafel erarbeitet
werden. Sie erhielt die Bezeichnung GR-1. Bei den Schiffen wurde
die Tarntafel VM-1 eingeführt. Zur Führung der Grenzposten waren
jedoch noch keine geeigneten Mittel vorhanden, so daß dies im we-
sentlichen noch über das Grenzmeldenetz offen erfolgte. Diese Mit-
tel wurden erst ca. 1970 eingeführt.

Am 1. 9. 66 erfolgte meine Versetzung zum Kommando der Volksmarine
als Oberoffizier für gedeckte Führung. Mir unterstanden der Offi-
zier Chiffrierverbindung und der Sachbearbeiter Spezialdokumente.
Als Offizier Chiffrierverbindung kam Ltn. zur See Peter Adler, Ab-
solvent der Seeoffiziersschule Stralsund.

Ich übernahm mit der AG zwar kein absolut neues Gebiet, aber uns
war klar, daß uns neue Aufgaben erwarteten. Wenn die Chiffrierver-
bindungen im wesentlichen stabil waren und nicht jedes Jahr neue
Verbindungen organisiert werden mußten, war es auf dem Gebiet der
gedeckten Truppenführung jedoch nicht der Fall.

Die zu dieser Zeit gültigen Mittel waren zwar sicher, aber in ihrer
Handhabung noch zu zeitaufwendig und oft noch zu kompliziert. Die
Fehlerquote lag zu hoch. Es ging also darum, solche Mittel zu schaf-
fen, die einfach in der Handhabung waren und den Stäben eine schnel-
le Information gewährleisten. Es mußten gleichzeitig ein Mittel
geschaffen werden, für absolut gesichert zu haltende Informationen.
Hierbei entstand der Gedanke, den Schlüsselcode Delphin, der be-
reits Gültigkeit hatte, im Zusammenwirken mit den anderen befreun-
deten Flotten, der Baltischen Flotte und er Polnischen Seekriegs-
flotte, für die nationalen Belange zu verwenden. Ein eigenes Über-
schlüsselungsverfahren war jedoch notwendig.

Für Informationen, die einer kurzen Zeitdauer der Sicherheit be-
durften, wurde eine Codetafel erarbeitet. Für alle anderen Infor-
mationen wurde der Schlüsselcode Delphin mit dem Überschlüsse-
lungsverfahren Kobra angewandt. Dieses Überschlüsselungsverfahren
fand in der Folgezeit auch für Codiermittel der Waffengattungen und
Dienste Anwendung.                                       -> DV A 040/1/312

Große zeitliche Erfordernisse nahm auch die Herstellung von Sprech-
tafeln und Signaltabellen sowie die Herstellung der Tarn- und
Schlüsselserien in Anspruch. Die analytische Auswertung der Informa-
tionen hinsichtlich der Brauchbarkeit der Code- und Sprechtafeln
und Signaltabellen wurde ebenfalls immer dringlicher. Über Anfänge
kamen wir aber dabei noch nicht hinaus. So war die festgelegte
periodische Überarbeitung dieser Mittel mehr oder weniger mit einer
Umstellung des Phrasenbestandes mit einigen Ergänzungen verbunden.

Wenn auch die manuellen Mittel der gedeckten Führung einen großen
Teil unserer Arbeit einnahmen, wurde auch ständig an der Verbes-
serung der Organisation der Chiffrierverbindungen gearbeitet. Es
ging darum, auf den höheren Kommandoebenen im Interesse der Sicher-
heit die Codiermittel mehr und mehr abzuschaffen.

Neue Chiffriergeräte wurden zugeführt. Sie ermöglichen die Orga-
nisation der Chiffrierverbindungen zu einzelnen größeren Schiffen,
wie Küstenschutzschiffen (KSS), Aufklärungsschiffen, Abteilungsstäbe
und bei Übungen Schiffsschlaggruppen (SSG), U-Jagdschiffsschlag-
gruppen(USSG) u.a. Darüber hinaus wollten wir erreichen, daß
nicht mit jedem Jahr ein neues Schema der Chiffrierverbindungen
erarbeitet werden mußte. Das ist uns auch im wesentlichen gelungen.

Wie ich schon erwähnt habe, hat der größte Teil der Arbeit der Ar-
beitsgruppe gedeckte Truppenführung (gTF) dazu bestanden, ständig
diese Mittel zu verbessern und eine genaue Übersicht darüber zu
besitzen, welche Mittel im jeweiligen Bereich einsetzbar waren und
deren Gültigkeit. Das setzte voraus, daß ein entsprechendes Schema
der manuellen Codiermittel vorhanden war.

Großen Raum nahm dabei die Erarbeitung des halbjährlichen Planes
der Gültigkeit der Codiermittel ein. Dieser Plan wurde in seinem
Inhalt soweit präzisiert, daß er die Gültigkeit der Codier-, Tarn-
und Verschleierungsmittel, Anwendung von Tarnnamen und Tarnzahlen
für Übungen und Ausbildungsmaßnahmen und anderen Maßnahmen zur Durch-
setzung der gedeckten Führung für ein halbes Jahr festlegte. Der
Plan der Gültigkeit der Codiermittel war im Druckplan des Kommandos
der Volksmarine verankert und wurde halbjährlich gedruckt. Außer-
dem wurde der Plan der Gültigkeit der Chiffriermittel für ein halbes
Jahr erarbeitet. Dieser Plan war vom Inhalt und Umfang nicht mit
dem des Planes der Gültigkeit der Codiermittel zu vergleichen und
nahm nicht so viel Arbeit in Anspruch.

Die AG gTF hatte sich auch das Ziel gestellt, für die Oberoffiziere
der AG eine Handakte zur aktuellen täglichen Leistungsbereitschaft
zu erarbeiten. Diese Handakte war dazu gedacht, daß die Oberoffi-
ziere der AG schnellstens in die Lage versetzt wurden, Auskunft
jeglicher Art, Auflagenhöhe der einzelnen Mittel und Verteiler, Kar-
tencodierungen, Muster von Anordnungen, Nachrichtenverbindungen,
Teil gTF für Übungen u. a. zu geben. In der Folgezeit hat sich das
Vorhandensein dieser Übersicht immer wieder bewährt. Ein Vorteil
bestand weiterhin darin, daß diese Übersichten auch bei Übergaben
vor Wechseln der Oberoffiziere die Möglichkeit gab, sich schnell
in diese Verbindungen einzuarbeiten. Die AG gTF hatte sich mit
dieser umfassenden Arbeit Autorität in den Stäben und Verbänden
verschafft. Sie wurde gleichzeitig mehr zu Konsultationen in Fragen
der gTF herangezogen. Schulungen mit den Offizieren der Stäbe wur-
den bei Stabstraining, besonders aber in Vorbereitung von Übungen
dazu benutz, die Kenntnisse in der Handhabung und Anwendungsprin-
zipien weiter zu festigen. Neben den Mitteln der gTF stand auch
entsprechendes Informationsmaterial zur Verfügung.

Im Jahre 1977 erhielt die AG gTF den Auftrag, für die Ausbildung
von Offizieren der Volksmarine an der Militärakademie Friedrich
Engels eine Schulungsunterlage über die Mittel der gTF zu erar-
beiten. Diese Schulungsunterlage wurde mit großer Sorgfalt und
Initiative erarbeitet.

1978 im März mußte die AG gTF den Unterricht an der MA Friedrich
Engels selbst durchführen. Ab Oktober 1978 wurde die Ausbildung von
der MA Friedrich Engels durchgeführt.

Insbesondere seit 1966 entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit
mit dem Stab der Baltischen Flotte in Kaliningrad. Es bestanden
gute persönliche Kontakte. Keine Übung wurde vorbereitet, zu der
nicht die Genossen der Chiffrierabteilung der Volksmarine eingela-
den wurden durch di Genossen der Baltischen Flotte. Einen Höhe-
punkt der guten Zusammenarbeit erreichten wir u. a. bei der Übung
Waffenbrüderschaft 70.

Ebenfalls bei der periodischen Überarbeitung von Mitteln der gTF
wurde diese gute Zusammenarbeit wirksam. Diese enge Zusammenarbeit
hat dazu beigetragen, daß beide Seiten in der Organisation und Si-
cherstellung der gedeckten Führung weitere Erfahrungen sammelten.
Das wurde auch weiterhin sichtbar dadurch, daß die sowjetische Sei-
te uns erlaubte, den Schlüsselcode Delphin und die Signaltabellen
zur Führung von Schiffsschlaggruppen, von Landungsschiffen und U-
Jagdschiffsschlaggruppen mit nationalen Schlüsselmitteln während
des täglichen Dienstes und bei Übungen der Volksarmee/Volksmarine
zu nutzen. Das bedeutete für uns, daß wir keine weiteren Mittel der
gTF auf die Schiffe und in die Stäbe zu geben brauchten. Die Zahl
der Mittel war ohnehin bereits hoch. Zum anderen gaben wir den
Nutzern die Möglichkeit, sich intensiver mit diesen Mitteln zu be-
fassen, um sie beim Zusammenwirken mit den Stäben und Schiffen der
Baltischen Flotte und der Polnischen Seekriegsflotte effektiver an-
zuwenden. Das war besonders bei der Anwendung des Schlüsselcodes
DELPHIN von großer Wichtigkeit, besonders in der Anwendung der
Grammatik. bei den Signaltabellen war es nicht ganz so schwierig,
da diese keine Grammatikfehler entstehen ließen. Hier ging es darum,
den Phrasenbestand zu erfassen.

Die gute Zusammenarbeit und Waffenbrüderschaft wurde dahingehend
gewürdigt, daß der damalige Leiter der 8. Abteilung der Baltischen
Flotte mit der Medaille der Waffenbrüderschaft der NVA ausgezeich-
net wurde.

Mit der weiteren Schaffung des Vereinten Oberkommandos der Warschau-
er Vertragsstaaten wurde die Fragen der gedeckten Führung mehr
und mehr über das MfNV abgewickelt.

Die Vorbereitung und Durchführung von Kommandostabsübungen nahm
immer mehr an Bedeutung zu. Kein Jahr verging mehr, ohne daß eine
größere Übung stattfand. Zu allen Übungen wurde eine Anordnung
Nachrichten - Teil gedeckte Truppenführung - erarbeitet. Außerdem
mußte die Tabelle der Tarnnamen und Tarnzahlen erarbeitet werden.
Sollten diese Dokumente von guter Qualität sein, war unerläßlich,
daß sich die AG gTF mit der Operativ-Abteilung konsultierte. Auch
hier war zu spüren, daß die Zusammenarbeit zwischen der Op. Abtei-
lung und der AG gTF sich ständig verbesserte.

Übungen, wie Oder-Neiße, Baltica, VAL u. a. stellten hohe
Anforderungen an die AG gTF insbesondere auch die Chiffrierver-
bindungen. Es mußten des öfteren zusätzlich neue Chiffrierverbin-
dungen organisiert werden. Das genügend Technik und Chiffrierma-
terial zur Verfügung standen, bereiteten uns solche Einlagen keine
besonderen Schwierigkeiten. Schwierigkeiten gab es in der Regel
bei der personellen Besetzung der neu zu organisierenden Chiffrier-
verbindung. Aber gelöst wurden diese Probleme immer. Interessant
waren auch Mob-Übungen, bei denen uns ebenfalls hohe Anforderungen
gestellt wurden. Technik und Unterlagen mußten zugeführt, Chiffreu-
re mußte ausgebildet werden.

Im April 1974 wurde Kapitänleutnant Adler, Peter zum ZCO versetzt.
Mit dem Gen. Adler war ein gutes Arbeiten. Hatte er sich doch in
der Zeit von 1966 bis 1974 ein gutes Wissen angeeignet.

In die AG gTF wurde Oberleutnant zur See Bergner, Klaus versetzt.
Oltn. Bergner war schon mehrere Jahre als Chiffreur tätig und ver-
fügte somit schon über solide Kenntnisse. Auch der Gen. Bergner
zeigte für sein neues Aufgabengebiet reges Interesse. Beide Genos-
sen haben einen großen Anteil daran, daß die AG gTF ein gutes fach-
liches Niveau hatte und ein gutes Kollektiv darstellte. Stabsober-
meister Hoch, Willi als Sachbearbeiter Spezialdokumente war für
die AG ebenfalls eine Bereicherung. Gen. Hoch war schon mehrere Jah-
re als Leiter einer VS-Stelle tätig und sehr gewissenhaft in sei-
ner Arbeit.

Während des konterrevolutionären Umsturzversuches in der CSSR im
Jahre 1968 hatte die AG gTF eine weitere ernste Bewährungssituation.
Das Kommando der Volksmarine war in erhöhte Gefechtsbereitschaft
versetzt, und der Hauptgefechtsstand wurde durchgängig besetzt.
Eines Tages im September 1968, etwa gegen 01.00 bis 02.00 hatte
die Schweden-Fähre mit einem TS-Boot der Volksmarine eine schwere
Havarie. Das TS-Boot ist sofort gesunken und 7 Genossen fanden den
Tod. An Bord befanden sich eine Reihe von Mitteln der gTF (Schlüs-
selcode, Codetafel und Signaltabelle). Eine Reihe sofortiger Maß-
nahmen waren notwendig, um die Führung der Kräfte der Volksmarine
mit Mitteln der gTF zu gewährleisten. Schlüsselunterlagen für
Schlüsselcode, Tarn- und Schlüsselserien mußten getauscht werden.
Die Phrasenbestände der Codetafel und Signaltabellen mußten neu
erfaßt und umgestellt werden. Es mußte eine neue Signaltabelle er-
arbeitet werden. Wir mußten damit rechnen, daß der Gegner sich
dieser und anderer vertraulicher Unterlagen bemächtigen würde. Es
war dann ja auch so. Denn schnellen Handlungen der Führung der
Volksmarine war es zu verdanken, daß am Havarieort Sicherungskräfte
entfaltet wurden. Somit war zumindest gesichert, daß die Mittel
der gTF nicht in die Hände des Gegners gelangten. Die in diesem
Zusammenhang eingesetzten Kampftaucher der Volksmarine haben die
Mittel der gTF vollzählig geborgen. Damit war die Erarbeitung neuer
Mittel der gTF nicht mehr so aktuell, bleib aber auf der Tages-
ordnung.

Wenn wir bis 1968 keinen Ersatz für derartige Mittel besaßen, so
wurden dich in den nächsten Jahren Maßnahmen getroffen, die beson-
deren Vorkommnissen mit Mitteln der gTF besser begegneten.

Entsprechend bestehender Vorschriften mußten die Mittel der gTF
nach vorgeschriebenen Jahresfristen überarbeitet werden. Die Code-
tafel zur Führung der Kräfte der Volksmarine wurde 1976/77 überar-
beitet und neu gedruckt. Mit diesem Druck war verbunden, daß die
Codetafel in ihrer bisherigen Form von A 4 in A 5 umgewandelt wurde.
Neue Verpackungen mußten dafür angefertigt werden. Anlaß zu diesem
Schritt war, daß die dazugehörigen Schlüsselmittel schon das For-
mat A 5 besaßen und das künftige bei Überarbeitung entsprechendes
Material eingespart wurde.

Als der Tag der Inkraftsetzung bevorstand, meldete der Oberoffi-
zier SND der 6. Flottille den Verlust einer neuen Codetafel, die
zum Zwecke des Studiums an die entsprechende Offiziere ausgegeben
worden war. Die Untersuchung des Vorkommnisses ergab, daß die Code-
tafel zwar nicht verlustig gegangen war, jedoch über einen länge-
ren Zeitraum unbeaufsichtigt gelegen hatte. Aufgrund dessen wurde
die Inkraftsetzung der Codetafel im Interesse der Sicherheit nicht
durchgeführt.

Die dargestellten Arbeiten und Ereignisse ereigneten sich ähnlich
und wiederholt bis zu meinen Ausscheiden aus dem aktiven Dienst
als Leiter der AG gTF im Kommando der Volksmarine im Jahre 1978.

Neben den dienstlichen Aufgaben erfüllte ich langjährig auch aktiv
gesellschaftliche Funktionen.

So war ich von 1968 bis 1978 als Militärschöffe am MOG Neubranden-
burg tätig und im Kommando Volksmarine als Stellv. Vorsitzender
des Militärschöffenkollektivs gewählt. Mindestens einmal jährlich
wurde ich zu einer Gerichtsverhandlung am MOG Neubrandenburg als
Militärschöffe geladen. So auch zum Prozeß gegen den ehemaligen An-
gehörigen der Volksmarine, Leutnant zur See Wolfgang Otto, im Jahre
1972, wo ich als gesellschaftlicher Ankläger auftrat. Otto war von
1965 bis 1970/71 Angehöriger des Spezialnachrichtendienstes im
Kommando Volksmarine. Er versuchte Fahnenflucht zu begehen und war
bereit, seine Kenntnisse über vertrauliche Probleme des Spezialnach-
richtendienstes, insbesondere über die Kanalschlüsseltechnik an
westliche Geheimdienste preiszugeben.

Von 1962 bis 1966 war ich Sekretär einer GO und von 1966 bis 1977
war ich Mitglied der Parteileitung der GO der Abt. Nachrichten im
Kommando Volksmarine.

Seit meiner Versetzung in die Reserve bin ich seit dem 1. 12. 78 als
Chiffreur in der Chiffrierstelle des Rates des Bezirkes Rostock
bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt tätig.

Rostock, August 1984           Gez. Johannes Riebe