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Kurt Finsterbusch BStU*393

Konspirative Mittel und Methoden in der deutschen
Arbeiter- und Widerstandsbewegung unter besonderer
Berücksichtigung der Anwendung von Chiffrierverfahren

Heft 1  1981

Von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis zum Bund der
Kommunisten


Hergestellt als Beitrag zur Traditionspflege

Berlin: 1981  2. Auflage 100 Stück


Vorwort

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die
Geschichte von Klassenkämpfen."

Diese Feststellung aus dem Manifest der Kommunistischen
Partei steht auch über diesem Werk. Erstmals wird vom
Marxistischen Standpunkt untersucht, wie die Kryptologie
als Mittel der Konspiration im Klassenkampf eingesetzt
wurde;  wie Geheimschriften den Unterdrückten halfen,
sich von den Häschern der Besitzenden zu verbergen,
wichtige Nachrichtenwege aufrechtzuerhalten und letzt-
endlich dazu beitrugen, die Macht zu erobern.

Heute, wo die Frage "wer - wen?" in der Deutschen Demo-
kratischen Republik entschieden ist, der Klassenfeind
aber nichts unversucht läßt, seine Position zurück-
zugewinnen, müssen wir uns die Taten, den Mut der
Kämpfer auf unserer Seite der Barrikade zum Vorbild
nehmen, um mit unserem Wissen und Können unsere Macht
zu verteidigen, unseren Staat sicher zu schützen.

Setzen wir dieses Werk zur Traditionspflege und damit
zur Erziehung von Klassenkämpfern ein. Möge das Werk
anregen, unerschrocken neue wissenschaftlich-technische
Erkenntnisse einzusetzen, um unter allen Lagebedingungen
in den Klassenkämpfen unserer Zeit zu bestehen.


I n h a l t

Heft 1

Vorwort

1.     Einleitung

       Hauptperioden der Arbeiterbewegung

       Besonderheiten der deutschen Arbeiterbewegung und
       Notwendigkeit der Konspiration

       Geheimhaltungsmethoden allgemein
       Verstecken
       Geheimsignale
       Tarnung
       Chiffrierung

       Verräter, Spitzel und Provokateure

       Fouchés System der politischen Geheimpolizei
       und proletarischer Sicherheitsdienst

2.     Die Anfänge der Arbeiterbewegung

2.1.   Industrielle Revolution und Lage der Arbeiterklasse
       Selbsthilfe und Racheakte

2.2.   Anfänge der Arbeiterbewegung
       Maschinenstürmerei
       Streiks und illegale Arbeiterassoziationen

2.3.   Revolutionäre Geheimbünde
2.3.1. Vom kleinbürgerlich-demokratischen zum
       proletarisch-kommunistischen Geheimbund
2.3.2. Französische Geheimbünde
       Verschwörung der Geleichen und Wirken
       Buonarrotis
       Geheimbünde der dreißiger Jahre
2.3.3. Deutsche Geheimbünde
       Kleinbürgerlich-demokratische Geheimbünde von
       der Burschenschaft bis zum Bund der Geächteten
       Bund der Gerechten
2.3.4. Konspiration und Organisation der Geheimbünde
       Geheimhaltung
       Aufnahmeeid
       Struktur
       Deckbezeichnungen
       Tarnung von Zusammenkünften
       Illegale Druckschriften
       Waffenherstellung
       Nachrichten- und Verbindungswesen
       Chiffrierverfahren
       Buonarrotis Anagramme

3.    Bund der Kommunisten - erste revolutionäre
      Partei des Proletariats

3.1.  Entstehung auf der Grundlage des wissen-
      schaftlichen Sozialismus, Entwicklung und
      Bedeutung

3.2.  Konspiration und Organisation

Heft 2

4. Im Widerstandskampf gegen das Sozialistengesetz
1878 - 890

4.1.   Die Pariser Kommune und die deutsche Arbeiterbewegung
       Eine neue Epoche des Klassenkampfes
       Gründung des Deutschen Reiches
       Neuer Aufschwung der deutschen Arbeiterbewegung
       Verfolgung

4.2.   Das Sozialistengesetz
       Zweck, Anlaß und Erlaß
       Inhalt
       Auswirkungen

4.3.   Der Kampf gegen das Sozialistengesetz

4.4.   Der Illegale Widerstand gegen das Sozialistengesetz

4.4.1. Grundsätze und Methoden
4.4.2. Personen
4.4.3. Appelle und Instruktionen

4.5.   Tarnorganisationen

4.6.   Tarnveranstaltungen

4.6.1. Kundgebungen
4.6.2. Versammlungen
4.6.3. Kongresse
       Wydener Kongreß 1880
       Kopenhagener Kongreß 1883
       St. Gallener Kongreß 1887

4.7.   Tarnschriften

4.8.   Die Rote Feldpost
       Bedeutung
       Struktur
       Mottelers Tarnprinzip
       Verpackung und Versand
       Transit

4.9.   Geheimdruckereien

4.10.  Geheimkorrespondenz
       Grundsätze
       Deckadressen
       Decknamen

4.11.  Chiffriermethoden

4.11.1. Überblick
4.11.2. Stiebers Verdruß
4.11.3. Pinselbriefe
4.11.4. Verabredete Sprache, verschleierte Sprache
        und Kartenchiffre

4.12.   Die Eiserne Maske
        Notwendigkeit des Sicherheitsdienstes
        Entstehung des Sicherheitsdienstes
        Spitzel und Provokateure
        Organisation des Sicherheitsdienstes
        Warnungen im "Sozialdemokrat"
        Schwarze Liste
        Weitere Warnungen
        Motteler in London
        Bedeutung des Sicherheitsdienstes

Anmerkungen

Abgekürzte Quellen- und Literaturangaben


1. Einleitung

Die internationale Arbeiterbewegung, und das gilt auch für
die deutsche Arbeiterbewegung, durchlief eine Reihe von
Entwicklungsetappen, von den ersten spontanen und unorga-
nisierten Erhebungen über die proletarischen Geheimbünde
zur Gründung der ersten revolutionären Arbeiterpartei auf
der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus durch
Marx und Engels, weiter zur Herausbildung der politischen
Massenpartei, zur Begründung der Partei neuen Typus durch
Lenin, zu deren Sieg in der Großen Sozialistischen Oktober-
revolution und schließlich der Herausbildung eines sozia-
listischen Weltlagers.

Dementsprechend wird die Geschichte der Arbeiterbewegung
in fünf Hauptperioden eingeteilt.

Die erste Hauptperiode reicht von den Anfängen der Arbei-
terbewegung und von der Entstehung des Marxismus, von der
Gründung des Bundes der Kommunisten 1847 und dem Kommuni-
stischen Manifests 1848 bis zur Gründung der Sozialdemokra-
tischen Arbeiterpartei 1869 und zur Pariser Kommune 1871.
Das ist die Zeit der Formierung des modernen Industrie-
proletariats als Klasse, seine ersten selbständigen Auf-
tretens gegen die Bourgeoisie, der Entstehung und Ausar-
beitung der wissenschaftlichen Weltanschauung des Prole-
tariats, der Bildung und Entwicklung der ersten revolutio-
nären Partei der Arbeiterklasse und Ersten Internationale.

Die zweite Hauptperiode reicht von der Gründung der Sozial-
demokratischen Arbeiterpartei und von der Pariser Kommune
bis zum Beginn des Imperialismus um 1900. Es ist die Zeit
des ersten Versuchs der Arbeiterklasse, ihre Klassenherr-
schaft zu erreichen, die Zeit des Wachstums der Arbeiter-
bewegung in die Breite und ihrer Vorbereitung auf die ent-
scheidenden Klassenschlachten gegen die Ausbeutergesell-
schaft und der Gründung der Zweiten Internationale.

Die dritte Hauptperiode reicht vom Beginn des Imperialis-
mus bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917.
Das ist die Zeit des Heranreifens der proletarischen Re-
volution, der Entstehung des Leninismus, der Schaffung
der Partei neuen Typus in Rußland und der Ausarbeitung
der Strategie und Taktik der Arbeiterklasse zum Kampf
gegen den Imperialismus und für die Eroberung der poli-
tischen Macht.

Die vierte Hauptperiode reicht von der Großen Soziali-
stischen Oktoberrevolution bis zur Befreiung Deutschlands
vom Faschismus 1945. Das ist die Zeit des Sieges der Okto-
berrevolution, die den Übergang vom Kapitalismus zum Sozia-
lismus im Weltmaßstab einleitete und dem Kapitalismus als
weltbeherrschendem System ein Ende bereitete, des Aufbaus
des Sozialismus in einem Land, der Gründung der Dritten
Kommunistischen Internationale und Entstehung der kommuni-
stischen Weltbewegung, der Durchsetzung des Leninismus in
der revolutionären Arbeiterbewegung und des Widerstands-
kampfes gegen den Faschismus.

Die fünfte Hauptperiode reicht von der Befreiung Deutsch-
lands vom Faschismus und dem Beginn des Aufbaus der Anti-
faschistisch-demokratischen Ordnung in Ostdeutschland bis
zur Gegenwart. Es ist die Zeit der Entstehung, Entwicklung
und Festigung des sozialistischen Weltsystems, des Übergangs
der Sowjetunion zur Schaffung der Grundlagen des Kommunismus
und des Aufschwungs der kommunistischen Weltbewegung, die
zur einflußreichsten organisierten politischen Kraft und
zum wichtigsten Faktor des gesellschaftlichen Fortschritts
wird.
                        ---
Neben allen Gemeinsamkeiten weist die Arbeiterbewegung der
verschiedenen Länder auf Grund der unterschiedlichen natio-
nalen Entwicklung auch ihre Besonderheiten auf.
Zu den Besonderheiten der Entwicklung in Deutschland ge-
hört es, daß die territoriale Zersplitterung bis ins
letzte Drittel des 19. Jahrhunderts erhalten blieb, daß
Kapitalismus und Industrieproletariat sich später als in
England und Frankreich, dann aber in besonders raschem
Tempo entwickelten und daß der Adel bis in 20. Jahrhun-
dert neben der Bourgeoisie eine führende Stellung behaup-
tete.

Während die staatliche Einigung Englands und Frankreichs
bereits Jahrhunderte vorher erfolgte und damit die Voraus-
setzung für die Entstehung eines nationalen Marktes und
die Entfaltung des Kapitalismusgeschaffen worden war,
war Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts in eine
kaum überschaubare Anzahl selbständiger, aus der Feudal-
zeit stammender Staatsgebilde zersplittert, von denen
viele durch Zollschranken sowie eigene Münz-, Maß- und
Gewichtssysteme den innerdeutschen Handel behinderten.
Durch die Abtretung der Linksrheinischen Gebiete an Frank-
reich in den Friedensverträgen von Campo Formio 1797 und
Lunéville 1801 verschwand ein Teil dieser Feudalstaaten
von der Bildfläche. weitere 112 Feudalstaaten wurden durch
den Reichsdeputationsschluß von 1803, der unter dem Druck
der französischen Großbourgeoisie und ihres Sachwalters
Napoleon Bonaparte zustande kam, aufgelöst und den deut-
schen Fürsten zugesprochen, das linksrheinisches Gebiet
abgetreten hatte. Dennoch existierte auch nach dem
Wiener Kongreß 1815 auf deutschem Boden noch 41 souveräne
Einzelstaaten, die in einem Staatenbund, dem Deutschen
Bund, nur lose vereinigt waren. Es gab weder eine gemein-
same Außenpolitik noch ein Bundesheer, weder ein einheit-
liches Münz- und Maßsystem noch ein gemeinsames Postwesen.
Das Organ des Deutschen Bundes, Bundestag oder Bundesver-
sammlung genannt, war nichts weiter als eine Versammlung
von Gesandten der Fürsten, die nur dann an einem gemein-
samen Vorgehen interessiert waren, wenn es darum ging,
jede fortschrittliche Bewegung im Volk niederzuhalten.

Mit den berüchtigten Karlsbader Beschlüssen von 1819, einem
Ausnahmegesetz gegen die antifeudale Opposition, setzte
eine verschärfte "Demagogenverfolgung" ein. Als Demagogen
(Volksverführer) galten alle, die an der feudalen Ordnung
zu rütteln wagten und ein einheitliches Deutschland er-
strebten. Wortführer dieser Opposition waren Professoren,
Schriftsteller, Publizisten und andere Vertreter der bür-
gerlichen Intelligenz, vor allem aber die in der Deutschen
Burschenschaft - in der sich auch spätere Mitkämpfer von
Marx und Engels im Bund der Kommunisten wie Karl Schapper
und Wilhelm Wolff die ersten Sporen verdienten - organi-
sierten Studenten. Viele von ihnen wurden eingekerkert
oder in die Emigration getrieben,. Professoren wie
Friedrich Ludwig Jahn oder Ernst Moritz Arndt ihre
Ämter enthoben. Eine neue Verfolgungswelle setzte Ende
1823 ein, als der Jünglingsbund, eine geheime revolutio-
näre Studentenorganisation aufgedeckt wurde. Nach Nieder-
schlagung der deutschen Volkserhebung Anfang der dreißiger
Jahre wurden 1832 alle politischen Vereine, Versamm-
lungen und öffentliche Reden verboten. Weitere Ausnahme-
gesetze richteten sich gegen die erste Regungen der Ar-
beiterbewegung und untersagten den Handwerksgesellen jede
politische Betätigung und das Wandern nach Ländern, in
denen Assoziationsfreiheit bestand (1835).

Durch die Revolution von 1848/49 wurde die Aufhebung der
vormärzlichen Ausnahmegesetze erzwungen, aber nach ihrer
Niederlage wurde sofort neue strenge Gesetze gegen die
politischen Vereine, vor allem die Arbeitervereine, er-
lassen.

Mit dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 wurde das
Ende des Deutschen Bundes besiegelt. An seine Stelle trat
der Neudeutsche Bund unter preußischer Hegemonie und
Ausschluß Österreichs und vier Jahre später, nach Anschluß
der süddeutschen Staaten während des Deutsch-Französischen
Krieges, das Deutsche Reich. Mit der Proklamation des
Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 wurde die aus dem
Feudalismus überkommene territoriale Zersplitterung
Deutschlands überwunden und ein einheitlicher National-
staat geschaffen, in dem sich der Kapitalismus rascher
entwickeln, aber auch die Arbeiterbewegung besser entfalten
konnte. Die Einigung erfolgte unter dem Zwang der gesell-
schaftlichen Entwicklungsgesetze und dem Druck der Volks-
massen. Für das deutsche Volk war es jedoch ein Verhängnis,
daß die Einigung unter der Führung des preußischen Militär-
staates erfolgte und damit die reaktionärsten und aggressiv-
sten Kräfte ihre Herrschaft auf das ganze Deutsche Reich
ausdehnten. Reaktion im Innern und Aggression nach außen
bildeten den Inhalt der Politik dieses antidemokratischen
und volksfeindlichen Staates, den Marx 1875 als einen "mit
parlamentarischen Formen verbrämten, mit feudalem Beisatz
vermischten und zugleich schon von der Bourgeoisie beein-
flußten, bürokratisch gezimmerten, polizeilich gehüteten
Militärdespotismus" kennzeichnete. Junkertum und Groß-
bourgeoisie waren in ihm die herrschenden Klassen, deren
ökonomische und politische Interessen sich immer mehr ver-
flochten.

Der preußisch-deutsche Staat wurde "Repräsentant des Mili-
tarismus" (Engels) in Europa, dessen reaktionärer Charakter
sich nach dem Übergang zum Imperialismus um die Jahrhundert-
wende weiter verschärfte. Im Kampf um die Vorherrschaft in
Europa und die Neuaufteilung der Welt führte Monopol-
bourgeoisie und Junkertum das deutsche Volk in den ersten
Weltkrieg. Auch in der Novemberrevolution 1918 gelang es
nicht die Herrschaft der Imperialisten und Militaristen
zu beseitigen. Gestützt auf den Faschismus, nahmen sie
erneut Anlauf, ihre Weltherrschaftspläne zu verwirklichen,
und brachten den zweiten Weltkrieg vom Zaun. Mit der Nieder-
lage in diesem Krieg fand auch das Deutsche Reich sein Ende.
Es zerbrach an der maßlosen Eroberungsgier, Aggressivität
und Brutalität der deutschen Großbourgeoisie, nachdem ihren
eigennützigen Zielen Leben und Gesundheit vieler Millionen
Menschen geopfert worden waren. In einem Teil Deutschlands
begann die Arbeiterklasse, ihre historische Mission zu er-
füllen und den ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deut-
schen Boden zu errichten.
                       ---
Der über hundertjährige Kampf der deutschen Arbeiterbewe-
gung gegen die Unterdrücker und Verderber des Volkes bis
zur Befreiung vom Faschismus war erfüllt von harten Klas-
senauseinandersetzungen. Wiederholt versuchten die herr-
schenden Klassen, die Arbeiterbewegung ganz zu unterdrük-
ken. Am Anfang steht die Kommunistenverfolgung nach der
Niederlage der Revolution von 1848/49, die mit dem Kölner
Kommunistenprozeß und der Selbstauflösung des Bundes der
Kommunisten endete. Der zweite großangelegte Schlag er-
folgte mit dem Sozialistengesetz, das aber nach zwölf.
jährigem heroischen Widerstandskampf zu fall gebracht
wurde. Am Ende steht der Versuch der Großbourgeoisie, mit
Hilfe des Faschismus und seinen ins Ungeheuerliche gestei-
gerte Unterdrückungs- und Vernichtungsmethoden die Arb-
beiterbewegung endgültig auszurotten.

Aber auch die Jahre zwischen diesen drei Perioden ver-
schärfter Unterdrückung waren keine Zeiten ungehinderter
Entwicklung der Arbeiterbewegung. Reaktionäre Gesetze ver-
boten lange Zeit die Bildung von Arbeiterorganisationen
über den lokalen Rahmen hinaus, die gleichberechtigte Teil-
nahme von Frauen und Jugendlichen am politischen Leben
oder, wie das preußische Dreiklassenwahlrecht, die gleich-
berechtige Teilnahme an Wahlen. Wo Gesetze nicht aus-
reichten, tat Polizeiwillkür ein übriges, um die Arbeiter
bei der Durchführung von Versammlungen, Kundgebungen oder
Streiks, bei der Teilnahme an Wahlen, bei der Herausgabe
und Verbreitung von Zeitungen und anderen Druckschriften,
bei der politischen Betätigung überhaupt zu behindern und
zu schikanieren.

Die Unterdrückungs- und Niederhaltungspolitik der herr-
schenden Klasse richtete sich gegen alle Organisations-
formen der Arbeiterbewegung, vom Bildungsverein bis zur
Gewerkschaft, in erster Linie aber gegen ihre revolutionäre
Partei, in der sich stets der politisch bewußteste und
aktivste Teil der Arbeiterschaft zusammenschloß. Das war
bis 1852 der Bund der Kommunisten, seit 1869 die Sozial-
demokratische Arbeiterpartei, die sich 1875 in Soziali-
stische Arbeiterpartei Deutschlands und 1890 in Sozial-
demokratische Partei Deutschlands umbenannte, und nach der
Novemberrevolution bei Kommunistische Partei Deutschlands.
Bekanntlich wurden die erwähnten Unterdrückungskampagnen
mit Parteiverbot eingeleitet. Weniger bekannt ist, daß
schon sieben Jahre nach dem Fall des Sozialistengesetzes
der, allerdings gescheiterte, Versuch unternommen wurde,
ein neues Sozialistengesetz zu erlassen. In der Weimarer
Republik, dem angeblich freiesten Staat der Welt damals,
mußte die KPD ihre Reichskonferenz im Juni 1919, dem 2.
Parteitag im Oktober 1919, den 3. Parteitag im Februar 1929
und den 4. Parteitag im April 1920 illegal durchführen, weil
der verhängte Belagerungszustand eine öffentliche Durch-
führung unmöglich machte. Vom 23. Dezember 1923 bis zum
1. März 1924 war die Partei verboten. Von 1924 bis 1928
schwebte beim Staatsgerichtshof zum Schutz der Republik
ein Prozeß gegen die Mitglieder der Anfang 1923 gewählten
Mitglieder der Zentrale der KPD, der mit ihrer Verurtei-
lung wegen Hochverrats, der Diffamierung der KPD und
letzten Endes ihrem Verbot enden sollte. Durch geschick-
tes Taktieren der parlamentarischen und juristischen
Vertreter der KPD gelang es, den Beginn der Hauptverhand-
lung immer wieder hinauszuschieben, bis schließlich nach
dem Erlaß eines Amnestiegesetzes im Juli 1928 der Prozeß
ganz fallengelassen werden mußte.

Unter diesen Bedingungen, wo ein Verbot der Partei und
anderer Arbeiterorganisationen immer wieder in der Luft
hing und die polizeiliche Überwachung und Bespitzelung
zur ständigen Praxis gehörte, war die Einhaltung bestimm-
ter Regeln und Anwendung bestimmter Methoden der Geheim-
haltung auch in Zeiten der Legalität erforderlich, um nicht
Aktionen schon im Stadium der Vorbereitung durchkreuzen zu
lassen oder Kampfgefährten unnötig der Gefahr einer Ver-
haftung auszusetzen. In der Illegalität wurde die Konspi-
ration zur unbedingten Voraussetzung für den organisier-
ten Widerstands- und Befreiungskampf. Von ihrer strikten
Einhaltung hingen Freiheit und Leben der Widerstandskämpfer
ab.
                    - - -
Geheimhaltungsmethoden werden seit den ältesten Zeiten
der Menschheitsgeschichte und für die verschiedensten Zwecke
angewandt. Ihre Anwendung ist ebensowenig klassenabhängig
wie die Anwendung anderer Methoden, Mittel und Fertigkeiten.
In  der Ausbeutergesellschaft dienen sie einerseits den
herrschenden Klassen zur Aufrechterhaltung, Festigung und
Ausdehnung ihrer Macht, anderseits den unterdrückten
Klassen im Kampf um die Durchsetzung ihrer Menschenrechte
und die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung. Waffen
können ebenso für die Niederschlagung von Volksaufständen
und den Eroberungskriegen wie für den Befreiungskampf und
den Schutz des Freidens, Schrift und Druck ebenso zur
Verdummung der Massen wie zu ihrer Aufklärung eingesetzt
werden. Für die unterdrückten Klassen und Völker ist die
Geheimhaltung als Schutzmaßnahme in Befreiungskampf eher
noch wichtiger als für die Herrschenden, die sich im Be-
sitz aller staatlichen Machtmittel bedienen und diese
rücksichtslos einsetzen, wenn es ihnen zweckdienlich er-
scheint. Die Vernachlässigung der Konspiration kann zu
schweren Verlusten und Rückschlägen führen.

Die Methoden der Geheimhaltung müssen den jeweiligen Be-
dingungen angepaßt sein. Sie sind im Laufe der Zeit ent-
wicklet, verfeinert und durch neue Methoden ergänzt
worden, was auch durch die Entwicklung von Naturwissen-
schaft und Technik bedingt war. Dadurch sind aber ältere
Methoden nicht für jeden Fall untauglich geworden.

Zu den Geheimhaltungsmethoden gehören das Verstecken, die
Übermittlung oder der Austausch geheimer Signale, die
Tarnung und die Chiffrierung.

Versteckt werden mußten unter anderem verfolgte Personen,
Waffen, Geräte wie Vervielfältigungs- und Funkgeräte, ge-
heime schriftliche Unterlagen wie illegale Literatur, Mit-
gliederverzeichnisse, Abrechnungslisten für Mitgliedsbei-
träge oder den Bezug illegaler Druckschriften, Sammel-
listen und Chiffrierunterlagen. Richtiges Verstecken er-
forderte Scharfsinn und Findigkeit, damit die Polizei,
die natürlich mit den üblichen Versteckmethoden vertraut
war, auch bei gründlichen Haussuchungen nicht zum Erfolg
kam.

Geheime Signale dienten der Erkennung bei Verbindungsauf-
nahme, der Sicherung, der Warnung oder der Auslösung von
Aktionen. Dazu wurden Zeichen optischer oder akustischer,
sprachlicher oder später auch funktechnischer Art verab-
redet, die für die Eingeweihten eine bestimmte Bedeutung
hatten, für die Außenstehenden jedoch unauffällig oder
undeutbar waren. Einige Beispiele sollen das verdeutli-
chen.

Zwei Genossen, die einander noch nicht persönlich kennen,
sollen zu verabredeter Zeit an verabredeter Stelle -
sagen wir, auf einem Bahnhof - miteinander Verbindung
aufnehmen. Als Erkennungssignal trägt jeder einen charak-
teristischen, aber nicht besonders auffälligen Gegenstand
bei sich, zum Beispiel eine bestimmte Zeitung oder einen
Koffer von bestimmter Farbe. Zur Begrüßung werden be-
stimmte verabredete Losungsworte gewechselt, zum Beispiel
die Anfrage nach dem Weg zu einem bestimmten Hotel, worauf
die Antwort in der verabredeten Formulierung erfolgen muß.

Ein anderes Beispiel: Der Treff mit einem polizeilich ge-
suchten Genossen auf offener Straße wird abgesichert, indem
kurz vor dem Zeitpunkt des Treffs ein dritter Genosse, der
der Polizei nicht als solcher bekannt ist, den Treffpunkt
unauffällig inspiziert, um festzustellen, ob dieser von
Polizeiagenten überwacht wird, und dann an dem verfolgten
Genossen, der sich in angemessener Entfernung aufhält,
vorbeigeht, wobei er die eine oder die andere Melodie vor
sich hin pfeift, um zu signalisieren, daß der Treffpunkt
sicher ist oder nicht.

Ein drittes Beispiel: Eine Illegale Wohnung, die für ille-
gale Treffs benutzt wird, wird abgesichert, indem ein be-
stimmter Gegenstand, zum Beispiel ein Blumentopf, so auf
das Fensterbrett gestellt wird, daß er von der Straße aus
gesehen werden kann. Sein Fehlen bedeutet, daß die Wohnung
polizeilich überwacht wird und nicht mehr aufgesucht werden
darf. Es ist vorgekommen, daß bei einem plötzlichen poli-
zeilichen Überfall dieses Sicherungssignal nicht mehr
entfernt werden konnte und dann ein Genosse nach dem
anderen in die Falle ging. In vielen anderen Fällen hat
es sich bewährt und die Auslösung einer Kette von Verhaf-
tungen verhindert.
                    - - -
Unter Tarnung soll hier verstanden werden das Verbergen
des Vorhandenseins oder der Identität von Personen, Ob-
jekten, Ereignissen oder Sachverhalten durch spezielle
Maßnahmen und Kunstgriffe. Sie umfaßt ein weites Feld,
und bei der Einführung neuer Tarnmethoden, nachdem bis-
her angewandte Methoden vom Gegner durchschaut worden
waren, entwickelten die Angehörigen der Arbeiter- und
Widerstandsbewegung großen Erfindungsreichtum.

Getarnt wurden unter anderem:
(1) Personen durch Veränderung äußerer Erkennungsmerk-
    male wie Bekleidung, Haar- und Barttracht, Brille,
    durch falschen Namen, falsche Ausweispapiere usw. Der
    Gebrauch von Decknamen war in der Illegalität allge-
    mein üblich. Im persönlichen Verkehr und in der Kor-
    respondenz wurden Parteidecknamen, für Publikationen
    Pseudonyme benutzt. Lenin hat in seinem politischen
    Leben mehr als hundert Decknamen geführt, von denen
    "Lenin" nur einer war.
(2) Illegale Zusammenkünfte aller Art, vom einfachen
    Treff bis zum Parteikongreß. Berühmte Beispiele ge-
    lungener Tarnung von Parteikongressen sind in der
    Zeit des Sozialistengesetzes die Kongresse von Wyden
    (1880), Kopenhagen (1883) und St. Gallen (1887), in
    der Zeit des Faschismus die Brüsseler Konferenz (1935)
    und die Berner Konferenz (1939) der KPD.
(3) Räume und Einrichtungen wie konspirative Wohnungen,
    illegale Druckereien oder geheime Funkstationen.
(4) Postverbindungen, z. B. durch falsche Absenderangabe
    und Zwischenschaltung von Deckadressen.
(5) Materialsendungen, indem z. B. Sammelsendungen illega-
    ler Literatur als harmlose Warensendungen deklariert,
    entsprechend verpackt und mit entsprechender Absender-
    und Empfängerangabe versehen wurden.
(6) Illegale Druckschriften selbst, indem diese mit einem
    harmlosen Titelblatt versehen wurden oder, noch weiter
    gehend, in der ganzen äußeren Aufmachung - Format, Um-
    schlag, Titelblatt, Drucktype, Erscheinungsvermerk
    usw. - allgemein bekannte legale Druckschriften täu-
    schend nachahmten. Derartige Druckschriften werden als
    Tarnschriften bezeichnet. Sie tauchten schon in der
    Zeit des Sozialistengesetzes auf und wurden später in
    der Zeit des Faschismus massenhaft hergestellt, nach
    Deutschland eingeschleust und dort verbreitet.
(7) Der Inhalt schriftlicher oder mündlicher einschließlich
    telegrafischer oder telefonischer Mitteilungen durch Um-
    schreibung (Ton auf der zweiten Silbe), d. h. Bezug-
    nahme oder Anspielung auf Dinge, die nur den Korrespon-
    denten oder Gesprächspartnern bekannt sind, so daß die
    konkrete Bedeutung der Mitteilung nur von ihnen, nicht
    aber von mitlesenden oder mithörenden dritten Personen
    erfaßt werden kann. Es heiß dann beispielsweise nicht:
    "Wir können uns nicht, wie vereinbart, am 10. Mai,
    sondern erst am 13. Mai 16 Uhr am Schwanenteich im
    Stadtpark treffen", sondern "Wir können uns erst
    drei Tage später als vereinbart treffen, Zeit und
    Ort wie verabredet". Ein Meister in der Kunst der Um-
    schreibung auch komplizierter Sachverhalte war Wilhelm
    Pieck, wie unter anderem ein Brief, natürlich nicht
    unter eigenen Namen, an den eingekerkerten Ernst
    Thälmann zeigt, in dem unter dem Deckmantel eines
    Berichts über bestimmte Ereignisse in Griechenland
    Hinweis für das Verhalten in dem damals gegen Ernst
    Thälmann vorbereiteten Hochverratsprozeß gegeben wurden.
                    - - -
Es gehört zu den Regeln konspirativer Tätigkeit, schrift-
liche Aufzeichnungen tunlichst zu vermeiden, da diese,
wenn sie dem Gegner bei Verhaftungen, Haussuchungen oder
Überfallen, durch Verlust, Verrat oder aus anderen Grün-
den in die Hand fallen, ein kaum widerlegbares Beweis-
material darstellen, das nicht nur zur Überführung des
unmittelbar Betroffenen, sondern auch zur Aufspürung
weiterer Mitglieder, Unterlagen und Treffpunkte der Or-
ganisation führen kann. Diese Regel wurde manchmal auf
die knappe Formel gebracht: Keinerlei Aufzeichnungen, al-
les im Kopf behalten! in dieser Strenge ist die Forderung
wohl für eine kleine und örtlich begrenzte Gruppe durch-
führbar, nicht aber für eine umfangreiche und weit ver-
zweigte Organisation wie die in der Illegalität kämpfen-
de Arbeiterpartei, deren straffe und zielgerichtete Lei-
tung den ständigen und raschen Austausch von Berichten,
Direktiven und anderen Informationen erfordert, der auf
nur mündlichen Weg nicht abgewickelt werden kann. Außer-
dem unterliegen mündlich übermittelte Informationen immer
der Gefahr des Informationsverlustes, der Entstellung und
Ungenauigkeit, und das um so mehr, je länger die Übermitt-
lungswege und die Übermittlungsdauer sind und je mehr
Zwischenträger eingeschaltet sind. Die Forderung kann da-
her nur lauten: Keine unnötigen Aufzeichnungen geheimen
oder vertraulichen Charakters; unerläßliche Aufzeichnungen geheimen
dieser Art so abzufassen, übermitteln und aufbewahren, daß
der Gegner möglichst nicht in ihren Besitz gelangen und,
wenn dieser Fall doch eintreten sollte, keinen Nutzen daraus
ziehen kann. Mit anderen Worten: Geheime Aufzeichnungen
müssen so beschaffen sein, daß sie vom Gegner nicht ohne
weiteres als solche erkannt oder, wenn dich erkannt, nicht
verstanden werden können. Diesem Zweck dient neben dem ein-
fachen Verstecken und der Tarnung die Chiffrierung.

Chiffrieren bedeutet Umwandlen von Klartext, das ist Text
in normaler und allgemeinverständlicher Sprache, in Geheim-
text, das ist Text, der nur denjenigen verständlich ist,
die wissen, nach welchen Regeln die Umwandlung erfolgt ist
und daher die Rückwandlung des Geheimtextes in Klartext,
Dechiffrierung genannt, vollziehen können. Unter diesen
Regeln gibt es solche allgemeinerer Art, die die anzuwen-
dende Chiffriermethode bestimmen, und solche spezieller Art,
die den sogenannten Schlüssel bilden. Methoden und Schlüssel
zusammen bilden ein Chiffrierverfahren, kurz auch Chiffre
genannt, obwohl diese Wort auch eine andere Bedeutung haben
kann. Der Unterschied zwischen allgemeinen und speziellen
Regeln sei an folgendem Beispiel erläutert: eine allgemeine
Regel legt fest, daß beim Chiffrieren jeder Buchstabe des
Klartextes durch einen anderen Buchstaben zu ersetzen ist,
aber nicht durch welchen; die spezielle Regel, also der
Schlüssel, legt fest, durch welchen bestimmten anderen Buch-
staben jeder einzelne Buchstabe des Klartextes ersetzt wer-
den soll, z. B. durch den nächstfolgenden im Alphabet, also
A durch B, B durch C, C durch D usw. bis Z durch A.

Es gibt nicht allzu viele grundverschiedene Chiffriermethoden,
aber zu den einzelnen Methoden sehr viele verschiedene Schlüs-
sel. Die Zuverlässigkeit oder Sicherheit eines Chiffrier-
vefahrens, das heißt, in welchem Maße es die Geheimhaltung
der damit chiffrierten Klartexte gewährleistet, kann nicht
auf die Anwendung einer dem Gegner unbekannten Methode ge-
gründet werden. Im Gegenteil muß immer davon ausgegangen
werden, daß die angewandte Methode auch dem Gegner bekannt
ist oder über kurz oder lang bekannt werden wird. Von die-
ser richtigen Erkenntnis ausgehend, konnten unter dem So-
zialistengesetz in einer Broschüre, in der Weimarer Repu-
blik durch die kommunistische Presse bestimmte, in der
Arbeiterbewegung erprobte Chiffriermethoden publiziert
und den Funktionären zur allgemeinen Anwendung empfohlen
werden, verbunden mit allgemeinen Hinweisen für die Bil-
dung und Anwendung zugehöriger Schlüssel, für die Vermei-
dung von Chiffrierfehlern und den Umgang mit Chiffrier-
unterlagen. Dem Gegner wurde damit nichts preisgegeben,
was ihm nicht ohnehin bekannt war.

Natürlich ist die Wahl der Methode nicht ohne jede Bedeu-
tung. Denn es gibt gute und schlechte Methoden, Methoden,
die für die einen Bedingungen und solche, die für die an-
deren Bedingungen besser taugen. Aber entscheidend ist in
der Regel die Geheimhaltung der Schlüssel, ihre richtige
Bildung, Verteilung und Anwendung sowie ihr rechtzeitiger
Wechsel.

Der rechtzeitige Schlüsselwechsel war besonders schwer
zu realisieren, wenn in Zeiten verschärfter Verfolgung
der Abreiterbewegung, wie in Deutschland unter dem Sozia-
listengesetz und unter dem Faschismus oder in Rußland
unter der zaristischen Despotie, die operative Leitung
vom Ausland her erfolgen mußte und alle Grenzen, ver-
dächtiger Personen und Nachrichtenverbindungen scharf
überwacht wurden. Da konnte es geschehen, daß neue
Schlüssel nicht rechtzeitig übermittelt werden konnten
und der alte Schlüssel weiter in Gebrauch bleiben mußte.
In diesem Fall konnte es zur Überlastung des Schlüssels
kommen und mehr Klartext mit ihm chiffriert werden als für
die Sicherheit tragbar war. Dadurch erhielten die Spezia-
listen des Gegners, wenn ihnen eine ausreichende Menge
schlüsselgleichen Geheimtextes in die Hände fiel, die
Möglichkeit, den Schlüssel auch ohne seine vorherige Kennt-
nis zu rekonstruieren und die mit ihm hergestellten Geheim-
texte in den ursprünglichen Klartext umzusetzen. Diese
Tätigkeit wird als Dekryptierung bezeichnet. Sie beruht
unter anderem auf der Ausnutzung von Fehlern und Unge-
schicklichkeiten beim Chiffrieren, die erfahrungsgemäß
trotz genauester Anwendungsvorschriften immer wieder be-
gangen werden, und auf der Auswertung bestimmter Gesetz-
mäßigkeiten der Sprache, die sich bei den meisten Chif-
frierverfahren auch im Geheimtext widerspiegeln, aller-
dings eben nur, wenn eine ausreichende Menge schlüssel-
gleicher Geheimtextes vorliegt.

Die Möglichkeiten der Dekryptierung müssen bei Einführung
und Anwendung von Chiffrierverfahren stets im Auge behal-
ten werden. Erfolg oder Mißerfolg der gegnerischen De-
kryptierung haben bei Untersuchungen und Prozessen gegen
Revolutionäre und Widerstandkämpfer seit dem vorigen
Jahrhundert immer wieder eine wichtige Rolle gespielt und
waren oft ausschlaggebend für Freiheit und Leben der An-
geklagten.

Nicht bloß durch Dekryptierung, sondern auch durch plötz-
lichen Zugriff konnte der Gegner in den Besitz des Schlüs-
sels gelangen, wenn dieser schriftlich fixiert war. Deshalb
waren solche Verfahren besonders gut geeignet, zu deren An-
wendung nicht die Aufbewahrung eines schriftlich fixierten
Schlüssels erforderlich war, sondern dieser im Kopf behal-
ten wurde. Derartige Verfahren werden als Gedächtnisver-
fahren bezeichnet. Mit Hilfe eines leicht zu merkenden
Wortes, eines Verses oder einer Zahl wurde der Schlüssel
erst unmittelbar vor dem Chiffrieren oder Dechiffrieren
zu Papier gebracht und danach sofort wieder beseitigt.

Die beiden Hauptmethoden der Textumwandlung durch Chif-
frierung sind die Substitution und die Transposition. bei
Substitutionsverfahren werden die Buchstaben und sonstigen
Elemente des Klartextes (Ziffern, Satzzeichen) durch an-
dere, im verabredeten Schlüssel festgelegte Elemente er-
setzt (substituiert). Die Ersatzelemente, auch Geheim-
elemente genannt, können wiederum Buchstaben, aber auch
Ziffern oder sonstige Zeichen sein. Bei Transpositions-
verfahren werden die Buchstaben des Klartextes nicht durch
andere Elemente ersetzt, sondern auf bestimmte, im verab-
redenten Schlüssel festgelegte Weise versetzt (transponiert).
Dabei werden in der Regel, um einen homogenen Buchstaben-
text zu erhalten, Ziffern und notwendige Satzzeichen des
Klartextes in Buchstabentext umgewandelt (1 = eins,
. = Punkt oder Pkt) und, um die Wort- und Satzanfänge zu
verwischen, alle Buchstaben entweder groß- oder kleinge-
schrieben.

Substitutions- und Transpositionsverfahren habe das eine
gemeinsam, daß die mit ihnen hergestellten Geheimtexte
sofort als solche erkennbar sind, weil sie wie ein unver-
ständliches Gemisch von Buchstaben oder Ziffern aussehen.
Man erfaßt diese beiden Verfahrensgruppen daher auch unter
der Bezeichnung offene Chiffrierverfahren zusammen und
will damit zum Ausdruck bringen, daß die Tatsache de An-
wendung eines Chiffrierverfahrens offensichtlich ist. Ge-
heimtexte dieser Art wurden natürlich auch bei der Post-
überwachung, die von den staatlichen Organen gegenüber
politisch verdächtigen Personen ausgeübt wurde, als
solche erkannt und belasteten Absender und Empfänger,
auch wenn der Geheimtext noch nicht dekryptiert werden
konnte. Je nach Umständen reagierte der Gegner verschie-
den auf ein solches Vorkommnis: Entweder wurden Absender
und Empfänger oder, wenn man nicht beider habhaft werden
konnte, einer von beiden sofort festgenommen und unter
Druck gesetzt, damit sie den Schlüssel preisgaben; oder
das Geheimschreiben wurden unterschlagen, so daß es den
Empfänger nicht erreichte; oder drittens, und das ver-
sprach den meisten Erfolg, das Schreiben wurde kopiert
und dann im ursprünglichen Zustand an den Empfänger wei-
tergeleitet, so daß die Korrespondenten keinen Verdacht
schöpften und durch verschärfte Überwachung weiteres
Material gewonnen und weitere Verbindungen aufgespürt
werden konnten.

Um den Gefahren der Briefzensur zu entgehen, mußten ein
eigener Beförderungsdienst (Kurierdienst) eingerichtet
werden, der oft zugleich für den Transport illegaler Auf-
klärungsschriften genutzt wurde. War das nicht möglich,
wie beispielsweise im Schriftverkehr zwischen Gefangenen
und der Außenwelt oder zwischen voneinander isolierten
Gefangenen, so mußte versucht werden, geheime Mittelungen
so abzufassen und unterzubringen, daß sie von der Zensur
nicht erkannt wurden.

Diesem Weck dienten die gedeckten Verfahren, im Gegensatz
zu den offenen Chiffrierverfahren so genannte, weil bei
ihnen der Geheimtext so verborgen (gedeckt) wird, daß er
von Nichteingeweihten normalerweise überhaupt nicht erkannt
wird. In der deutschen Arbeiter- und Widerstandsbewegung
kamen in der Hauptsache folgende drei Arten von gedeckten
Verfahren zur Anwendung: chemische Geheimschreibverfahren,
Kennzeichnungsverfahren und verabredete Sprache. In allen
drei Fällen wurde der Geheimtext unter oder in einem
harmlosen Klartext verborgen. Dieser konnte handschrift-
lich, maschinenschriftlich oder gedruckt vorliegen, bei
der verabredeten Sprache auch mündlich übermittelt werden.

Bei chemischen Geheimschreibverfahren wird mit einer Geheim-
tinte ein unsichtbarer Geheimtext erzeugt, der erst nach
besonderer Behandlung wieder sichtbar wird. Den Gefangenen
standen als Geheimtinte in der Regel nur bestimmter orga-
nische Substanzen wie Milch, Zitronensaft oder Urin zur
Verfügung. Der mit ihnen erzeugte unsichtbare Text konnte
durch vorsichtiges Erwärmen wieder sichtbar gemacht wer-
den. Wo die Möglichkeit bestand, wurden Geheimtinten aus
speziellen Chemikalien hergestellt, mit denen unsicht-
bare Texte erzeugt werden konnten, die erst nach Behand-
lung mit bestimmten anderen Reagenzien wieder sichtbar
wurden. Über oder unter den unsichtbaren Geheimtext
wurde mit gewöhnlicher Tinte ein harmloser Brief ge-
schrieben, denn die Übersendung eines leeren Blattes
hätte sofort Verdacht erregt.

Bei Kennzeichnungsverfahren werden in einem harmlosen
Klartext einzelne Buchstaben, die im Zusammenhang ge-
lesen den Geheimtext bilden, auf unauffällige Weise ge-
kennzeichnet. Der Klartext kann auch in gedruckter Form
vorliegen, als Zeitung oder als Buch, das von zwei in
verschiedenen Zellen liegenden Gefangenen nacheinander
aus der Gefängnisbibliothek entliehen wird. Art und
Weise der Kennzeichnung, unter Umständen auch die Stelle,
zum Beispiel die Seite des benutzten Buches, müssen
zwischen Absender und Empfänger verabredet sein. Gebräuch-
liche Arten der Kennzeichnung waren feine Nadelstiche
oder schwache Bleistiftpunkte unter oder über den entspre-
chenden Buchstaben, weshalb diese Verfahren auch als
Punktierverfahren bezeichnet werden. in handschriftlichen
Texten erfolgte die Kennzeichnung auch durch eine von der
sonstigen Schreibweise geringfügig abweichende Schreibung
derjenigen Buchstaben, die den Geheimtext bildeten. Die
letztgenannten Verfahren werden auch graphologische Ver-
fahren genannt. - Die Anwendung von Kennzeichnungsver-
fahren war mühselig und zeitraubend, und in Briefen be-
grenzter Länge, nur solche waren beispielsweise den
Konzentrationslagerhäftlingen gestattet, konnten nur
kurze Geheimtexte untergebracht werden. Es mußte auch
darauf geachtet werden, keine erkünstelt wirkende Sätze
zu konstruieren, um die für den Geheimtext benötigten Buch-
staben unterzubringen. Für Gefangene waren Kennzeichnungs-
verfahren oft die einzige Möglichkeit, eine geheime Nach-
richt zu übermitteln, vorausgesetzt, daß bereits vor der
Inhaftierung ein entsprechender Schlüssel vereinbart worden
war.

Bei der verabredeten Sprache wird zwischen den Korresponden-
ten oder Gesprächspartnern für bestimmte Ausdrücke der
offene Sprache eine geheime Bedeutung verabredet, so daß
der Briefwechsel oder das Gespräch unter dem Deckmantel
einer unverdächtigen privaten oder geschäftlichen Korres-
pondez oder Unterhaltung abgewickelt werden kann. Sätze
wie "Onkel Hans ist erkrankt" oder "Es wurden drei neue
Filialen gegründet" konnten die geheime Bedeutung haben:
Genosse Müller ist verhaftet worden" oder "Es habe sich
drei neue Widerstandsgruppen gebildet". Dabei mußten die
Korrespondenten oder Gesprächspartner sorgfältig darauf
achten, daß der Inhalt des Briefes oder Gespräches zu ihren
Lebensumständen paßt und keine Wendungen enthielt, die
für mitlesende oder mithörende dritte Personen auffällig
und verdächtig gewesen wären.
                    - - -
Die verschiedenen Geheimhaltungsmethoden lassen sich nicht
immer eindeutig voneinander abgrenzen. Manche Fachleute
der Kryptologie, d. h. der Wissenschaft von den Chiffrier-
verfahren, rechnen beispielsweise die gedeckten Verfahren
zu den Chiffrierverfahren, andere wiederum nicht.

Verschiedene Geheimhaltungsmethoden wurden auch miteinan-
der kombiniert, so zum Beispiel, wenn ein zu übermitteln-
der chiffrierter Text im doppelten Boden eines Koffers,
im ausgehöhlten Absatz eines Schuhs oder zwischen Buch-
deckel und Vorsatzpapier eines Bucheinbandes versteckt
wurde.
                    - - -
Auch die Geheimhaltungsmethoden mußten ihren Zweck
verfehlen, wenn die Menschen, denen ein Geheimnis anver-
traut war, vom Leitungsmitglied einer illegalen Organisa-
tion angegangen, über die Chiffreure und Kuriere bis hin
zum letzten Verteiler und Abnehmer einer illegalen Druck-
schrift, dieses Geheimnis nicht streng gehütet hätten.
Für einen Geheimnisträger genügte es nicht, von der Rich-
tigkeit der Sache überzeugt zu sein. Er mußte sich dadurch
Charakterfestigkeit, Nervenstärke, Mut und Intelligenz
auszeichnen, um auch in kritischen Situationen nicht den
Kopf zu verlieren. Leichtfertige, ängstliche, geschwätzige
und vertrauensselige Naturen, die allzu leicht auf die
Tricks des Gegners hereinfielen oder unter seinem Druck
weich wurden, taugten dazu nicht.

Zu den Aufgaben des Sicherheitsdienstes der in der Ille-
galität kämpfenden revolutionären Arbeiterpartei gehörte
daher nicht nur die Entwicklung und Einführung geeigneter
Geheimhaltungsmethoden, sondern auch die Auswahl und
Schulung von Geheimnisträgern der Partei und nicht zu-
letzt die Abwehr feindlicher und unzuverlässiger Elemente.

Verräter, Spitzel und Provokateure waren von jeher eine
Hauptgefahr für jeden illegalen Kampf und haben auch der
Arbeiterbewegung unermeßlichen Schaden zugefügt. Ihre
Abwehr und Unschädlichmachung gehört zu den Existenz- und
Entwicklungsbedingungen der Arbeiterbewegung.

Zum Verrat kommt es aus verschiedenen Gründen. Am ver-
ächtlichsten sind wohl jene Verräter, denen es um Geld
und andere materielle Vorteile geht, wie jenem franzö-
sischen Hauptmann Grisel, der 1796 das Vertrauen der
führenden Mitglieder der Verschwörung der Gleichen ge-
wann und sie dann um persönlichen Vorteil willen ans
Messer lieferte, später allerdings doch noch seinen ver-
dienten Lohn erhielt, als der von Camille, dem ältesten
Sohn des hingerichteten Gracchus Babeuf, umgebracht wur-
de. - Andere wurden zum Verräter, weil sie dem psychischen
und physischen Druck, der mit der Verhaftung einsetzte,
nicht gewachsen waren und eine mildere Behandlung oder gar
die Freilassung zu erlangen hofften. Ein solcher Fall lag
wahrscheinlich bei dem Hamburger Mitglied des Bundes der
Kommunisten Haupt vor, von dem Engels berichtete, daß er
nach seiner Verhaftung die Namen der Kölner Bundesbehörde
preisgab und im Prozeß als Hauptzeuge dienen sollte, vor-
her aber von seinen Verwandten, die diese Schande nicht
erleben wollte, nach Südamerika abgeschoben wurde. -
Es gab drittens auch Fälle unbeabsichtigten Verrats, so
durch leichtfertige Verletzung der Regeln der Konspira-
tion wie nachlässige Aufbewahrung geheimer Materialien,
Geschwätzigkeit und Prahlerei. Unbeabsichtigter Verrat
wurde auch geübt, wenn ein Häftling anfing auszupacken,
weil die Untersuchungsbehörden ihm vorgespiegelt hatten,
ein Mitgefangener habe belastende Aussagen gegen ihn ge-
macht, während in Wirklichkeit die vorgehaltenen Fakten
aus ganz anderer Quelle stammten oder nur auf Vermutungen
beruhten. Objektiv hatte der unbeabsichtigte Verrat die
gleichen Auswirkungen wie der beabsichtigte.

Der beste Schutz gegen vermeidbare Auswirkungen von Ver-
rat, ganz gleich, ob es sich um bewußten oder unbewußten
Verrat handelte, war die strikte Einhaltung jenes Grund-
satzes der Konspiration, wonach keiner mehr wissen
durfte, als zur Durchführung seiner Aufgaben notwenig
war. Was einer nicht wußte, konnte er weder so noch so
verraten.

Verräter einer Sache sind in der Regel ursprünglich An-
hänger dieser Sache gewesen. Dagegen handelt es sich bei
Spitzeln um Elemente, die von Anfang an im Dienst des
Gegners stehen und deren Aufgabe die Ausspionierung der
Mitglieder, Verbindungen, Einrichtungen und Absichten
einer illegalen Organisation ist, mit dem Ziel, deren
Zerschlagung vorzubereiten. Die Spitzeltätigkeit reicht
von der Beschattung einzelner Mitglieder der Organisation
und ihres Umgangs bis zum Eindringen in die Organisation
selbst und die Erringung von Vertrauensstellungen in ihr.
Für die letztgenannte und gefährlichste Erscheinungsform
der Bespitzelung eignen sich natürlich besonders gut
solche Personen, die bereits eine führende Position in
der Organisation einnehmen und, von den Mitgliedern un-
bemerkt, zum Verräter geworden sind. Der obenerwähnte
Verräter der Verschwörung der Gleichen konnte seine
schmutzige Rolle nur deshalb so erfolgreich spielen, weil
er sich bei der Vorbereitung des Aufstandes durch beson-
dere Aktivitäten hervorgetan und dadurch das Vertauen der
Leitungsmitglieder erworben hatte. Im Jahr 1840 hatte
sich ein französischer Polizeispitzel in einem revolutio-
nären Geheimbund so viel Vertrauen erschlichen, daß man
die geheime Druckpresse bei ihm unterbrachte und ihn zwei
Jahre später sogar zum Leiter der Organisation wählte,
was er natürlich weidlich zur Zersetzungstätigkeit aus-
nutzte. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist der Lock-
spitzel der russischen Geheimpolizei R. W. Malinowski,
dem es gelang, 1912 in das Zentralkomitee der Bolschewiki
und als bolschewistischer Abgeordneter in die Duma ge-
wählt zu werden. Als er 1914 Gefahr lief, entlarvt zu
werden, legte er seine Vollmacht als Abgeordneter
nieder und versteckte sich im Ausland. 1918 kehrte er
nach Sowjetrußland zurück, wurde vor Gericht gestellt
und erschossen. Lenins Worte über diesen Fall sind von
prinzipieller Bedeutung: "Er ließ Dutzende und aber
Dutzende der besten und treuesten Genossen hochgehen,
brachte sie ins Zuchthaus und beschleunigte den Tod
vieler von ihnen. Wenn er nicht noch größeres Unheil
angerichtet hat, so lag das daran, daß bei uns ein
richtiges Verhältnis zwischen legaler und illegaler
Arbeit bestand. Um unser Vertrauen zu gewinnen, mußte
uns Malinowski als Mitglied des Zentralkomitees der
Partei und Abgeordneter der Duma helfen, legale Tages-
zeitungen herauszugeben, die es auch unter dem Zarismus
verstanden, den Kampf gegen den Opportunismus der Mensche-
wiki zu führen und in entsprechend verhüllter Form die
Grundsätze des Bolschewismus zu propagieren. Mit der einen
Hand verschickte Malinowski viele Dutzende der besten Ver-
treter des Bolschewismus in Verbannung und Tod, während er
mit der anderen Hand helfen mußte, vermittels der legalen
Presse viele Zehntausende neuer Bolschewiki zu erziehen."

Wie vom Verräter zum Spitzel, so ist es auch vom Spitzel
zum Provokateur nur ein Schritt. Provokateure haben die
Aufgabe, die Mitglieder einer revolutionären Organisation,
unter Ausnutzung der revolutionären Ungeduld einzelner
Mitglieder, zu voreiligen und anderen unüberlegten, der
Organisation schädlichen Handlungen zu verleiten oder
solche Handlungen selbst zu begehen, um sie der Organi-
sation anlasten zu können und den gewünschten Vorwand zum
verschärften Vorgehen der Behörden zu liefern. Drei groß-
angelegte Provokationen sind weltberüchtigt geworden: Der
Bombenwurf in Chicago am 4. Mai 1886, der Petersburger
Blutsonntag am 9. Januar 1905 und der Reichstagsbrand in
Berlin am 27. Februar 1933.

Am 1. Mai 1886 begann in den wichtigsten Industriezentren
der USA ein mehrtätiger Generalstreik für den Achtstunden-
tag. Allein in Chicago legten rund 40 000 Arbeiter die
Arbeit nieder. Dort kam es am 3. Mai zu einem Zusammen-
stoß mit Streikbrechern, in den die Polizei mit Waffen-
gewalt eingriff, wobei sechs Arbeiter niedergeschossen
wurden. Aus Protest gegen diese Morde wurde für den näch-
sten Tag eine Versammlung nach dem Haymarket von Chicago
einberufen. Diese Protestkundgebung war bereits beendet,
als eine Bombe explodierte, durch die ein Polizist ge-
tötet wurde. Darauf eröffnete die Polizei eine wilde
Schießerei, in der vier Arbeiter und sieben Polizisten
erschossen und zahlreiche Demonstranten verwundet wurden.
Der Bombenwerfer ist bis heute unbekannt geblieben, doch
spricht vieles dafür, daß es sich um einen von den Unter-
nehmern gedungenen Provokateur gehandelt hat. Jedenfalls
löste der Bombenwurf einen regelrechten Rachfeldzug gegen
die gesamte Arbeiterbewegung aus. Sieben ihrer Führer wur-
den, ohne daß ihnen eine Schuld an dem Blutbad nachgewiesen
werden konnte, zum Tode verurteilt. Zwei von ihnen wurden
vom Gouverneur des Staates Illinois zu lebenslänglichem
Gefängnis begnadigt, einer fand in der Nacht vor der Hin-
richtung unter mysteriösen Umständen in seiner Zelle den
Tod, die übrigen vier, darunter drei Deutsche, wurden am
11. November 1887 mit dem Strang hingerichtet. Dieser
Justizmord löste in der internationalen Arbeiterbewegung
eine Protestwelle aus, und 1893 sah sich der Gouverneur
von Illinois gezwungen, das Urteil aufzuheben und die Hin-
gerichteten zu rehabilitieren.

In Petersburg hatte ein Agent der zaristischen Geheim-
polizei, der Pope Gapon, unter der noch weitgehend kirchen-
treuen und zarengläubigen Arbeiterschaft großen Einfluß
gewonnen. Auf sein Betreiben zogen am 9. Januar 1905, einem
Sonntag, an die 150 000 Arbeiter mit Frauen und Kindern
unter Kirschenfahnen, Heiligen- und Zarenbildern zum Winter-
palast, um dem Zaren eine Bittschrift um Verbesserung ihrer
Lage zu überreichen. Auf Befehl des Zaren wurde die fried-
liche Menge mit Gewehrsalven, Säbeln- und Peitschenhieben
empfangen. Tausende wurden getötet oder verwundet. Der
provokatorische Zweck dieses Blutbades, die in Bewegung
geratenen Arbeiter einzuschüchtern und in ihre Löcher zu-
rückzujagen, wurde jedoch nicht erreicht. Im Gegenteil:
Der Glaube an den Zaren war gründlich zerstört, überall
im Lande brachen Proteststreiks aus, die Revolution flamm-
te empor.

Am Abend des 27. Februar 1933, vier Wochen nach der Er-
nennung Hitlers zum Reichskanzler, steckten die Nazis das
Berliner Reichstagsgebäude in Brand und verkündeten unmit-
telbar danach lauthals über Rundfunk, am nächsten Morgen
auch in der Presse, dies sei das Signal der Kommunisten
für den bewaffneten Aufstand gewesen. In Wirklichkeit war
es das Signal zur Auslösung eines von langer Hand vorbe-
reiteten Terrorfeldzuges gegen die Kommunisten und alle
anderen Hitler-Gegner, wenige Tage vor den für den 5.
März angesetzten Reichstagswahlen und erleichtert durch
das Verbot der oppositionellen Presse. Noch in der glei-
chen Nacht wurden über zehntausend Kommunisten und andere
Antifaschisten verhaftet, und am nächsten Tag wurde
eiligst eine Ausnahmeverordnung erlassen, die faktisch
alle verfassungsmäßig garantierten Grundrechte aufhob.
                    - - -
Die wenigen angeführten Beispiele mögen genügen, um
deutlich zu machen, welche Gefahren die Arbeiterbewe-
gung nicht bloß durch offene Anwendung der Staatsgewalt,
sondern auch durch hinterlistige Methoden wie der An-
werbung von Verrätern durch Bestechung oder Zwangsmit-
tel, der Bespitzelung und Provokation ausgesetzt war.
Die Methoden sind von alters her bekannt, aber das
"Verdienst", sie zu einem System ausgestaltet zu haben,
wird dem ehemaligen französischen Polizeiminister Fouché
zugeschrieben.

Fouché war ein Mensch von äußerster Skrupellosigkeit,
dazu von Machtgier besessen - er hat sogar versucht,
Staatsoberhaupt zu werden - und ein glänzender Organisa-
tor. Nachdem er den verschiedensten Revolutionsparteien
angehörte hatte, immer sein persönlichen Vorteil su-
chend und eine an die andere verratend, wurde er unter
dem Direktorium Polizeichef, was ihm Gelegenheit bot,
seine früheren Parteigänger gnadenlos zu verfolgen.
Aber auch das Direktorium verriet er an Napoleon, der
ihn dafür zum Polizeiminister machte. Das hinderte Fouché
nicht daran, Napoleon selbst zu bespitzeln zu lassen, wofür
er sogar dessen Gattin Josephine gegen gute Bezahlung
angeworben hatte. Als Napoleons Stern zu sinken begann,
wechselte er zu den Bourbonen über, um bei Napoleons Rück-
kehr von Elba wieder dessen Dienste zu treten und, als
sich Napoleons endgültige Niederlage abzeichnete, abermals
zu den Bourbonen überzulaufen. Schließlich mußte er als
"Königsmörder", weil er seinerzeit als Abgeordneter für
die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt hatte, doch seinen
Hut nehmen und zog sich mit einem in seiner Amtszeit er-
gaunerten Riesenvermögen und dem von Napoleon verliehenen
Herzogstitel ins Privatleben zurück.

Das von ihm im Interesse der französischen Großbourgeoisie
geschaffene Polizeisystem aber bleib bestehen. Es beruhte
auf drei Säulen: der politischen Polizei oder geheimen
Staatspolizei zur Überwachung und Verfolgung aller poli-
tisch verdächtigen Personen einschließlich der Emigranten,
der allgemeinen Polizei zur Bekämpfung der Kriminalität
und Wahrnehmung verwaltungs- und ordnungspolizeilicher
Aufgaben und der militärisch aufgebauten Gendarmerie als
Eingreiftruppe bei inneren Unruhen.

die politische Polizei war das eigentliche Kernstück. Sie
stützte sich auf ein engmaschiges Netz von Spitzeln und
Agenten, wie es die Welt in diesem Ausmaß noch nicht ge-
kannt hatte und von dem Fouché später in seinen Memoiren
behauptete, es sei ihm gelungen, die Überzeugung zu ver-
breiten, daß überall dort, wo etwa vier Menschen zusam-
menkamen, einer seiner Spitzel dabei war.

Zu Fouchés Neuerungen gehörte auch die "Topographie des
Verbrechens" und die "Biographie Chouannique" (Biographie
der Nachteulen). Die "Topographie des Verbrechens" war
ein Verzeichnis aller der Polizei bekannten gewordenen Ört-
lichkeiten wie Verstecke, Treffpunkte und Anlaufstellen,
wo politisch verdächtige Personen oder Gruppen sich auf-
hielten oder trafen. Die "Biographie Chouannique" war
ein Verzeichnis aller politisch verdächtigen Personen
mit Personenbeschreibung, Lebenslauf und Angaben über Ge-
wohnheiten und Neigungen.

Auch von den bereits vorher bekannten Chiffrenpässen wurde
wieder Gebrauch gemacht. Das waren Ausweispapiere, die in
gedeckter Form, so daß der Ausweisinhaber nichts davon
merkte, bestimmte Angaben zur Person enthielten. Farbe,
Format, Einfaßlinien und andere Zierelemente des Passes
hatten dabei eine bestimmte, nur dem Eingeweihten bekannte
Bedeutung. Das Verfahren wurde nach seinem Erfinder, einem
französischen Diplomat des 18. Jahrhunderts, auch als
geheime Polizeischrift des Grafen von Vergennes bezeichnet.
                    - - -
Auf Fouchés Geheimpolizeisystem wurde etwas näher einge-
gangen, weil es auch in anderen Ländern Schule gemacht
hat und in seinen Grundzügen bis in die Gegenwart fort-
wirkt. Im Dienste der Bourgeoisie hat es bei der Bekämpfung
der Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle gespielt, woraus
sich die Notwendigkeit eines wirksamen Geheimnisschutzes
und Abwehrdienstes in der Arbeiterbewegung ableiten läßt.

In Preußen war es der berüchtigte Leiter der politischen
Polizei Stieber, Hauptbelastungszeuge im Kölner Kommuni-
stenprozeß, der es an Gewissenlosigkeit, wenn auch nicht
an Intelligenz, durchaus mit Fouché aufnehmen konnte und
selbst vor der Anfertigung gefälschter Dokumente als Be-
weismittel nicht zurückschreckte. Neue Sumpfblüten trieb
da, und auch
die politische Polizei der Weimarer Republik beschäf-
tigte ihre Spitzel und Provokateure bei der Kommunisten-
verfolgung. Die Faschisten perfektionierten das System
schließlich durch offenen Terror und Einführung barbari-
scher und mittelalterlicher Methoden wie Folter, Ver-
sklavung in Konzentrationslagern, Sippenhaft, willkür-
lichen Mord.

Schon in der Frühzeit der Arbeiterbewegung wurde in man-
chen proletarischen Geheimbünden ein engerer Kreis von
Mitgliedern der zentralen Leitung für die Durchführung
und Überwachung von Sicherheitsmaßnahmen einschließlich
der Abwehr und Unschädlichmachung von unzuverlässigen
Personen, Verrätern, Spitzeln und Provokateuren verant-
wortlich gemacht.

Auch bei der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten
bestand ein Sicherheitsausschuß, zu dessen Aufgaben
zweifellos auch die Einhaltung des Artikels 42 der
Statuen gehörte, in dem es hieß: "Die entfernten und
ausgestoßenen Individuen sowie verdächtigen Subjekte über-
haupt sind von Bundes wegen zu überwachen und unschädlich
zu machen. Umtriebe solcher Individuen sind sofort der
betreffenden Gemeinde anzuzeigen."

Eine der bedeutendsten Leistungen der deutschen Arbeiter-
bewegung unter dem Sozialistengesetz war der Aufbau eines
ausgezeichnet funktionierenden Sicherheits- und Abwehr-
dienstes unter der Leitung von Julius Motteler. Er hat
auch Arbeiterparteien anderer Länder und dem Sicherheits-
und Abwehrdienst der späteren KPD als Vorbild gedient.

2. Die Anfänge der Arbeiterbewegung

2.1. Industrielle Revolution und Lage der Arbeiterklasse
     Selbsthilfe- und Racheakte

Die industrielle Revolution bewirkte eine Umwälzung der
ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Die Erfindung von
Arbeitsmaschinen wie der Spinnmaschine und des mechanischen
Webstuhls, die Nutzbarmachung der Dampfkraft als Antriebs-
kraft und der Kohle für die Eisengewinnung führten einen
nie dargewesenen Aufschwung der Produktivkräfte herbei, der
sich zunächst in der Textilindustrie zeigte, aber bald auch
der Kohlbergbau, die Eisen- und Stahlproduktion, den Ma-
schinenbau, das Transportwesen, die chemische Industrie und
die Landwirtschaft erfaßte. Der Kapitalismus trat aus dem
Stadium des Manufakturkapitalismus in das Stadium des Indu-
striekapitalismus. Er wurde zur bestimmenden Gesellschafts-
formation, in der sich als Grundklassen die Ausbeuterklasse
der Kapitalisten mit den Industriekapitalisten als Kern und
die ausgebeutete Klasse der Arbeiter mit dem Industrie-
proletariat als Kern gegenüberstanden.

Die industrielle Revolution Vollzug sich in den einzelnen
Ländern ungleichmäßig und zu verschiedenen Zeiten. zuerst
setzte sie in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts in
England ein und war dort um 1830 im wesentlichen abgeschlos-
sen. In Frankreich kam sie mit dem Sieg der bürgerlichen
Revolution von 1789 zum Durchbruch. In Deutschland, wo die
politische Zersplitterung und der Fortbestand der feudal-
absolutistischen Herrschaft hemmend wirkten, vollzog sie
sich zwischen 1830 und 1870, obwohl Anfänge schon zu Anfang
des Jahrhunderts im Rheinland, in Sachsen und Berlin vor-
handen waren.

Mit dem Übergang zum Industriekapitalismus ging nicht bloß
eine rasche Vermehrung der Arbeiterklasse, sondern auch eine
außerordentliche Verschlechterung ihrer Lage einher. Hand-
werker wie beispielsweise Weber, die bisher am häuslichen
Webstuhl auf eigene Rechnung produziert hatten, wobei sie
sich die Arbeitszeit nach eigenem Ermessen einteilen konn-
ten, in der Regel auch ein Stück eigenes Land besaßen und
insgesamt ein auskömmliches Leben geführt hatten, konnten
auf die Dauer mit der immer billiger werdenden Fabrikware
nicht konkurrieren und waren letzten Endes gezwungen, sich
selbst als Lohnarbeiter zu verdingen.

Das dem Kapitalismus innewohnende Gesetz des ständigen
Strebens nach Maximalprofit zwang die Fabrikbesitzer, den
Arbeitslohn so niedrig wie möglich zu halten und die Ar-
beitszeit so weit wie möglich auszudehnen. Die Arbeitszeit
betrug 12 bis 14 Stunden täglich, teilweise sogar 16 und
18 Stunden. Der Arbeitslohn war so niedrig, daß ein Mann
damit seine Familie nicht ernähren konnte, Frauen und
Kinder, manchmal schon im zarten Alter von drei bis vier
Jahren, waren gezwungen, mit auf Arbeit zu gehen und wur-
den dafür noch schlechter bezahlt als die Männer. In Zei-
ten schlechten Geschäftsganges wurden deshalb auch die
Männer zuerst auf die Straße gesetzt. Selbst wenn alle
Familienmitglieder auf Arbeit gingen, reichte das Gesamt-
einkommen nur für eine sehr dürftige Ernährung und für
eine Unterkunft in den elendesten Behausungen.

Die gesundheitlichen Auswirkungen waren entsprechend. Bei
der Musterung der Militärdienstpflichtigen stellten säch-
sische Ärzte um 1850 fest, daß unter den jungen Fabrik-
arbeitern über 70 Prozent dienstuntauglich waren. Allge-
meine körperliche Schwäche und Zurückgebliebenheit, Miß-
bildungen wie eingefallene Brustkörbe oder schiege Schul-
tern und Hüften infolge der ständigen einseitigen oder
gebückten Tätigkeit, Haut-, Hals-, Brust- und Unterleibs-
leiden waren die häufigsten Gebrechen. Eine hohe Kinder-
sterblichkeit und grassierende Seuchen wie Tuberkolose,
Fleckfieber und Typhus trugen ihr Teil dazu bei, daß die
durchschnittliche Lebenserwartung der sächsischen Fabrik-
arbeiter um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenig über
dreißig Jahre betrug.
                   - - -
"Die Empörung der Arbeiter gegen die Bourgeoisie hat bald
nach der industriellen Entwicklung angegangen und ver-
schiedene Phasen durchgemacht", schrieb Friedrich Engels
in seiner Untersuchung über die Lage der arbeitenden Klasse
in England, und weiter: "Die erste, rohste und unfrucht-
barste Form dieser Empörung war das Verbrechen." Mit der
Verelendung der Arbeiterklasse hielt die Zunahme der Kri-
minalität Schritt. In England stieg die Zahl der Verhaf-
tungen von 1805 bis 1842 auf das Siebenfache. In der weit
überwiegenden Zahl der Fälle handelte es sich um Eigentums-
delikte: Diebstahl und Raub, in Grenz- und Küstengebieten
die Schmuggelei, in ländlichen Gebieten die Wilddieberei
wurden massenhaft betrieben. Allein in drei Jahren, von
1827 bis 1830, wurden auf den Ländereien der englischen
Großgrundbesitzer über 8500 Wilddiebe ertappt und zur
Deportation verurteilt. Es kam auch zu Racheakten wie der
Ermordung besonders verhaßter Fabrik- und Gutsbesitzer
und der Niederbrennung ihrer Villen und Schlösser.

Alle diese Akte des Selbsthilfe und Rache, sowie massenhaft
sie auch auftraten, hatten noch nicht mit der Arbeiter-
bewegung zu tun. Sie konnte die Lage der Arbeiterklasse
ebensowenig grundlegend verbessern wie die christliche
Almosentätigkeit, zu der die Kirche die Reichen ermahnte,
während sie andererseits den Armen predigte, sich in die
angeblich gottgewollte soziale Ordnung zu fügen und auf
den Lohn Gotte nach dem Tode zu hoffen. Dieser Vertrö-
stung auf ein besseres Jenseits setzte Heinrich Heine
die trotzige Verse entgegen:
     Wir wollen hier auf Erden schon
     das Himmelreich errichten.
     Wir wollen auf Erden glücklich sein
     und wollen nicht mehr darben;
     verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
     was fleißige Hände erwarben.
     ...
     Den Himmel überlassen wir
     den Engeln und Spatzen.

2.2. Anfänge der Arbeiterbewegung
     Maschinenstürmerei
     Streiks und illegale Arbeiterassoziationen

Maschinenstürmer, Streiks und Geheimbundverschwörungen zur
Errichtung einer Volksdiktatur markieren aufeinanderfolgen-
de Entwicklungsphasen der frühen Arbeiterbewegung, lassen
sich aber zeitlich kaum voneinander trennen, sondern
laufen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte der
vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts nebeneinander her.
Di erste kommunistische Verschwörung, die Verschwörung
der Gleichen unter Babeuf, fand 1796 statt, der letzte
große Maschinensturm, der Aufstand der schlesischen
Weber, im Jahre 1844.

Die Maschinenstürmerei war eine gewaltsame Massenbewegung
gegen die maschinelle Fabrikation. Sie trat zuerst und
mit besonderer Heftigkeit in England auf, wo bereits 1769,
also in den ersten Jahren der industriellen Revolution,
ein Gesetz erlassen wurde, das die Zerstörung von Fabrik-
anlagen mit der Todesstrafe bedrohte. Dennoch rotteten
sich vor allem die in der Hausindustrie tätigen Hand-
werker, die auf die Dauer mit der maschinell hergestellten
Fabrikware nicht konkurrieren konnten und ihr Arbeits-
produkt zu immer niedrigeren Preisen abgegeben mußten, in
ihrer Verzweiflung immer wieder mehr oder weniger spontan
zusammen und zogen aus, um die Maschinen, in denen sie
die Ursache ihrer Verelendung sahen, zu zerstören, die
Fabriken niederzubrennen und die Geschäfts- und Wohnräume
der Fabrikbesitzer zu verwüsten, wobei es auch zu Tot-
schlägen auf beiden Seiten kam. Nach ihrem legendären
ersten Anführer namens Lud, Ludd oder Ludham wurden die
Maschinenstürmer auch als Ludditen bezeichnet.

Trotz drakonischer Strafen flammte die Maschinenstürmerei
in England immer wieder auf und erfaßte in den Jahren 1811
und 1812 ganze Landstriche. Erneut wurde die Todesstrafe
angedroht, und 1813 wurde in York tatsächlich achtzehn
Teilnehmer eines Maschinensturms hingerichtet. Aber noch
1830 tobte ein Maschinensturm der Landarbeiter gegen die
Dreschmaschinen durch Süd- und Ostengland.

Zu Maschinenstürmerei kam es auch in anderen Ländern, die
von der industriellen Revolution erfaßt wurden, so in
Frankreich und Belgien.

In einigen deutschen Industriestädten kam es 1830 unter
dem Eindruck der französischen Julirevolution zu Unruhen
mit Merkmalen der Maschinenstürmerei. In Aachen zog die
aufgebrachte Menge zu einer Textilfabrik, wo man es bei
Drohungen beließ, und dann zur Villa eines Maschinen-
fabrikanten, die verwüstet wurde. 74 Anführer wurden vor
Gericht gestellt und zu Freiheitsstrafen zwischen zehn
Jahren und Lebenslänglich verurteilt. Ein scheinbar nich-
tiger Anlaß genügte manchmal, um den angestauten Volks-
zorn zum Ausbruch zu bringen. In Leipzig wurde der Auf-
ruhr durch das Einschreiten der Polizei gegen eine Polter-
abendfeier wegen nächtlicher Ruhestörung ausgelöst und
richtete sich zunächst gegen die Polizeiwillkür. Die immer
mehr anwachsende Menge zog dann aber zum Verlagshaus
Brockhaus und machte Miene, die dort neue aufgestellte
Schnellpresse ebenso wie die im Bau befindliche Dampf-
maschine einer Kammgarnspinnerei zu zerstören.

Alle diese Erhebungen trugen spontanen Charakter. Von
einer klaren Zielstellung, einer planmäßigen, organisier-
ten Vorbereitung unter Wahrung der notwendigen Geheim-
haltung bis zur Auslösung der Aktion konnte keine Rede
sein. Dafür zeugt auch ein Bericht, den Wilhelm Wolff vom
Ausbruch des schlesischen Weberaufstandes gegeben hat: "End-
lich um 2 Uhr nachmittags, den 4. Juli 1844, trat der Strom
über seine Ufer. Eine Schar Weber erschien in Nieder-
Peterswaldau und zog auf ihrem Marsche alle Weber aus den
Wohnungen rechts und links an sich. Alsdann begaben sie
sich nach dem wenig entfernten Kapellenberge und ordneten
sich paarweise und rückten so auf das neue Zwanzigersche
Wohngebäude los. Sie forderten höheren Lohn und - ein Ge-
schenk! Mit Spott und Drohen schlug's man ihnen ab. Nun
dauerte es nicht lange, so stürmte die Masse ins Haus,
erbrach alle Kammern, Gewölbe, Böden und Keller und zer-
trümmerte alles von den prächtigen Spiegelfenstern,
Trumeaus, Lüsters, Öfen, Porzellan, Möbel bis auf die
Treppengeländer herab, zerriß die Bücher, Wechsel und
Papiere, drang in das zweite Wohngebäude, in die Remisen,
ins Trockenhaus, zur Mange, ins Packhaus und stürzte die
Waren und Vorräte zu den Fenstern hinaus, wo sie zerris-
sen, zerstückelt und mit Füßen getreten, oder, in Nach-
ahmung des Leipziger Meßgeschäftes an die Umstehenden
verteilt wurden."

Der Aufstand der schlesischen Weber wurde mit militäri-
scher Gewalt niedergeschlagen, wobei elf Tote auf dem
Platz blieben. Achtzig Teilnehmer wurden zur Auspeitschung
und hohen Freiheitsstrafen verurteilt.
                   - - -
Gegenüber der Maschinenstürmerei stellt die Streikbewegung
eine höhere Entwicklungsstufe des proletarischen Klassen-
kampfes gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung
dar. Ihr sozialer Hauptträger waren auch nicht mehr Hand-
werker, Manufakturarbeiter und Arbeitslose, sondern
Fabrik-, Berg- und Hüttenarbeiter.

Die Teilnahme an einem Streik verlangte in der Regel ein
höheres maß von Klassenbewußtsein und Solidaritätsgefühl,
von Organisiertheit, Disziplin und Ausdauer, ja sogar von
Mut und Entschlossenheit als die Teilnahme an einer spon-
tanen Empörung. Engels drückte das mit folgenden Worten
aus: "Daß aber zu einem Turnout (= Streik) auch Mut und
das bedeutender, ja oft ein viel höherer Mut, eine viel
kühnere, festere Entschlossenheit gehört als zu einer
Emeute, das versteht sich von selbst. Es wahrhaft
keine Kleinigkeit für einen Arbeiter, der das Elend aus
Erfahrung kennt, ihm mit Frau und Kindern entgegenzugehen,
Hunger und Not monatelang zu ertragen und dabei fest und
unerschütterlich zu bleiben."

Die ersten Streiks richteten sich gegen willkürliche Lohn-
kürzungen durch einzelne Fabrikbesitzer und beschränkten
sich auf deren Betriebe. Später kamen weitergehende öko-
nomische und soziale Forderungen wie Lohnerhöhung und Ar-
beitszeitverkürzung und schließlich auch politische Forde-
rungen wie die nach allgemeinem, gleichem und direktem
Wahlrecht dazu, und die Streiks drehten sich auf ganze In-
dustriezweige und Landstriche aus.

Das Mutterland der Streikbewegung wie der Maschinenstürme-
rei ist England, wo es bereits in den letzten Jahrzenten
des 18. Jahrhunderts zu Streiks kam. In diesem Zusammenhang
entstanden die ersten selbständigen Arbeitsorganisationen,
Assoziationen genannt, zum Zweck der Verabredung und Vorbe-
reitung von Streiks und der gegenseitigen Unterstürzung
während des Streiks. Diese Keimzelle der späteren Gewerk-
schaften, in England Trade Unions genannt, waren lokal be-
grenzt, entsprechend klein und schwach und existierten nur
zeitweilig. Sie breiteten sich aber dermaßen aus, daß sich
die herrschenden Klassen England 1799 veranlaßt sahen,
alle Arbeiterassoziationen zu verbieten. Das hinderte die
englischen Arbeiter aber keineswegs daran, den Kampf fort-
zusetzen. Im Gegenteil, die Streikbewegung zog immer weitere
Kreise, und als die englische Regierung 1824 gezwungen war,
das Assoziationsverbot aufzuheben, stellte es sich heraus,
daß die Arbeiterassoziationen zahlreicher und stärker waren
als vor dem Verbot.

In dem Vierteljahrhundert der Illegalität wirkten die Asso-
ziationen als geheime Verbindungen, deren Mitglieder einen
Eid der Treue, Verschwiegenheit und disziplinierten Unter-
ordnung unter die Beschlüsse der Majorität ablegen mußten.
Bei Streiks wurde ein Komitee gebildet, dessen Angehörige
der Masse der Mitglieder unbekannt blieben. Es verfügte
über die Gelder und traf die notwendigen Entscheidungen.

In diesen harten Klassenkämpfen schreckten die Arbeiter
auch nicht vor Terrorakten und bewaffneten Auseinander-
setzungen zurück. Streikbrecher wurden überfallen, mißhan-
delt und manchmal auch getötet. Brandstiftungen und Spreng-
stoffanschläge waren sehr häufig. Engels registrierte sechs
derartige Anschläge im Zeitraum von nur vier Monaten.

Eine besonders starke illegale Organisation hatten die
Berg- und Hüttenarbeiter von Südwales. Sie nannte sich
"The Black Cattle" (Das schwarze Vieh). Mit ihrer Hilfe
konnte ein Streik siegreich beendet werden, wobei gegen
Streikbrecher rücksichtslos vorgegangen wurde. Die Mitglie-
der pflegten sich zu mitternächtlicher Stunde zu versam-
meln und die Wohnhäuser von Streikbrechern niederzubrennen.
Bei einem späteren Streik riefen die Kapitalisten reguläre
Truppen zu Hilfe, denen die Arbeiter mit selbstgefertigten
Waffen entgegentraten. Sie wurden geschlagen und ihr An-
führer 1831 hingerichtet.

Noch bekannter wurde eine andere geheime Verbindung, die
"Thugs von Glasgow". Das war eine Assoziation der Baumwoll-
spinner von Glasgow und Umgebung, die seit 1816 existierte
und deren Komitee sogar Preise auf die Köpfe von Streik-
brechern, verhaßten Fabrikanten und auf Brandstiftungen in
Fabriken aussetzte. Eine Fabrik wurde in Brand gesteckt,
weil sie weibliche Streikbrecher anstellte der Männer be-
schäftigte. Die Mutter eines dieser Mädchen wurde ermordet
und die beiden Mörder auf Kosten der Assoziation nach
Amerika gebracht. Für die Neiderschießung von Streikbre-
chern erhielten die Täter Prämien von 15 und 20 Pfund
Sterling. Als es 1837 zu neuen tätlichen Angriffen auf
Streikbrecher gekommen war, gelang es den Behörden, die
Mitglieder des Komitees ausfindig zu machen und zu ver-
haften. Sie wurden zu Deportation verurteilt.

Engels berichtet auch, daß während seines Aufenthalts in
Manchester 1843 dort streikende Ziegelarbeiter den zum
Schutz von Streikbrechern angestellten bewaffneten Wächtern
ein regelrechtes Gefecht lieferten. In militärischer ord-
nung, die ersten Glieder mit Flinten bewaffnet, marschier-
ten sie zu der Ziegelei und zogen sich erst, nachdem sie
ihre Munition verschossen hatten, in voller Ordnung unter
Mitnahme ihrer Verwundeten zurück. Bevor sie sich zerstreu-
ten, wurde noch ein regelrechter Appell abgehalten, wobei
jeder Mann unter seiner Nummer in der Sektion, also einer
Deckbezeichnung, aufgerufen wurde.

Diese Beispiele zeigen doch ein ganz anderes Bild von Diszi-
plin und Organisation unter Wahrung der notwendigen Geheim-
haltung als es das wilde Anrennen der Maschinenstürmer ge-
boten hatte.

In Deutschland kam es erst in den dreißiger und vierziger
Jahren zu den ersten Streiks und Ansätzen der Gewerkschafts-
bewegung auf der Grundlage lokaler Unterstützungskassen
einzelner Arbeitergruppen. Zu einem ersten Aufschwung der
Streik- und Gewerkschaftsbewegung kam es während der Revo-
lution von 1848/49. In der folgenden Reaktionsperiode wurde
auch die gewerkschaftliche Bewegung wieder unterdrückt.

2.3. Revolutionäre Geheimbünde

2.3.1. Vom kleinbürgerlich-demokratischen zum proletarisch-
       kommunistischen Geheimbund

Die Restauration der Macht der Fürsten, des Adels und der
Geistlichkeit nach den napoleonischen Kriegen führte zur
verschärften Unterdrückung aller demokratischen, nationalen
und sozialen Freiheitsbewegungen. Der Widerstand gegen die
Reaktion konnte sich nur im Geheimen organisieren, in Form
von Geheimbünden. Ihr sozialer Hauptträger war anfangs das
Kleinbürgertum, insbesondere die kleinbürgerliche Intelli-
genz. Doch trat in Ländern wie Frankreich und Deutschland,
wo die industrielle Revolution rasche Fortschritte machte,
die Arbeiterschaft seit den dreißiger Jahren immer stärker
in Aktion und schuf sich schließlich ihre eigenen Geheim-
bünde. Das zeigt sich besonders deutlich in Deutschland,
wo die Entwicklung der Geheimbünde von der rein studenti-
schen Burschenschaft über den Deutschen Volksverein und
den Bund der Geächteten, in denen Handwerksgesellen schon
die Mehrheit bildeten, Vertreter der kleinbürgerlichen
Intelligenz aber noch die führende Rolle spielten, zum
proletarischen Bund der Gerechten verlief. Mit dieser
Entwicklung wurden die ursprünglichen Forderungen nach
verfassungsmäßig garantierten demokratischen Rechten wie
allgemeinem Wahlrecht, Presse- und Versammlungsfreiheit,
in Deutschland und Italien vor allem auch nach nationaler
Einigung, um die Forderung nach sozialer Gleichheit er-
weitert. Damit trat aber auch die Arbeiterklasse in offe-
nen Gegensatz zur Bourgeoisie, die so weit nicht gehen
wollte.

Die Idee von Gleichheit aller Menschen und ihrem An-
spruch auf gleiche Rechte war von der Aufklärung im 17.
und 18. Jahrhundert philosophisch begründet worden. Die
französische Revolution siegte unter der Losung "Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit" und schaffte die Privile-
gien des Adels und der hohen Geistlichkeit ab. Die Früchte
der Revolution erntete aber nur die Bourgeoisie. Für die
werktätigen Massen blieb die Gleichheit ein leeres Wort,
solange sie besitzlos, ausgebeutet und unterdrückt blieben.

Immer wieder kam es zu Hungerunruhen und anderen elementa-
ren Ausbrüchen des Zorns und der Verzweiflung der Massen.
Diese Aufstände waren so gut wie nicht organisiert und
ohne klare Zielstellung. Sie blieben örtlich begrenzt und
voneinander isoliert, wurden mit Waffengewalt niedergeschla-
gen, die Anführer hingerichtet oder eingekerkert.

Humanistisch denkende Vertreter der besitzenden Klassen
unterzogen die bestehende Gesellschaftsordnung, in der eine
Minderheit im Überfluß schwelgte und die Mehrheit des Volkes
nicht das Nötigste zum Leben hatte, einer scharfen Kritik.
Sie appellierten an die Vernunft und die Menschlichkeit der
besitzenden und Herrschenden, die bestehenden Mißstände
durch Reformen zu beseitigen und eine gerechte, sozialisti-
sche Gesellschaftsordnung zu schaffen, auch um damit einer
Revolution vorzubeugen. Hauptvertreter dieses utopischen
Sozialismus, dessen Anfänge bis ins Altertum zurückreichen,
waren im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Franzosen
Saint-Simon und Fourier und der Engländer Robert Owen.
Owen, der selbst Fabrikbesitzer war, begnügte sich nicht
mit Kritik und Appellen, sondern unternahm den allerdings
gescheiterten Versuch, durch Gründung sozialistischer
Musterkolonien auf genossenschaftlicher Basis ein Vorbild
zu schaffen. Seinem praktischen Wirken ist auch das erste
moderne Arbeiterschutzgesetz zu verdanken, das 1819 für
die englischen Baumwollindustrie die Begrenzung der Arbeits-
tage auf zwölf Stunden und das Verbot der Beschäftigung
von Kindern unter neun Jahren festlegte. Selbständige po-
litische und gewerkschaftliche Aktionen der Arbeiterschaft
lehnte auch er wie andere utopische Sozialisten ab.

Letzten Endes vermochte der Appell der utopischen Sozia-
listen an die menschliche Vernunft ebensowenig eine grund-
legende Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse herbei-
zuführen wie der kirchliche Aufruf zur christlichen Mild-
tätigkeit. Die dem Kapitalismus innewohnenden Gesetze der
sozialökonomischen Entwicklung setzten sich weiterhin mit
unwiderstehlicher Gewalt durch.

Unter den fortgeschrittensten Vertretern des utopischen
Sozialismus reifte in den dreißiger Jahren die Erkenntnis
heran, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nicht als Ge-
schenk von oben erwartet werden könne, sondern von der
Arbeiterklasse selbst erzwungen werden müsse.

Das noch halb unbewußte Streben der Arbeiterbewegung nach
ideologischer und organisatorischer Lösung von der Bour-
geoisie und Formierung zur selbständigen Bewegung fand
Ausdruck in der neuen Strömung des Arbeiterkommunismus.
Er knüpfte an die Lehren Babeufs und Bounarrotis, die
Gesellschaftskritik der utopischen Sozialisten und die
Erfahrungen der ersten Klassenkämpfe des Proletariats,
insbesondere der Aufstände der Lyoner Seidenweber von
1831 und 1834, an und forderte die Abschaffung des Pri-
vateigentums an Produktionsmitteln als Wurzel aller Aus-
beutung und Unterdrückung und die Errichtung einer kom-
munistischen Gesellschaft, in der alle nach ihren Fähig-
keiten arbeiten und die Güter nach Bedürfnissen verteilt
werden sollten.

Eine gemäßigte Richtung des utopischen Arbeiterkommu-
nismus, deren bekanntester Wortführer in Frankreich
Etienne Cabet war, wollte dieses Ziel wie die utopischen
Sozialisten auf gewaltlosen Weg erreichen, durch fried-
liche Überzeugungsarbeit, allgemeines Wahlrecht und
Schaffung sozialistischer Musterkolonien, deren Beispiel
andere zur Nachahmung anregen sollte. Klassenkampf und
Revolution wurden abgelehnt, im Gegensatz zu den utopi-
schen Sozialisten jedoch der legale Kampf der Arbeiter-
klasse um die politische Macht bejaht.

Die revolutionäre Richtung des utopischen Arbeiterkommu-
nismus, deren Hauptvertreter in Frankreich Luis-Auguste
Blanqui war, hielt den friedlichen Weg für aussichtslos.
Sie forderte die Errichtung einer Volksdiktatur auf dem
weg des bewaffneten Aufstands, um damit die Voraus-
setzung für die Aufklärung der Massen und den Aufbau
des Kommunismus zu schaffen. Der Aufstand des Volkes
sollte durch einen geheimen Bund Gleichgesinnter vorbe-
reitet, ausgelöst und geführt werden. Diese Verschwörungs-
und Geheimbundtaktik erforderte natürlich strengste Kon-
spiration.

In Deutschland wurde der revolutionäre utopische Arbeiter-
kommunismus von Wilhelm Weitling und dem Bund der Gerech-
ten vertraten.

Der utopische Arbeiterkommunismus hat sich um die Entwick-
lung des proletarischen Klassenbewußtsein und um die Lehre
vom bewaffneten Aufstand des Proletariats bleibende Ver-
dienste erworben. Blanquis um 1868 geschriebene Instruk-
tion für den bewaffneten Aufstand ist auch von späteren
Revolutionären mit Nutzen studiert worden. Die historisch
bedingte ideologische Beschränktheit des utopischen Ar-
beiterkommunismus zeigte sich darin, daß er die Befreiung
der Arbeiterklasse nicht von einer revolutionären Massen-
partei, sondern von der Verschwörung einer kleinen Min-
derheit erwartete. Mit der Begründung des wissenschaft-
lichen Sozialismus verlor er seine progressive Bedeutung
und wurde zum Hemmnis der weiteren Entwicklung der Arbei-
terbewegung.

Der historische Fortschritt der proletarisch-kommunisti-
schen Geheimbünde in Frankreich und Deutschland gegenüber
den frühen Arbeitsassoziationen in England, die ja auch
schon Geheimbünde gewesen waren, bestand darin, daß sie
nicht mehr bloß eine Verbesserung der Lage der Arbeiter-
klasse, sondern eine grundlegende Umgestaltung der Staats-
und Gesellschaftsordnung erstrebte.

In England selbst lenkte die Arbeiterbewegung gegen
Mitte des Jahrhunderts mit der Chartistenbewegung und
bestimmten Erfolgen der erstarkenden Gewerkschaftsbewegung
mehr und mehr in legale Bahnen ein. in anderen europäischen
Ländern, wie Rußland oder Italien, war die industrielle
Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten, daß die
Arbeiterklasse in der Befreiungsbewegung schon eine führen-
de Rolle hätte spielen können.

2.3.2. Französische Geheimbünde
       Verschwörung der Gleichen und Wirken Buonarrotis
       Geheimbünde der dreißiger Jahre

Maschinenstürmer hatten den aussichtslosen Versuch unter-
nommen, durch Verhinderung des technischen Fortschritts
zur früheren Lebensweise zurückzukehren. Streikende Arbei-
ter kämpften um Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbe-
dingungen im kapitalistischen System, ohne zunächst das
System selbst in Frage zu stellen. Gerade das aber taten
die utopischen Sozialisten, die erkannt hatten, daß eine
dauernde Verbesserung der Lage der Arbeiter nur durch eine
neue, eine sozialistische Gesellschaftsordnung zu errei-
chen war. Ein Teil der frühen Sozialisten wollte dieses
ziel durch Aufklärung und Propaganda erreichen. Andere
hielten diesen Weg für aussichtslos. Sie wollten die
gegenwärtige Regierung der Ausbeuterklassen gewaltsam
stürzen und eine Volksdiktatur errichten. Eine öffent-
liche Propagierung des Umsturzes wurde natürlich von
den Regierungen nicht geduldet, und die Anhänger des
revolutionären Weges waren gezwungen, sich insgeheim
zu organisieren und auf den bewaffneten Aufstand vorzu-
bereiten.

Das Mutterland der politischen Geheimbünde mit kommuni-
stischer oder sozialistischer Zielstellung ist Frankreich,
und da die ersten deutschen Geheimbünde dieser Art in
enger Anlehnung an die französischen entstanden, soll
zunächst ein blick auf diese geworfen werden.

Am Anfang steht die "Verschwörung der Gleichen" oder
"Verschwörung für die Gleichheit" von 1796. An ihrer Spitze
stand Gracchus Babeuf, nach dem die Bewegung später auch
als Babouvismus und ihre Anhänger als Babouvisten bezeich-
net wurden. Babeuf war zu der Erkenntnis geplant, daß in der
Französischen Revolution lediglich die Herrschaft einer
Ausbeuterklasse, der Aristokratie, durch die Herrschaft
einer anderen Ausbeuterklasse, der Bourgeoisie, abgelöst
worden war. er rief das Volk zur Fortführung der Revolution
bis zur Errichtung einer kommunistischen Republik auf und
gewann zahlreiche Anhänger. Zum Führungskern gehörten auch
Augustin Darthé und Filippo Buonarroti.

Als Babeuf Ende 1795 erneut verhaftet wurde und einige
Wochen später die Versammlungsstätte seiner Anhänger ge-
schlossen wurde, wurde die Bewegung in den Untergrund
getrieben. Sie organisierte sich in kleinen gruppen, die
einander nicht kannten und stadtbezirksweise einem Gruppen-
instrukteur unterstanden, der seinerseits über einen Ver-
bindungsmann Kontakt mit dem geheimen, in konspirativen
Wohnungen tagenden Zentralkomitee unterhielt.

Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen wurde die Verschwörung
kurz vor dem Losschlagen verraten, die Anführer verhaftet
und ein Jahr später vor Gericht gestellt. Babeuf und Darthé
wurden hingerichtet, Buonarroti und andere zur Deportation
verurteilt.

Die Idee des Babouvismus aber lebte weiter und fand in
Buonarroti, der 1803 aus der Haft entlassen wurde und sein
leben fortan als Musiklehrer fristete, einem hervorragen-
den Propagandisten. Die von ihm geschriebene Geschichte
der Verschwörung der Gleichen, die 1828 in Brüssel er-
schien und in vielen Sprachen übersetzt wurde, fand weite
Verbreitung und übte eine nachhaltige Wirkung aus. Als
Programmschrift der kommunistischen Bewegung hat sie in
den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts
eine große Rolle gespielt.

Buonarroti war aber nicht nur Chronist und Theoretiker,
sondern auch ein hervorragender Praktiker der Revolution
und ein Meister der Konspiration. Vieles von seiner il-
legalen Tätigkeit, besonders in den letzten Jahren seines
Lebens, liegt heute noch im Dunkeln. Nach seiner Haft-
entlassung begann er "eine ausgedehnte konspirative Tä-
tigkeit zur Gründung französischer und internationaler
republikanischer Geheimgesellschaften nach Art der Frei-
maurerlogen, deren weitergehende soziale Ziele nur der
den Mitgliedern verborgene höchste leitende Kreis kennt.
Sie waren zum Vorbild der geheimen republikanischen und
proletarischen Gesellschaften der dreißiger und vierziger
Jahre, deren sozialkritische und kommunistische Orientie-
rung wesentlich der Aktivität Buonarrotis zu danken ist"
(Höppner). Zu den später als Kommunisten bekannt gewor-
denen Personen, die mit Buonarroti verkehrten und von ihm
persönlich beeinflußt wurden, gehörten auch Louis Blanc,
Auguste Blanqui und Etienne Cabet.
                   - - -
in der Pariser Julirevolution von 1830 zwangen Arbeiter,
Studenten und Kleinbürger das reaktionäre Regime der
Bourbonen nach dreitägigen heftigen Straßenkämpfen zur
Abdankung. Die Früchte des Sieges erntete abermals nur
die Bourgeoisie, die eine konstitutionelle Monarchie
errichtete, in der die Masse der Werktätigen sogar vom
Wahlrecht ausgeschlossen bleib. Der Kampf um Demokratie
und Sozialismus mußte weiterhin illegal geführt werden.

Von 1831 bis 1839 kam es in Lyon und Paris zu vier größe-
ren Volksaufständen, die alle blutig niedergeschlagen
wurden. Abgesehen vom ersten Lyoner Aufstand (1831), der
spontan ausbrach und unorganisiert verlief, standen an
der Spitze geheimen politische Gesellschaften, die in den
dreißiger Jahren die Nachfolge der Carbonari-Gesell-
schaften der zwanziger Jahre antraten.

Die Vielzahl der geheimen Gesellschaften, die nach der
Julirevolution in Frankreich entstanden, ihre Entstehung,
Zusammensetzung und Zielstellung sowie ihre Beziehungen
zueinander bieten ein verwirrendes Bild. vieles ist bis
heute ungeklärt. Sie hatten in der Regel nur einige hun-
dert, höchstens einige tausend Mitglieder, wurden meistens
nach kurzer zeit zerschlagen, gingen ineinander über oder
entstanden neu unter anderem Namen. Bei manchen ist un-
klar, ob es sich um eine selbständige Organisation oder
nur eine Fraktion innerhalb einer anderen Gesellschaft
handelte.

Hier sollen nur die bekanntesten dieser Verbindungen ge-
nannt werden. Etwa 1830 standen die "Gesellschaft der
Volksfreunde", die anfangs noch nicht geheim war und in
ihren Reihen viele ehemalige Carbonari zählte. Sie wurde
nach dem Aufstand von 1832 aufgerieben. Die Überlebenden
und nicht eingekerkerten Mitglieder fanden sich in der
"Gesellschaft der Menschenrechte" wieder zusammen, der
nach dem Aufstand 1834 das gleiche Schicksal widerfuhr.
Noch im gleichen Jahr oder wenig später entstand die
"Gesellschaft der Familien", die sich auch nur bis 1836
halten konnte. Ihre Nachfolgeorganisation war die "Ge-
sellschaft der Jahreszeiten", die nach dem Aufstand von
1839 zerschlagen wurde, aber noch im gleichen Jahr unter
dem Namen "Neue Jahreszeiten" neu entstand.

Die politische Forderungen beschränkten sich anfangs auf
die Schaffung einer demokratischen Republik und soziale
Reformen. Doch wirkten von Anfang an babouvistische Grup-
pen in den Gesellschaften und taten sich durch besondere
Aktivitäten hervor. Seit mitte der dreißiger Jahre traten
das proletarische Element und die Forderung nach sozialer
Revolution immer mehr in den Vordergrund. Den späteren
Geheimbünden gehörte überwiegend Arbeiter an. In einem
Manifest der "Revolutionären Phalange", die sich 1835
innerhalb der Gesellschaft der Familien zusammengschlos-
sen hatten, hieß es: "Auf niemand setzt eure Hoffnung als
auf das Proletariat!"

Vom Babouvismus und seinem Gleichheitskommunismus ent-
wickelte sich die kommunistische Bewegung über den "Neo-
babouvismus" der dreißiger Jahre, der mit der beginnenden
Arbeiterbewegung verschmolz und durch Gedanken der utopi-
schen Sozialisten der zwanziger Jahre bereichert wurde,
zum "Arbeiterkommunismus" der vierziger Jahre, in dem der
Übergang von der Bewegung einer Avantgarde zur proletari-
schen Massenbewegung begann und der schließlich in den
wissenschaftlichen Kommunismus und die moderne Arbeiter-
bewegung mündete.

2.3.3. Deutsche Geheimbünde
       Kleinbürgerlich-demokratische Geheimbünde von der
       Burschenschaft bis zum Bund der Geächteten
       Bund der Gerechten

Wie in Frankreich, so konzentrierte sich auch in Deutsch-
land die demokratische Opposition gegen die herrschende
Reaktion in Geheimbünden, waren anfangs hauptsächlich An-
gehörige der bürgerlichen Intelligenz Träger dieser Oppo-
sition und traten seit den dreißiger Jahren das proleta-
trische Element und die Forderung nach sozialer Revolution
immer stärker in Erscheinung. Anders aber als in den west-
europäischen Ländern, wo diese Frage längst gelöst war,
war eine Hauptforderung die Lösung der nationalen Frage,
das heißt die Herstellung der nationalen Einheit.

Das deutsche Volk hatte in den Befreiungskriegen die na-
poleonische Fremdherrschaft abgeschüttelt. Aber die na-
tionale Einigung und die von den Fürsten in Aussicht ge-
stellte Gewährung demokratischer Rechte blieb aus. Das
reaktionäre feudal-absolutistische Regime setzte sich
wieder fest in den Sattel. Die beiden mächtigsten deut-
schen Fürsten, der Kaiser von Österreich und der König
von Preußen, schlossen mit dem russischen Zaren eine
"Heilige Allianz", der fast alle anderen europäischen
Fürsten beitraten und deren Zweck die Unterdrückung aller
demokratischen und nationalstaatlichen Bewegungen war.

Der Widerstand gegen die Reaktion in Deutschland konzen-
trierte sich zunächst an den Universitäten. Elf Jenaer
Studenten, darunter neun ehemalige Angehörige des Lützow-
schen Freikorps, gründeten 1815 eine Burschenschaft, die
als gesamtnationale Studentenorganisation an die Stelle
der bisherigen partikularistischen und aristokratischen
studentischen "Landsmannschaften" treten sollte. Der neue
Studentenverband breitete sich rasch an den Universitäten
und anderen Hochschulen aus und führte 1817 auf der Wart-
burg eine große öffentliche Kundgebung für die Einheit
Deutschlands durch. Dieses "Wartburgfest" war ein erster
großer Höhepunkt der bürgerlichen Oppositionsbewegung für
Einheit und Freiheit und erwachte in ganz Deutschland
starken Widerhall. Ein Jahr später wurde auf dem Burschen-
tag in Jena die "Allgemeine Deutsche Burschenschaft" als
gesamtnationale Studentenorganisation gegründet. Sie for-
derte die Einheit Deutschlands und demokratische Rechte
und bleib bis zu Beginn der dreißiger Jahre die einzige
nationale bürgerlich-oppositionelle Vereinigung. Ihre Far-
ben Schwarz-Rot-Gold, vom Lützower Freikorps übernommen,
wurde zum Symbol der demokratischen Bewegung in Deutsch-
land.

Die politischen Ansichten vieler Burschenschaften waren
verworren und nicht frei von Nationalismus, Deutschtümelei
und Franzosenhaß. Viele träumten von der Wiederherstellung
der mittelalterlichen Kaiserherrlichkeit. Es gab aber auch
eine radikale Richtung, vor allem in Gießen, die sich
"Gießener Schwarze" oder "Unbedingte" nannte. Sie trat
für soziale Gleichberechtigung ein und erstrebte eine
deutsche Republik durch gewaltsame Beseitigung der Tyran-
nen. Einer von ihnen, der Jenaer Theologiestudent Karl
Ludwig Sand, ermordet 1819 den Schriftsteller Kotzebue
wegen Spitzeltätigkeit für den Zaren. Diese Tat lieferte
die Reaktion den erwünschten Vorwand für einen verschärf-
ten Polizeiterror und die berüchtigten Karlsbader Beschlüs-
se, durch die auch die Burschenschaften verboten wurde.

Die Studenten trotzen dem Verbot und führten ihre Organi-
sation als Geheimbund fort. Innerhalb der allgemeinen
Burschenschaft bildeten sich sogenannte geheime engere
Vereine als leitende Zentralen. Sie tarnten sich als
Lesezirkel oder unpolitische Studentenverbindungen unter
harmlosen Namen, organisierten Kundgebungen und führten
geheime Burschentage (Kongresse) durch, so 1820 in Dresden,
1821 in Streitberg und 1822 an der Bergstraße im Odenwald,
wo sie sich über gemeinsame Maßnahmen verständigten.

Es waren vorwiegend Angehörige der engeren geheimen Ver-
eine der Burschenschaft, die 1821 den Jünglingsbund als
neuen Geheimbund der Studenten gründeten. Seine Mitglie-
der vertraten die Ansicht, daß von den Fürsten nichts
mehr für die Einheit Deutschlands zu erwarten war und
diese durch einen gewaltsamen Umsturz erzwungen werden
müsse. Der Jünglingsbund wurde Ende 1823 denunziert. In
allen deutschen Staaten wurden Mitglieder des Jüngling-
bundes und der Burschenschaft verhaftet oder relegiert.
Die Prozesse zogen sich bis 1826 hin. Unter den Verur-
teilten befand sich auch Arnold Ruge, der später Mit Marx
die "Deutsch-französischen Jahrbücher" herausgab.
er erhielt fünfzehn Jahre Festung, von denen später zehn
Jahre erlassen wurden.

Trotz dieses Fehlschlages setzten die Burschenschaften den
Kampf fort. Große Begeisterung löste unter ihnen wie im
gesamten Bürgertum der Befreiungskampf der Griechen gegen
das türkische Joch (1821 - 1829) und der Aufstand der Polen
gegen die zaristische Unterdrückung (1830 - 1831) aus. Viele
Studenten versuchten, sich auf allen möglichen Wegen nach
Griechenland durchzuschlagen, um an dem Kampf teilzunehmen.
Es gab Pläne zur Aufstellung einer deutsch-griechischen
Legion, wie sie später im Freiheitskampf des spanischen
Volkes gegen den Faschismus verwirklicht wurden.

Burschenschafter beteiligten sich aktiv an den deutschen
Volkserhebungen 1830/31 und 1848/149. Ein geheimer Burschen-
tag, der Ende 1832 in Stuttgart stattfand, beschloß, der
Zweck der Burschenschaft solle von nun an die Erregung
einer Revolution zur Erringung der Einheit und Freiheit
Deutschlands sein. Es wurde Verbindung mit dem im gleichen
Jahr gegründeten und zunächst legalen bürgerlich-liberalen
Vaterlandsverein aufgenommen und beschlossen, die Revo-
lution durch einen Sturm auf den Sitz des Bundestages in
Frankfurt am Main auszulösen. Am 3. April 1833 erstürmten
etwa 150 bis 170 Mann - vorwiegend Burschenschafter, die
zu diesem Zweck aus verschiedenen Universitätsstädten her-
beigeeilt waren - die Hauptwache und die Konstablerwache
in Frankfurt, mußten aber kurz danach, unter Zurücklassung
von Toten und Verwundeten auf beiden Seiten, das Feld wie-
der den überlegenen Regierungstruppen überlassen, da die
erhoffte Unterstützung durch Volksmassen ausblieb. Die
aus den umliegenden Dörfern herbeieilenden Verstärkungen,
die teilweise nur mit Stöcken und Hacken bewaffnet waren
und unterwegs ein Zollhaus besetzt hatten, kamen zu spät
und mußten vor den verschlossenen Toren der Stadt umkehren.

Auf Grund des Frankfurter Wachensturms beschloß der Bundes-
tag am 28. Juni 1833 die Einsetzung einer Zentralbehörde
zur Untersuchung und Unterdrückung aller gegen den Bestand
des Deutschen Bundes gerichteten Bestrebungen. Die Be-
richte dieser Zentralbehörde, die bis 1842 bestand,stel-
len heute eine wichtige Quelle für die Geschichte der
deutschen Geheimbünde jener Jahre dar.

Aus ihnen geht hervor, daß 1833 ein neuer Geheimbund, der
sich aus den radikalsten Kreisen der Vaterlandsvereine
rekrutierte, über ganz Westdeutschland verbreitet war.
Er nannte sich "Männerbund", "Union" oder "Verein der Li-
beralen" und hatte seinen Hauptsitz in Frankfurt am Main.
An der Spitze der Mitglieder stellten Handwerker, Handwerks-
gesellen und Landleute. Sein erklärter Zweck war die Er-
richtung einer einheitlichen deutschen Republik auf
revolutionärem Wege. Zu seinen Mitteln gehörte die
Verbreitung illegaler revolutionärer Druckschriften,
die Durchführung von Versammlungen, auf denen revolutio-
näre Schriften vorgelesen und revolutionäre Lieder ge-
sungen wurden, die Bewaffnung der Mitglieder einschließ-
lich der Anlegung von Pulvervorräten und der Anfertigung
von Patronen und die Durchführung militärischer Übungen.

Mitglieder des Männerbundes unternahmen am 2. Mai 1834
den Versuch, die verhafteten Teilnehmer des Frankfurter
Wachensturms aus dem Gefängnis zu befreien. Fünf Ge-
fangenen gelang es, sich nach Durchsägen der Fenster-
gitter an Bett- und Handtüchern nach der Straßenseite
herabzulassen. Aber nur einem von ihnen gelang die Flucht
ins Ausland. Ein anderer wurde nach kurzer Zeit wieder
gefaßt, und die drei übrigen zogen sich beim Absprung so
schwere Verletzungen zu, daß sie vom Wachpersonal er-
griffen wurden, bevor die bereitstehenden Mitverschworenen
sie in Sicherheit bringen konnten. Die nach dieser miß-
glückten Gefangenenbefreiung eingeleiteten Untersuchungen
führten zur Unterdrückung des Männerbundes. Doch sollen
einzelne Sektionen noch bis 1835 bestanden haben.
                   - - -
Aus dem Fehlschlag des Frankfurter Wachensturms zogen re-
volutionäre Demokraten die Erkenntnis, daß die Revolution
nicht von einer kleinen Gruppe entschlossener Männer er-
zwungen werden könne, sondern Werk der Masse des Volkes
sein müssen.

In Hessen gründete der zwanzigjährige Medizinstudent und
später als Dichter  berühmt gewordene Georg Büchner einen
neuen Geheimbund, der sich nach der gleichnamigen franzö-
sischen Verbindung, der Büchner in Straßburg angehört ha-
ben soll, Gesellschaft der Menschenrechte nannte und das
Volk durch illegale Flugschriften auf die Revolution vor-
bereiten wollte. Sein engster Kampfgefährte war der Theo-
loge Friedrich Ludwig Weidig, der wegen seiner politischen
Tätigkeit wiederholt in gerichtliche Untersuchungen ver-
wickelt war und 1834, bis dahin Rektor der Lateinschule
in Butzbach, auf eine kleine Pfarrstelle strafversetzt
wurde. Weidig setzte seine Hoffnung nach wie vor auf das
liberale Bürgertum, während Büchner als der konsequentere
von beiden sich an die werktätigen Massen wandte und die
politische mit der sozialen Revolution verbinden wollte.
Die von ihm verfaßte Schrift "Der hessische Landbote" gilt
als die revolutionärste Flugschrift vor dem Kommunistischen
Manifest, in der die notleidenden hessischen Bauern unter
der Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" zum
Aufstand aufgerufen wurden. Die Schrift wurde 1834 in zwei
Auflagen illegal gedruckt und im Land verbreitet. Die Be-
wegung wurde aber noch im gleichen Jahr verraten. Weidig
wurde verhaftet und beging nach jahrelanger Mißhandlung im
Gefängnis Selbstmord. Sein Tod löste in Deutschland große
Empörung aus und wurde in zahlreichen Flugschriften als
Justizmord angeprangert. Im gleichen Jahr 1837 fiel Büchner,
dem die Flucht ins Ausland gelungen war, in der Schweiz
einer Typhusepidemie zum Opfer.

Weitere politische Geheimbünde bildeten sich unter den
deutschen Emigranten. In der Schweiz entstand 1834 die
geheime kleinbürgerliche-demokratische Verbindung Junges
Deutschland - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen
Literaturströmung um Heine, Börne, Gutzkow und andere -
als Abteilung des von Giuseppe Mazzini begründeten Jungen
Europa, dem auch das Junge Italien, das Junge Polen, das
Junge Frankreich und die Junge Schweiz angehörten. Im
gemeinsamen Kampf sollten der Feudalabsolutismus be-
seitigt und die national unterdrückten Völkern Italiens
und Polens von der Fremdherrschaft befreit werden. Deutsche
und Polen beteiligten sich an dem mißglückten Versuch des
Jungen Italien, durch einen bewaffneten Einfall in
Savoyen die Revolution auszulösen. Das Junge Deutschland
gewann auch Einfluß auf die in verschiedenen Orten der
Schweiz entstandenen deutschen Handwerksvereine, wurde
aber 1836 von den Schweizer Behörden, die ihrerseits
unter dem Druck der Heiligen Allianz standen, unter-
drückt.

In Paris hatten 1833 deutsche politische Emigranten und
Handwerksgesellen, die sich auf Wanderschaft befanden,
den öffentlichen Deutschen Volksverein gegründet, der
politische Flüchtlinge unterstützte und Flugschriften
herausgab, die illegal auch in Deutschland verbreitet
wurden. Der Verein wurde 1834 von den französischen Be-
hörden aufgelöst.

Vertreter des linken Flügels des Deutschen Volksvereins
gründeten daraufhin den geheimen Bund der Geächteten.
Sein Ziel war der Sturz der Fürstenherrschaft und Durchsetzung
der Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland. Die Mit-
glieder waren in der Mehrzahl deutsche Handwerksgesellen,
die in Paris lebten, aber an der Spitze standen klein-
bürgerliche Intellektuelle, die in der Zeitschrift des
Bundes "Der Geächteten" anfangs einen kleinbürgerlich-
demokratischen, später einen kleinbürgerlich-sozialisti-
schen Standpunkt vertreten. Der Bund wirkte über wandernde
Handwerksgesellen und Zweigstellen auch nach Deutschland
und in die Schweiz hinein.
                   - - -
Seit 1836 begann die proletarischen Mitglieder des Bundes
der Geächteten, überwiegend Handwerksgesellen, sich von der
Führung der kleinbürgerlichen Intellektuellen zu lösen.
Zahlreiche "Zelte", wie sich die Grundeinheiten im Bund der
Geächteten nannten, traten aus und schlossen sich in dem
neuen geheimen Bund der Gerechten zusammen. Das war die
erste selbständige politische Organisation der deutschen
Arbeiterklasse, die sich mit Wilhelm Weitlings Schrift
"Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte" (1838)
ein eigenes Programm gab, in dem erklärt wurde, daß sich
das Proletariat selbst befreien müsse und die Gütergemein-
schaft gefordert wurde. Zu den führenden Vertretern des
Bundes gehörte neben dem Schneider Weitling der Schuhmacher
Heinrich Bauer, der Uhrmacher Joseph Moll und der Schrift-
setzer Karl Schapper, der vordem Forststudent, Mitglied der
Burschenschaft und des Jungen Deutschland sowie Teilnehmer
des Frankfurter Wachensturmes und des Savoyenfeldzuges
Mazzins gewesen war. Außer in Frankreich bestanden Bun-
desgemein in Deutschland, England und der Schweiz.

Ursprünglich war der Bund der Gerechten nur ein deutscher
Ableger des französischen Arbeiterkommunismus und seiner
Geheimbünde, zu denen enge Beziehungen bestanden. Als die
französische Gesellschaft der Jahreszeiten 1839 einen
Aufstand auszulösen versuchte, beteiligten sich auch die
Pariser Gemeinden des Bundes und wurden somit in die ge-
meinsame Niederlage verwickelt. Seine führenden Vertreter
wurden, teilweise nach längerer Haft, aus Frankreich aus-
gewiesen und gingen nach London, das nun zum Zentrum des
Bundes wurde.

In einem tiefgreifenden ideologischen Klärungsprozeß löste
sich der Bund seit Mitte der vierziger Jahre vom utopischen
Arbeiterkommunismus Weitlings und begab sich auf die Po-
sition des von Marx und Engels begründeten wissenschaft-
lichen Sozialismus. Aus dem Bund der Gerechten entstand
1847 der Bund der Kommunisten.

2.3.4. Konspiration und Organisation der Geheimbünde

zum Wesen der politischen Geheimbünde, die den bewaffneten
Aufstand des Volkes vorbereiteten, gehörte die Geheimhal-
tung ihrer Mitglieder, ihrer Führung, ihrer Tätigkeit,
ihrer Absichten und Pläne, ja soweit möglich ihrer bloßen
Existenz vor der Öffentlichkeit, um Verfolgung und Unter-
drückung zu vermeiden. Andererseits setzten die Regierungen
alle Mittel ein, um die Geheimbünde aufzuspüren und zu
vernichten, wobei sich die Einschleusung von Polizei-
agenten als Spitzel und Provokateure in die Organisation
als besonders wirksam erwies. Die Geheimbünde mußten ja,
um eine revolutionäre Aktion vorbereiten und auslösen zu
können, eine ausreichende Anzahl von Mitgliedern anwerben,
und dabei war es nicht leicht zu erkennen, ob einer der
Angeworbenen wirklich ein überzeugter Revolutionär war
oder diese Rolle nur geschickt spielte.

Die Geheimbünde schützten sich gegen Verrat und Verfolgung,
indem sie ihren Mitgliedern bestimmte Verhaltensmaßregeln
auferlegt, wie sie in Geheimbünden und bei Verschwörungen
von alters her üblich waren. Zu diesen Regeln der Konspi-
ration gehörten unter anderem die Verpflichtung der Mit-
glieder zur unbedingten Verschwiegenheit, die Geheimhal-
tung der Führung und ihrer Aktionspläne, die Gliederung
des Bundes in kleine und einander unbekannte Einheiten,
der Gebrauch von Decknamen, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen
bei der Verbindungsaufnahme, bei Zusammenkünften aller Art,
bei der Herstellung und Verbreitung illegaler Schriften.

Eine Grundregel der Konspiration war, daß jeder nur soviel
über die anderen Mitglieder des Bundes und seine Aktivitäten
wissen sollte, wie zur Durchführung seiner eigenen Aufgabe
notwendig war.

In den Geheimbünden, die Buonarroti in den zwanziger Jahren
organisierte, war sogar das letzte Ziel der Bewegung, nämlich
die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung,
nur dem engsten Führungsgremium bekannt. Die übrigen Mit-
glieder kannten in gradweiser Abstufung nur die nächsten
Ziele: Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechtes und Errichtung
einer demokratischen Republik. Dieser hierarchische Aufbau
und die Einteilung der Mitglieder in verschiedene Grade des
Eingeweihtseins war von älteren Geheimbünden übernommen, wie
z. B. den Freimaurern, denen Buonarroti in jungen Jahren
selbst angehört hatte.

Bei den meisten geheimen Gesellschaften der dreißiger Jahre
war das Ziel der Bewegung allen Mitgliedern bekannt. Aber
noch im Bund der Geächteten gab es zwei Grade von Mitgliedern
mit getrennten Statuen: Allgemeiner Statuten für den unteren
Grad und sogenannten Berg- oder Lagerstatuten für den oberen
Grad. Nach Artikel 3 der Allgemeinen Statuten war der Zweck
des Bundes die "Befreiung und Wiedergeburt Deutschlands und
Verwirklichung der in der Erklärung der Menschen- und Bür-
gerrechte ausgesprochenen Grundsätze". In Artikel 2 der
Lagerstatuten hieß es ausführlicher und weitergehend: "Der
Zweck des deutschen Bundes der Geächteten ist die Befreiung
Deutschland von dem Joche schimpflicher Knechtschaft und
Begründung eines Zustandes, der, soviel als Meschenvorsicht
vermag, den Rückfall in Knechtschaft und Elend verhindert.
Die Errichtung dieses Hauptzweckes ist nur möglich bei Be-
gründung und Erhaltung der sozialen und politischen Gleich-
heit, Freiheit, Bürgertugend und Volkseinheit zunächst in
den der deutschen Sprache und Sitte angehörenden Länder-
gebieten, sodann aber auch bei allen übrigen Völkern des
Erdkreises."

Das hierarchische Organisationsprinzip kam auch darin zum
Ausdruck, daß die Leitungsorgane nicht von unten nach oben
gewählt, sondern von oben nach unten ernannt wurden. Jeder
Leiter sollte nur seinen nächstübergeordneten und die ihm
unmittelbar unterstellten Leiter kennen, die einfachen
Mitglieder nur die anderen Mitglieder ihrer Grundeinheit
und deren Vorsitzenden. Jeder war verpflichtet, die Wei-
sungen der überordneten Leitung bedingungslos zu erfül-
len.

Im Bund der Gerechten wurde die hierarchische Struktur
durch eine demokratische ersetzt. Im Statut war die jähr-
liche Neuwahl der Bundesangehörigen und die Mitbestimmung
der Bundesmitglieder festgelegt.
                   - - -
Neue Mitglieder der Geheimbünde mußten sich vor der Auf-
nahme zu unbedingter Treue und Ergebenheit und absoluter
Verschwiegenheit in allen Bundesangelegenheiten verpflich-
ten. Die Verpflichtung erfolgte bei älteren Geheimbünden
durch förmlichen Eid, später überwiegend durch einfaches
Gelöbnis oder ehrenwörtliches Versprechen. Für Verrat
wurde die Todesstrafe angedroht. Doch sind nur wenige
Fälle bekannt geworden, in denen die Todesstrafe verhängt
wurde. Ende 1832 verurteilte das Komitee des italieni-
schen Geheimbundes Junges Italien zwei Mitglieder zum
Tode und zwei weitere zur Geißelung und bedrohte die zur
Vollstreckung Angewiesenen für den Fall des Ungehorsams
gleichfalls mit dem Tode. Das Urteil wurde in einer fran-
zösischen Zeitung sogar veröffentlicht. Zwei der Verur-
teilten wurden wenige Monate später tatsächlich getötet.
Auch im Jungen Deutschland wurde ein Todesurteil ver-
hängt, jedoch nicht vollstreckt, weil der mit der Aus-
führung Beauftragte aus der Schweiz ausgewiesen wurde.

Um die moralische Wirkung zu verstärken, erfolgte die Ver-
pflichtung neuer Mitglieder in feierlicher Form. Das Auf-
nahmezeremoniell der französischen Gesellschaft der
Jahreszeiten wird wie folgt beschrieben: Der Kandidat
wird mit verbundenen Augen hereingeführt. Ihm werden
bestimmte Fragen zur Person gestellt. Dann wird er mit
folgenden Worten angesprochen: "Bist du dir im klarem
darüber, daß Verräter mit dem Tode bestraft werden? Schwö-
re nun, Bürger, niemandem zu verraten, was sich hier abge-
spielt hat!" Nach diesem Schwur stellt der Präsident be-
stimmte politische Fragen, die in bestimmter Weise zu
beantworten sind. Der Kandidat legt einen feierlichen
Eid ab, mit seinem Leben für die verkündeten Grundsätze
einzustehen. Der Präsident gibt ihm einen Dolch in die
Hand. Der Kandidat spricht: "Wenn ich diesen Eid breche,
so soll ich mit dem Tod der Verräter bestraft werden. Ich
erkläre mich bereit, wie ein Verräter behandelt zu werden,
wenn ich auch nur das Geringste an irgend jemand verrate,
der nicht Mitglied der Assoziation ist, und sei es mein
eigener Verwandter."

Ähnlich war das Aufnahme verfahren beim deutschen Bund der
Geächteten. In Paris wurde der Kandidat mit verbundenen
Augen in das Zimmer geführt, wo ihm die Statuten vorgele-
sen und das Gelöbnis abgenommen wurde. Danach wurde die
Augenbinde abgenommen, die Anwesenden begrüßten ihn mit
Handschlag und redeten ihn mit "Du" und "Bruder" an. In
Deutschland unterblieb das Verbinden der Augen bei der
Aufnahme neuer Mitglieder.

Das Aufnahmegelöbnis des Bundes der Geächteten hatte fol-
genden Wortlaut: "Ich gelobe bei meiner Ehre: Verschwie-
genheit über das Bestehen des Bundes und treuen, auf-
opfernden Eiger für seinen erhabenen Zweck. Mich treffe
Ehrlosigkeit und Tod, wenn ich wortbrüchig werde." Das
Gelöbnis der Mitglieder des oberen Grades verpflichtete
außerdem zur Verschwiegenheit über das Bestehen dieses
Grades. Artikel 40 der Allgemeinen Statuten lautete:
"Den Verräter am Bunde trifft der Tod."

Die Aufnahme in den Bund der Gerechten, auch Bund der Ge-
richtigkeit genannt, wurde von einem verhafteten Bundes-
mitglied von der Untersuchungsbehörde wie folgt darge-
stellt: Der Kandidat wurde von seinem Bürgen zu einer ihm
vorher unbekannten Wohnung geführt, wo ihm im Vorsaal die
Augen verbunden wurden. Dann betraten beide das Zimmer,
in dem die Aufnahmekommission tagte, und wurden aufge-
fordert, auf Stühlen Platz zu nehmen. Der Sprecher der
Aufnahmekommission, dessen Stimme dem Kandidaten unbekannt
war, richtete an den Bürger die Frage, ob der Hereinge-
führte derjenige sei, der in die Verbindung eintreten
wolle. Nach bejahender Antwort stellte der Sprecher dem
Kandidaten verschiedene Fragen zur Person und richtete
dann nochmals das Wort an den Bürger mit der Frage, ob er
den Kandidaten für fähig und hinreichend vorbereitet
halte, was der Bürge bestätigte. Nun wandte sich der
Sprecher mit einer kurzen Ansprache wieder dem Kandi-
daten zu und endete mit der Frage, ob dieser ernsthaft
gewillt sei, dem Bund beizutreten. Der Kandidat bejahrte
das, und nun wurden ihm die Statuten vorgelesen. Dann
wurde er gefragt, ober alles richtig verstanden habe.
Als der Kandidat erwiderte, dies sei nur oberflächlich
der Fall, wurde die Statuten nochmals verlesen. Nach-
dem der Kandidat erklärt hatte, er habe nun alles Verstan-
den, erhoben sich alle Anwesenden von den Plätzen. Der
Sprecher las die Eidesformel vor und der Kandidat sprach
sie nach. Ob dabei die Worte "ich schwöre" oder "ich ge-
lobe bei meiner Ehre" gebraucht worden war, konnte der
sich nachträglich nicht mehr erinnern. Nach dem Gelöbnis
führte der Bürge den Kandidaten wieder in den Vorlas, wo
er ihm die Augenbinde abnahm und erklärte, daß er nun in
die Verbindung aufgenommen sei und "daß die Einrichtung
der Gesellschaft des zu befürchtenden Verrats halber so
sein müsse, daß immer nur wenige Mitglieder derselben ein-
ander kannten". Das neue Mitglied hatte demnach bei der
Aufnahme außer seinem Bürgen keines der anwesenden Bundes-
mitglieder zu Gesicht bekommen.

In den Statuten des Bundes der Gerechten von 1838 heißt es:
"Die Aufnahme neuer Mitglieder geschieht jedesmal durch
eine von der Gemeinde zu ernennende Kommission von zwei
Mitgliedern. Der aufzunehmende Kandidat wird erst, nachdem
die Gemeinde über seine Aufnahme beschlossen, gegen Ab-
leistung eines auf Verschwiegenheit gerichteten ehrenwört-
lichen Gelöbnis von dem Bestehen und dem Zweck des
Bundes in Kenntnis gesetzt; willigt er in den ihm solcher-
gestalt gemachten Vorschlag ein, so wird er an dem zur Auf-
nahme festgesetzten Tage in das Sitzungslokal der Kommission
eingeführt, dort mit den Statuten und Grundsätzen des Bundes
bekannt gemacht und, wenn er einwilligt, beeidigt. - Fordert
er Bedenkzeit, so wird er mit der Androhung entlassen, daß
ihn die Rache des Bundes unfehlbar erreichen werde, insofern
er die angelobte Verschwiegenheit breche. - Die Namen: Bund
der Gerechtigkeit, Gemeinde, Gau, Volkshalle usw. sowie die
Zeichen der Verbindung werden dem Kandidaten erst nach
Ableistung des nachtenden Aufnahme-Gelöbnisses mitge-
teilt."

Das Gelöbnis hatte folgenden Wortlaut: "Ich gelobe bei
meiner Ehre Verschwiegenheit über das Bestehen des Bundes
und treuen aufopfernden Eifer für seinen erhabenen Zweck;
mich treffe Ehrlosigkeit und- , wenn ich wortbrüchig wer-
de." Der Gedankenstrich im letzten Satz steht offenbar
für das Wort Tod.
                   - - -
Die Zusammenfassung der Mitglieder in kleinen Gruppen,
denen die Mitglieder der anderen Gruppen unbekannt blei-
ben sollten, diente dem Zweck, zu verhindern, daß bei
Aufspürung oder Verrat einzelner Mitglieder die Verhaftungs-
welle größere Kreise zig und die ganze Verbindung gefähr-
dete.

Die Grundeinheit der französischen Gesellschaft der Men-
schenrechte von 1832, die sich durch besonders straffe
Organisation auszeichnete, war die Fünfergruppe. Zwei
bis vier Fünfergruppen bildeten eine Sektion. Jeweils
mehrere Sektionen waren einem Wohngebietskommissar unter-
stellt, von denen es in Paris 48 gab und von denen je
vier einem der zwölf Stadtbezirkskommissare unterstanden.
In Frankreich sollen etwa dreihundert Sektionen bestanden
haben, davon hundertsiebzig in Paris. Das würde bedeuten,
das einem Wohngebietskommissar im Durchschnitt drei bis
vier Sektionen unterstanden.

Die Gesellschaft der Familien trug ihren Namen nach der
Bezeichnung ihrer Grundeinheiten als "Familien", die eben-
falls fünf Mitglieder umfaßten. Fünf Familien bildeten
ein "Quartier", dessen Obmann über einen Instrukteur die
Verbindung mit der Leitung unterhielt.

In der Gesellschaft der Jahreszeiten wurde die Grund-
einheit als "Woche" bezeichnet. Sie umfaßte sieben Mit-
glieder einschließlich ihres "Chefs". Vier Wochen bildeten
einen "Monat", drei Monate eine "Jahreszeit" (saison),
vier Jahreszeiten ein "Jahr". In Paris gab es drei Jahre.
Nur die gleichrangigen Leiter einer Leitungsebene, nicht
die einfachen Mitglieder verschiedener Einheiten, durften
einander kennen, also der Chef seiner Woche nur die frei
anderen Wochenchefs seines Monats, der Chef eines Monats
nur die beiden anderen Monatschefs seiner Jahreszeit usw.

Dieser Organisationsaufbau wurde auch von den "Proletari-
schen Gleichheitsfreunden", die sich 1840 von den Neuen
Jahreszeiten abgesondert hatten, übernommen, wobei die
gewählten Einheitsbezeichnungen das Hervortreten des pro-
letarischen Elements erkennen lassen. Sieben "Bürger" mit
einen "Arbeiter" an der Spitze bildeten einen "Beruf",
vier Berufe eine "Werkstatt" unter einem "Werkmeister",
zwei Werkstätten eine "Fabrik" unter einem "Verwalter",
vier Fabriken eine "Abteilung" unter einem "Abteilungs-
leiter".

Der deutsche Männerbund von 1834 war nach dem Zwölfer-
prinzip organisiert. Höchstens zwölf Mitglieder bildeten
eine "Sektion", zwölf Sektionen eine "Serie" und zwölf
Serien eine "Union".

Die Grundeinheiten des Bundes der Geächteten waren die
"Hütten", später "Zelte" genannt, in denen die Mitglieder
des unteren Grades organisiert waren und die nicht weniger
als drei und nicht mehr als zehn Mitglieder haben sollten.
Sie waren den "Bergen", später "Lager" genannt, unterge-
ordnet, in denen die Mitglieder des oberen Grades organi-
siert waren und deren Existenz den Zelten verborgen blei-
ben sollte. Über den Lagern standen die "Dikasterien"
(im alten Griechenland und später in Deutschland Bezeich-
nung für Gerichtshöfe und Richterkollegien), später
"Kreislager" genannt. Ihm unterstanden jeweils die Lager
und Zelte eines Bundeskreises. Ihre Mitglieder wurden von
der obersten Bundesbehörde ernannt, die sich "National-
hütte", später "Brennpunkt" nannte.

Die noch durchaus hierarchische Struktur des Bundes der
Geächteten wurde im Bund der Gerechten durch eine demokra-
tische ersetzt. Die Mitglieder wurden nicht mehr in ver-
schiedene Grade eingestuft, die Bundesorgane nicht mehr
von oben ernannt, sondern von unten nach oben gewählt.
Grundeinheit war die "Gemeinde" mit fünf bis zehn Mit-
gliedern, die aus ihrer Mitte einen "Vorsteher" und
dessen "Beistand" (Stellvertreter) wählte. Fünf bis zehn
Gemeinden bildeten einen "Gau", dessen Vorstand ("Gaustand")
von den Vorstehern sämtlicher Gemeinden des Gaus gebildet
wurde. Die Zentralbehörde des Bundes wurde "Volkshalle"
genannt und von den Gauständigen des Ortes, wo sie ihren
Sitz hatte gewählt.
                   - - -
Zweck des Geheimbundes, Bedingungen der Mitgliedschaft,
Aufnahmeverfahren und organisatorischer Aufbau waren in
den Statuten festgelegt. Diese wurden vor Nichtmitglie-
dern streng geheimgehalten, befanden sich nur im Besitz
der leitenden Organe und wurden den übrigen Mitgliedern
bei der Aufnahme nur vorgelesen. Andererseits verwendeten
die Behörden keine geringe Mühe darauf, in den Besitz der
Statuten zu gelangen, da sie ein wichtiges Beweisstück
für den ungesetzlichen Charakter der Verbindung darstell-
ten.

Der Geheimhaltung unterlagen auch der organisatorische
Aufbau der Verbindung und die Bezeichnungen und Aufgaben
ihrer Einheiten und Leitungsorgane. Einheitsbezeichnungen
wie "Familie", "Jahreszeiten", Werkstatt", "Hütte" oder
"Zelt" dienten bis zu einem gewissen Grade zugleich als
Deckname zur Tarnung des eigentlichen Wesens der Organi-
sation.

Neben diesen generellen Einheitsbezeichnungen führte die
Einheiten oft noch Eigennamen, sogenannte Unterscheidungs-
namen, die selbst gewählt oder von dem übergeordneten
Leitungsorgan festgelegt wurden. Ein Zelt des Bundes der
Geächteten nannte sich z. B. "Bürgertugend", ein anderes
"Volkswille", ein drittes "Einigkeit" usw. Auch die Ge-
meinden des Bundes der Gerechten führten selbstgewählte
Unterscheidungsnamen. Die Sektionen des Männerbundes un-
terschieden sich durch Nummern, also Deckzahlen anstelle
von Decknamen.

Für die einzelnen Bundesmitglieder waren Decknamen allge-
mein üblich und nach den Statuten des Bundes der Geächte-
ten und des Bundes der Gerechten obligatorisch. Damit
sollte die Identifizierung und Verfolgung weiterer Mitglie-
der auf Grund von Aussagen von Verhafteter oder sonstiger Ver-
letzung der Schweigepflicht erschwert werden. Die Mitglie-
der sollten möglichst untereinander ihre richtigen Namen,
Wohnungen, Arbeitsstellen und sonstigen näheren Lebens-
umstände gar nicht kennen, sondern nur ihre Decknamen
sowie Zeit und Ort des nächsten Treffens, das von Fall
zu Fall zu vereinbaren war. War es notwendig, zwischen
zwei Mitgliedern, die einander sich nicht kannten, Ver-
bindung herzustellen, so mußte diese entweder durch ein
Mitglied, das beiden als solches bekannt war, vermittelt
oder mittels bestimmter Erkennungszeichen und Losungs-
worte, die von der übergeordneten Leitung festgelegt waren,
aufgenommen werden.

In der Praxis wurden allerdings die Vorschriften über die
Anwendung von Decknamen nicht immer streng eingehalten.
Innerhalb der Grundeinheiten war das Prinzip, wonach sich
die Mitglieder nur unter ihren Decknamen kennen sollten,
ohnehin gegenstandslos. Denn bevor sich Gleichgesinnte
in einer Verbindung zusammenschließen konnten, mußten sie
sich erst einmal näher kennenlernen, und das geschah in
der Regel bei öffentlichen Veranstaltungen, in legalen
Vereinigungen, auf gemeinsamen Arbeitsstellen oder im
Wohngebiet, wo ihre richtigen Namen ohnehin bekannt waren.

Die Decknamen wurden gewöhnlich bei der Aufnahme in den
Bund verliehen oder selbst gewählt, wobei auch, um Verwechs-
lungen vorzubeugen, darauf geachtet werden mußte, daß nicht
der gleiche Deckname an verschiedene Mitglieder ausgegeben
wurde. In Untersuchungsakten ist eine größere Anzahl von
Decknamen überliefert. Aus diesen Akten geht auch hervor,
daß der Gebrauch von Decknamen nützlich war, denn es be-
reitete den Behörden erhebliche Mühe und gelang ihnen
nicht immer, herauszubekommen, wer sich hinter welchem
Decknamen verbarg.

Decknamen sollen keine Rückschlüsse auf die Personen zulassen,
und es war ein Verstoß gegen diese Regel, wenn Decknamen
ausgegeben wurden wie "Bäckerchen" für einen kleinwüchsigen
Mitglied namens Becker, "kleiner Schlesier" für einen an-
deren Kleinwüchsigen schlesischer Herkunft, "Lahmer" für
einen Hinkenden oder "Roter" für einen Rothaarigen. Weniger
durchsichtig waren Decknamen wie "Faß" für eine Küfer,
"Schrank" für einen Tischler, "Bindfaden" für einen Posa-
mentierer und "Schwarzkünstler" für einen Schornsteinfeger.
Meistens dienten gängige Vor- und Familiennamen als Deck-
namen, wobei natürlich die Verwendung des eigenen Vor-
namens als Deckname nicht zweckmäßg war. Auch die Namen
bekannter Freiheitskämpfer aus der Geschichte wie Brutus,
Winkelried, Hus, Hutten oder Lützow waren als Decknamen
beliebt. Gelegentlich entstand ein Deckname auch aus
einem zufälligen Ereignis; so erhielt ein Mitglied den
Decknamen "Fidibus", weil er sich im Moment der Namens-
verleihung gerade die Pfeife mit einem Fidibus anzündete.

Ein Beispiel für die Anwendung von Deckzahlen anstelle von
Decknamen ist der Kampfappell der aufständigen Ziegelei-
arbeiter von Manchester, wo die Teilnehmer nicht mit Namen,
sondern unter ihrer Nummer im Mitgliedsverzeichnis aufge-
rufen wurden. Die Mitglieder der Gesellschaft der Jahres-
zeiten hatten ebenfalls Deckzahlen, und im Männerbund sol-
len sowohl Decknamen als auch Deckzahlen in Gebrauch ge-
wesen sein.

Geheime Erkennungszeichen in Form bestimmter verabredeter,
aber unauffälliger Gesten, oft in Verbindung mit dem Aus-
tausch bestimmter, ebenfalls vereinbarten Losungsworte,
ermöglichten die gegenseitige Erkennung von Bundesmit-
gliedern, die einander als solche noch nicht kannten, auch
in Gegenwart Außenstehender. Sie wurden von der überg-
ordneten Bundesbehörde entweder individuell von Fall zu
Fall oder allgemeingültig für sämtliche Mitglieder oder
bestimmte Gruppen von ihnen festgelegt. So waren nach Ar-
tikel 23a der Lagerstatuten des Bundes der Geächteten die
Erkennungszeichen für den oberen Grad der Bundesmitglieder
andere als für den unteren Grad. Allgemeingültige Erken-
nungzeichen und Losungsworte mußten, um das Geheimnis zu
wahren, von Zeit zu Zeit gewechselt werden, vor allem,
wenn ein Mitglied ausgeschlossen worden war.

Einige dieser Erkennungszeichen sind durch Aussagen vor
der Bundeszentralbehörde aktenkundig geworden. Demnach
galt im Bund der Geächteten eine Zeitlang als Erkennungs-
zeichen ein Streiche mit der Hand über das Gesicht, das
durch eine ähnliche Bewegung erwidert wurde. Losungsworte
war "Bürgertum", später die Frage "Hast du sie gesehen?",
worauf als Antwort folgen mußte "Ich hoffe, sie zu sehen".
Nach anderer Aussage mußten Fragen und Antworten so gespro-
chen werden, daß der Angeredete das erste Wort, der Ange-
redete das zweite Wort, der Anredende das dritte Wort usw.
im Wechsel sprach. In einem weiteren Fall drückte einer
mit dem Daumen auf eines seiner Augen, worauf der andere
den Daumen der anderen Hand auf sein anders Auge legen
mußte. Nach anderer Aussage bestand das Zeichen darin,
daß der Anfragende mit zwei Fingern über das eine Auge
an der Nase herunterfuhr, und wenn der andere diese
Zeichen mit der anderen Hand erwidert hatte, folgte die
Frage "Hast du sie gesehen?", und nach der Antwort "Nein,
ich hoffe, sie zu sehen" wurden die Worte "Die Zukunft
ist mit uns" silbenweise gegenseitig ins Ohr geflüstert.
Mit dieser Aussage stimmt im wesentlichen ein Notizzettel
überein, der bei einem anderen Verhafteten gefunden wurde.

In den Statuten des Bundes der Deutschen, einer 1838
entstandenen Nachfolgeorganisation des Bundes der Geäch-
teten nach dem Ausscheiden der Mitglieder, die sich dem
Bund der Gerechten angeschlossen hatten, war festgelegt,
daß sich die Bundesbevollmächtigten bei den Kreisen und
Gemeinden, zu denen sie entsandt wurden, durch besondere
Erkennungszeichen auszuweisen hatten. Die Zeichen wurden
den aufzusuchenden Stellen von der obersten Bundesbehörde
vorher mitgeteilt. Eines davon bestand darin, daß der
Anfragende mit dem Daumen oder Zeigefinger ein Dreieck
auf der Stirn der Angeredete ein solches auf dem Kinn
beschrieb; darauf fragte der erste: "Was frommt zum
Ziel?", und nach der Antwort "Männerkraft" oder "Männer-
tugend" sprachen beide buchstabenweise im Wechsel das
Wort "Handschlag".

Auch im Bund der Gerechten gab es Erkennungszeichen. Ar-
tikel 37 der Statuten lautete: "Die Verbindung hat Er-
kennungszeichen, welche von der Volkshalle erlassen wer-
den." Eines davon bestand darin, daß der Anredende mit
seiner linken Hand an seine linke Rockklappe griff, wo-
rauf der andere mit der rechten Hand an das Kinn faßte;
dann fragte der erste: "Wie geht es?", worauf die Ant-
wort erfolgte: "Immer vorwärts".

Neben den angeführten Erkennungszeichen in Gestalt von
Gebärden und Worten kamen auch grafische Erkennungs-
zeichen zur Anwendung. Sie dienten in Schreiben an
persönlich unbekannte Bundesmitglieder zur Bestätigung
dafür, daß es sich tatsächlich um ein Schreiben des
Bundes handelte, und wurde an den Rand des Schreibens
gesetzt. Eines dieser grafischen Erkennungszeichen des
Bundes der Geächteten war ein Dreieck mit zwei kurzen
waagerechten Strichen im Innern, ein anders ein lie-
gendes Kreuz mit vier Punkten.

Dem gleichen Zweck diente auch Siegel. Einem Schriftstück
des Bundes der Geächteten von 1836 ist ein Oblatensiegel
beigedrückt, als ein Siegel aus Teig, das in kreisrunder
Einfassung die Umschrift "D B D G" (Deutscher Bund der
Geächteten), in der Mitte ein erhobene Schwurhand und
darunter einen Stern aufweist.
                  - - -
Zur Tarnung geheimer Zusammenkünfte einer größeren Anzahl
von Geheimbundmitgliedern schlug man zwei völlig entgegen-
gesetzte Wege ein, die dennoch beide bei richtigem Verhal-
ten zum Ziel führten: Entweder traf man sich an einsamen
und abgelegenen Orten oder inmitten der belegtesten Öf-
fentlichkeit.

Im ersten Fall diente als Treffpunkt konspirative Woh-
nungen, deren Inhaber nicht von der Polizei überwacht
wurden, entlegene Ausflugslokale, einsame Waldwiesen und
andere Stellen im Freien, deren Zugangswege überschaubar
waren und durch Wachposten abgesichert werden konnten.
Wenn die ausgestellten Posten die Annäherung fremder
Personen signalisierten, so schalteten die Versammelten
auf harmlose Unterhaltung, geselliges Spiel oder gemein-
samen Gesang um. oder sie zerstreuten sich im Wald und
mimten den Harmlosen Spaziergänger, Pilzsucher oder Beeren-
sammler. Um den Eindruck zu verstärken, es handle sich um
einen harmlosen geselligen Ausflug, wurden manchmal auch
Frauen und Kinder mitgenommen.

Zusammenkünfte eines kleineren Personenkreises wurden
auch in belebten Lokalen der Innenstadt durchgeführt, wo
es nicht auffallendes an sich hatte, wenn an einem Tisch
ein kleiner Bekanntengreis zusammensaß. Eine Spitzen-
leistung von Tarnung in breitester Öffentlichkeit bot
zweifellos die französische Gesellschaft der Jahreszeiten,
als ihre Kommandeure am helllichten Tage auf den beleb-
testen Straßen von Paris eine Truppenmusterung abhielten,
ohne da0 die auf- und abflutenden Passanten davon etwas
bemerkten.

Die Zeitversammlungen des Bundes der Geächteten wurden
ziemlich regelmäßig alle acht bis vierzig Tage durchge-
führt. Man kam in der Wohnung oder Werkstatt eines der
Zeltmitglieder zusammen, oft aber auch in einem öffent-
lichen Bier- oder Weinhaus oder auch auf Spaziergängen
oder irgendwo im Freien. In den Versammlungen wurden die
Mitgliederbeiträge kassiert, neue Mitglieder aufgenommen,
politische Schriften vorgelesen und politische Gespräche
geführt.

Gute Möglichkeiten für die Tarnung von Zusammenkünften
der Geheimbundmitglieder, für ihre Propagandatätigkeit
und die Anwerbung neuer Mitglieder boten legale Vereini-
gungen und öffentliche Veranstaltungen. Wenn sich auf dem
Vereinsabend eines Bildungs-, Turn-, Schützen- oder Ge-
sangsvereins eine kleine Gruppe von Bekannten scheinbar
zufällig an einem Tisch zusammenfand oder gemeinsam den
Heimweg antrat, so erregte das kaum Aufsehen. Dabei
konnten politische Gespräche geführt, Informationen aus-
getauscht, Materialien übergeben und die nächsten Maß-
nahmen verabredet werden. Der Londoner Arbeiterbildungs-
verein, der 1840 von Mitgliedern des Bundes der Gerechten
gegründet worden war, diente dem Bund als eine Art Re-
krutierungsbüro, und gleiches galt auch für die deutschen
Arbeiterbildungsvereine in Paris, Brüssel, der Schweiz
und Deutschland selbst.

Volksfeste von überörtlicher Bedeutung, wie z. B. die
Gutenbergfeste 1837 in Main und 1840 in Frankfurt a. M.,
das Sängerfest 1838 in Frankfurt, große Kirchweih- und
Schützenfeste, wurden genutzt, um die Bundesmitglieder
verschiedener Orte untereinander bekannt zu machen,
Bundesangelegenheiten zu besprechen und neue Mitglieder
anzuwerben.
                  - - -
Illegale Druckschriften spielten in der revolutionären
Bewegung der dreißiger und vierziger Jahre  des 19. Jahr-
hunderts schon eine große Rolle. Der Bund der Gerechten
entfaltete im Sommer 1834 eine regelrechte Aktion zur Ver-
breitung von Flugschriften und der Bundeszeitschrift
"Der Geächtete", die sozialreformerischen Standpunkt
vertrat.

Die Schriften wurden entweder im Bestimmungsland selbst
von Geheimdruckereien hergestellt oder im Ausland gedruckt
und von Bundesmitgliedern heimlich über die Grenze geschafft
und verbreitet. Bounarrotis Geschichte der Verschwörung der
Gleichen erschien zuerst in Brüssel, Weitlings Programm-
schrift für den Bund der Gerechten in Paris, das Kommuni-
stische Manifest in London.

Die ersten illegalen Arbeiterzeitungen erschienen 1837/38
in Paris. Die Herausgeber gehörten vermutlich dem Geheim-
bund "Demokratische Phalange" an, einer Nachfolgeorganisa-
tion der Gesellschaft der Familien. Die Blätter wurden in
der Portierloge des Vaters von einem der Herausgeber mit
behelfsmäßigen Lettern gesetzt und in einigen hundert Exem-
plaren "auf Lappen grauen Papiers" vervielfältigt. Bei der
Verbreitung wurden sie am Körper verborgen und einzeln
unter Haus- und Wohnungstüren durchgeschoben, in Haus-
fluren und Läden abgelegt oder mit der Post verschickt.

Die erste Auflage des "Hessischen Landboten" (1834) wurde
in einer Geheimdruckerei hergestellt, die in einem Keller
in Offenbach untergebracht war. An der Verbreitung waren
Studenten und Handwerksgesellen beteiligt.

Der "Hessische Landbote" ist auch dadurch bemerkenswert,
daß er einleitend eine Art Instruktion für den Umgang mit
illegaler Literatur bringt. Dieser "Vorbericht" hat fol-
genden Wortlaut:

"Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit
melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt; ja so-
gar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige
Richter vielleicht gestraft. Darum haben die, welchen
dies Blatt zukommt, folgendes zu beobachten:
1. Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres
   Hauses vor der Polizei bewahren;
2. sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
3. denen, welchen sie nicht trauen wie sich selbst,
   dürfen sie es nur heimlich hinlegen;
4. würde das Blatt dennoch bei einem gefunden, der es
   gelesen hat, so muß er gestehen, daß er es eben dem
   Kreisrat habe bringen wollen;
5. wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm
   findet, der ist natürlich ohne Schuld."

Der fünfte Hinweis enthielt natürlich die indirekte Auf-
forderung, nach Möglichkeit überhaupt zu leugnen, das
Blatt gelesen zu haben.
                  - - -
Die Geheimbünde befaßten sich nicht bloß mit der Her-
stellung und Verbreitung geistiger Waffen, sondern auch
mit der Beschaffung und Anfertigung richtiger Waffen zur
Vorbereitung des bewaffneten Aufstands.

Es wurde schon erwähnt, daß die englischen Arbeiter
teilweise mit selbstgefertigten Waffen in den Kampf zo-
gen.

Die französische Gesellschaft der Familien hatte eine
geheime Munitionsfabrik einrichtet. Als die Polizei
durch einen Spitzel davon Kenntnis erhielt und im März
1836 die Fabrik besetzte, konnte sie 15 000 Kugeln und
Pulver für etwa 200 000 Patronen beschlagnahmen.

Über ein ähnliches Unternehmen in Köln während der Revo-
lutionsjahre 1848/49 berichtete später Friedrich Leßner:
"Die freie Zeit wurde mit der Fabrikation von Patronen
ausgefüllt. Die Patronen wurden dann nach Baden versandt.
Die Fabrikation wurde natürlich im geheimen betrieben.
Der 'rote Bäcker' (später Kölner Oberbürgermeister und
Herrenhausmitglied) schaffte Kugeln und Pulver herbei,
und jeder tat das seinige, die Revolution zu fördern."
                   - - -
Über das Nachrichten- und Verbindungswesen der Geheim-
bünde ist wenig bekannt. Die Verbindung zwischen den
verschiedenen Leitungsebenen an einem Ort und mit ande-
ren Ortsgruppen wurde entweder durch die zuständigen
Leiter persönlich oder über Verbindungsmänner unterhal-
ten.

Bei persönlicher Verbindung galt entsprechend der Orga-
nisationsstruktur der Grundsatz, daß jedes Mitglied der
übergeordneten Leitung nur mit einer kleinen Gruppe von
Leitern der nachgeordneten Ebene verkehren und umgekehrt
jeder nur das für ihn zuständige Mitglied der übergeord-
neten Leitung kennen sollte. Damit wurde nicht bloß die
Möglichkeit des Verrats, sondern auch der Kreis der Ver-
dächtigen bei Verrat eingeengt.

Die Verbindungsleute überbrachten nach unten Anweisungen
und Direktiven der Zentrale sowie illegale Schriften und
auf dem umgekehrten Wege eventuelle Anforderungen, Mel-
dungen über Mitgliederstand, Ausrüstung und Bewaffnung,
Stimmungsberichte und andere für die Leitung wichtige
Informationen. Sie waren entweder reine Kuriere, die den
Inhalt der ihnen anvertrauten Sendungen gar nicht kann-
ten, oder zugleich Instrukteure und Emissäre mit weiter-
gehenden geheimen politischen Aufträgen.

Nach Buonarrotis Angaben wurde der Nachrichtenverkehr
zwischen dem siebenköpfigen Direktorium der Gleichen und
den Vorsitzenden der nachgeordneten zwölf Stadtbezirks-
organisationen durch Verbindungsmänner aufrechterhalten,
für die das Direktorium eine spezielle Instruktion über
richtiges Verhalten erarbeitet hatte. Praktisch habe es
aber während der ganzen Zeit der Vorbereitung des Auf-
standes nur einen Verbindungsmann namens Didier gegeben,
der bei Buonarroti unter dem Anagramm Eriddi erscheint.
Sein Eifer, seine Aktivität, Geschicklichkeit und Ver-
schwiegenheit seien über jedes Lob erhaben gewesen.
Trotzdem habe auch er, in strenger Einhaltung der fest-
gelegten Prinzipien der Konspiration, die Mitglieder des
Direktoriums und ihre Tätigkeit nicht persönlich kennen-
lernen dürfen. Vermutlich wurden ihm die zu übermitteln-
den Nachrichten in versiegelten Umschlag und unter sol-
chen Vorsichtsmaßnahmen übergeben, daß er weder vom Inhalt
der Nachrichten Kenntnis nehmen konnte noch mit den Mit-
glieder des Direktoriums persönlich zusammentraf.

In Deutschland begünstigte seltsamerweise gerade die Rück-
ständigkeit der Verhältnisse die Ausbreitung der kommuni-
stischen Ideen und den heimlichen Nachrichtenaustausch
zwischen den verschiedenen Ortsgruppen der Geheimbünde.
Die immer noch bestehende alte Zunftordnung, die erst
1869 durch eine neue Gewerbeordnung aufgehoben wurde, ver-
pflichtete die Handwerksgesellen, nach Abschluß der Lehre
einige Jahre auf Wanderschaft zu gehen und eine Zeitlang
in der Fremde zu arbeiten, bevor sie sich in ihrer Heimat
als Meister niederlassen durften. Während der Wanderjahre
kamen viele von ihnen auch ins Ausland. lernten in Ländern
wie der Schweiz, Frankreich, Belgien und England die neuen
Ideen kennen und wurden zu Anhängern und Propagandisten.
Die deutsche Vielstaaterei trug in Verbindung mit der be-
hördlichen Praxis, politisch mißliebige Personen des Lan-
des zu verweisen, ein übriges zur Verbreitung der kommuni-
stischen Ideen bei. Es war nicht allzu schwer, in einem
anderen deutschen Staat Arbeit zu finden. Ihr Gedankengut
nahmen die Ausgewiesenen natürlich zum neuen Wohnort mit
und behielten es dort nicht für sich. Die halbproletari-
schen Handwerksgesellen stellten damals die Vorhut der
deutschen Arbeiterbewegung. Bei Arbeitskämpfen und poli-
tischen Unruhen waren sie stets an der Spitze zu finden.
Viele von ihnen dienten den deutschen Geheimbünden Junges
Deutschland, Bund der Geächteten und Bund der Gerechten
als Kuriere und Emissäre.

Die politischen Umtriebe der Handwerksgesellen blieben
natürlich den Behörden der deutschen Staaten, von denen
besonders Preußen und Österreich ihre Agenten auch im
Ausland hatten, nicht verborgen. Um den unerwünschten
politischen Einfluß aus dem westlichen Ausland zu unter-
binden, erließ der Bundestag Anfang 1835 ein Wanderver-
bot für Handwerksgesellen nach Ländern, wo politische
Vereine und Versammlungen erlaubt waren. Arbeiter und
Handwerksgesellen, die aus der Schweiz und Frankreich
zurückkehrten, wurden nach Überschreiten der Grenze in
Preußen, Baden und Bayern verhaftet, langwierigen ge-
richtlichen Untersuchungen unterzogen und teilweise zu
Zuchthausstrafen verurteilt. Das Berliner Kammergericht
verhängte 1838 sogar drei Todesurteile wegen Teilnahme
an Handwerksvereinen in der Schweiz, obwohl diese dort
legal waren. Ob diese Urteile vollstreckt oder in Zucht-
hausstrafen umgewandelt wurden, ist nicht bekannt.
                   - - -
Zur Anwendung von Chiffrierverfahren in den Geheimbünden
steht außer Zweifel, obwohl darüber nur wenige gesicherte
Angaben vorliegen, was einfach damit zu erklären ist, daß
eine Regel der Konspiration fordert, benutzte Chiffrier-
unterlagen nach Gebrauch und Geheimtexte nach Dechiffrie-
rung sofort zu vernichten.

Die Freimaurer benutzten ein Substitutionsverfahren, das
nach ihnen als Maurerchiffre bezeichnet wird, obwohl es
nicht von den Freimaurern erfunden worden ist, sondern
älteren Ursprungs ist. Dabei wurden die Buchstaben des
Klartextes durch bestimmte, von einem leicht einprägsamen
Grundschema abgeleitete winkelförmige Zeichen ohne oder
mit beigefügten Punkten ersetzt.

Die Varbonari sollen ein anderes ebenso einfaches
Substitutionsverfahren benutzt haben, bei dem ein Schlü-
sselsatz buchstabenweise unter das Klaralphabet geschrie-
ben wurde. Buchstaben, die sich im Schlüsselsatz wieder-
holten, wurden mit den Exponenten 2, 3 usw. versehen.
Beim Chiffrieren wurden die Buchstaben des Klartextes
durch die im Chiffrieralphabet zugeordneten Buchstaben
des Schlüsselsatzes mit oder ohne Exponenten ersetzt.

Einige Vorkommnisse lassen darauf schließen, daß manche
Geheimbünde von der Möglichkeit des Chiffrierens nicht
oder nur ungenügend Gebrauch gemacht haben. Als die fran-
zösische Polizei 1836 die Munitionsfabrik der Gesell-
schaft der Familien ausgehoben hatte, stieß sie bei an-
schließenden Haussuchungen auf Namenslisten, die offenbar
in Klartext abgefaßt waren und zur Verhaftung einer
größeren Anzahl von Mitgliedern führte, von denen die
meisten zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Nachfolge-
organisation der Familien, die Gesellschaft der Jahres-
zeiten, zog aus diesen Vorkommnis nicht die Lehre, daß
derartige Aufzeichnungen chiffriert werden müßten, sondern
verbot ihren Mitgliedern kurzerhand jegliche Aufzeichnung
von Bundesangelegenheiten.

Um die gleiche Zeit waren im deutschen Bund der Geächteten
nachweislich mindestens zwei verschiedene Chiffrierver-
fahren in Gebrauch: ein chemisches Geheimschreibverfahren
und ein Substitutionsverfahren.

Bei dem chemischen Geheimschreibverfahren diente eine wäss-
rige Lösung von Stärkemehl als Geheimtinte. Mit ihr wurde
der Geheimtext in unsichtbarer Schrift zwischen die Zeilen
eines Briefes gleichgültigen Inhalts geschrieben. Der Emp-
fänger bestich den Brief mit Jodtinktur und machte dadurch
den Geheimtext sichtbar.

Bei dem Substitutionsverfahren diente eine Liedstrophe oder
die gedruckte Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als
Schlüsseltext, dessen Zeilen mit römischen und die Buch-
staben jeder Zeile mit arabischen Ziffern nummeriert wurden.
Beim Chiffrieren wurden die Buchstaben des Klartextes nach-
einander im Schlüsseltext aufgesucht und durch die ent-
sprechenden Zeilen- und Buchstabennummern ersetzt. Gegen-
über den einfachen Substitutionsverfahren der Freimaurer
und Carbonari, bei denen jeder Klartextbuchstabe, solange
der Schlüssel nicht gewechselt wurde, immer durch das
gleiche Geheimelement ersetzt wurde, konnte bei diesem
Verfahren für den gleichen Klartextbuchstaben verschiedene
Geheimelemente im Wechsel benutzt werden.

Auch von der verabredeten Sprache wurde offenbar Gebrauch
gemacht. In einem Nachtrag zu den Statuen des Bundes der
Deutschen, der nur zur mündlichen Weitergabe bestimmt war,
hieß es, daß die Gemeindevorsteher an ihren zuständigen
Kreisvorstand monatlich einen Bericht "in verhüllter
Sprache" erstatten sollten.
                   - - -
Außer Zweifel steht, daß Buonarroti Kenntnisse im Chif-
frierwesen besessen hat. Dafür sprechen nicht nur seine
gründliche Ausbildung für den Staatsdienst in Italien,
dem Mutterland des neuzeitlichen staatlichen Chiffrier-
wesens, seine Tätigkeit als Nationalkommissar der fran-
zösischen Republik im besetzten Italien und seine Zuge-
hörigkeit zu den Freimaurern und den Carbonari, sondern
vor allem die Tatsache, daß er in seiner Geschichte der
Verschwörung der Gleichen eine Chiffriermethode angewandt
hat, indem er eine Anzahl Personennamen anagrammierte.

Unter Anagrammierung verstehen wir die Umordnung der
Buchstaben eines Wortes oder einer Wortfolge in der
Weise, daß ein anderes Wort oder eine andere Wortfolge
entsteht, ohne daß ein Buchstabe weggelassen oder hinzu-
gefügt wird.

Die Zahl der Anagramme, die aus einem Wort oder einer
Wortfolge gebildet werden können, ist überraschend groß
und steigt rapid mit der Länge des Ausgangstextes, vor
allem, wenn nicht zur Bedingung gemacht wird, daß die
neugebildeten Wörter einen Sinn haben oder leicht aus-
sprechbar sein sollen, was ja bei Eigennamen nicht unbe-
dingt der Fall sein muß.

Anagramme sind seit dem Altertum bekannt. Als ihr Er-
finder gilt ein griechischer Dichter des 3. Jahrhunderts
v. u. Z. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Bildung
und Auflösung von Anagrammen als modische Gesellschafts-
spiel betrieben, und heute noch begegnen wir ihnen
in den Rätselspalten der Zeitungen und Zeitschriften.

Bei Anagrammierung kann aber auch zum Zweck der Geheim-
haltung angewandt werden und wird in diesem Fall zum
Chiffrierverfahren. Erfolgt die Anagrammierung nach be-
stimmten einfachen Regeln, indem beispielsweise jedes
Wort in der umgekehrten Reihenfolge der Buchstaben ge-
schrieben wird (Umkehrverfahren) oder jeweils zwei auf-
einanderfolgende Buchstaben miteinander vertauscht wer-
den, so kann das Verfahren zwar auch in der Korrespondenz
benutzt werden, bietet aber ungenügende Sicherheit, da
die einfachen Regeln auch vom Gegner leicht durchschaut
werden. Werden die Anagramme aber Willkürlich, ohne Beach-
tung einer bestimmten Regel gebildet, so ist angesichts
der Vielzahl der Umbildungsmöglichkeiten die eindeutige
Rekonstruktion des zugrunde liegenden Klartextes oft nur
dem Urheber des Anagramms möglich, wenn keine sonstigen
Anhaltspunkte vorliegen. In kryptologischer Hinsicht han-
delt es sich dann um ein Transpositionsverfahren ohne
Schlüssel. Für die Korrespondenz taugt ein solches Ver-
fahren nicht, wohl aber für die Fixierung persönlicher
Geheimnisse, wie z. B. Personennamen oder Forschungsergeb-
nisse. Galilei formulierte seine sensationelle Entdeckung
der mondähnlichen Phasen des Planeten Venus in einem la-
teinischen Satz, den er durch Anagrammierung zu einem
Satz mit anderem Sinn umformte und in einem Brief an Kepler
unterbrachte, um bei Notwendigkeit später die Priorität
seiner Entdeckung beweisen zu können. Grimmelshausen, der
Verfasser des "Simplizissimus", veröffentlichte seine
Schriften unter sieben verschiedenen Pseudonymen, die
sämtlich durch Anagrammierung seines richtigen Namens
gebildet waren.

Buonarroti anagrammierte in seinem Buch die Namen ehe-
maliger Mitverschwörer, um diese selbst, soweit sie
noch am Leben waren, oder ihre Angehörigen und Freunde
vor nachträglicher Verfolgung zu schützen, denn als die
erste Ausgabe 1828 im belgischen Ausland erschien, war
in Frankreich wieder das reaktionäre und rachsüchtige
Regime der Bourbonen am Ruder. So war beispielsweise
der richtige Name Deray, durch das Anagramm Adery ersetzt,
Maillet durch La Tilme, Gravier durch Rivagre, Felix de
Pelletier durch Filipe de Rexelet, Dalaire-Tenaille
durch Laire de la Naitle usw. Insgesamt verwendete
Buonarroti dreißig verschiedene Anagramme. Im Mai 1836,
also vierzig Jahre nach Aufdeckung der Verschwörung der
Gleichen, acht Jahre nach Erschienen der Erstauflage
seines Buchse und ein Jahr vor seinem Tod, teilte er in
einem Brief an seinen Londoner Verleger der englischen
Übersetzung mit, welche richtigen Namen sich unter fünfund-
zwanzig der verwendeten Anagramme verbargen. Inzwischen hatte
in Frankreich der Julirevolution von 1830 stattgefunden, und
seine Befürchtungen waren weitgehend gegenstandslos geworden.

Anagramme sind auch später in und außerhalb der Arbeiter-
bewegung als Decknamen und Pseudonyme benutzt worden.

3. Bund der Kommunisten - erste revolutionäre Partei des
Proletariats

3.1. Entstehung auf der Grundlage des wissenschaftlichen
     Sozialismus, Entwicklung und Bedeutung

Mit der Begründung der wissenschaftlichen Weltanschauung durch
Marx und Engels in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts und der
Gründung des Bundes der Kommunisten wurde die größte revolu-
tionäre Umwälzung in der Geschichte der Menschheit eingeleitet.

Die Entstehung des Marxismus war das unmittelbare Produkt des
Klassenkampfes zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie und
die direkte Weiterführung der bis dahin größten Erkenntnisse
des philosophischen, ökonomischen, sozialistischen und kom-
munistischen Denkens, der Sprung von der Utopie zur Wissen-
schaft. Um die Arbeiterklasse zu befähigen, ihre historische
Mission zu erfüllen, gingen Marx und Engels seit Mitte
der 40er Jahre zielstrebig daran, eine revolutionäre proletarische
Partei zu bilden. Mit diesem Ziel nahmen sie enge Beziehungen
zu verschiedenen Arbeiterorganisationen - auch zum Bund der
Gerechten - auf und schufen 1846 Kommunistische Korrespon-
denzkomitees. Unter ihren Einfluß vollzog sich im Bund der
Gerechten ein tiefgreifender ideologischer Klärungsprozeß,
der 1847zur Gründung des Bundes der Kommunisten führte.

Der Bund der Kommunisten war kein neuer Geheimbund nach und
neben zahlreichen anderen, sondern etwas historisch Neues:
die erste revolutionäre Arbeiterpartei, die auf dem Boden
des wissenschaftlichen Sozialismus stand.

Die Umwandlung des Bundes der Gerechten zum Bund der
Kommunisten erfolgte 1847 auf zwei Kongressen in London.
Auf dem ersten Kongreß im Juni vertraten Engels im Namen
der Pariser und Wolff im Namen der Brüsseler Gemeinde
den wissenschaftlichen Sozialismus. Der Entwurf neuer
Bundesstatuten wurde beraten und die bisherige Losung
"Alle Menschen sind Brüder" durch den von Marx geprägten
Kampfruf "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" er-
setzt. Am zweiten Bundeskongreß, der Ende November bis
Anfang Dezember stattfand, nahm Marx persönlich teil.
Hier wurde das neue Statut beschlossen, in dem als Zweck
des Bundes der Sturz der Bourgeoisie, die Begründung der
Herrschaft des Proletariats und die Errichtung einer
klassenlosen Gesellschaft proklamiert wurde. Marx und
Engels legten den Entwurf eines neuen Programms vor und
wurden mit der Ausarbeitung des "Manifestes der Kommuni-
stischen Partei" beauftragt.

Das Manifest wurde im Februar 1848 in London veröffent-
licht, in den gleichen Tagen, da in Paris die Februar-
revolution ausbrach. Es ist die "Geburtsurkunde des wis-
senschaftlichen Sozialismus und der modernen Arbeiter-
bewegung", wurde in fast allen Sprachen der Welt über-
setzt und ist bis heute Grundlage für die Programme der
revolutionären Arbeiterpartei aller Länder geblieben.
Lenin faßte seinen Inhalt in folgenden Worten zusammen:
"Mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft ist in diesem
Werk die neue Weltanschauung umrissen: der konsequente,
auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende
Materialismus, die Dialektik als die umfassende und
tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie des
Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären
Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der
kommunistischen Gesellschaft."

Dem Bund der Kommunisten gehörte Anfang 1848 etwa dreißig
Ortsgruppen (Gemeinden oder Sektionen) in Deutschland, der
Schweiz, Frankreich, England und Belgien an, außerdem
Einzelmitglieder in viele anderen Orten. Sein interna-
tionaler Charakter wurde auch dadurch geprägt, daß ihm,
wie vorher schon dem Londoner Arbeiterbildungsverein,
Mitglieder jener Nationalitäten angehörten, denen die
deutsche Sprache vorwiegend als Verständigungsmittel
mit Ausländern diente: Skandinavier, Holländer, Tsche-
schen, Ungarn, Jugoslawen. Zur englischen und französi-
schen Arbeiterbewegung bestanden enge Beziehungen.

Der Sitz der Zentralbehörde befand sich zuerst in London.
Es wurde nach Ausbruch der Februarrevolution nach Brüs-
sel, dann nach Paris und schließlich, nachdem auch in
Deutschland die Revolution ausgebrochen war, im April
nach Köln verlegt.

Vorher hatte die Zentralbehörde schon die von Marx und
Engels verfaßten "Forderungen der Kommunistischen Partei
in Deutschland" herausgegeben. Das war das konkrete po-
litische Programm der deutschen Kommunisten für die Re-
volution auf Grund der allgemeinen Richtlinien des Kom-
munistischen manifestes und das entscheidendste demokra-
tischte Programm der Revolution überhaupt. Darin wurde
die konsequente Lösung der nationalen Frage durch Schaf-
fung einer einigen, unmittelbaren Republik verlangt, während
sich die Mehrheit unter Beibehaltung der Landesfürsten-
tümer zufriedengeben wollte. Weitere Forderungen waren
unter anderem die Verstaatlichung des Großgrundbesitzes,
der Bergwerke, Privatbanken und Transportmittel sowie
die Sicherung eines Existenzminimums der Arbeiter.

Diese Forderungen wurden nachdrücklich in der "Neuen
Rheinischen Zeitung" vertreten, die von Marx und Engels
vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 in Köln herausge-
geben wurde und zu deren Mitgliederstab auch weitere
Bundesmitglieder gehörten.

Die Bemühungen um die Schaffung einer öffentlichen Massen-
partei des deutschen Proletariats führten zur Einberufung
eines Kongresses der rheinisch-westphälischen Arbeiter-
vereine, der Anfang Mai 1849 in Köln zusammentrat und der
Vorbereitung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses
dienen sollte, jedoch durch die aufflammenden Kämpfe der
Reichsverfassungskampagne unterbrochen wurde.

Die Frankfurter Nationalversammlung, die durch die März-
revolution von 1848 erzwungene erste vom Volk gewählte
gesamtdeutsche parlamentarische Körperschaft, hatte am
28. März 1849 eine gemäßigte liberale Reichsverfassung be-
schlossen, deren Anerkennung aber vom preußischen König
und anderen Fürsten verweigert wurde. Das Volk griff er-
neut zu den Waffen, um die Anerkennung der Verfassung
durchzusetzen. Die Kämpfe zogen sich von Anfang Mai bis
Ende Juli hin, isoliert voneinander und zu verschiedenen
Zeitpunkten in Sachsen, Rheinland/Westfalen und Südwest-
deutschland, wo sich eine regelrechte Revolutionsarmee
bildete. Alle diese Volkserhebungen wurden nacheinander,
vor allem durch militärisch Überlegene preußische Inter-
ventionstruppen, niedergeschlagen. Die Reste der badische-
pfälzischen Revolutionsarmee wurden teils über die schwei-
zerische Grenze gedrängt, teils in der Festung Rastatt
zur Kapitulation gezwungen. Die siegreiche Konterrevolu-
tion nahm wie üblich grausame Rache. Neunundzwanzig An-
führer der Volksarmee wurden standrechtlich erschossen,
ein Vielfaches dieser Anzahl in den Kasematten der Festung
zu Tode gequält.

Wie bei anderen revolutionären Aktionen, waren auch bei
diesen letzten Kämpfen der Revolution 1848/49 Mitglieder
des Bundes der Kommunisten in vorderster Linie zu finden.
Unter den Truppen, denen der Übertritt auf Schweizer
Boden gelang, befand sich auch das Willichsche Freikorps,
eine vorwiegend aus Arbeitern bestehende Truppe von 700
bis 800 Mann unter dem Kommando von August Willich, einem
ehemaligen preußischen Artillerieoffizier, der seit 1847
Mitglied des Bundes der Kommunisten war. Sein Adjutant
war Friedrich Engels. Unter den Gefallenen des Korps be-
fand sich auch das Mitglied der Zentralbehörde Joseph
Moll.

Nach dieser Niederlage der Revolution war der Bund der Kom-
munisten von neuem gezwungen, sich geheim zu organisieren.
Viele Mitglieder mußten ins Ausland flüchten. In London
wurde im Herbst 1849 unter Führung von Marx und Engels eine
neue Zentralbehörde gebildet, die die Reorganisation des
Bundes in Angriff nahm. In den "Ansprachen" der Zentral-
behörde von März und Juni 1850 organisierten Marx und
Engels die Bundesmitglieder darauf, sich nicht abzukapseln,
sondern jede Wirkungsmöglichkeit in den noch bestehenden
Arbeiterorganisationen und anderen demokratischen Vereini-
gungen auszunutzen. Heinrich Bauer ging als geheimer Emis-
sär nach Deutschland, verbreitete die Märzansprache, re-
organisierte die noch bestehenden Bundesgemeinden, gründe-
te neue Gemeinden und stellte Verbindungen zu anderen Ar-
beiterorganisationen her. Der Sitz der Zentralbehörde
wurde im September 1850 wieder nach Köln verlegt.

Um diese Zeit waren Marx und Engels zu der Erkenntnis ge-
langt, daß angesichts des einsetzenden wirtschaftlichen
Aufschwungs mit dem baldigen Ausbruch einer neuen Revolu-
tion nicht gerechnet werden könne. Eine Minderheit in der
Zentralbehörde mit Willich und Schapper an der Spitze
verschloß sich mit dieser Einsicht und verfolgte eine aus-
sichtslose, scheinrevolutionäre Putschtaktik. Sie wurde
von der Kölner Zentralbehörde aus dem Bund ausgeschlossen
und bildete einen Sonderbund.

Im Mai 1851 wurde bei einer Ausweiskontrolle in Leipzig
Peter Nothjung, ein Emissär der Kölner Bundesbehörde, fest-
genommen. Man fand bei ihm schriftliche Unterlagen, die
eine Haussuchungs- und Verhaftungswelle in ganz Deutschland
auslösten, der nach dem Verrat des Hamburgers Haupt auch
fast alle Mitglieder der Zentralbehörde zum Opfer fielen.
Sieben von ihnen wurden nach anderthalbjähriger Unter-
suchungshaft im Kölner Kommunistenprozeß von 1852 auf Grund
gefälschter Dokumente, die von der preußischen politischen
Polizei unter dem berüchtigten Wilhelm Stieber fabriziert
worden waren, und der Aussage von Polizeispitzeln, die
in den Sonderbund der Fraktion Willich-Schapper einge-
schleust worden waren, zu Festungshaft bis zu sechs Jahren
verurteilt.

Im November 1852 wurde der Bund der Kommunisten auf Antrag
von Marx als nicht mehr zeitgemäß für aufgelöst erklärt,
und wenig später fand auch der Sonderbund sein Ende. Viele
Bundesmitglieder bleiben aber weiterhin politisch aktiv,
und als sich die Arbeiterbewegung in den sechziger Jahren
neu formierte, traten neben Marx und Engels auch andere
ehemalige Bundesmitglieder wie Friedrich Leßner, Joseph
Weydmeyer oder Wilhelm Liebknecht führend in Erscheinung.

Rückblickend aus dem Jahr 1855 stellte Engels fest: "Damals
mußten sich die wenigen Leute, die zur Erkenntnis der ge-
schichtlichen Rolle des Proletariats durchgedrungen, im
geheimen zusammentun, in kleinen Gemeinden von frei bis
zwanzig Mann verstohlen sich versammeln ... Die Lehren,
die der Bund von 1847 bis 1852 vertrat und die damals als
die Hirngespinste extremer Tollköpfe, als Geheimlehre
einiger zersprengter Sektierer vom weisen Philisterium mit
Achselzucken behandelt werden durfte, sie habe jetzt
zahllose Anhänger in allen zivilisierten Ländern der Welt."

3.2. Konspiration und Organisation

Hatten sich bereits von der Revolution, wie das Kommuni-
stische Manifest eingangs feststellte, alle reaktionären
Mächte Europas zu einer "heiligen Hetzjagd" auf das "Ge-
spenst des Kommunismus" verbündet, so wurde die Kommuni-
stenverfolgung nach dem Sieg der Konterrevolution noch
verschärft, und an die Spitze dieser Hetzjagd setzte
sich die preußische Polizei mit dem Berliner Polizei-
präsident Hinckeldey und dem Leiter der politischen
Polizei Stieber. Wenn es galt, Kommunisten zur Strecke
zu bringen, wurde kein Mittel verschmäht, selbst wenn
es gegen die eigenen Gesetze verstieß, von der Brief-
erbrechung über den Einsatz von Spitzeln und Provoka-
teuren, die Bestechung von Zeugen, den Diebstahl von
Papieren bis hin zur Anfertigung gefälschter "Dokumente"
wie angeblich kommunistischer Flugblätter, angeblicher
Marx-Breife und eines angeblichen Protokollbuches der
Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten, das von
Stiebers Agenten in mühseliger anderhalbjähriger
Arbeit zusammengebastelt wurde und im Kölner Kommuni-
stenprozeß als Hauptbeweismittel vorgelegt wurde. Bei
der Kommunistenverfolgung machte man auch nicht an den
Grenzen des eigenen Landes halt. Die preußische Gesandt-
schaft in London wurde mit Wissen der englischen Polizei
im Frühjahr 1851 zu einer regelrechten Agentenzentrale
der preußischen politischen Polizei ausgebaut.

Von den fünf Jahren seines Bestehens mußte der Bund der
Kommunisten vier Jahre in der Illegalität kämpfen. Die
Methoden der Absicherung und Abwehr unterschieden sich
nicht wesentlich von denen anderer illegaler Organisa-
tionen. In dieser Hinsicht bestand zu den vorangegange-
nen revolutionären demokratischen und utopisch-soziali-
stischen Geheimbünden ein ähnliches Verhältnis, wie es
Lenin später in Bezug auf das Verhältnis der Bolsche-
wiki zu den Narodniki der siebziger Jahre festgestellt
hat: bei aller Kritik ihrer unzulänglichen Theorie lobte
er deren ausgezeichnete Organisation und stellte diese
als vorbildlich hin.

Einige Regeln der Konspiration haben in den Statuten
des Bundes der Kommunisten von 1847 ihren Niederschlag
gefunden.

Nach Artikel 1 ist eine der sieben Bedingungen der Mit-
gliedschaft "Verschwiegenheit über das Bestehen aller An-
gelegenheiten des Bundes".

Weitere Bedingungen der Aufnahme in den Bund waren nach
Artikel 2 das Bekenntnis zum Kommunismus, die Unterwerfung
unter die Beschlüsse des Bundes, politische Aktivität
("revolutionäre Energie und Eiger der Propaganda") und
"diesem Zweck entsprechende Lebensweise und Wirksamkeit"
sowie nach Artikel 3 gegenseitige Hilfe in jeder Lage.

Die Aufnahme eines neuen Mitglieds erfolgte, nachdem der
Vorsteher der Gemeinde dem Kandidaten die Statuten vorge-
lesen und ihm die ehrenwörtliche, also nicht mehr eidliche
Verpflichtung zu deren Einhaltung abgenommen hatte (Arti-
kel 50), durch einstimme Zustimmung der Gemeinde (Artikel 2)
auf der nächsten Versammlung.

Abschnitt VII (Artikel 37 bis 42) der Statuten befaßte sich
mit Vergehen gegen den Bund, wobei Verletzung der
Bedingungen der Mitgliedschaft und Verbrechen gegen den
Bund unterschieden wurde. Wer die Bedingungen der Mitglied-
schaft verletzte, konnte je nach Schwere des Vergehens
aus dem Bund entfernt oder ausgestoßen werden. Entfernung
bedeutete soviel wie Löschung der Mitgliedschaft und
schloß eine spätere Wiederaufnahme nicht aus, während nach
Ausstoßung eine Wiederaufnahme nicht möglich war. Als Ver-
letzung der Bedingungen der Mitgliedschaft galten offenbar
solche Vergehen wie Verletzung der Schweigepflicht, poli-
tische Inaktivität, Nichteinhaltung gefaßter Beschlüsse
oder ein das Ansehen des Bundes schädigender Lebenswandel.
Unter Verbrechen gegen den Bund waren wohl Verrat und
bundesfeindliche Tätigkeiten wie Spitzeltätigkeit für die
Polizei zu verstehen. Nach Artikel 41 richtete die Kreis-
behörde über Verbrechen gegen den Bund und sorgte für
Vollstreckung des Urteils, über dessen Beschaffenheit
nichts Näheres ausgesagt wird.

Artikel 42 lautete: "Die entfernten und ausgestoßenen
Individuen sowie verdächtige Subjekte überhaupt sind von
Bundes wegen zu überwachen und unschädlich zu machen.
Umtriebe solcher Individuen sind sofort der betreffenden
Gemeinde anzuzeigen.

Über die Wahrnehmung der notwendigen Sicherheits- und
Abwehrmaßnahmen wacht der Sicherheitsausschuß der Zen-
tralbehörde, dem auch Weydmeyer angehörte. Ihm gelang
1850 die Entlarvung des Agenten Bruhn, der die Arbeiter
mit scheinrevolutionären Reden an die kleinbürgerliche
Bewegung binden wollte. Anfang 1852 konnte ein Polizei-
spitzel der übelsten Sorte aus dem Bund ausgestoßen
werden. Es handelte sich um den Stieber-Agenten Wilhelm
Hirsch, dem es in Hamburg gelungen war, in den Bund auf-
genommen zu werden. Ende 1851 kam er als angeblicher
kommunistischer Flüchtling nach London, wo aber gleich-
zeitig aus Hamburg die Nachricht einging, er sei
ein Spitzel. "Man beschloß indes", wie Marx in den
"Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln" mit-
teilte, "ihn einstweilen in der Gesellschaft zu dulden,
zu überwachen und sich Beweise über seine Schuld oder
Unschuld zu verschaffen." Der Beweis seiner Schuld konn-
te sehr bald erbracht werden. Hirsch zog sich darauf in
einer Londoner Vorstadt zurück, wo er sich im Auftrag
der preußischen Polizei mit der Anfertigung gefälschter
Sitzungsberichte und Flugschriften des Bundes befaßte,
in denen der individuelle Terror propagiert wurde. Damit
sollte die Handhabe zur strafrechtlichen Verfolgung der
Bundesmitglieder geliefert werden.

Das Organisationsprinzip der Geheimbünde, wonach die
Grundeinheit klein zu halten waren und sich gegensei-
tig nicht kennen sollten, kehre auch in den Statuten
des Bundes der Kommunisten wieder. Die Grundeinheit wurde
als Gemeinde bezeichnet. Nach Artikel 6 sollte sie nicht
weniger als drei und höchstens zwanzig Mitglieder haben,
und nach Artikel 9 sollten die verschiedenen Gemeinden
sich gegenseitig unbekannt bleiben und keine Korrespondenz
miteinander führen. Doch wurden der Vorsitzende der Gemeinde
("Vorstand") und sein Stellvertreter ("Beistand") nicht,
wie es bei den Geheimbünden die Regel war, von der überge-
ordneten Leitung eingesetzt, sondern von der Gemeinde ge-
wählt.

Wenigstens zwei und höchstens zehn Gemeinden bildeten nach
Artikel 12 einen Kreis. Die Kreisbehörde bestand aus den
Vorständen und Beiständen der Gemeinden und wählte aus
ihrer Mitte einen Vorsteher. Sie korrespondierte mit ihren
Gemeinden und dem übergeordneten leitenden Kreis, nicht
aber mit anderen Kreisen.

Die verschiedenen Kreise eines Landes oder einer Provinz
unterstanden nach Artikel 16 einem leitenden Kreis, der
mit diesen Kreisen und mit der Zentralbehörde, nicht aber
mit anderen leitenden Kreisen korrespondierte.

An der Spitze stand nach Artikel 21 die Zentralbehörde als
vollzeihende Gewalt das ganzen Bundes, die mit den leiten-
den Kreisen in Korrespondenz stand, aber ihrerseits dem
Kongreß rechenschaftspflichtig war.

"Diese demokratische Verfassung", äußerte Marx später,
"durchaus zweckwidrig für konspirative geheime Gesell-
schaften, war wenigstens nicht unvereinbar mit der Auf-
gabe einer Propagandagesellschaft."

Die bewährte Tätigkeit der Bundesmitglieder in legalen
Organisationen, sowohl zur eigenen Tarnung als auch zur
Entfaltung der Propaganda; wurde nach der Revolution noch
verstärkt. Zu diesen noch bestehenden legalen Vereini-
gungen gehörte die Arbeiterbildungsvereine, Gesang-,
Turn- und Schützenvereine, aber auch die neu entstan-
denen Gewerkvereine und die "Arbeiterverbrüderung",
die 1848 gegründete erst gesamtnationale Vereinigung
lokaler Arbeiterverein auf deutschen Boden, deren
einflußreichsten Mitglieder dem Bund der Kommunisten
angehörten. In der ebenfalls 1848 gegründeten Assoziation
der Zigarrenarbeiter Deutschlands einer der ersten und
rührigsten gesamtnationalen Gewerkschaften Deutschlands,
war Peter Gerhard Röser, der Vorsitzende der Kölner
Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten, stellvertre-
tender Vorsitzender, und ein anderes Bundesmitglied,
Gottlieb Ludwig Stechan, war Redakteur der Verbands-
zeitschrift "Concordia".

Die Zigarrenarbeiter-Assoziation wurde ebenso wie die Ar-
beiterverbrüderung und viele anderen demokratische Vereine
im Sommer 1850 von der Reaktion aufgelöst. Aber rückblik-
kend auf die Situation im Frühjahr 1850 konnte Engels spä-
ter feststellen: "Der Bund fing an, in den Arbeiter-,
Bauern- und Turnvereinen in weit größerem Maß als vor
1848 die dominierende Rolle zu spielen." und in der
"Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom Juni 1850"
hieß es: "wo, wie in Schleswig-Holstein und Mecklenburg,
Bauern- und Tagelöhnervereine bestehn, ist es den Bundes-
mitgliedern gelungen, direkten Einfluß auf sie zu gewin-
nen und sie teilweise ganz in ihre Hand zu bekommen. Die
sächsischen, fränkischen, hessischen und nassauischen
Arbeiter- und Tagelöhnervereine stehen ebenfalls größten-
teils unter Leitung des Bundes. Die einflußreichsten
Mitglieder der Arbeiterverbrüderung gehören auch dem
Bunde an. Die Zentralbehörde macht alle Gemeinden und
Bundesmitglieder darauf aufmerksam, daß dieser Einfluß
auf die Arbeiter-, Turn-, Bauern- und Tagelöhnervereine
etc. von der höchsten Wichtigkeit ist und überall ge-
wonnen werden muß."

Nicht nur legale Vereine, sondern auch öffentliche Veran-
staltungen wurden von den Bundesmitgliedern genutzt, um
ihre politischen Ansichten zu propagieren. Das blieb na-
türlich auch den Behörden nicht verborgen, und so wurde
beispielsweise auf Betreiben des preußischen Bundestags-
gesandten Bismark der sich schon damals als besonders
eifriger Kommunistenverfolger hervortat, ein für Septem-
ber 1851 geplantes großes Kirchweihfest verboten, weil
bekannt geworden war, daß daran auch ein bekanntes Bundes-
mitglied teilnehmen werde. Die Arbeiter- und demokrati-
schen Vereine ließen sich aber durch das Verbot nicht en-
mutigen und führten im folgenden Jahr bei Frankfurt am
Main ein großes Waldfest durch, an dem die demokratischen
Vereine der ganzen weiteren Umgebung teilnahmen.

Nach Artikel 4 der Statuten führten die Mitglieder bundes-
namen, also Decknamen. Doch ist diese Festlegung, wie es
scheint, in der Praxis kaum realisiert worden. In Emigra-
tionsländern wie England und der Schweiz, wo im Vergleich
zu Deutschland eine relative große Assoziations- und Ver-
sammlungsfreiheit bestand, waren viele Mitglieder durch
ihr öffentliches Auftreten und ihre publizistische Tätig-
keit ohnehin unter ihren richtigen Namen bekannt, und das
gleiche traf im Revolutionsjahr 1848/49 auch für Deutsch-
land zu.

Die Situation im Nachrichten- und Verbindungswesen des
Bundes Ende 1849, nach der Niederlage der Revolution,
schilderte Marx in den "Enthüllungen über den Kommunisten-
prozeß zu Köln" wie folgt: "Die tätigsten Bundesmitglie-
der, bei den verschiedenen Bewegungen beteiligt, wurden
versprengt, die Verbindungen hörten auf, die Adressen
waren unbrauchbar geworden, die Korrespondenz wurde da-
durch und durch die Gefahr der Brieferbrechung momentan
unmöglich."

Um die Verbindung zu den Kreisen und Gemeinden in Deutsch-
land wiederherzustellen, zu festigen und zu erweitern,
entsandte die Zentralbehörde Emissäre. Die erfolgreiche
Emissärstätigkeit Heinrich Bauers im Frühjahr 1850 wurde
schon erwähnt. Bei seinem eintätigen Aufenthalt in Köln
trug er die Märzansprache der Zentralbehörde in sechs
Bruchstücken bei sich, die von sechs Personen in aller
Eile abgeschrieben und dann unter den Bundesmitgliedern
und in den Arbeitervereinen verbreitet wurden.

Im gleiche Jahr entsandte die Zentralbehörde weitere
Emissäre nach Deutschland. Weydmeyer bereiste Süddeutsch-
land und vermutlich auch das Rheinland. Nothjung ging
nach Berlin und Leipzig und sollte anschlie0end vermutlich
Norddeutschland und Schlesien bereisen. Seiner Verhaftung
in Leipzig hatte die bekannten verhängnisvollen Auswir-
kungen. Man fand bei ihm einen Brief von dem Mitglied
der Kölner Zentralbehörde Heinrich Bürgers und einen
weiteren Brief von dem Kölner Bundesmitglied Hermann
Becker, der folgende Ermahnungen zu konspirativem Ver-
halten enthielt: "Du wird schon wissen, daß Hinckeldey
dich als politisch Kompromittierten auf seiner schwarzen
Liste hat ... Sowie du dich im geringsten bemerklich
machst, gehst du in die Luft. Also Vorsicht, vermeide
die Parteikneipen der sogenannten Demokraten ... und
tue, was du tust, durch Vermittlung anderer. Es ist
Pflicht gegen die Partei, sich selbst nicht zu exponie-
ren ..."

Emissäre und wandernde Handwerksgesellen, die nach wie
vor die Nachrichtenübermittlung dienten, aber nach der
Revolution bei der Rückkehr aus dem Ausland von der
Polizei noch schärfer unter die Lupe genommen wurden als
vorher, konnten die Korrespondenzen auf dem Postweg nicht
völlig ersetzen, zumal wenn es sich um eilige Nachrich-
ten handelte.

Angesichts er bekannten Skrupellosigkeit beim Abfangen
und Erbrechen von Briefen politisch verdächtiger Personen
mußten bei Benutzung der Post natürlich besondere Vorsichts-
maßregeln beachtet werden. Marx korrespondierte, um die
Zensur zu täuschen, mit einem ungarischen Gewährsmann
unter dem Decknamen Ch. Williams und mit dem Kölner Bun-
desmitglied Bermbach über Deckadressen.

Die Verwendung von Deckadressen ist mehrfach belegt, so in
einem von der Polizei abgefangenen Brief eines unbekannten
Schreibers nach London. Die betreffende Briefstelle lautete:
"Nach Krefeld ist R. (unbekannt) von hier dreimal gewesen,
wir tun immer besser, persönlich in Konnex zu treten, da
wir gar zuviel auf dem Postwege riskieren. Auf dem Wege,
wie wir es früher nach D. (Düsseldorf) durch Vermittlung
der B. B. (Böttcherschen Buchhandlung) besorgten. In Emden
können wir euch keine Adresse aufgeben als die, welche
ihr durch J. M. (Moll) her haben müßt, unter Vermittlung
von B. (Bedkuhn, Senffabrikant) dort, der weiß vielleicht
mehr."

Dieser Brief ist auch dadurch interessant, daß für eine
Anzahl Personen-, Orts- und Firmennamen nur die Anfangs-
buchstaben eingesetzt sind. Diese Abkürzungsmethode stellt
zwar keine Chiffrierverfahren dar, zielt aber auf die gleiche
Wirkung: Geheimhaltung vor mitlesenden dritten Personen.
Die beabsichtigte Wirkung ist im vorliegenden Fall bis zu
einem gewissen Grad erreicht worden, denn wie die in Klam-
mern beigefügten Anmerkungen der Polizei zeigen, ist es
ihr nicht in jedem Fall gelungen, die Abkürzungen zu ent-
schlüsseln.

Heft 2

Kurt Finsterbusch

    Konspirative Mittel und Methoden  in der
    deutschen Arbeiter- und Widerstandsbewegung
    unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung
    von Chiffrierverfahren

Hergestellt als Beitrag der Traditionspflege
Berlin 1982             1. Auflage 200 Stück

Im Widerstandskampf gegen das Sozialistengesetz
1878 - 1890

4. Im Widerstandskampf gegen das Sozialistengesetz 1878 - 1890

4.1. Die Pariser Kommune und die deutsche Arbeiterbewegung

Die Pariser Kommune 1871 als die erste proletarische Revolution
in der Geschichte leitete eine neue Epoche des Klassenkampfes
ein. Karl Marx hatte im April 1871 eingeschätzt: "Der Kampf der
Arbeiterklasse mit der Kapitalistenklasse und ihrem Staat ist
durch den Pariser Kampf in eine neue Phase getreten. Wie die
Sache auch unmittelbar verlaufe, eine neuer Ausgangspunkt von
welthistorischer Wichtigkeit ist gewonnen".

Die Epoche, die die Kommune einleitete und sich bis zur Jahr-
hundertwende erstreckte, wurde charakterisiert durch den Über-
gang des vormonopolistischen Kapitalismus zum Imperialismus,
durch die Wandlung der Bourgeoisie der entwickelten Länder aus
einer fortschrittlichen zu einer reaktionären Klasse, durch die
Vorbereitung und langsame Kräftesammlung seitens de Klasse des
Proletariats.

Diese Wesenszüge der Epoche drückten auch der Entwicklung
Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts den Stempel auf. Der erfolgreiche
Kampf der deutschen Arbeiterklasse mit der Klasse der Bour-
geoisie und dem reaktionären preußischen Staat während des
Sozialistengesetzes war ein Ausdruck dieser neuen Epoche und
zugleich Ausdruck dafür, daß sich nach dem deutsch-französi-
schen Krieg und der Niederwerfung der Pariser Kommune der
Schwerpunkt der revolutionären Bewegung nach Deutschland ver-
lagerte. Hierfür waren in den fünfziger und sechziger Jahren des
19. Jahrhunderts die Voraussetzungen herangereift.
                    - - -
in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts
entwickelte sich die Industrie in Deutschland in einem so stür-
mischen Tempo, wie es selbst England und Frankreich, die da-
mals ökonomisch fortgeschrittensten Länder Europas, in ihrer
Geschichte nicht kennengelernt hatte. In diesem Zeitraum stie-
gen die Steinkohle- und Eisenerzförderung auf das Fünffache,
die Roheisenproduktion auf das Siebenfache, die Leistungsfähig-
keit der Dampfmaschinen auf das Neunfache. Gleichzeitig erfolg-
te eine zunehmende Konzentration der Produktion. Die Bourgeoi-
sie wurde die ökonomisch stärkste Klasse.

Die weitere Entfaltung des Kapitalismus erforderte gebieterisch
die Herstellung eines Nationalstaates anstelle der existierenden
zweiunddreißig souveränen Einzelstaaten. Nachdem die Bildung
einer deutschen demokratische Republik in der Revolution von
1828/49 durch den Verrat der Bourgeoisie, die das Nachdrängen
der Volksmassen fürchtete, gescheitert war, erfolgte die Eini-
gung nun in 3 Kriegen durch den preußischen Militarismus "mit
Blut und Eisen".

Im Januar 1871 wurde in Versaille das deutsche Reich prokla-
miert. Kennzeichnend für dieses Deutsche Reich war, daß es im
Ergebnis einer Eroberungskriege gegen Frankreich entstand
und sich unmittelbar an der blutigen Niederschlagung der Pari-
ser Kommune beteiligte. Das bestimmte seinen Charakter als
Klassenstaat von Junkertum und Bourgeoisie, als ein, wie Marx
schrieb, "mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudale,
Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie be-
einflußter, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Mili-
tärdepotismus".
                    - - -
Mit dem industriellen Aufschwung in den fünfziger und sechziger
Jahren erfolgte gesetzmäßig ein rasches Anwachsen des Indu-
strieproletariats und eine Neubelebung der deutschen Arbeiter-
bewegung auf höherer Stufe. Die deutsche Arbeiterbewegung
hatte auch nach Auflösung des Bundes der Kommunisten in den
schlimmsten Jahren der Reaktion nie aufgehört zu existieren.
Zugelassen waren zwar nur örtliche Fachvereine, Arbeiterbil-
dungsvereine und #ähnliche Vereine unpolitischen Charakters.
Aber innerhalb dieser legalen Vereine und im Kreise von Freun-
den und Bekannten betrieben besonders in verschiedenen Orten
des Rheinlandes kleine Gruppen von ehemaligen Mitgliedern des
Bundes der Kommunisten in strengster Illegalität Aufklärungs-
arbeit. Seit 1853 standen sie auch wieder mit Karl Marx in
heimlicher Verbindung.

Obwohl die Organisation von Streiks verboten war, kam es in
den fünfziger Jahren zu über einhundert Streiks, von denen etwa
die Hälfte durch Polizei unterdrückt wurden. Ging es bei diesen
mehr oder weniger spontanen Aktionen auch ausschließlich um
ökonomische Fragen, so kündigten sie dich den neuen Aufschwung
der deutschen Arbeiterbewegung an.

Immer stärker erhob der bewußte Teil der Arbeiterklasse die
Forderung nach einer selbständigen politischen Organisation der
Arbeiterklasse. Diesen Bestrebungen entsprach zunächst die
Bildung des allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch
Lassalle 1863 in Leipzig. Obwohl mit dem ADAV in Deutschland
wieder eine selbstständige politische Arbeiterorganisation entstan-
den war. setzte dieser aber nicht die revolutionären Traditionen
des Bundes der Kommunisten fort, sondern desorientierte die
Arbeiter im Sinne der nichtmarxistischen Theorien Lassalles und
erzeugte Illusionen über ein friedliches Hineinwachsen des
preußischen Junkerstaates in den Sozialismus.

Die revolutionären Traditionen des Bundes der Kommunisten
wurden im Jahre 1864 mit der Gründung der Internationalen Ar-
beiterassoziation durch Marx und Engels wieder aufgenommen.
Sie war die erste internationale revolutionäre Massenorganisation
des Proletariats und ein wichtiges Instrument für die Propaganda
des wissenschaftlichen Sozialismus.

Die erste Sektion der IAA in Deutschland entstanden seit Ende
1865 als lokale Organisationen in über dreißig Orten. Sie um-
faßten meistens nur ein bis zwei Dutzend Mitglieder und mußten
illegal arbeiten. Unter ihrem Einfluß und in Auseinandersetzung
mit dem Lassalleanismus erfolgte 1869 in Eisenach die Gründung
der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), der ersten na-
tionalen Arbeiterpartei auf der Grundlage des Marxismus und des
proletarischen Internationalismus. Sie stand unter Führung von
August Bebel und Wilhelm Liebknecht, der nach aktiver Teilnahme
an den Revolutionskämpfen aus Deutschland hatte fliehen müssen,
in London enge Freundschaft mit Marx geschlossen hatte und 1862
aus der Emigration zurückgekehrt war.

Eben erst gegründet, wurde die Partei Bebels und Liebknechts
1870/1871 vor große Bewährungsproben gestellt, die sie glänzend
als marxistische, internationalistische Partei bestand. Das zeig-
te sich in der klaren klassenmäßigen Haltung zum Deutsch-Franzö-
sischen Krieg. Und das zeigte sich schließlich im eindeutigen
Bekenntnis der Partei zur Pariser Kommune. Während die Konter-
revolution mit Unterstützung des preußischen Militarismus blutige
Rache an der Kommune übte, erklärte Bebel am 25. Mai 1971 im
Reichstag:

"Meine Herren! ... Wenn auch im Augenblick Paris unterdrückt
ist, dann erinnere ich Sie daran, daß der Kampf in Paris nur
ein kleines Vorpostengefecht ist, daß die Hauptsache in Europa
uns hoch bevor steht und daß, ehe wenige Jahrzehnte vergehen,
der Schlachtenruf des Pariser Proletariats "Krieg den Palästen,
Frieden den Hütten, Tod der Not und dem "Müßiggange"! der
Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden wird."

In den Jahren 1870/71 ging der Reifeprozeß in der deutschen
Arbeiterbewegung rasch voran. Dank der Unterstützung durch
Marx und Engels bereiteten sich die Ideen des Marxismus rasch
aus, wurde der Einfluß Lassalles auch im ADAV zurückgedrängt.
1875 erfolgte die Vereinigung der Partei Bebels und des ADAV
in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands.
Der rasche Anstieg der deutschen Arbeiterbewegung nach 1871
spiegelte sich auch in den Ergebnissen der Reichstagswahlen
wider. Errangen beide Arbeiterparteien bei den Wahlen vom 3.
März 1871 3,2% der abgegebenen Stimmen, so erhöhte sich ihr
Stimmenanteil 1974 auf 6,8%. 1877 wurden bereits 9,1% aller
Stimmen für die vereinigte Partei abgegeben.
                    - - -
Das Anwachsen der deutschen Arbeiterpartei rief bei den herr-
schenden Klassen Unbehagen und Furcht um die Erhaltung ihrer
Ausbeuterexistens hervor. Bereits seit Gründung der SDAP hat
es nicht an Versuchen gefehlt, die Partei durch alle möglichen
Polizeischikanen zu behindern und niederzuhalten, ihre Mit-
glieder und Führer durch Verleumdung und gerichtliche Verfol-
gung mundtot zu machen.

August Bebel und Wilhelm Liebknecht wurden 1872 wegen angeb-
licher Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Festungshaft
verurteilt, die sie bis 1874 verbüßen. Bebel mußte gleich an-
schließend noch eine neunmonatige Gefängnisstrafe wegen Maje-
stätsbeleidigung verbüßen und kam erst im März 1875 wieder
frei; wurde aber schon zwei Jahre später abermals zu sechs
Monaten Gefängnis verurteilt, diesmal wegen Beleidigung
Bismarcks.

Das war durchaus kein Einzelfall. In seinen Erinnerungen be-
richtete Bebel, daß Bismarck bis zum Ende seiner Amtszeit Tau-
sende von Beleidigungsklagen stellen ließ und damit half, die
Gefängnisse zu bevölkern. "Von Charaktergröße legte dieses
Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner
Verehrer mißbilligt."
Auch das Strafmaß wurde immer mehr verschärft. Wo man vordem
Wochen oder wenige Monate verhängte, erhielt jetzt der Verur-
teilte eine drei- und vierfach höhere Strafe zuerkannt.
"Urteile, die zwölf, fünfzehn, achtzehn und mehr Monate dik-
tierten, wurden Regel. Einzelne Parteiblätter ... hatten stän-
dig mehrere Redakteure in Haft ... Diese Verurteilungen erreg-
ten schließlich in der Partei kaum noch Aufsehen; wer Redakteur
oder Agitator war, mußte mit dem Gefängnis als einem unum-
gänglichen Attribut seiner Stellung rechnen."

Schließlich wurde auf Grund des reaktionären preußischen Ver-
einsgesetz von 1850, nach dem Arbeitervereinigungen von
überlokalem Charakter verboten waren, im März 1876 die Partei
in Preußen verboten. Dieses Verbot erwies sich allerdings als
Schlag in Wasser, da an Stelle der aufgelösten Parteiorgani-
sation überall lokale Organisationen in Leben gerufen wurden,
die zwar nach außen jeden Schein einer Verbindung mit der für
das übrige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation
vermeiden mußten, im übrigen aber die Parteiarbeit, wie die
Werbung neuer Genossen, die Verbreitung der Parteipresse und
die Sammlung von Geldmitteln, kaum weniger wirksam fortführte
als die aufgelöste Zentralorganisation.

Nachdem alle bisherigen Verfolgungsmaßnahmen nicht die von den
Herrschenden gewünschte Wirkung erzielt hatten, holte Bismarck
zum großen Schlag gegen die Arbeiterbewegung aus.

4.2. Das Sozialistengesetz

Im Mai 1878 legte Bismarck dem Reichstag den Entwurf eines Aus-
nahmegesetzes vor, mit dem die Arbeiterklasse, ihre Partei und
ihre Gewerkschaften unterdrückt werden sollten und die entschei-
dende Kraft im Widerstand gegen die Politik der Ausbeutung und
Militarisierung, die Bismarck im Interesse der Großbourgeoisie
und der Junker betrieb, gelähmt werden sollte. Darüber hinaus
sollte damit zugleich eine Handhabe gegen jede liberale und
demokratische Opposition geschaffen werden. Als Anlaß diente
ein Attentat, das der Klempnergeselle Max Hödel am 11. Mai 1878
auf den Kaiser verübte, wobei er zwei Revolverschüsse abfeuerte,
von denen aber keiner traf. Hödel wurde zum Tode verurteilt und
im August des gleichen Jahres hingerichtet.

Bismarcks Gesetzesvorlage fand aber keine Mehrheit im Reichstag.
Da erfolgte, wie auf Bestellung, ein zweites Attentat auf den
Kaiser. Am 2. Juni 1878, also nur drei Wochen nach dem ersten
Attentat, verwundete Karl Eduard Nobiling, Sohn eines Domänen-
pächters, den Kaiser durch zwei Schrotschüsse und schoß sich
anschließend, als er den Fluchtweg abgeschnitten sah, selbst
eine Kugel in den Kopf, an deren Folgen er drei Monate später
starb, angeblich ohne das volle Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

Für Bismarck war dieses zweite Attentat willkommener Anlaß, den
Reichstag aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben, durch die er
eine willfährige Mehrheit für sein Ausnahmegesetz zu erlangen
und die Sozialdemokraten aus dem Reichstag zu verdrängen hoffte.

Diese sogenannten Attentatswahlen, die am 30. Juli 1878 statt-
fanden, standen im Zeichen einer wüsten Hetze gegen die "Partei
der Kaisermörder", der die beiden Attentate angelastet wurden,
obwohl die Sozialdemokratie den individuellen Terror als Kampf-
mittel stets abgelehnt hatte und keiner der beiden Attentäter
zum Zeitpunkt der Tat Mitglieder der Partei war. Nur Hödel
hatte ihr eine Zeitlang angehört, war aber wegen Unterschlagung
ausgeschlossen worden. Der Wahlkampf übertraf an Demagogie,
Druck und Gewaltmaßnahmen gegen die sozialistischen und demokra-
tischen Kräfte alles bisher dagewesene. Trotzdem gelang es nicht,
die sozialistische Bewegung abzuwürgen. Die Partei hatte nur
einen geringfügigen Stimmenrückgang zu verzeichnen und konnte
neun Abgeordnete in den neuen Reichstag entsenden. Sein Haupt-
ziel, die Bildung einer willfährigen Mehrheit für sein Ausnahme-
gesetz, erreicht Bismarck aber doch.

Am 19. Oktober 1878 stimmte der neue Reichstag mit 221 gegen
149 Stimmen, also eine relativ starke Opposition, dem neuen
Gesetzentwurf Bismarcks zu, und zwei Tage später trat das
"Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozial-
demokratie", kurz Sozialistengesetz genannt, in Kraft. Es war
zunächst für drei Jahre gültig, wurde aber viermal verlängert,
und erst 1890 verweigerte der Reichstag die abermalige Ver-
längerung, so daß es am 30. September 1890 außer Kraft trat.
Die gesamte Geltungsdauer betrug zwölf Jahre, ebenso lange
wie später die Zeit des Faschismus.
                    - - -
Durch das dreißig Paragraphen umfassende Sozialistengesetz
wurden verboten: Vereine, Versammlungen, Druckschriften und
Geldsammlungen, "welche durch sozialdemokratische, sozialisti-
sche oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der beste-
henden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken". Verboten
war auch die Verbreitung derartiger Druckschriften. Für Zuwider-
handlungen wurden Geld- und Gefängnisstrafen angedroht.

Nach § 28 konnte der Kleine Belagerungszustand verhängt werden.
Das schloß die Möglichkeit ein, mißliebige Personen auszu-
weisen.

Zuständig für die Verbote waren die Landespolizeibehörden. Die
dehnbare Formulierung der einzelnen Bestimmungen öffnete der
polizeilichen Willkür Tür und Tor.
                    - - -
Die ersten Auswirkungen des Sozialistengesetzes waren ver-
heerend. Schon in den ersten Wochen wurden fast alle soziali-
stischen Organisationen, Versammlungen und Druckerzeugnisse
verboten. Insgesamt wurden unter dem Sozialistengesetz rund
1350 periodische und nichtperiodische Druckschriften und über
300 Organisationen verboten. Bei den verbotenen Vereinen han-
delte es sich etwa zu gleichen Teilen um örtliche Parteiorgani-
sationen, Gewerkschaften und Vergnüngsvereine, größtenteils
Gesangsvereine, in denen sich die Arbeiter auch zu illegalen
Weiterführung der politischen Arbeit zusammengefunden hatten.

Auf Grund des Paragraphen 28 wurde achtmal über einzelne Ge-
biete der Kleine Belagerungszustand verhängt, wobei etwa 900
Personen ausgewiesen wurden, die meisten davon aus Hamburg
(über 300), Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main und Stettin. Mit-
betroffen wurden etwa 1500 Angehörige (Frauen und Kinder).

Mit dem Polizeiterror verschärften sich gleichzeitig der Justiz-
terror und die Unternehmerwillkür. Viele Unternehmer setzten bei
Geschäftsrückgang in erster Linie sozialistische Betriebsangehhö-
rige auf die Straße. Von der Justiz wurden etwa 1000 Jahr Frei-
heitsstrafe verhängt. Die materiellen Verluste durch Geldstrafen,
Beschlagnahmung von Druckereien und anderem Parteieigentum, Ver-
nichtung oder Schmälerung der Existenzgrundlage durch Ausweisung
und Entlassung lassen sich auch nicht annähernd abschätzen.

Der Rede- und Pressefreiheit, der Versammlungs- und Koalitions-
freiheit durch das Ausnahmegesetz beraubt, bleib den Soziali-
sten von den verfassungsmäßig garantierten politischen Rechten
im wesentlichen nur das Recht der Aufstellung und Wahl eigener
Kandidaten für das Parlament. Das Verbot der Aufstellung von
Wahlkandidaten, die als Sozialisten bekannt waren, hatte
Bismarck nicht durchzusetzen vermocht. Das das geltende Wahl-
recht auf der Persönlichkeitswahl, nicht der Listenwahl für be-
stimmte Parteien beruhte, befürchteten auch viele bürgerliche
Abgeordnete, selbst betroffen worden wäre, mißliebige Wahlakandi-
daten nach eigenem Gutdünken zurückzuweisen.

Aus dem Wahlrecht ergab sich die Möglichkeit der Wahlagita-
tion, allerdings unter ständiger Behinderung durch alle mögli-
chen Polizeischikanen wie Überwachung und vorzeitige Auflö-
sung von Wahlversammlungen, beschlagnahme von Wahlaufrufen
und dergleichen. Für gewählte Abgeordnete ergab sich ferner
die Möglichkeit, im Reichstag, in Landtagen oder Gemeinde-
parlamenten öffentlich für die Interessen der Arbeiter einzu-
treten.

4.3. Der Kampf gegen das Sozialistengesetz

Wie es bei plötzlich einsetzender verschärfter Unterdrückung in
der Regel der Fall ist, trat bei den Anhängern der Partei zu-
nächst eine Zeit der Unsicherheit und Schwankungen, aber auch
der Differenzierung ein. Man spricht von einem "Jahr der
Verwirrung".

Ein kleiner Teil der bisherigen Anhänger zog sich aus Furcht
vor Verfolgung von der politischen Arbeit zurück. Es gab auch
einige charakterschwache Elemente, die auf die Seite des Geg-
ners überliefen oder sich sogar als Polizeispitzel anwerben
ließen.

Gefährlicher für die Weiterführung des Kampfes waren rechts-
opportunistische und linksradikale Abweichungen von der Partei-
linie, die in Kreisen der Parteiführung auftraten.

Rechtsopportunisten waren im Parteivorstand und in der Reichs-
tagsfraktion stark vertreten. Sie waren für eine Politik des
Abwartens, der Kapitulation vor dem Regierungsterror und der
Anpassung an das Ausnahmegesetz durch Preisgabe der revolutio-
nären Grundsätze der Partei. Unter ihrem Einfluß faßte der
Parteivorstand noch vor Inkrafttreten des Sozialistengesetzes
den falschen Beschluß, sich selbst aufzulösen.
Linksradikale Kräfte um Johann Most und den ehemaligen Lassal-
leaner Wilhelm Hasselmann wollten den Terror von oben mit dem
individuellen Terror von unten beantworten. Most, der sich um
die Arbeiterbewegung besonders in Chemnitz große Verdienste
erworben hatte, mehrere Gefängnisstrafen hinter sich hatte und
von 1874 bis 1878 Reichstagsabgeordneter gewesen war, wurde
Ende 1878 aus Berlin ausgewiesen und emigrierte nach London.
Dort gab er seit Januar 1879 die Wochenzeitschrift "Freiheit"
heraus, die zunächst einen durchaus klaren Standpunkt vertrat.
Sie wurde in Deutschland illegal verbreitet und fan in Arbeiter-
kreisen beträchtlichen Anklang. Ihr Einfluß ging aber mit dem
Abgleiten Mosts in das anarchistische Fahrwasser und der Heraus-
gabe des "Sozialdemokraten" immer mehr zurück. Most und Hassel-
mann wurden auf dem Wydener Parteikongreß 1880 aus der Partei
ausgeschlossen. Beide wanderten nach Amerika aus, wo Hasselmann
verschollen ist, Most aber bis zu seinem Tode 1906 eine führende
Rolle unter den Anarchisten spielte.

Die politisch bewußtesten Arbeiter ließen sich weder von rechten
noch linken Abweichungen in der Parteiführung beeinflußen, sondern
nahmen von sich aus entschlossen den Kampf gegen das Sozialisten-
gesetz auf, indem sie sofort begannen, anstelle der aufgelösten
Parteiorganisation illegale Organisationen zu schaffen. An ihrer
Spitze stellte sich die revolutionäre Gruppe in den leitenden Partei-
gremien um August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Bracke.
Bebel und Liebknecht bildeten das Zentrale Unterstützungskomitee
in Leipzig, das eine Solidaritätsbewegung für die ausgewiesenen
Genossen organisierte und sich schnell zur illegalen politischen
Leitung entwickelte. Diese Funktion übte es bis zum Wydener Kongreß
aus.

Von hervorragender Bedeutung für den Kampf der deutschen Arbeiter-
klasse unter dem Ausnahmegesetz war die Herausgabe eines Zentralorgans
der deutschen Sozialdemokratie. Es erschien als Wochenzeitung unter
dem Titel "Der Sozialdemokrat" vom 28. September 1879 bis zum 22.
September 1888 in Zürich und vom 1. Oktober 1888 bis zum 27. September
1890 in London und wurde in Deutschland illegal verbreitet. Der
"Sozialdemokrat" erfüllte die Rolle eines kollektiven Organisators,
Agitators und Propagandisten, wie Lenin später die Aufgabe einer
Arbeiterzeitung formulierte. Er führte die Auseinandersetzung mit
den Verschiedenen Spielarten des Opportunismus, verbreitete die
Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus in der Arbeiterklasse und
leitete ihren Widerstandskampf vom Ausland her an. Entscheidenden
Anteil daran hatte Marx und Engels, die bereits im September 1879
mit ihrem berühmten Zirkularbrief an die Führer der Sozialistischen
Arbeiterpartei Deutschlands grundlegende Hinweise gegeben hatten
und von denen etwa fünfzig Beiträge im "Sozialdemokrat" erschienen.

Ein besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Arbeiter-
bewegung ist es, daß sie sich auch von der Bismarckschen Sozialisten-
gesetzgebung der achtziger Jahre nicht ködern ließ.

Bismarck war klug genug, um zu wissen, daß die sozialistische Bewe-
gung mit bloßen Zwangsmaßnahmen nicht zu unterdrücken war, wenn
diese nicht durch Maßnahmen ergänzt wurden, die geeignet waren, der
sozialistischen Propaganda den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Diesen Zweck sollte die Versicherungsgesetze dienen, die Bismarck
seit 1880 ausarbeiten ließ und schließlich im Reichstag durch-
setzte und die damals für die ganze Welt vorbildlich waren:
Das Krankenversicherungsgesetz von 1883, das Unfallversicherungs-
gesetz von 1884 und das Gesetz über Invaliditäts- und Altersver-
sicherung von 1889.

Diese Gesetze brachten den Arbeitern zweifellos bestimmte Verbes-
serungen ihrer elenden Lage. Sie stellten sozusagen das Zucker-
brot zur Peitsche des Sozialistengesetzes dar. Doch die Arbeiter
ließen sich davon nicht blenden. Sie wollte sich nicht mit Brot-
samen vom Tisch der Reichen abspeisen lassen, sondern beharrten
auf der vollen Durchsetzung ihrer Rechte und setzten den Kampf
unentwegt fort.

Der Fehlschlag der Bismarckschen Politik mit Zuckerbrot und Peitsche
wurde offenkundig bei den unter dem Sozialistengesetz durchge-
führten Reichtagswahlen. Die folgende Übersicht zeigt die Ergeb-
nisse der Reichtagswahlen vom 27. Oktober 1881, vom 28. Oktober
1884, vom 21. Februar 1887 und vom 20. Februar 1890.
Wahljahr Stimme für 
SAPD
Prozent gültiger 
Stimmen für
SAPD
Gewählte
Abgeordnete
für SAPD
1881311 9616,113
1884549 9909,724
1887763 12810,111
18901 427 29819,735

Die deutsche Arbeiterklasse leistete unter Führung ihrer Partei
gegen den durch das Sozialistengesetz verschärften Polizei-
und Justizterror erfolgreich Widerstand und ging politisch, ideo-
logisch und organisatorisch gestärkt aus dem Kampf hervor. In
militaristischer Politik der herrschenden Klasse und mit opportu-
nistischen Kräften entwickelte sich die Sozialdemokratie in der
Periode des Sozialistengesetzes, unterstützt durch Karl Marx
und Friedrich Engels, zu einer revolutionären Massenpartei, in
der sich der Marxismus durchsetzte.

Zum ersten Male in der Geschichte gelang es einer Arbeiter-
partei, einen modernen Großstaat mit seinen ungeheuren Macht-
mitteln zu besiegen.

Für diesen Siege war es von entscheidender Bedeutung, daß es
gelang, eine wirksame Taktik zu entwickeln, die sich durch
geschickte Verbindung legaler und illegaler Methoden aus-
zeichnete.

4.4. Der illegale Widerstand gegen das Sozialistengesetz

4.4.1. Grundsätze und Methoden

Der erste Parteikongreß nach Erlaß des Sozialistengesetzes,
der im August 1880 illegal in Wyden (Schweiz) durchgeführt
wurde, beendete die Zeit der Verwirrung und des Schwankens
zwischen rechtsopportunistischen und linksradikalen Abeich-
ungen von der klaren revolutionären Parteilinie. Wie bereits
erwähnt, wurden die Führer der anarchistischen Gruppe, Most
und Hasselmann, aus der Partei ausgeschlossen. Die passive
Haltung der Mehrheit der Parteiführung im Kampf gegen das
Sozialistengesetz wurde kritisiert, doch wurden die Opportu-
nisten in ihren Vertrauensstellungen belassen.

Von besonderer Bedeutung war, daß der Kongreß einstimmig
beschloß, den Satz des Gothaer Programms von 1875, in dem
es hieß: "Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die So-
zialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen
Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft ...",
dahingehend zu ändern, daß die Wirte "mit allen gesetzlichen
Mitteln" durch die Worte "mit allen Mitteln" zu ersetzen seinen.
Mit der Streichung des einen Wortes "gesetzlichen" wurde der
illegale Widerstand gegen das Sozialistengesetz praktisch an-
erkannt und gefordert.

Der Kongreß forderte ausdrücklich von allen Parteimitgliedern
"die allgemeinste und energischste Tätigkeit" und "die feste
Organisierung in jeder geeigneten Weise".

Mit den Beschlüssen trug der Wydener Kongreß zweifellos den
Wünschen jener zahlreichen Parteimitglieder Rechnung, die von
Anfang an nicht gesonnen waren, sich dem Ausnahmegesetz zu
beugen, sondern mehr oder weniger spontan, voller Mut und
Siegeszuversicht den illegalen Kampf aufgenommen hatten und
denen es bei allen Opfern, die gebracht werden mußten, gera-
dezu Vergnügen bereitete, die gesetzlichen Bestimmungen zu
umgehen und die Polizei mit ihren Spitzeln an der Nase herum-
zuführen.

Es geht hier weniger um die Einschätzung der politischen Be-
deutung und Wirkung der illegalen Tätigkeit als um die Darstel-
lung von Methoden der Abschirmung illegaler Aktivitäten.

Es handelt sich vor allem um Methoden der Tarnung illegaler
Organisationen, Versammlungen, Kundgebungen, Kongresse sowie
der Tarnung von Herstellung und Vertrieb illegaler Literatur als
Grundlage der Agitations- und Propagandatätigkeit. Neben altbe-
währten Tarnmethoden kamen auch viele neue Methoden und Kunst-
griffe zur Anwendung, bei deren Entwicklung die Genossen
sehr erfindungsreich waren.

Eine der hervorragenden Leistungen im Widerstandskampf ge-
gen das Sozialistengesetz war die Schaffung einer ausgezeich-
net funktionierenden Organisation für den Vertrieb des "Sozial-
demokrat" und anderer illegaler Literatur nach und in Deutsch-
land. Sie wurde unter dem Namen Rote Feldpost berühmt.

Kaum weniger bedeutend war die Schaffung eines wirksamen
Sicherheitsdienstes der Partei zur Abwehr von Spitzeln, Pro-
vokateuren, Verrätern und anderen feindlichen und unzuver-
lässigen Elementen. Er veröffentlichte seine Warninformationen,
die vom Gegner ebenso gefürchtet wie von den Anhängern hoch-
geschätzt wurden. Im "Sozialdemokrat" unter der Bezeichnung
"Eiserne Maske".

Neben den vielfältigsten Tarnmethoden wurden zum ersten Male
in der deutschen Arbeiterbewegung, vielleicht der internatio-
nalen Arbeiterbewegung überhaupt, nachweisbar und in breiterem
Maße auch Chiffriermethoden als wesentliches Mittel zur Absi-
cherung der illegalen Tätigkeit angewandt.

4.4.2. Personen

Als Meister in der Führung des illegalen Kampfes erwies sich
August Bebel, der in seinem persönlichen Verhalten als Vorbild
wirkte und nicht müde wurde, die Genossen zur Wachsamkeit
zu ermahnen und ihnen konkrete Hinweise für konspiratives
Verhalten zu geben.

Ein Musterbeispiel für geschickte Ausnutzung legaler Möglich-
keiten zur Anleitung des illegalen Kampfes lieferte er noch vor
Erlaß des Sozialistengesetzes, als er in der Reichstagsdebatte
den bürgerlichen Abgeordneten folgende Worte zurief, die in
Wirklichkeit als erste Hinweise zur illegalen Betätigung an die
Arbeiter gerichtet waren und von diesen auch so verstanden
wurden: "Können Sie es beispielweise verhindern ..., wenn
... in Tausenden und Zehntausenden von Familien die Genos-
sen in einer Kopfzahl von drei, vier, fünf Mann - je nach-
dem - sich vereinigen, bald hier, bald dort im vertauten
Kreise zusammenkommen ... und dort die sozialistischen
Schriftenlesen, sie diskutieren usw.? ... Die Arbeiter werden
... mit der äußersten Zähigkeit für ihre Überzeugungen ein-
treten, sie werden in Werkstätten, in Fabriken, in der Familie
und im Bierhaus, auf der Eisenbahn, sonntags auf Spaziergän-
gen und an vielen anderen Orten ... zusammenkommen. Jeder
wird seine zwei, drei, vielleicht auch zehn und zwölf Bro-
schüren ... mitnehmen; sie werden ihre Freunde und Bekann-
ten auf dem Lande und in den abgelegensten Teilen der Städte
besuchen und ihnen diese Broschüren geben. Und diese Tätigk-
keit lahmzulegen wird ihnen ganz unmöglich seien."

Genauso wurde es dann auch.

Kein Wunder aber auch, daß die Polizei auf August Bebel ihr
besonderes Augenmerk richtete. Die folgenden Auszüge aus
seinen Erinnerungen werden ein bezeichnendes Licht auf das
Ausmaß der polizeilichen Bespitzelung und zeigen, wie schwierig
es war, unter solchen Umständen illegale Arbeit zu leisten:

"Während der zwölfjährigen Dauer des Sozialistengesetzes war
ich - ich dar das ohne Übertreibung sagen - der in Deutschland
polizeilich am meisten verfolgten Mensch. Die Polizei hatte die
vorgefaßte Meinung, ich sei ein gefährlicher Mensch, den man
nicht aus den Augen lassen dürfe ... Mein Haß gegen diese
Staatsretterei steigerte sich von Jahr zu Jahr, und da die
zahllosen Gemeinheiten und Gewissenlosigkeit, die die Polizei
an zahlreichen Parteigenossen und auch an mir verübte, sich
berghoch anhäuften, wuchs auch meine Verachtung gegen sie.
Ich kam allmählich in eine Stimmung, wonach es mein sehnlich-
ster Wunsch war, es möchte zu einer inneren Katastrophe kommen,
die uns in die Lage setzte, Vergeltung zu üben für all die
Frevel, die man von jener Seite sich gegen uns hatte zuschul-
den kommen lassen. Noch heute steigt mit das Blut zu Kopfe,
gedenke ich jener Zeit. Daß ich, wenn ich in Berlin zum
Reichstag war, auf Schritt und Tritt überwacht wurde, das
passierte auch meinen sozialdemokratischen Kollegen. Aber daß
man den Telegrafen hinter mit in Bewegung setzt und von
einer Stadt zu anderen telegrafiert, daß und wann ich ankommen
würde, passierte nur mir. Das geschah meist in der Weise, daß
der Polizist, der mich zu überwachten hatte, sobald ich auf
dem Bahnhof eine Fahrkarte löste, hinter mit an den Schalter
trat und sich erkundigte, wohin ich die Fahrkarte genommen.
Und nicht bloß wegen sogenannter Agitationsreisen wurde ich
verfolgt, sondern auch auf meinen geschäftlichen Reisen wurde
der gleiche Unfug verübt. Ich hatte schließlich eine solche
Übung in der Entdeckung dieser 'Geheimen' unter einem Haufen
anderer Menschen erlangt, daß, wenn der Zug in eine Station
einfuhr und ich den Kopf zum Fenster herausstreckte, ich auch
rasch das Polizeigesicht entdeckte, das meine Überwachung
übernehmen werde. Bei dieser Art der Verfolgung entwickelte
sich ein stiller Krieg zwischen mir und meinen Verfolgern. Da
ich selbstverständlich das Bedürfnis empfand, namentlich an
den Abenden in den Kreisen meiner Genossen zu verkehren und
mit diesen Gedanken auszutauschen, dir für Polizeiohren nicht
bestimmt waren, so bot ich alles auf, um im Gewirr der Stra-
ßen und Häuser meinem Verfolger zu entrinnen, was mir mit
Hilfe meiner flinken Beine und der Mithilfe der Genossen fast
ausnahmslos gelang. Mancher ruhiger Bürger sah mir etwas er-
staunt nach, wenn mein rascher Schritt allmählich in einen
gelinden Trab sich verwandelte und eine Strecke hinter mit
keuchend und schweißtriefend ein Individuum sich zeigte, über
dessen Charakter er sich im klaren war ...

In jenen Jahren stand jedoch nicht nur die Bahnverwaltung in
intimen Beziehungen zur Polizei, sondern auch die Post. Daß
Briefe und Pakete, die an bekannte Sozialdemokraten kamen,
vor ihrer Ablieferung der Polizeibehörde mitgeteilt wurden, so
daß diese hinter der Ablieferung der Gegenstände sofort in die
Wohnung eintrat und die Beschlagnahme ausführte, kam in Tau-
senden von Fällen vor ...

Überhaupt wurde es unter dem Sozialistengesetz bei den Par-
teigenossen geradezu Sport, die Polizei zum besten zu halten
und irrezuführen. Und jeder gelungene Streich wurde weidlich
belacht und stachelte zu neuen Versuchen an. Kamen wir zu-
sammen und hatten wir unsere Parteiangelegenheiten erledigt,
dann kam auch der Humor zu seinem Recht, und einen großen
Teil des Unterhaltungsstoffes bildeten Erzählungen über die
Naseführungen der Polizei. Diese hatte überhaupt das, was
sie entdeckte und erfuhr, in den seltensten Fällen ihrem ei-
genen Witz und Geschick zu danken, sondern den Leichtsinn und
der Schwatzsucht dieser oder jenes Genossen. Abgesehen von
Verrätereien durch Genossen, die den Geldangeboten der Poli-
zei nicht widerstehen vermochten oder auch von der Polizei
zu Verräterdiensten gezwungen wurden, weil diese über sie
Dinge erfahren hatte, die, wenn sie zur Anzeige gebracht wur-
den, die Betreffenden dem Gefängnis überlieferten. Solche
Zwangsfälle kamen wiederholt vor. Die polizeilichen Stützen des
christlichen Staates ließen gern ein Vergehen ungesühnt, wenn
sie dafür einen politischen Verrat eintauschen konnten ...

Eine dieser Fahrten führte mich eines Tages schließlich nach
Chemnitz. Auch dort wurde mir der übliche Empfang zuteil. Die
Polizei besaß sogar die Unverfrorenheit, während meiner Abwe-
sehnheit meinen Koffer aus dem Hotel holen und zu öffnen,um
nach Verbotenen zu forschen. Auf der Straße verlangte sogar
ein Polizist, ich solle mit ihm nach der Polizei kommen,
um meinen Musterkoffer durchsuchen zu lassen. Dessen weigerte
ich mich, wolle er den Koffer tragen, würde ich ihm folgen.
Darauf genügte er sich damit, daß er mit mir in ein Haus trat,
um sich von der Harmlosigkeit des Kofferinhalts zu überzeugen.
Meine Beschwerde gegen sieden ungesetzlichen Unfug, die bis
an das Ministerium ging, hatte keinen Erfolg.

Dagegen hatte ich am Nachmittag desselben Tages ein heiteres
Intermezzo mit der Mittweidaer Polizei: Ich reiste hinüber, um
unseren dortigen Genossen einen besuch zu machen. Als ich auf
dem Bahnhof in Mittweida ankam, wurde mir ein doppelter Empfang
bereitet. Es erwartete mich eine Anzahl Parteigenossen und
hinter diesen stehend ein Aufgebot der Polizei mit dem Stadt-
oberhaupt, dem Bürgermeister Keubler in höchsteigener Person
an der Spitze. Dieser Empfang stimmte mich gleich sehr heiter.
Ich macht also meinen Parteigenossen gleich den Vorschlag,
statt in ein Lokal einzutreten, auf der Hauptstraße Mittweida
auf und abzuspazieren, wobei ich ihnen allerlei erzählen wollte.
Gedacht, getan. Der Spaziergang begann, Hinter uns in mäßiger
Entfernung Bürgermeister und Polizei in Gefolge. In wenigen
Minuten hatte sich ein großer Menschenhaufen angesammelt, aus
dessen Mitte dem Bürgermeister und der Polizei allerlei humo-
ristische Bemerkungen zugerufen wurden. Alles lachte. Voller
Verlegenheit zog sich der Bürgermeister in ein Haus zurück
und ließ seinen Untergebenen den Befehl zukommen, sich zu
entfernen."

Neben August Bebel muß als hervorragender Führer des illegalen
Kampfes gegen das Sozialistengesetz unbedingt Julius Motteler
genannt werden.

Motteler hatte in seiner Geburtsstadt Eßlingen den Beruf eines
Kaufmanns erlernt und sich durch längere Tätigkeit als Arbeiter
in einer Wollwarenmanufaktur gründliche Kenntnisse in der Tex-
tilbranche angeeignet. Seit Anfang der sechziger Jahre war er
in Crimmitschau als Buchhalter und Disponent tätig und erwarb
sich dort große Verdienste um die Arbeiterbewegung und die gleich-
berechtigte Einbeziehung der proletarischen Frauen in den poli-
tischen Kampf. Gemeinsam mit August Bebel, mit dem ihn seit 1863
eine enge Freundschaft verband, und Wilhelm Liebknecht gründete
er in Westsachsen zahlreiche Arbeitervereine, Genossenschaften
und Gewerkschaften, 1866 die Sächsische Volkspartei und 1869 die
SDAP, an deren sämtlichen Kongressen er als Delegierter teilnahm.
Als er 1867 wegen seiner politischen Tätigkeit seine Arbeitsstelle
verlor, übernahm er den Vorsitz der neugegründeten Spinn- und Web-
genossenschaft Ernst Sehfest & Co. in Crimmitschau, die unter
seiner sachkundigen Leitung einen guten Aufschwung nahm. Pionier-
arbeit leistete er auch bei der Gründung der internationalen
Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter,
der ersten auf den marxistischen Positionen der I. Internationale
stehenden Gewerkschaft und zugleich der ersten Gewerkschaft
Deutschlands, die Frauen als gelichberechtigte Mitglieder aufnahm
(1869) sowie bei der Gründung der Crimmitschauer Genossenschafts-
druckerei. 1874 übernahm Motteler die Geschäftsleitung der Leip-
ziger Genossenschaftsdruckerei. Von 1874 bis 1878 gehörte er dem
Reichstag an, wo er für die Schaffung einer Volksmiliz und den
Schutz der Arbeiterkinder vor kapitalistischer Ausbeutung eintrat.

Auf Drängen Bebels übernahm Motteler Ende 1879 die geschäft-
liche Leitung und die Expedition des "Sozialdemokrat", ein-
schließlich des Grenzschmuggels und des illegalen Vertriebs in
Deutschland. Die Organisation der Roten Feldpost und der Auf-
bau des Sicherheitsdienstes der Partei sind gewiß die glänzend-
sten Leistungen in Mottelers an hervorragenden Leistungen nicht
armen Leben. Sie trugen ihm den Ehrennamen "Roter Feldpost-
meister" ein.

Zur Übernahme seiner neuen Aufgabe siedelte Motteler mit seiner
Frau nach Hottingen bei Zürich um. 1888 auf Betreiben der deu-
tschen Behörden aus der Schweiz ausgewiesen, ging er nach Lon-
don, wo er nach Aufhebung des Sozialistengesetzes am Aufbau
des Parteiarchivs mitarbeitete. Erst als der gegen ihn erlas-
sene Steckbrief 1901 aufgehoben wurde, konnte er nach zweiund-
zwanzigjähriger Emigration nach Deutschland zurückkehren. Er
übernahm die Leitung des Verlags und der Druckerei der "Leip-
ziger Volkszeitung" und wurde 1903 erneut in den Reichstag ge-
wählt. Bis zu seinem Tode im Jahre 1907 bleib er seiner revo-
lutionären Gesinnung treu, unterstützte Bebel im Kampf gegen
den Revisionismus und begrüßte begeistert die russische Revo-
lution von 1905.

August Bebel, dem das Verdienst zukommt, Motteler für die so
außerordentlich wichtige Schlüsselfunktion eines Roten Feldpost-
meisters gewonnen zu haben und der dabei bewiesen hatte, wie
richtig er die speziellen Qualitäten seines Freundes einzuschät-
zen vermochte, schrieb später in seinen Erinnerungen: "Damit
hatten wir den richtigen mann für den richtigen Posten gefun-
den ... Was ihn besonders für seine neue Stellung geeignet
achte, war seine Energie und Findigkeit. Auch war er eine
unermüdliche Arbeitskraft, im höchsten Grad opferwillig, ge-
wissenhaft und zuverlässig."

Nicht anders wurde Motteler von Clara Zetkin eingeschätzt. Sie
hatte 1882, im Alter von fünfundzwanzig Jahren, einige Monate
bei Motteler in Zürich gearbeitet und dabei Erfahrungen gesam-
melt, die für die spätere Arbeit der deutschen Linken in und
nach dem ersten Weltkrieg sicher nicht ohne Bedeutung waren.
"Julius Motteler", schrieb sie später, "zeichnete sich durch
ungewöhnliche organisatorische Fähigkeiten aus, und er war
gleichzeitig ein glänzender Redner. Er riß seine Zuhörerschaft
durch anschauliche Bilder und Vergleiche wie durch das hohe
Pathos seiner Rede hin ... Was Motteler für den ersten,
schweren Aufbau und Ausbau der sozialdemokratischen Partei,
was er für die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung ge-
leistet, würde hinreichen, um seinem Namen die Unvergessen-
heit zu sichern. Es tritt jedoch zurück hinter seinem illegalen
Werk in den Jahren des Sozialistengesetzes ...

Als 'Roter Feldpostmeister' hat Motteler Wertvolles, Unver-
geßliches geleistet. Dank seiner Geschäftsführung konnte
Eduard Bernsteins hervorragende Leistung als Redakteur -
Friedrich Engels stand hinter ihm - in Deutschland voll zur
Geltung kommen. Der Leserkreis des 'Sozialdemokraten' erwei-
terte sich schnell und stark. Nicht bloß Tausende, bald warte-
ten Zehntausende deutsche Proletarier ungeduldig auf ihr Blatt.
Damit sie nicht vergeblich warteten, mußten ein gewaltiges Stück
konspirativer Arbeit geleistet werden. Das Schwierigste war die
Sicherung des Transports durch Schmuggel über die Grenze und
die Verteilung in Deutschland. Die in Betracht kommende Grenze
zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reiche vom
Bodensee bis Basel ist nicht lang, sie war dicht mit Zollwäch-
tern besetzt und von einem Spitzelheer umlauert. Spitzel beob-
achteten bei Tag und Nacht die Druckerei und Mottelers Woh-
nung.

Wenn eine Nummer des 'Sozialdemokraten' herauskam und ver-
schickt wurde, so stand Motteler wie ein Feldherr auf dem
Kriegsschauplatz; Nachrichten empfangend, Anweisungen aus-
teilend, alles beobachteten, leitend, kontrollierend. Man
lachte manchmal über die Pedanterie des 'Onkels', die durch
die Strenge der 'Tante' - Mottelers Frau, sine nie versagende
Helferin und treueste Mitkämpferin - womöglich noch übergip-
felt wurde, aber man fügte sich, denn ihre Notwendigkeit wurde
erkannt. Nichts, nicht das geringste durfte bei der Ausliefer-
ung der Sendungen bei der Post in Deutschland und beim Austragen
auffallen, Verdacht erregen ... Es war unvermeidlich, daß es
bei der revolutionären Expeditionstätigkeit auch 'schwarze Tage'
gab. Trotz aller Schlauheit und Umsicht fiel die eine oder ande-
re Sendung in die Hände der Behörden oder ging verloren. Wenn
eine derartige Trauerbotschaft einlief, setzte Motteler sofort,
und wenn es mitten in der Nacht war, alles in Bewegung, um
schnellstens Schuld und Versäumnis festzustellen, und suchte
Maßnahmen gegen künftiges Mißgeschick zu treffen.

Der 'Rote Feldpostmeister' schuf ein Meisterwerk konspirativer
Arbeit. Seine vielseitigen und starken Fähigkeiten wirkten sich
dabei aus: sein organisatorisches Talent, sein feiner Spürsinn
für Menschen und Dinge, sein Vertrautsein mit dem Geschäfts-
leben und nicht am wenigsten seine eiserne Energie, sein nicht
ermüdender Tätigkeitsdrang, seine peinliche Gewissenhaftigkeit
in der Pflichterfüllung und eine außerordentlich rege und reiche
Phantasie. er war unerschöpflich im Erdenken und Erdichten
neuer Listen, um Grenzwächter und Spione 'hineinzulegen'. Ein
Kranz von Legenden bildete sich um seine Tätigkeit. Motteler
hatte für den Schmuggel des 'Sozialdemokraten' über die Grenze
wie die Versendung in Deutschland einen Stab zuverlässigster,
kluger Genossen zusammengebracht, die ebenso kühnen Sinn wie
kühlen Kopf hatten. Sein tüchtigster Mitarbeiter für den heiklen
Grenzverkehr war der Schuhmacher Joseph Belli, ein politischer
Emigrant aus Baden, listenreich und verschlagen wie Odysseus
und unerschrocken in jeder Gefahr. Jenseits der Grenze stell-
ten jahrelang Genossen in Baden und namentlich in Offenburg
eine Elitetruppe dem Sozialismus ergebener revolutionärer
'Transportarbeiter' ... In den Großstädten und Industriezentren
Deutschlands ließen sich Hunderte mit Feuereifer die Verbreitung
des Blattes angelegen sein: Alte und Junge, Männer und Frauen,
alle angespornt von dem Bewußtsein, der Befreiung der Unter-
drückten und Ausgebeuteten zu dienen."

Zu den engeren Mitarbeitern Mottelers gehörte neben seiner
Frau - der "Tante", die wegen ihrer Energie und Strenge von
vertrauten Mitarbeitern heimlich auch respektlos "der Drache"
genannt wurde - und Joseph Belli, der aufschlußreiche Erin-
nerungen hinterlassen hat, auch Karl Derossi.

Derossi, der Mitglied des Parteivorstandes des ADAV und dann
der SDAP gewesen war, befand sich seit Oktober 1880 in der
Schweiz. Er besorgte die umfangreiche Korrespondenz zwischen
der Zentrale der Roten Feldpost und den Vertrauensmännern in
Deutschland, die als Verbindungspersonen zwischen der Zentrale
und den Verteilern und Beziehern der illegalen Literatur fun-
gierten. Diese Korrespondenz wurde in chiffrierter Form über
Deckadressen und unter Decknamen abgewickelt. Zu Derossis Auf-
gaben gehörte die Entwicklung und Verteilung von Chiffrierver-
fahren und zugehörigen Schlüsseln und offenbar auch die Führ-
ung der Deckadressen- Decknamenverzeichnisse. Er bekleidete
somit praktisch die Funktion eines Leiters des Chiffrier-
dienstes der Roten Feldpost.

Joseph Belli schrieb über ihn: "Vielen Parteigenossen im Reich
wird seine überaus kleine und zierliche Handschrift noch in
Erinnerung sein. Er war eine Erfinder- und Tüftlernatur. Un-
ausgesetzt beschäftigte er sich mit der Entdeckung von Chif-
fren und einer chemischen Geheimschrift. Auch baute er sinn-
reiche Apparate für die Komposition und Auflösung der Chif-
fren. Ebenso große Aufmerksamkeit verwandte er auf die Her-
stellung neuer, abwechselnder Paketformen und baute außerdem
jahrelang an einem Luftschiff."

Derossi wanderte 1884 nach Amerika aus, wo er 1910 starb.
Sein Nachfolger wurde Joseph Joos, der sich in dieser Funk-
tion bis zum Fall des Sozialistengesetzes ebenfalls große
Verdienst erwarb.

4.4.3. Appelle und Instruktionen

Immer wieder wurden die im illegalen Kampf stehenden Genossen
zur Wachsamkeit und Einhaltung der Regeln der Konspiration er-
mahnt. Entsprechende Aufrufe und praktische Verhaltensmaßre-
geln wurden im "Sozialdemokrat" und in gesonderten Rundschrei-
ben und Flugschriften publiziert, wie folgende Auslese zeigt.

Bereits die erste Nummer des "Sozialdemokrat", die sogenannte
Probenummer vom 28. September 1879, enthielt folgenden Hin-
weis:

"Da unser Blatt voraussichtlich in Deutschland und Österreich
sofort verfolgt werden wird und die dortigen Behörden sich alle
Mühe geben werden, unsere Verbindungen nach jenen Ländern
möglichst zu erschweren, respektive Briefe von dort an uns
und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzu-
fangen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverkehr notwendig
und darf keine Vorsichtsmaßregeln versäumt werden, die Brief-
marder über den wahren Absender und Empfänger zu täuschen.
Haupterfordernis ist hierzu einerseits, daß unsere Freunde so
selten als möglich an den 'Sozialdemokrat' resp. dessen Verlag
selbst adressieren, sondern sich möglichst um irgendeine un-
verdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Österreichs
wenden."

Die nächste Nummer des "Sozialdemokrat", vom 5. Oktober 1879,
brachte folgende Verhaltensmaßregeln für die Korrespondenz:

"Man drücke sich möglichst unbefangen aus, resp. verhülle
seine eigene Meinung unter die Form einer geschäftlichen Mit-
teilung oder Familiennachricht, schreibe Namens- und Ortsbe-
zeichnungen nie aus und setze ebensowenig seine Namensunter-
schrift bei, bediene sich bei besonders wichtigen Mitteilungen
der Chiffrenschrift ... Vor allem aber sende man wo möglich
niemals direkt an bekannte Sozialdemokraten, sondern ver-
schaffe sich unverdächtige Zwischenadressen im In- und Aus-
lande und wechsle auch mit ihnen von Zeit zu Zeit. Hat man
aber dadurch die Briefmader irregeführt und seine Korreson-
denz ihren Diebesfingern entzogen, so muß man der Regierung
aber noch das letzte Mittel, ihre Nase in unsere Angelegen-
heiten zu stecken, nehmen, indem man die empfangenen Briefe
stets sofort nach Empfang und Durchlesung derselben vernich-
tet und so Staatsanwalt und Polizei die Aussicht abschneidet,
durch Haussuchungen etwas zu ergattern."

Während der ganzen Zeit seines Erscheinens brachte der
"Sozialdemokrat" unmittelbar unter dem Titel folgende Hinweis:
"Briefe an die Redaktion und Expedition des in Deutschland und
Österreich verbotenen 'Sozialdemokrat' wolle man unter Beach-
tung äußerster Vorsicht abgehen lassen. In der Regel schicke
man uns die Briefe nicht direkt, sondern an die bekannten
Deckadressen. In zweifelhaften Fällen eingeschrieben."

In einem von August Bebel verfaßten "Aufruf der sozialdemo-
kratischen Parteivertretung an die Mitglieder", der am 26.
September 1880 im "Sozialdemokrat" erschien, hieß es:

"... Um energisch in die Agitation eintreten zu können, ist
vor allem eines nötig: Vorsicht! Ihr sollte vorsichtig sein, und
Ihr müßt namentlich verschwiegen sein - Spione gibt's über-
all -, aber Ihr dürft nicht feig sein. Man vergesse namentlich
nie, daß das Abonnieren einer verbotenen Zeitung oder das
Lesen und Inbesitz haben verbotener Broschüren nicht strafbar
ist, sondern nur deren Verbreitung an irgendeinen Dritten.
Hebt ferner nie Briefe auf, oder sonstiges Geschriebenes oder
Gedrucktes (Zirkulare und dergleichen); sie können euch oder
dem Schreiber oder Absender schaden und sei es auch nur,
daß ein strebsamer Staatsanwalt euch wochen- oder monatelang
in Untersuchungshaft steckt. Seid stets eingedenk, daß jeden
Tag euch die Polizei mit einer Haussuchung ins Haus fallen
kann, und laßt also nichts bei euch liegen, was diese suchen
könnte. Wie der Soldat auf dem Vorposten keinen Augenblick in
der größten Wachsamkeit, Umsicht und Vorsicht nachlassen darf,
so muß auch der deutsche Sozialdemokrat beständig auf dem
Posten und vorsichtig und umsichtig sein; denn wir leben im
Kriege ..."

In einem redaktionellen Beitrag "Zur Beachtung für die Genossen
in Deutschland", der am 15. Mai 1881 im "Sozialdemokrat" er-
schien, hieß es unter anderem: "Von Wichtigkeit ist ferner, daß
Empfänger von Sendungen dieselben so schnell wie möglich aus
Ihrer Behausung schaffen ... Alles auf solchen Sendungen Be-
zügliche: Briefbeschaffenheit, Notizen über dieselben usw., muß so-
fort nach Gebrauch vernichtet werden ... Ist es durchaus nö-
tig, einzelne Notizen, Adressen usw. aufzubewahren, so möge
man sich die Mühe nehmen, dieselben nach einem Wahlwort,
welches man nur zu Zweck benutzt, zu chiffrieren. Im übrigen
kann man kleinere Notizen leicht derartig unterbringen, daß
sie unmöglich bei einer Haussuchung gefunden werden können ...

Der Aufklärung nicht nur der Genossen, sondern auch der brei-
teren Öffentlichkeit über die Praktiken der politischen Polizei
diente eine Broschüre, die unter dem Titel "Die deutsche Ge-
heimpolizei im Kampfe mit der Sozialdemokratie. Aktenstücke und
Enthüllungen auf Grund authentischen Materials. Volksbuchhand-
lung Hottingen-Zürich" in Nummer 51 des "Sozialdemokrat" vom
14. Dezember 1882 angezeigt wurde.

August Bebel schrieb eine Artikelserie, die unter dem Titel
"Wie verhalten wir uns vor Polizei und Gericht" am 2., 9. und
16. November 1882 im "Sozialdemokrat" veröffentlicht wurde.
Daraus folgende Auszüge:

"... Es gibt nicht wenig Parteigenossen ..., die sich in die
Situation noch gar nicht hineinzufinden vermögen und manchmal
mit wahrhaft rührender Naivität mündlich und schriftlich Ver-
stöße gegen die einfachsten Vorsichtsmaßregeln begehen ...

Wer Briefe oder Sendungen in Parteiangelegenheiten empfängt,
muß sich bewußt sein, daß die Polizei sich für seine Sendun-
gen interessieren könnte; er sorge also dafür, daß solche
Sendungen nicht direkt an ihn, sondern an unverfängliche Drit-
te gesandt werden.

Daraus entsteht aber umgekehrt die Verpflichtung für jeden,
der solche Deckadressen zur Benutzung empfängt, diese aufs
peinlichste und sorgfältigste aufzubewahren, so daß sie bei
der strengsten Haus- und körperlichen Durchsuchung nicht ge-
funden werden. Das ist bei solchen Adressen, die wenig Raum
beanspruchen, sehr leicht zu machen; noch besser ist es,
wenn solche Adressen so geschrieben werden, daß sie nur
ihm, dem Benutzer, verständlich sind. Für Dritte unfindbar
aufgehoben müssen sie aber auch dann noch werden.

Man halte in diesen und allen anderen Fällen gest: Lieber ein
wenig zuviel Vorsicht als zu wenig, und wenn diese Vorsicht
auch Zeit und einige Mühe beansprucht.

Wer Briefe an einen Parteigenossen schreibt, der sei vorsich-
tig im Ausdruck, er schreibe stets so, als wenn ein Polizist
ihm dabei über die Achsel sähe ...

Kaum glaublich, aber häufig genug dagewesen ist, daß
Notizbücher zur Eintragung diskreter Adressen oder sonstiger
wichtiger Mitteilungen und Notizen benutzt wurden und werden.
Die Wegnahme und Durchstöberung des Notizbuches ist aber
das erste, was die Polizei bei jeder Durchsuchung vornimmt,
es sollte also das einfache Nachdenken jedem sagen, daß er
sein Notizbuch von verfänglichen Bemerkungen rein zu halten
hat.

Jeder Sozialdemokrat, auch wenn er nach seiner Meinung bisher
der Polizei als solcher nicht bekannt war, soll stets und über-
all darauf gefaßt sein, daß bei ihm gehaussucht oder er einer
persönlichen Durchsuchung unterworfen werden kann, und soll
danach sein Verhalten einrichten.

... Wer Briefe von seinen Parteigenossen empfängt, ist ver-
pflichtet, sobald er von deren Inhalt Kenntnis genommen, die
selben zu vernichten ...

'gebt mir drei Zeilen von einem Menschen, und ich bringe ihn
an den Galgen', dieses berüchtigte Wort des berüchtigten Napo-
leonischen Polizeiministers Fouché sollte jeder Sozialdemokrat
sich fest einprägen und täglich wiederholen.

Befaßt sich jemand mit der Verbreitung verbotener Schriften,
z. B. des 'Sozialdemokrat', so soll er solche nie in seiner
Wohnung aufbewahren oder finden lassen.

Wer verbotene Schriften empfängt, muß stets, wenn dieselben
abgefaßt werden, die Erklärung abgeben können, daß er nicht
wisse, wer ihm dieselben gesandt; daß er dieselben nicht be-
stellt habe und eventuell vernichtet hätte ..."

Im folgenden warnt Bebel eindringlich davor, Geständnisse auf
Grund des Versprechens milderer Bestrafung durch Polizei oder
Richter zu machen und fährt fort:

"Das Abonnement auf Zeitungen oder der Kauf und Bezug verbo-
tener Schriften zum Selbstgebrauch ist nicht verboten und kann
nicht bestraft werden. Nur die Bearbeitung, also die Weitergabe
an Dritte, ist strafbar ...

Es ist ganz unzweifelhaft, daß Post und Polizei behufs des Ab-
fangens von Paketen und Schriften unter einer Decke stecken ...

Daraus ergibt sich für jeden beteiligten Parteimann die streng-
ste Verpflichtung zur Vorsicht; Verschwiegenheit im persön-
lichen Verkehr, große Vorsicht im Ausdruck in Briefen und
Schriftstücken; Ergreifung von Vorsichtsmaßregeln bei Zusam-
menkünften, indem man Posten zur Beobachtung ausstellt, je-
dem Beteiligten das Mitführen verfänglicher Briefe, Notizen und
Schriftstücke untersagt, bei jeder Zusammenkunft sich zu-
nächst verständigt, welche Aussage im Falle einer Über-
rumpelung zu machen sind. Größere Zusammenkünfte sollten
stets nur so stattfinden, daß man das Terrain in weiteren
Kreisen überschauen und jede Annäherung verdächtiger Elemente
rechtzeitig erkennen kann, also im Freien.

Ein vernünftiger Sozialdemokrat denkt stets daran, daß seine
Partei geächtet ist und sich mit der herrschenden Gesellschaft
auf dem Kriegsfuße befindet, und so muß er, wie der Soldat
im Kriege, stets und überall seine Augen und Ohren offen ha-
ben und sich vor Dummheiten hüten. Unüberlegte Handlungen
und Sorglosigkeit sind die größten Verbrechen, die der Sozial-
demokrat begehen kann."

Daran schlossen sich ausführliche Hinweise Bebels für das
Verhalten bei Haussuchungen und Beschlagnahmungen sowie bei
Verhaftungen, Vernehmungen und Zeugenaussagen.

Den Sendungen mit illegalen Druckschriften wurden folgende
Hinweise der Expedition beigelegt:
                 "Zur Beachtung!"
Wir erinnern die Genossen zur genauen Einhaltung folgender
Punkt:
1. Vorsorge für Ersatzmänner, damit bei evtl. Vorkommnissen
   keine Stockung eintritt.
2. Regelmäßige Beschaffung einer genügenden Anzahl von Pa-
   ket- und einigen davon getrennt zu haltenden Briefadres-
   sen.
3. Deutliches Schreiben dieser Adressen und bei Herstellung
   derselbe in Chiffreschrift sorgfältiges Verfahren sowie
   Gegenprobe durch Dechiffrierung.
4. Vernichtung von Briefen, der zum Chiffrieren benutzten
   Zetteln etc.
5. Vorsorge, daß Pakete und sonstige Sendungen stets ange-
   nommen werden und unter keinen Umständen zurückgehen.
6. Schnelle Wegschaffung der Sendung aus der Wohnung des
   Empfängers.
7. Sofortige Nachricht bei irgendwelchen wichtigen Vorfällen an
   unsere Deckadressen und Deutlichkeit bei solchen Mittei-
   lungen, damit man genau weiß, um was es sich handelt.
8. Sofortige Meldung unbrauchbar gewordener Adressen.
9. Prompte Einhaltung der monatlichen Abrechnung."

Der Kopenhagener Kongreß (1883) beschloß die Herausgabe einer
Instruktion für die illegale Arbeit. Sie wurde wiederum von dem
unermüdlichen August Bebel verfaßt und erschien als selbstän-
dige Broschüre, die in Nummer 16 des "Sozialdemokrat" vom 17.
April 1884 mit folgenden Worten angezeigt wurde: "Im Verlag von
Conzett & Ebner in Chur ist erschienen und durch uns in Par-
tien zum Preis von 25 Pfg. zu beziehen Winke für die Agitation
und für das Verhalten vor den Behörden. - Die Schrift ist für
alle in der Agitation tätigen Parteigenossen unentbehrlich; sie
gibt Winke über die Agitation und den gegenseitigen Verkehr der
Genossen, über ihr Verhalten vor Polizei und Gericht. Ferner
enthält sie die wichtigsten Bestimmungen des Sozialistengesetzes
über die Behandlung von sozialistischen Presseerzeugnissen,
Vereinen und Versammlungen, Geldsammlungen usw. Die wichtig-
sten Bestimmungen der deutschen Versammlungsgesetze, des
Preßgesetzes, das Reichstagswahlrecht und das Reglement zum
Reichstagswahlgesetz. die wichtigsten Bestimmungen aus der Straf-
prozeßordnung über die Haussuchungen und Beschlagnahme von
Drucksachen, die Verhaftung und Verhöre, Zeugenvernehmungen
usw., endlich eine Anleitung zur Ausarbeitung von Wahlprotesten."

In der Broschüre, deren zweite Auflage in Nummer 35 des "So-
zialdemokrat" vom 27. August 1885 anzeigt wurde, hieß es
unter anderem: "Man komme niemand mit Vertrauen entgegen,
der sich dieses Vertrauen nicht durch Taten und entsprechen-
des Verhalten voll verdient hat. Man hüte sich namentlich vor
Großmäulern und Prahlhänsen. - Jeder befleißige sich streng-
ster Verschwiegenheit, denn Horcher gibt's heute überall, und
an Lumpen, die sich durch Denunziation entweder in Gunst nach
oben setzen oder etwas verdienen wollen, fehlt es auch nicht.
Auch haben leichtsinnige Schwätzer am Biertisch, in der Ge-
sellschaft, auf der Straße, in der Familie schon viel Unheil
angerichtet. Vorgänge, von deren Geheimhaltung sehr viel
abhängt, wie z. B. Zusammenkünfte und Besprechungen, die
Verbreitung von Flugblättern, Stimmzetteln usw. müssen bis
zum letzten Augenblick das Geheimnis derer bleiben, welchen
die Arrangements übertragen sind."
                   - - -
Eine andere Broschüre unter dem Titel "Rathschläge für das
politische Leben. Mit besonderer Berücksichtigung der Reichs-
tagswahlen" erschien 1884 in zweiter Auflage und wurde Mitte
1886 als vergriffen gemeldet.

Aus dem Jahre 1884 stammt auch ein Rundschreiben der Expe-
dition des "Sozialdemokrat" an die Vertrauensmänner der Ro-
ten Feldpost mit der Aufforderung: "... Schafft umgehend ...
genaue und sichere Adressen für die Paketsendungen. Am
besten solche von Geschäftsleuten - instruiert alle Deckadres-
saten eingehend, klar. - Adressierte Paketsendungen deutlich
und vergleicht Adressen stets mit der Vorschrift. Sorgt für
eiserne Verschwiegenheit. Beseitigt, was beseitigt werden muß,
rach; merkt, was zu merken ist, klar und sicher. Alle Ein-
gänge sind bei der Ankunft sofort sicher zu bergen und wei-
terzuschaffen. Adreß-Veränderungen sind rechtzeitig zu melden
und Vorkehrungen zu treffen, etwas unterwegs Befindliches auf
alle Fälle in Empfang nehmen"!

Ähnliche Hinweise erschienen wiederholt im Briefkästen des
"Sozialdemokrat", wie z. B. in der Nummer 19 von 1887:

"immer wieder schärfen wir unseren Korrespondenten ein, unter
Angabe des Datums in jedem Brief usw. stets deutlich anzuge-
ben, welche Korrespondenzen, Sendungen etc. bis zum Abgang
eingetroffen waren. bei Adreßänderungen, Adreßlöschungen und
dergleichen ist unbedingt Vorkehrung zu treffen, etwas Laufen-
des in sichere Hand zu leiten. Alle Adreßmeldungen bitten wir in
Deutsch- und Lateinschrift (behufs Kontrolle) deutlich zu schrei-
ben und sich nicht bloß mit zwei oder drei Adressen zu behelfen,
was stets gefährlich ist.

Deckadressen oder deren Angehörige sind zur Ablieferung so-
fort nach Empfangnahme strengstens anzuhalten.

Weiterbeförderungen und Abholungen sind pünktlichst zu bewirken.
Kuverts und Emballagen sofort nach Empfang zu vernichten.

Man schreibe Berichte etc. für die Redaktion niemals auf den-
selben Briefborgen, der Geschäftliches enthält, sondern jedes
getrennt."

In diesen Zusammenhang gehören auch die Broschüre "Stiebers
Verdruß" und die "Schwarze Liste", die auf weiter unten einge-
gangen werden soll.

4.5. Tarnorganisationen

Nach Paragraph 1 des Sozialistengesetzes waren alle "vereine
welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommu-
nistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats-
und Gesellschaftsordnung" bezweckten oder in denen derartige
Bestrebungen zu Tage traten, verboten.

Die Parteimitglieder waren nicht gewillt, sich diesem Verbot zu
beugen und auf den organisatorischen Zusammenhalt zu verzichten.

Die Schaffung einer über ganz Deutschland verbreiteten, zen-
tral geleiteten Geheimorganisation wurde für unzweckmäßig ge-
halten. "Wir waren überzeugt", schrieb Bebel später in seinen
Erinnerungen, "daß diese schon nach ganz kurzer Zeit entdeckt
werden und dann zu einer allgemeinen Verfolgung schlimmster
Art führen müsse. Organisierten sich die Genossen an einem
bestimmten Orte, so war im Falle der Entdeckung eine Verfol-
gung über den Ort hinaus nicht möglich. Vereinigte man sich
für einen bestimmten Zweck zu einer Zusammenkunft, so kam nur
die Verfolgung wegen einer nicht gesetzlich gemeldeten Ver-
sammlung in Frage."

Aus diesem Grunde lehnt auch der Wydener Parteikongreß eine
zentralistische Organisation ab und stellte es den Genossen
anheim, sich entsprechend den jeweiligen örtlichen Gegeben-
heiten zu organisieren.

Die illegalen örtlichen Organisationen, deren Aufbau in den
wichtigsten Zentren bis Anfang der achtziger Jahre abge-
schlossen war, hatten infolgedessen auch verschiedene
Strukturen.

Die illegalen örtliche Organisationen, deren bedeutendsten in
Berlin, Leipzig und Hamburg bestanden, bildeten den Kern der
sogenannten inneren Organisation der Partei. Sie waren es,
die die Sozialdemokraten zusammenfaßten, die nötigen Geldmit-
tel für die Parteiarbeit und die Unterstützung gemaßregelter,
ausgewiesener und eingekerkerter Genossen und deren Familien
sammelten, die Agitationsarbeit, illegale Schulungen und die
Werbung neuer Mitglieder durchführten, illegale Druckschriften
verbreiteten, Versammlungen, Kundgebungen und andere politi-
sche Aktionen organisierten und überhaupt die Hauptlast des
illegalen Kampfes trugen, wobei sie sich als außerordentlich
diszipliniert, schlagkräftig und reaktionsschnell erwiesen. So
verteilten vor den Reichstagswahlen des Jahres 1881 in Dresden
etwa 300 Mann in wenigen Stunden 40 000 Flugblätter. Ebenso
schlagartig verteilten in Gotha etwa 30 Mann, mit falschen Bär-
ten und Brillen maskiert, 10 000 Flugblätter. Keiner von ihnen
wurde erkannt oder gefaßt. Ähnliche Beispiele sind aus Berlin,
Chemnitz und anderen Städten bekannt.

in Berlin bildeten sich schon wenige Tag, nachdem am 28. No-
vember der kleine Belagerungszustand verhängt worden war, ein
sogenanntes Unterstützerkomitee, das sich aber nicht auf die
Hilfe für die Ausgewiesenen und ihre Familien beschränkte, son-
dern sich als neue illegale politische Führung entpuppte, die
die Genossen neu organisierte und Verbindung zum Leipziger
Zentralen Unterstützungskomitee und anderen auswärtigen Partei-
organisationen unterhielt. Bis zum Jahr 1882 bildete sich in
Berlin folgende Parteistruktur heraus, die im wesentlichen bis
zum Ende des Sozialistengesetzes unverändert blieb:

(1) An der Spitze jedes der 260 Stadtbezirke stand ein
Vertrauensmann.

(2) Durchschnittlich sechs Stadtbezirke unterstanden einem
Hauptmann, der von den Vertrauensmännern gewählt wurde und
seinerseits in der Regel die Vertrauensmänner ernannte.

(3) Die Hauptleute waren dem Vertreter des jeweiligen Wahlkrei-
ses, von denen es insgesamt acht gab, unterstellt.

(4) Die acht Wahlkreisvertreter bildeten zusammen das Unterstüt-
zungs- oder Zentralkomitee, also den Berliner Parteivorstand.
Sie wurden auf Mitgliederversammlungen oder Delegiertenkonfe-
renzen der einzelnen Wahlkreise gewählt.

Großer Wert wurde darauf gelegt, daß für jeden Funktionär
ein Stellvertreter da war, der über alles Bescheid wußte und
bei Ausfall des Funktionärs sofort an dessen Stelle treten
konnte.

Die Komiteesitzungen fanden wöchentlich an geheimgehaltenen
Orten statt. Das gleiche galt auch für die Zusammenkünfte
der Wahlkreisvertreter mit den Hauptleuten und der Hauptleute
mit den Vertrauensleuten.

Dem Schutz der Organisation gegen Verrat und Zersetzung
dienten auch die Verpflichtung der Verschwiegenheit in Partei-
angelegenheiten, die Verpflichtung, negative Informationen über
irgendeinen Genossen zunächst nur dem zuständigen übergeord-
neten Funktionär zur Kenntnis zu bringen und das Verbot des
Umgangs mit Kriminalpolizisten und mit zurückkehrenden ehe-
mals Ausgewiesenen, bei denen man ja nicht von vornherein
wissen konnte, ob sie nicht inzwischen von der Polizei ange-
worben worden waren.

Auch für die Aufbewahrung und Kontrolle der Parteigelder gab
es strenge Bestimmungen. Der Hauptkassierer war nur den Vor-
standsmitgliedern bekannt.

In Hamburg wurde Ende 1879 ein von Ignaz Auer ausgear-
beiteter Organisationsplan beschlossen. Auer war 1874 aus
Dresden ausgewiesen worden und seitdem als Sekretär des Par-
teivorstandes der SDAP in Hamburg tätig. Zu seinen Obliegen-
heiten gehörte die innere Organisation der Partei. Im November
1878 war er als einer der ersten aus Berlin ausgewiesen worden.

Nach diesem Plan für die illegale Organisation der Partei im so-
genannten nördlichen Belagerungsgebiet, das Hamburg und seine
Umgebung umfaßte, stand an der Spitze eine Kommission von acht
Genossen, von denen drei die Exekutive bildeten.

Die Achterkommission ernannte die Kreisleiter, diese ernannten
die Distriktführer und diese wiederum die Bezirksführer. Es
wurden zwei getrennte Kassen geführt: eine Wahlkasse und eine
Unterstützungskasse.

Sechs Jahre später (1885) wurde der Organisationsplan im Sinne
einer stärkeren Durchsetzung der innerparteilichen Demokratie
wie folgt abgeändert: Die Bezirksführer und Distriktführer wur-
den in Mitgliederversammlungen direkt gewählt. Die Bezirksführer
eines Wahlkreises, von denen es insgesamt sechs gab, bildeten das
Kreiskomitee, wie der Parteivorstand jetzt genannt wurde und dem
also nun zwölf Personen angehörten.

Die Grundeinheit war also der Bezirk, der mit dem Reichstags-
wahlbezirk identisch war und etwa 20 bis 50 Mitglieder hatte.
Für Ende der achtziger Jahre wird die Anzahl der in Hamburg
und umliegenden, heute eingemeindeten Ortschaften organisierten
Parteigenossen auf 5 000 bis 6 000 geschätzt, was für eine
illegale Organisation eine sehr beträchtliche Menge ist.

Wie in Berlin, so mußte auch in Hamburg für jeden Funktionär
ein Stellvertreter bereitstehen, um jederzeit dessen Aufgabe
übernehmen zu können.

Jedem Genossen wurden bestimmte Häuser zugewiesen, die er zu-
nächst unter Anleitung, dann bei Agitationseinsätzen, Geld-
sammlungen und dgl. zu bearbeiten hatte. Auf diese Weise lernte
er bald unauffällig jeden Einwohner kennen und erfuhr, wer mit
der Partei sympathisierte oder wer feindlich eingestellt oder
verdächtig war.

Für spezielle Aufgaben, wie den Vertrieb illegaler Schriften,
wurden besondere Gruppen gebildet, deren Mitglieder wie die
übergeordneten Funktionäre nur wenigen bekannt waren.

Hauptanknüpfungspunkte für die Bildung örtlicher illegaler Par-
teiorganisationen waren Hilfsaktionen für Ausgewiesene,Wahl-
kampagnen, die Organisation des Vertriebs des "Sozialdemo-
krat" (seit Herbst 1879) und legale Vereine, in denen kleinere
Gruppen für Sozialdemokraten den persönlichen Kontakt auf-
rechterhielten.

In Leipzig wirkte sich die Tätigkeit des von Bebel und
Liebknecht geschaffenen Zentralen Unterstützungskomitees, der
zentralen Annahmestelle für die in ganz Deutschland gesam-
melten Geldbeträge, aus. Schon im November 1878 bestand eine
illegale Parteiorganisation, deren Grundlage zunächst einige
Dutzend gesellige Vereine bildeten, die 1880 über 1 600 Mit-
glieder umfaßt habe sollen und deren "Delegierte" monatlich
auf "Konferenzen" zusammenkamen. Ein Jahr später hatte sich
auch hier der bewährte Modus des Anschlusses an die Reichstags-
wahkreise durchgesetzt. Es bestanden 19 Distrikte, die später in
Bezirke untergliedert wurden, mit einem Exekutivkomitee an der
Spitze. Ausgeschlossen war auch eine illegale sozialdemokratische
Studentenorganisation.

In Breslau war die Parteiorganisation entsprechend den beiden
Wahlkreisen in zwei Bezirke eingeteilt. Jeder Bezirk umfaßte
vier "Verbände", die je einem Vertauensmann unterstellt waren.
Die vier Vertrauensmänner jedes Bezirks bildeten dessen Agi-
tationskomitee. Außerdem existierten zahlreiche Zirkel, die
he einem Vertrauensmann unterstand und nicht mehr als acht
Mann umfassen durften.

In Dresden wurden bereits im Oktober 1878 neue illegale Par-
teiorganisationen und Parteileitungen gegründet.

In Chemnitz war bis 1881 der ganze Wahlkreis von einem Netz
illegaler Ortsgruppen verschiedener Organisationsform überzogen.
Ihre Vertreter wählten auf einer Geheimkonferenz 1882 eine sieben-
köpfige Kreisleitung, deren Vorsitzender, der Dreher Karl Riemann,
bis 1889 in dieser Funktion blieb und an den Kongressen von Kopen-
hagen und St. Gallen teilnahm.

In Barmen bestanden drei "Klubs", die in "Sektionen unterglie-
dert waren, von denen keine mehr als zwölf Mitglieder umfassen
durfte.

In Braunschweig hatte Wilhelm Bracke, ein Vertreter des linken
Flügels der Reichstagsfraktion, den rechtzeitigen Übergang in
die Illegalität vorbereitet. Es bestanden sieben gesellige Verei-
ne, die sich an verschiedenen Wochentagen versammelten, wo-
bei die übrigen Vereine durch einen Delegierten vertreten wa-
ren. Alle Delegierte zusammen bildeten die Parteileitung. Hier
wurde also eine Organisationsform wiederbelebt, die schon aus
der Zeit der französischen Geheimbünde bekannt ist.

In diesen und ähnlichen Formen bestanden illegale Parteiorgani-
sationen auch an vielen anderen Orten, hauptsächlich in Groß-
städten und ihren Nachbarorten.

Zur internen Organisation der Partei unter dem Sozialistengesetz
gehörten auch die sogenannten Corpora als Bestandteil der ille-
galen örtlichen Parteiorganisation, weiterhin die Parteiführung
und schließlich die Rote Feldpost, von der in einem besonderen
Abschnitt die Rede sein soll.

Das Wort Corpora, auch Korpora geschrieben, ist der Plural
des lateinischen Wortes corpus = Körper und bedeutet soviel
wie Körperschaft oder Hauptbestandteil einer Körperschaft. In
Hamburg verstand man unter diesem Begriff die gesamte Mitglied-
schaft eines Wahlkreises, in anderen Städten, wie Berlin, Leip-
zig und Halle, nur den Funktionskörper. In allen Fällen aber
gehörte Corpora-Versammlungen zu den wichtigsten illegalen
Veranstaltungen.

Als Parteiführung fungierte bis 1880 das Zentrale Unterstüt-
ungskomitee in Leipzig unter Leitung August Bebel, dem
außerdem Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Hasenclever, Friedrich
Wilhelm Fitzsche und Friedrich Geyer angehörten. Daneben,
aber ihm untergeordnet, bestand ein Zentralstelle in Hamburg
unter Leitung von Ignaz Auer. Der Wydener Kongreß beauf-
tragte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion mit dieser
Aufgabe, und diese Regelung wurde auch vom Kopenhagener
Kongreß bestätigt. In der Praxis bildete aber nicht die ge-
samte Fraktion, sondern nur deren Vorstand die illegale Par-
teileitung. Sie unterhielt Verbindung zu den örtlichen ille-
galen Organisationen und zur Roten Feldpost. Ihr führender
Kopf war Bebel, auch in den Jahren (1881 - 1883), als er
nicht dem Reichstag angehörte.

Neben dieser inneren Organisation der Partei gab es eine so-
genannte äußere Organisation. Darunter wurde der Zusammen-
schluß von Sozialdemokraten in bereits bestehenden oder neu
gegründeten legalen Vereinen verstanden. Als Tarnorganisa-
tionen dieser Art dienten Fortbildungsvereine und Leseklubs,
Sparvereine und Unterstützerkassen, Turnvereine, lokale
Fachvereine, später auch Wahlvereine, vor allem aber gesel-
lige und Vergnügungsvereine aller Art wie Gesang-, Musik-
und Theatervereine, Schach-, Schafskopf-, Skat- und andere
Spielklubs oder Rauchklubs.

Zwischen innerer und äußerer Organisation verlief keine
scharfe Trennungslinie. In Braunschweig, Chemnitz und ande-
ren Orten waren die Grundorganisation überwiegend unter
legalen Vereinen getarnt, während die leitenden Parteiorgane
reiner Bestandteil der inneren Organisation waren. Es gab
auch die Erscheinung, daß sich die Genossen innerhalb eines
legalen Vereins zu einem engeren, nach außen hin ebenfalls
legalen Verein zusammenschlossen. So gründeten die Genos-
sen von Schloßchemnitz, einem Ortsteil von Chemnitz, gleich
zu Beginn des Sozialistengesetzes einen Konsumverein, dem
natürlich auch Parteilose angehörten und innerhalb dessen sich
die Genossen zu einem Sparverein zusammenschlossen. Der wö-
chentliche Beitrag in Höhe von 25 Pfennigen wurde aber nicht,
wie sonst üblich, für Ausflüge oder Vergnügungen ausgegeben,
sondern floß in die Parteikasse. In einem anderen Ortsteil von
Chemnitz, wo ein ähnliche Tarnorganisation bestand, wurden
sogar bürgerliche Mitglieder in den Sparverein aufgenommen,
wenn sie bereitfanden, ihren Beitrag für die Opfer des So-
zialistengesetzes zu spenden.

Wenn nach Fricke in den ersten zehn Jahren des Sozialistenge-
setzes 332 Vereine, darunter 108 Vergnügungsvereine, verboten
wurden, weil ihr sozialdemokratischer Charakter der Polizei be-
kannt geworden war, so kann man daraus schlußfolgern, daß
ein Mehrfaches solcher Vereine existiert hat, deren Tarncharak-
ter von der Polizei nicht entdeckt worden ist.

Die Sozialdemokraten scheuten sich auch nicht, bürgerlich-reak-
tionäre Vereine als Tarnorganisationen auszunutzen. Es ist vor-
gekommen, daß derartige Vereine unter dem Einfluß der einge-
drungenen Sozialdemokraten und ihrer Agitation ihren politischen
Charkter völlig veränderten, wie folgende zwei Beispiele zeigen.

In Eberfeld, heute zu Wuppertal gehörend, war von zugewan-
derten sächsischen Webern der monarchistische Heimatverein
"Vereinigte Sachsen" gegründet worden, dessen Protektor der
sächsische König war. Sozialdemokraten, die sich als Mitglieder
aufnehmen ließen, errangen schließlich die Mehrheit in dem Ver-
ein und wählten einen neuen, sozialdemokratischen Vorstand.
Die unbelehrbaren Monarchisten traten aus dem Verein aus, der
König legte sein Protektorat nieder, und der Verein wählte als
neuen Protektor August Bebel, woraufhin er natürlich verboten
wurde.

In einem mitteldeutschen Bergarbeiterdorf wurden bei den
Reichstagswahlen 1887 für den bürgerlichen Kandidaten weni-
ger Stimmen abgegeben als der dortige Kriegerverein Mitglie-
der hatte. Die Behörden verlangte, die Sozialdemokraten aus-
zuschließen und erhielt zur Antwort: "Unmöglich, da in der
soeben abgehaltenen Versammlung sich alle Mitglieder zur So-
zialdemokratischen Partei bekannt haben." Darauf ging dem
Vorstand eine Verfügung zu, wonach den Mitgliedern des Ver-
eins das Tragen der Waffen und Entfalten der Fahne unter-
sagt war. Über die Auflösung werde die Reichsbehörde ent-
scheiden. Nun teilte der Vorstand der Behörde mit, die Ver-
fügung sei zu spät eingetroffen. "Wir haben die Gewehre be-
reits verkauft und für den Erlös geistige Waffen angeschafft.
An unserem ehemaligen Waffenschrank ist die Inschrift über-
malt, und es steht jetzt daran: 'Bibliothek des Arbeiterbil-
dungsvereins'. Wegen der Fahne stehen wir bereits mit einem
Färber in Verhandlung, um sie färben zu lassen." Die Sache
ging schließlich so aus, daß die Fahne an die sieben Mann,
die bei der entscheidenden Versammlung nicht anwesend ge-
wesen waren und den Kriegerverein weiterführen wollten, ver-
kauft wurde und dafür weitere Bücher für den Fortbildungs-
verein, der aus dem Kriegerverein hervorgegangen war, an-
geschafft wurden.

4.6. Tarnveranstaltungen

4.6.1. Kundgebungen

Nach Paragraph 9 und 10 des Sozialistengesetzes waren
Versammlungen, öffentliche Festlichkeiten und Umzüge, in
denen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische
auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsord-
nung gerichtete Bestrebungen zutage traten, durch die örtliche
Polizeiorgane zu verbieten oder aufzulösen.

Veranstaltungen dieser Art konnten demnach nur geheim oder
unter legalen Formen getarnt durchgeführt werden. Für Kundge-
bungen kam im Grunde nur die zweite Möglichkeit in Betracht,
denn eine politische Kundgebung, die im Geheimen stattfindet,
verfehlt einen ihrer Hauptzwecke. Sie soll ja nicht bloß den
Teilnehmern das Gefühl der Gemeinsamkeit und der Kraft ihrer
Bewegung vermitteln, sondern vor allen auf die Öffentlichkeit,
insbesondere die schwankenden und zögernden Teile der Bevöl-
kerung ausstrahlen.

Legale Tarnformen politischer Kundgebungen waren die Verab-
schiedung Ausgewiesener, die Begrüßung Haftentlassener oder
zurückkehrender ehemaliger Ausgewiesener, Beisetzungen, Mas-
senausflüge. Natürlich durften dabei keine politischen Parolen
gezeigt oder laut geäußert und auch keine politischen Symbole
wie rote Fahnen mitgeführt werden, um der bei solchen Anläs-
sen stets zahlreich anwesenden Polizei keinen Anlaß zum Ein-
schreiten zu bieten. Trotzdem waren sich Teilnehmer und Augen-
zeugen solcher Kundgebungen über deren Sinn als politische
Demonstration völlig im klaren.

Eine besonders eindrucksvolle Demonstration spielte sich bei der
Verabschiedung des beliebten Berliner Arbeiterführers Paul
Singer ab. Singer, der es meisterhaft verstanden hatte, legale
und illegale Kampfformen zu verbinden, der während des Soziali-
stengesetzes die Verbindung zwischen der deutschen Parteifüh-
rung und Marx und Engels aufrechterhielt und später auf dem
Erfurter Parteitag zu einem der beiden Parteivorsitzenden ge-
wählt wurde, wurde 1886 aus Berlin ausgewiesen, weil er in öf-
fentlicher Gerichtsverhandlung einen Polizeispitzel entlarvt hat-
te. Für den Tag seiner Abreise aus Berlin hatte die Polizei um-
fangreiche Vorkehrungen getroffen, um eine sozialistische De-
monstration zu verhindern. Am Schlesischen Bahnhof, dem heu-
tigen Ostbahnhof, von dem aus Singer seine Reise antrat, hatte
sich ein riesiges Polizeiaufgebot eingefunden. Den Bahnsteig
durfte nur betreten, wer eine Fahrkarte im Werte von minde-
stens 1,60 Mark vorzeigen konnte. Durch diese Verfügung
hatte die Polizei in der Tat erreicht, daß mit Singer nur etwa
fünfzig Begleiter den Bahnsteig betraten. Aber kaum waren
sie auf dem Bahnsteig angekommen, "so fährt plötzlich ein
Zug vom Westen her in den Schlesischen Bahnhof ein, der bis
auf den letzten Platz überfüllt ist, alle Fenster dich be-
lagert, und wie er hält, ertönt von ihm her ein donnerndes
anhaltendes Hoch auf Singer. Es waren Parteigenossen des
Ausgewiesenen, die auf einer westliche Station aufgestiegen
waren und nun Singer auf diese Weise ihren Abschiedsgruß
darbrachten, den Singer mit Schwenken des Hutes beantwor-
tete. Das war aber nur erst der Anfang. Kaum hat der betref-
fende Zug den Schlesischen Bahnhof wieder verlasen und es
fährt ein zweiter Zug ein, so wiederholt sich auch schon das
eindrucksvolle Schauspiel. Und so noch eine ganze Weile:
imer wieder kommen Züge vom Westen, und immer wieder sind
sie mit demonstrierenden Sozialdemokraten gefüllt. Endlich
kommt die Zeit, wo Singers Zug selbst abfährt, und man
sollte meinen, jetzt habe die Sache ein Ende. Aber siehe da,
am nächsten Bahnhof der Stadtbahn wiederholt sich die Sze-
ne, und dann geht es die ganze Fahrt so fort, bis zum
Bahnhof Zoologischer Garten. Alle an Singers Zug vorbeifah-
renden Züge, Stadtbahnzüge, Ringbahnrüge, Vorortszüge, waren
überfüllt, aus allen ertönten beim Vorbeifahren die dröhnenden
Hochs. Es war eine imposante Demonstration, und die Polizei,
die ihre Leute auf allen Bahnhöfen in starker Zahl postiert
hatte, war ihr gegenüber machtlos. Wieder hatte sich der
Witz der Sozialdemokraten ihre überlegen gezeigt. In der
Koppenstraße, wo die Bahn die Straße überbrückt, hatte sich
außerdem eine tausendköpfige Menschenmenge angesammelt, die so
lange wartete, bis Singer im vorbeifahrenden Zuge sich grüßend
zeigte, um dann gleichfalls ihm ein schallendes Hoch als Ab-
schiedsgruß auszubringen. Auf der Station Zoologische Garten
fand die Demonstration ihren Abschluß. Hier sammelten sich die
Fahrgäste aus einer ganzen Reihe von Zügen und brachte dem
scheidenden Parteiführer eine stürmische Ovation." Fünf Tage
später wurde in Berlin ein Flugblatt mit dem Abschiedsgruß Paul
Singers, in dem er die Berliner Arbeiter zur unbeirrten Weiter-
führung des Kampfes aufrief, innerhalb weniger Stunden in 20 000
Exemplaren verteilt.

Eine andere Protest- und Sympathiekundgebung gab es ein Jahr
später anläßlich der Beisetzung des Berliner Sozialdemokraten
Heinrich Winter, der an den Folgen seiner Haft in der Charité
gestorben war. Der "Sozialdemokrat" berichtete darüber: "Tau-
sende und aber Tausende harrten am Tage des Begräbnisses
auf dem Platz hinter der Charitekapelle, wo die Bahre Winters
stand. Polizeiknüppel wehrten den Genossen den Eigang. Als
endlich der Wagen den Toten zur letzten Ruhestätte hinausfuhr,
da entblößte die Menge in feierlicher Stimmung das Haupt. - Es
war nur ein Moment, aber so ernst und ergreifend, daß sich
seinem Eindruck niemand entziehen konnte. - Jetzt fluteten die
Volksmassen wie ein breiter Strom dem mit Blumen, Lorbeer und
Palmen überdeckten Sarg nach. Einen Augenblick konnte es schei-
nen, als ob die Polizei diesem Andringen gegenüber das Feld
räumen würde. Hier und da hemmte sie allerdings das Vor-
wärtswogen des proletarischen Trauergefolges, das dann Neben-
wege einschlug, um das Ziel, den Charitekirchhof, dennoch zu
erreichen. Die Trottoirs der Chausseestraße, die Straße selbst,
durch die der Leichenwagen fuhr, die Fenster and er Straße,
Fuß an Fuß des langen Weges, waren von ernst dreinschauen-
den Menschen überfüllt. -  Der Friedhof war im Namen der orga-
nisierten Räuberbanden besetzt, das ganze Polizeiheer Berlins
aufgeboten, um die Kirchhofsruhe der Stadt aufrechtzuerhalten.
Alle geheimen und öffentlichen Polizeischufte waren auf dem
Platz. Namen der Genossen wurden 'festgestellt', viel Genossen
'sistiert', einige niedergeritten ... Wenigen von uns gelang es,
bis zur Nähe der Gruft vorzudringen. - Als der Sarg versenkt
wurde, durchzitterte ein Schrei der Wut aus tausend Kehlen die
Luft, da in demselben Moment die 'Berittenen' eine Attacke auf
die eingekeilten Volksmassen ausführten. Dazwischen kollerten
die schweren Schollen dumpf auf den Sargdeckel eines bis in
den Tod getreuen Kämpfers für Gleichheit und Recht."

Dagegen glichen die Sommerausflüge, die von den illegalen
Parteiorganisationen mancher Städte für die Genossen veran-
staltet wurden, eher Volksfesten, an denen auch die Frauen
und Kinder teilnahmen, allerdings auch die polizeilichen Beob-
achter in Uniform und Zivil nicht fehlten. Sie führten gewöhn-
lich zu einem Ausflugsziel der Umgebung, wo dann ein führen-
der Genosse eine Ansprache hielt, die angesichts der polizei-
lichen Überwachung vorsichtig abgefaßt sein mußte, und aller-
lei Spiele veranstaltet wurden. Es waren Vorläufer der späte-
ren Maifeiern. Diese Gelegenheiten wurden manchmal sogar zur
Verspottung der Polizei ausgenutzt. In Chemnitz, wo diese
Massenausflüge schon Tradition waren und alljährlich durchge-
führt wurden, hieß es in der Einladung zum Sommerausflug 1884,
"Teilnehmer mit roten Abzeichen haben Vorsicht zu beobachten",
und als besondere Attraktion wurde angekündigt: "Vorführung
einer Truppe Zulukaffern. Dieselben werden sich unter der
Menge bewegen und dürfen nicht gereizt werden." Zwei Jahre
später erfolgte der Aufruf in Form einer "Einladung der wahren
Jünger der roten Mission aus Nr. 19" (gemeint war der Wahl-
kreis 19)" zu einer großen Wall- und Pilgerfahrt" und ent-
hielt die Mitteilung, es werde eine Schar Landsknechte auf-
treten, die rot- und Lichtscheu seien und nicht gestört werden
sollten. An diesem Ausflug haben über tausend Personen teil-
genommen, darunter zweiunddreißig Polizisten in Uniform und
fünf weitere in Zivil. Die Chemnitzer Genossen führten anstelle
der verbotenen roten Fahne einen riesigen roten Regenschirm
mit, dessen Stiel überdies in den damaligen Reichsfarben
schwarz-weiß-rot bemalt war, und der bei den Ausflüglern un-
geheure Heiterkeit, bei den Polizisten dagegen größtes Mißfal-
len erregte. Der Schirm wurde schließlich beschlagnahmt.
Gegen sieben Teilnehmer wurde Mitführung des roten Regen-
schirmes und Veranstaltung eines öffentlichen Aufzugs ohne
behördliche Genehmigung Anklage erhoben und eine Geldstrafe
verhängt. Die Vorzeigung des Corpus delicti im Gerichtssaal
löste unter den Zuschauern nochmals einen Lachstrum aus.

Vielleicht hat dieser Vorfall mit dazu beigetragen, daß der Rat
der Stadt Gera einige Wochen später folgendes förmliche Verbot
des Tragens sozialdemokratischer Abzeichen bekannt gab:

"Das öffentliche Tragen äußerer Abzeichen, welche nach allge-
meiner Annahme und nach der unzweifelhaften Absicht ihrer
Träger deren Bekenntnis zu den Lehren der Sozialdemokratie
bekunden sollen (z. B. rote Fahnen, Schärpen, Tücher, Bän-
der, Federn, Halsbinden usw.) wie es neuerlich bei Festlich-
keiten, Aufzügen, Leichenbegängnissen usw. mehrfach wahrge-
nommen worden ist, wird hierdurch verboten und es werden
Zuwiderhandlungen gegen dieses Verbot je an den einzelnen
Personen mit Geldstrafen bis zu 60 Mark geahndet werden."

Demnach konnte auch das Tragen eines roten Schlipses als
staatsfeindliche Kundgebung ausgelegt werden.

4.6.2. Versammlungen

Die Versammlungen kleiner Gruppen von Genossen konnte von der
Polizei weder verhindert noch überwacht werden. Man traf sich
bei Spieleabenden, Familienfestlichkeiten, gemeinsamen Spazier-
gängen, während der Mittagspause in einem stillen Winkel des
Betriebs, an einem Ecktisch in der Gaststätte und benutzte
diese und ähnliche Gelegenheiten zum politischen Gespräch, zur
Weitergabe von Parteiinformationen und illegalen Druckschriften
und zur Verabredung gemeinsamer Aktionen, wie z. B. Flug-
blattverteilungen.

"Unsere allwöchentlichen Gruppenversammlungen von etwas zwölf
Mann", erinnerte sich der Berliner Sozialdemokrat Georg
Schmidt, "wurden nie im gleichen Lokal abgehalten; wir wechsel-
ten damit ständig. Trotzdem war es nicht immer zu verhüten,
daß Spitzel, die irgendeinen Genossen verfolgten, uns bei
unseren Beratungen überraschten. Dann waren wir eine Ge-
burtsagsgesellschaft, stießen mit den Gläsern an und ließen
das Geburtstagskind hochleben. Wenn die Spitzel dann doch
noch Verdächtiges witterten, mußte ich auf den Stuhl klettern
und einige Humoresken deklamieren. Dann trollten sie von
dannen, überzeugt von der Harmlosigkeit der Gesellschaft."

Größere Versammlungen von Mitgliedern und Anhängern konnten
öffentlich nur als Wahlversammlungen vor Reichstags-, Land-
tags- oder Stadtverordnetenwahlen stattfinden. Aber auch
diese an sich legalen Veranstaltungen, in denen die Wahlkan-
didaten sich den Wählern vorzustellen pflegten, wurden, wenn
es sich um einen sozialdemokratischen Kandidaten handelte,
häufig verboten oder verhindert, indem auf die Saalvermieter
Druck ausgeübt wurde, den Saal zu verweigern.

Die Sozialdemokraten halfen sich, indem sie auf kleinere Lo-
kale auswichen, auf bürgerlichen Versammlungen in der Dis-
kussion sprachen oder Vorträge unter unverfänglichen Themen
veranstalteten, was auch nicht immer ohne Schwierigkeiten
gelang.

So sollte in Großenhain (Bezirk Dresden) ein Vortrag über das
Unfallversicherungsgesetz, also kein sozialistisches Thema,
stattfinden. Trotzdem wurde die Veranstaltung nicht geneh-
migt, weil als Redner Bebel vorgesehen war. Darauf wurde
der Vortrag mit einem weniger bekannten Arbeiter als Referent
neu angesetzt und genehmigt. Unter der Hand wurde die Nach-
richt verbreitet, auch Bebel werde anwesend sein. Die Folge
war, daß die Versammlung überfüllt war. Der Referent sprach
zwanzig Minuten zum Thema. Bebel meldete sich in der Dis-
kussion zur Wort und sprach über eine Stunde.

In Chemnitz und anderen Orten wurden bürgerliche Wahlversamm-
lungen von den Sozialdemokraten wiederholt dafür ausgenutzt,
um ihre eigenen Kandidaten vorzustellen und zu Wort kommen zu
lassen. In Dresden wurde 1881 eine Versammlung der antisemi-
tischen Sozialen Reichspartei, einem Vorläufer der späteren
Nazipartei, von den Sozialdemokraten regelrecht gesprengt und
mit dem Gesang der Arbeiter-Marseillaise abgeschlossen.

"Neben den öffentlichen Versammlungen fanden aber unzählige
geheime statt. Diese waren sogar die wichtigsten. Die gesamte
Führerschaft war bei solchen beteiligt, und selten gelang es,
eine solche Zusammenkunft zur gerichtlichen Aburteilung zu
bringen. Einsam und abseits gelegenen Lokale, der Wald, die
Heide, die Kiesgrube und Steinbrüche waren gesuchte Versamm-
lungsorte ... Mit den örtlichen geheimen Versammlungen war es
aber nicht getan. Auch Bezirks- und Landesversammlungen waren
eine Notwendigkeit." (Bebel)

Bei solchen Versammlungen wurden in gehöriger Entfernungen Be-
obachtungsposten aufgestellt, die das Annähern von Polizisten
oder verdächtigen Personen zu signalisieren hatten, um den
Versammelten Gelegenheit zu geben, sich rechtzeitig zu zer-
streuen oder auf Unterhaltungsspiele und andere Kurzweil, wie
sie harmlose Ausflügler betreiben, umzuschalten. Auch sonst
dienten allerlei Listen zur Irreführung der Polizei.

Eine sächsische Landeskonferenz der Partei wurde nach Dresden
einberufen, wo die vierzig bis fünfzig Delegierten schon bei
der Ankunft von der Polizei unter Beobachtung genommen wurden.
Am Nachmittag wurde ein Dampferfahrt nach Pillnitz veranstal-
te, die sich auch vier Geheimpolizisten einfanden, die sich
angesichts des unfreundlichen Wetters, es war ein trüber No-
vembertag, bald in die Kajüte zurückzogen. Das taten auch vier
Genossen, die dort zur Vertreibung der Langeweile ein Karten-
spiel begannen, welchem Beispiel auch die Polizisten folgten.
In Pillnitz angekommen, waren diese nicht wenig verdutzt,
keinen der anderen Delegierten mehr zu sehen. Diese hatten
auf der vorletzten Station bei einbrechender Dunkelheit heim-
lich das Schiff verlassen und sich im Sturmschritt zur Maix-
mühle, einem mitten im Walde gelegenen Ausflugslokal begeben.
Den Wirtsleuten, die über den zahlreichen Besuch zu ungewöhn-
licher Stunde nicht wenige erstaunt waren, wurde erklärt,
es handle sich um einen Gesangsverein, der im Saal Platz nehmen
und sich selbst bedienen wolle. Zu ihrer Täuschung wurde ab
und zu ein Leid gesungen. Dazwischen wurden die notwendigen
Verhandlungen rasch erledigt. Mitten während der Beratungen
erschienen auch noch, mit großem Hallo begrüßt, die vier Ge-
nossen, die die Polizisten so erfolgreich irregeführt hatten.
In Pillnitz hatten sie sich in den dunklen Wald geschlagen und
unter Zurücklassung der Polizisten das Konferenzlokal erreicht.

Auf ähnliche Weise wurde die Polizei schon bei der ersten Lan-
deskonferenz Sachsens unter dem Sozialistengesetz, die 1880
bei Mittweida (Bezirk Karl-Marx-Stadt) stattfand, hinters Licht
geführt. "Man traf sich in einem beliebten Gartenlokal ...
Hier nahmen die Mittweidaer Genossen die Teilnehmer in Empfang
und brachten sie in unauffälligen Spaziergängergruppen nach
der Lauenhainer Mühle", (einem Ausflugslokal an der Zschopau,
das später durch den Bau der Kriebstein-Talsperre im Wasser
versank), "wo sie im Walde als rastende Pfingstausflügler ihre
Besprechungen abhielten. Da die Gendarmen nicht allen zugleich
folgen konnten, hefteten sie sich an die Fersen des ihnen be-
kannten Chemnitzers Wiemer, der sie hinterhältigerweise bis
Waldheim lockte und mit der genasführten und erbosten Schar ...
am Abend zurückkehrte."

Auch in den folgenden Jahren fanden die sächsischen Landes-
konferenzen meistens in der Umgebung von Chemnitz statt, wo
sich die Partei auf eine gefestigte illegale Organisation stüt-
zen konnte. Man traf sich in abgelegenen Gaststätten wie der
"Bahrmühle" bei Borna oder der "Jagdschenke" in Stelzendorf,
wo sich die Landeskonferenz 1883 als Stenografenklub tarnet,
oder auch zu nächtlicher Stunde in Wäldern der Umgebung, wie
den Sechs Ruten bei Glösa. Oft kehrten die Teilnehmer erst
spät nach Mitternacht zurück, übermüdet, vom Regen durch-
näßt, aber von ungebrochenem Kampfgeist erfüllt.

Der Erfindungsreichtum der Arbeiterklasse zeigte sich auch in
Ausnutzung der damaligen Kleinstaaterei. Die sächsische Lan-
deskonferenz 1885 fand in Rußdorf statt, heute Ortsteil von
Limbach-Oberfrohna, damals aber eine nur aus einem Dorf be-
stehende Enklave des thüringischen Herzogtums Sachsen-Alten-
burg mitten im Sächsischen, wo die Gendarmen der umliegenden
Ortschaften keine Amtsgewalt besaßen, der Rußdorfer Gemeinde-
gendarm allein aber gegen eine solche Veranstaltung machtlos
war.

Einen ganz anderen Trick wandten die Chemnitzer Genossen bei
einer der Funktionärskonferenzen an, die wiederholt von Wilhelm
Liebknecht persönlich angeleitet wurden und gewöhnlich außer-
halb der Stadt stattfanden. Eine dieser Besprechungen wurde
gleichsam in der Höhle des Löwen unter den Augen der Polizei
durchgeführt. In einer belebten Gaststätte des Stadtinneren hat-
ten die Genossen an verschiedenen Tischen Platz genommen,
und auch Wilhelm Liebknecht saß bei seinem Glas Bier. Keiner
der anwesenden Polizisten, die ihn scharf beobachteten, konnte
dagegen einschreiten, wenn er ab und zu in der Gaststube um-
herging, um mit Gästen, an anderen Tischen einige Worte zu
wechseln. Auf diese Weise wurden die Parteiangelegenheiten be-
sprochen und sogar eine Geldsammlung für die Familien der Aus-
gewiesenen durchgeführt.

Auch öffentliche Festlichkeiten boten die günstige Gelegenheit,
sich unauffällig in kleineren oder größeren Gruppen zu internen
Parteiberatungen zu treffen, wie z. B. ein Feuerwehrtag, bei
dem die Parteidelegierten, soweit sie der Feuerwehr angehör-
ten, selbst Feuerwehruniform trugen und somit keinerlei Ver-
dacht erregten.

Unter ganz anderen äußeren Umständen wiederum fand im Be-
zirk Halle die Wahl eines Delegierten zum Gründungskongreß
der II. Internationale in Paris 1889 statt. Die Teilnehmer der
Wahlkonferenz tarnten sich als Wanderklub und führten die
Wahl im Straßengraben einer wenig belebten Chaussee durch,
und zwar an einer Stelle, wo die Chaussee nach beiden Rich-
tungen zweit übersehen werden konnte. Bei Annäherung unbe-
kannter Personen wurde ein Wanderlied angestimmt.

Manchmal bediente man sich zur Irreführung der Polizei auch
einer zwischen den Genossen verabredeten geheimen Sprache,
in der beispielsweise Ortsangaben eine andere als die normale
Bedeutung hatten. Die Gothaer Sozialdemokraten Wilhelm Bock er-
innert sich: "In Gotha gründeten wir einen Kegelklub, einen Ge-
sangsverein und sogar ein Tanzkränzchen. Das waren unsere
geheimen Organisationen. Das Tanzkränzchen warf sogar Über-
schüsse ab, mit denen wir die Ausgaben für die Partei bestrit-
ten. Als Vorstand des Tanzkränzchen wurde ein ganz unver-
dächtiger Mann vorgeschoben. Wir ließen jeden mittanzen, der
tanzfreudig war. Unsere Versammlungen fanden regelmäßig
einmal in der Woche in einem weit abgelegenen Schuppen statt,
dann aber auch in Gärten und Gasthäusern, die von den
Gästen frühzeitig verlassen wurden. So sehr die Polizei auf
unser Handeln aufpaßte, hat sie niemals ein Mitglied dieser
Organisation erwischt. Wenn wir ungestört durch die Polizei
etwas verhandeln wollten, dann Inserierten wir im Lokal-
blatt: 'S. P. Morgen abend alle Seeberg.' Wir konnten denn
sicher sein, daß alle Polizei auf dem Seeberg war, wir aber
gingen nach dem entgegengesetzten Gallberg, das nächste
Mal inserierten wir 'Gallberg', wir waren auf dem Seeberg ...
Ich hatte inzwischen ein Spezereiwarengeschäft übernommen,
dessen Schaufenster ich allwöchentlich anders dekorierte.
Dabei benutzte ich ein Spiel Karten. Spießer (sic!) hatten
ausgeklügelt, daß, je nachdem die Wenzel lagen, bedeutete
das für die Parteigenossen etwas Besonderes, ebenso mußten
die anderen Karten unserer Geheimsprache dienen."

Wilhelm Bock war es auch, der unter dem Sozialistengesetz
nicht weniger als acht illegale Thüringer Landesparteitage orga-
nisierte. Drei davon wurden in Wäldern abgehalten, drei weitere
auf der Wachsenburg bei Arnstadt, wobei sich die dreißig bis
vierzig Teilnehmer einmal als Gesangsverein und ein anders Mal
als Turnverein tarnten.

Wahre Meisterstücke illegale Versammlungstätigkeit unter dem
Sozialistengesetz stellten die Hamburger Corpora-Versammlungen
dar. Es handelte sich dabei nicht um Funktionärs- oder Dele-
giertenkonferenzen, sondern um Mitgliederversammlungen ganzer
Stadtteile oder der Stad insgesamt, an denen bis zu sechs-
tausend Menschen teilgenommen haben sollen.

Illegale Massenversammlungen dieses Ausmaßes konnten natürlich
nicht in Sälen inmitten der Stadt durchgeführt werden. Sie
konnten nur im Freien, an einsamen Stellen der weiteren Umge-
bung der Stadt stattfinden und mußten auf das sorgfältigste
vorbereitet und organisiert werden.

"Die Einberufung von Corpora-Versammlungen ging ... von der
Exekutive aus. Sie bestimmte Tag und Ort der Zusammenkunft;
sie verständigte das Zentral-Wahlkomitee ... Von hier wurden
die Disktriktleiter und von diesen die Leiter der Bezirke be-
nachrichtigt. Letztere unterrichteten ... ihre 'Mannschaften',
sich an einem bestimmten Tage, der in der Regel ein Sonntag
oder Feiertag war, zu einem 'Ausflug' bereitzuhalten; einer
näheren Erklärung bedurfte dieser Terminus nicht.

Den Versammlungsort erfuhren die Eingeladenen nicht. er wurde
von der Exekutive und den Distriktführern streng geheimgehal-
ten. Oft ging es, mit Proviant versorgt, kilometerweit zu Fuß,
bis man in eine einsame Gegend gelangte, ... Es mußten Märsche
unternommen werden, die manchmal ganze Nächte dauerten, um
unbemerkt und sicher die Versammlungsplätze zu erreichen.

Oft fanden sich die Eingeladenen bereits vor Sonnenaufgang an
vorher bestimmten Stellen im Stadtgebiet ein. Um jegliches
Aufsehen zu vermeiden, wurden die Zusammengekommenen in kleinen
Gruppen oder auch einzeln auf verschiedenen Wegen, nicht selten
auf weiten Umwegen, dem ihnen unbekannten Versammlungsort ent-
gegengeführte. Erst in unmittelbarer Nähe des Tagungsortes
gruppierten man sich distriktweise, um zu der Versammlungs-
stätte geleitet zu werden. Mitunter kam es vor, daß einzelne
Gruppen verspätet ... eintrafen, da sie erst die polizeilichen
Verfolger abschütteln mußten."

Wie man sieht, wurden Vorkehrungen getroffen, um zu verhin-
dern, daß die Polizei durch Spitzel oder leichtfertige Schwät-
zer vorzeitig den Versammlungsort erfuhr, und das mit Erfolg,
wie aus folgenden Bericht hervorgeht: Wenn keine polizeiliche
Störung eintrat, dann dauerten diese Generalversammlungen in
der Regel mehrere Stunden ... Wohl spürte einige Male die Ham-
burger Polizei, verstärkt durch preußische Gendarmen, derartige
Versammlungen auf, niemals gelang es aber, die Versammelten zu
überrumpeln. Die weit hinaus ringsum aufgestellten zahlreichen
Beobachtungsposten meldeten sofort jede Annäherung Unberufener,
so daß die Konferenzteilnehmer genügend Zeit hatten, sich auf
den Besuch der Polizei vorzubereiten ... In harmloser Unter-
haltung blieb man, wie es Ausflügler zu tun pflegen, singend
und scherzend zusammen und zog dann schließlich singend
kolonnenweise ab."

An den Hamburger Corpora-Versammlungen nahmen regelmäßig
auch führende Genossen wie Bebel, Auer, Dietz, Frohme und
Hasenclever teil.

4.6.3. Kongresse

Neben den zahlreichen lokalen und regionalen Versammlungen
und Konferenzen, die im Lande selbst durchgeführt wurden,
fanden unter dem Sozialistengesetz im Ausland drei illegale Kon-
gresse statt, die die Bedeutung von Reichsparteitagen hatten:
in Wyden 1880, in Kopenhagen 1883 und in St. Gallen 1887,
des weiteren eine Konferenz der sozialdemokratischen Reichs-
tagsabgeordneten mit der Redaktion und der Expedition des
"Sozialdemokrat" 1882 in Zürich.

Die Kongresse kamen gegen den Widerstand rechtsopportunistischer
Kräfte in der Partei, die als Folge eine verschärfte Verfol-
gung befürchteten, zustande. Ihre organisatorische Vorbereitung
und Absicherung wurde dem Apparat der Roten Feldpost unter der
Leitung Julius Mottelers übertragen. Die Tatsache, daß ein
Kongreß geplant sei, konnte und sollte nicht verborgen bleiben
und wurde sogar im "Sozialdemokrat" bekannt gegeben. Aber Ort
und Zeitpunkt sowie Namen der vorgesehenen Teilnehmer und
Redner mußten, um Störungen zu verhindern, so weit wie möglich
geheimgehalten werden.

Der erste Kongreß sollte ursprünglich schon Mai 1880 in Ror-
schach, am schweizerischen Ufer des Bodensees, stattfinden.
Die Einladungen waren bereits abgesandt, als die Partei erfuhr,
daß die Polizei von der Sache Wind bekommen hatte. Daraufhin
wurde der Kongreß abgesagt. Ein Teil der Eingeladenen konnte
nicht mehr rechtzeitig benachrichtigt werden und reiste umsonst
an.

Der Kongreß wurde für den Monat August des gleiche Jahres neu
einberufen. Einige Tage vor seinen Beginn erhielten die Deli-
gierten persönliche Einladungen nach verschiedenen Orten der
Schweiz (Schaffhausen, Winterthur, Zürich), wo sie von Ver-
trauensmännern der Partei empfangen wurden und erst jetzt,
nach erfolgter Legitimation, den Tagungsort erfuhren, zu dem
sie truppweise auf verschiedenen Wegen weitergeleitet wurden.

In einer dieser Einladungen hieß es beispielsweise "Der Ankom-
mende hat sich in Winterthur sofort auf die Rückseite des Bahn-
hofs zu begeben, dort stehen zwei Herren, schwarz gekleidet mit
weißen Strohhüten, ohne Krawatte - die Herren sind nach dem
Wirtshaus 'Walhalla' zu fragen. Alle diejenigen, welche ...
früher in der Schweiz eintreffen, haben bis zum 20. August le-
diglich Vergnügungstouren zu machen und sich weder mit Schweizer
noch sonstigen Parteigenossen noch mit anderen Leuten über den
Zweck ihrer Reise zu unterhalten. Größte Vorsicht, größte Ver-
schwiegenheit nach allen Seiten hin ist notwendig."

Im Laufe des 20. August trafen die Delegierten auf dem Bahnhof
des Dorfes Ossingen ein, das in der nördlichen Schweiz etwa
auf halben Wege zwischen Schaffhausen und Winterthur liegt. In
einem geeigneten Zimmer der in der Nähe des Bahnhofes gelegenen
Wirtschaft wurden die Angekommenen von Motteler, Belli und an-
deren Mitarbeitern der Roten Feldpost empfangen. Nach Prüfung
ihrer Mandate erhielten sie ihre Delegiertenkarten und begaben
sich zum Tagungsort, dem abgelegenen und halbverfallenen Schloß
Wyden. Dieses hatte man dem Besitzer, einem in Basel wohnenden
Privatmann, für einige Tage unter der Angabe abgemietet, man
wolle eine "Generalversammlung der Kranken-, Wander- und Alters-
Unterstützungskassen der deutschen Vereine der Schweiz" abhalten.

Um engere Kontakte mit den Dorfbewohnern zu vermeiden, wurden
die Teilnehmer nicht im Ort einquartiert, sondern auf Stroh-
lagern in einem Seitenflügel des Schlosses. Für die Verpflegung
an Ort und Stelle sorgte ein Schweizer Genosse mit Frau und Magd.
Die viertätigen Beratungen, an denen 54 Delegierte und vier
Gäste teilnahmen, verlief völlig ungestört. Das Geheimnis von
Ort und Zeit war so gut gewahrt worden, daß die deutsche Poli-
zei keine Gelegenheit zum Eingreifen fand.

Dennoch hatte in der Person des Berliner Delegierten Heufelder
ein von der Berliner politischen Polizei angeworbener Spitzel an
dem Kongreß teilgenommen, der nach seiner Rückkehr seinen Auf-
traggebern einen ausführlichen Bericht ablieferte.
                   - - -
Obwohl der Kopenhagener Kongreß (1883) im "Sozialdemokrat"
schon frühzeitig angekündigt wurde, gelang es der Polizei auch
diesmal nicht, den Tagungsort rechtzeitig ausfindig zu machen.

In die französische und schweizerische Presse waren Nachrich-
ten lanciert wurden, wonach der Kongreß wieder auf Schloß Wyden
stattfinden werde. Die deutsche Polizei entsandte ihre Agenten
dahin und riegelte die deutsch-schweizerische Grenze mit einem
starken Aufgebot ab. Die deutschen Polizeiagenten erwarteten
die führenden Sozialdemokraten, deren Abreise nicht unbemerkt
geblieben war, am 29. März auf dem Züricher Hauptbahnhof. Am
gleichen Tag sah sich der Dirigent der Berliner politischen
Polizei zu folgender Notiz veranlaßt: "Die bis jetzt einlau-
fenden Berichte über Ort und Zeit des Kongresses widersprechen
sich resp. gehen vollständig auseinander! Bis jetzt ist Braun-
schweig, Belgien, Zürich und 'das Ausland' genannt und die
Oster- resp. Pfingsttage als Zeit der Abhaltung. Da andere
Quellen als die bisher benutzten nicht zugänglich sind, bleibt
nicht übrig als abzuwarten, ob vielleicht der 'Sozialdemokrat'
oder andere Zeitungen Referate über den Kongreß bringen werden."

Und am gleichen Tage begann der Kongreß tatsächlich zu tagen,
aber nicht an einem der von der Polizei vermuteten orte, son-
dern weitab davon in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

Mitte März war den bei der Parteileitung angemeldeten Dele-
gierten mitgeteilt worden, daß sie sich am 27. März am Bahn-
hof in Kiel einzufinden hätten. Erst dort wurde ihnen Ort
und Zeitpunkt des Kongresses mitgeteilt. Auf verschiedenen
Wegen reisten die Delegierten nach Kopenhagen, wo sie sich in
den Hotels unter falschen Namen eintrugen.

Erst als der Kongreß schon zusammengetreten war, erfuhr die
deutsche durch die dänische Polizei den Tagungsort. Da es für
ein direktes Eingreifen zu spät war, beschloß sie, die zurück-
kehrenden Teilnehmer an der Grenze zu fassen, was ihr aber nur
bei neun der insgesamt sechzig Delegierten gelang.

Eine Folge war der Chemnitzer-Freiberger Sozialistenprozeß ge-
gen neun führende Sozialdemokraten wegen angeblicher Teilnahme
an einem Geheimbund. Sechs Angeklagte, darunter Bebel, Auer,
Frohme und Vollmar, wurden zu neun Monaten, die drei übrigen
zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, obwohl sie in erster
Instanz freigesprochen worden waren. Daran schloß sich eine
KEtte von nicht weniger als 55 Geheimbundprozessen, in denen
bis Anfang 1889 236 Personen verurteil wurden.
                    - - -
Der St. Gallener Kongreß (1887) wurde auch offiziell als Par-
teitag bezeichnet. Um einen neuen Geheimbundprozeß zu vermei-
den, erfolgte die Aufforderung zur Teilnahme in aller Öffent-
lichkeit durch einen Aufruf in der deutschen Presse. Dieser
Aufruf entheilt die Tagesordnung und die Namen der Berichter-
statter. Es war von der Reichstagsfraktion, Landtagsabgeord-
neten und einigen früheren Reichstagsabgeordneten unterzeichnet.

Die Wahl der Delegierten erfolgte allerdings im geheimen, und
auch Ort und Zeit der Veranstaltung wurden bis zuletzt geheim-
gehalten.

Die gewählten Delegierten erhielten Ende September die Auffor-
derung, sich am 2. Oktober ohne irgendwelche kompromittierende
Papiere in Olten oder Schaffhausen, zwei Städte in der nördli-
chen Schweiz, einzufinden und in bestimmten Hotels nach Carl
Hammer oder Fritz Bäumle zu fragen. Hinter diesen Decknamen
verbargen sich die Mitarbeiter der Roten Feldpost Belli und
Schlüter.

Damit die Ankunft der etwa achtzig Delegierten weniger auffiel,
verließ ein Teil von ihnen den Zeug bereits auf Stationen vor
dem Zielbahnhof und begab sich von dort zu Fuß zur Stadt.

Nach Empfang ihrer Legitimationen wurden die Kongreßteilnehmer
von Schweizer Genossen nach St. Gallen und von dort zu Fuß in
kleinen Gruppen zum Tagungslokal, der Brauerei Schönewegen in
der Gemeinde Straubenzell, geleitet.

Dort fand am Abend des 2. Oktober eine erste Beratung zu in-
ternen Fragen statt, während die offizielle Verhandlungen vom
3. bis 6. Oktober durchgeführt wurden.

Die Mehrzahl der Delegierten wohne während der ganzen Dauer des
Kongresses im Gebäude der Brauerei, wo sie auch verpflegt wurden.
Sie schliefen auf dem Dachboden des Hauses, wo man ein Massen-
quartier eingerichtet hatte. Nur etwa ein Viertel der Delegierten
war in Hotels von St. Gallen untergebracht, wo sie am Morgen des
4. Oktobers von einer polizeilichen Kontrolle überrascht wurden.
Die Schweizer Behörden hatten daraufhin nichts Eiligeres zu tun,
als die deutschen Behörden über ihre Entdeckung zu informieren.
Auf diese Weise erfuhr der Berliner Polizeipräsident am dritten
Beratungstage endlich den Tagungsort.

Die Rückkehr der Delegierten nach Deutschland war von Motteler
so organisiert worden, daß ein Teil die Schweiz über die franzö-
sische Grenze Verließ und ein dritter Teil von Ortskundigen
heimlich über die deutsch-schweizer Grenze geschleust wurde.

Eine Schweizer Zeitung berichtete, während des Kongresses sei
die Brauerei von Wachen umstellt gewesen, die alle sich annäher-
nden Personen zurückgewiesen hatten. Außerdem sei das Bedienungs-
personal der Brauerei bei gewissen Beratungen von Parteigenossen
abgelöst worden. Diese Nachrichten wurden von deutschen Behörden
zum Anlaß genommen, den Kongreß als Zusammenkunft einer geheimen
Gesellschaft abzustempeln. Gerade um diesen Vorwurd einer straf-
baren Handlung entkräften zu können, waren zu dem Kongreß aber
auch angesehene Schweizer Bürger zugelassen wurde, darunter auch
solche, die nicht der Partei angehörten.

Dennoch wurde die Gesetzlichkeit des St. Gallener Kongresses
angefochten. Nach jahrelanger Vorbereitung kam es Ende 1889
zu dem Elberfelder Geheimbundprozeß, dem größten unter dem
Sozialistengesetz. 87 Personen, darunter Bebel, standen unter
der Anklage vor Gericht, an einer über ganz Deutschland ver-
breiteten geheimen Verbindung unter Leitung der sozialdemokra-
tischen Reichstagsfraktion teilgenommen zu haben. Nach Anhö-
rung von annähernd 500 zeugen und sechswöchiger Dauer des Pro-
zesses, in dem es zu höchst blamablen Enthüllungen über das
Spitzelunwesen der Polizei gekommen war, mußte die Anklage im
Hauptpunkt fallen gelassen werden. Trotzdem nahm das Gericht
für Elberfeld und Barmen die Existenz einer geheimen Verbin-
dung an und verurteilte 44 Angeklagte zur Gefängnisstrafen.

4.7. Tarnschriften

Um das Verbot der Verbreitung sozialistischer Druckschriften zu
umgehen und zu verhindern, daß diese von der Polizei schon bei
oberflächlicher Betrachtung als solche erkannt wurden, wurden
sie manchmal mit einem unverdächtigen, irreführenden Titel
versehen.

Das bekannteste Beispiel ist Bebels berühmtes Buch "Die Frau
und der Sozialismus", das nach seinem Erscheinen im Jahre 1879
sofort verboten wurde, von Bebel bis zur 50. Auflage, die 1910
erschien, wiederholt umgearbeitet und erweitert wurde und in
viele andere Sprachen übersetzt wurde. Auch die Änderung des
Titels in "Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft"
schützte nicht vor weiterer Verfolgung. Trotzdem wurde das Buch
in mehreren Auflagen bei dem sozialistischen Verleger Heinrich
Dietz in Stuttgart heimlich gedruckt und illegal in großer
Stückzahl verbreitet. Die erste Auflage wurde unter Umschlägen
mit dem Titel "Engel, Statistik, 5. Heft", die zweite Auflage
von 1883 unter Umschlägen mit dem Aufdruck "Berichte der Fabrik-
Inspektoren 1883" getarnt.

Eine andere Methoden der Tarnung illegaler Druckschriften - Her-
stellung im Kleinstformat, um die Übersendung in gewöhnlichen
Briefumschlägen zu ermöglichen - wurde bei der Herausgabe des
ersten illegalen sozialdemokratischen Presseerzeugnisses unter
dem Sozialistengesetz, der Wochenschrift "die Laterne", ange-
wandt. Die Zeitschrift wurde von Carl Hirsch seit Dezember 1878
in Brüssel, nach seiner Ausweisung im März 1879 bis Ende Juni
in Paris herausgegeben und erschien in der Auflage von 1000
Exemplaren im Format 6,5 mal 10,5 Zentimeter. Zu den Mitarbei-
tern gehörte Joseph Dietzgen, Wilhelm Liebknecht und andere
bekannte Sozialdemokraten. Die "Laterne" vertrat einen klaren
politischen Standpunkt und richtete sich sowohl gegen den
Rechtsopportunismus als auch gegen die anarchistischen Ten-
denzen Mosts. Sie gilt als Vorläufer des "Sozialdemokrat", er-
reichte allerdings nur eine ungenügende Wirksamkeit, obwohl
sie in 39 Orten brieflich versandt wurde. Aus finanziellen
Gründen und auch, weil die Herausgabe des "Sozialdemokrat"
in Aussicht stand, stellte sie ihre Erscheinen ein.

Im Gegensatz zur "Laterne" vertrat das zweite illegale Wo-
chenblatt unter dem Sozialistengesetz, die von Most sein An-
fang 1879 in London und von Ende 1882 bis 1908 in New
York herausgegebene "Freiheit", nur in den ersten Monaten
ihrers Erscheinens die Linie der Partei. Den rechtsopportuni-
stischen Tendenzen trat sie bald mit ultralinken Phrasen ent-
gegen, veröffentlichte schon im April 1879 ein anarchistisches
Programm, propagierte unter ungerechtfertigter Berufung auf
die russische Volkstümler die Vorbereitung des politischen
Umsturzes durch individuellen Terror, beschimpfte öffentlich
die Führer der Partei und wirkte letzten Endes zersetzend
auf die Arbeiterbewegung.

Anders als die "Laterne" versuchte die "Freiheit" sich polizei-
lichen Zugriffen zu entziehen, indem sie sich längere Zeit mit
jeder Nummer des für Deutschland bestimmten Teils der Auflage
unter einem neuen Titel tarnet. Diese wechselnden Titel waren
aber nur teilweise os beschaffen, daß sie einen unverdächtigen
Eindruck machten, wie z. B. "Anker", "Bismarck", "Deutschland",
"Festzeitung", "Mission", "Soldatenfreund" oder "Weihnachts-
mann". Andere Titel waren so ungeschickt gewählt, daß sie die
Polizei zu einer genaueren Prüfung geradezu herausforderten
mußten, wie z. B. "Avantgarde", "Gerechtigkeit", "Hunger",
"Madai" (Name des Berliner Polizeipräsidenten), "Mahnruf",
"Menetekel", "Rebell", "Revolutionär" oder "Volksgericht".

Der "Sozialdemokrat", das bei weitem bedeutendste Presseorgan,
das unter dem Sozialistengesetz in Deutschland illegal ver-
breitet wurde, bestritt beim Vertrieb andere Wege der Tarnung
und macht von der Möglichkeit der Aufmachung als Tarnschrift
nur gelegentlich Gebrauch. Einige Nummern erschienen unter dem
Titel eines harmlosen Provinzblattes wie "Netzschkauer Anzeiger".
Die als Ersatz für eine beschlagnahmte Sendung gedruckte Nummer
44 von 1885 erschien unter dem Titel "Der Staatsanzeiger" mit
dem Bild des Reichsadlers. Dagegen können die Titel zweier Er-
satznummern aus dem Jahre 1884 - "Trotz alledem" und "Daß Keiner
zu kurz komme" - kaum als Tarntitel, eher als Ausdruck unge-
brochenen Trotzes gelten, zudem beide mit dem Untertitel "Er-
satz für das Gestohlene!" versehen war.

Um eine ausgeprägte Tarnschrift handelt es sich dagegen bei
einer Flugschrift, die als Anleitung zur Vertilgung von Ungezie-
fer aufgemacht war. Im Kopf waren zwei Insektenschädlinge ab-
gebildet, und die Überschrift dazwischen lautete "Ungeziefer-
Tod! Gebrauchs-Anweisung zur gänzlichen Vertilgung von Flöhen,
Wanzen, Motten und anderem Ungeziefer." Der erste Absatz des
Textes befaßte sich tatsächlich mit der Ungeziefervertilgung,
und erst der zweite Absatz leitet dazu über, daß viel wichti-
gerr noch der Kampf gegen menschliches Ungeziefer, das dem
Volk das Blut aussauge, sei.

Derartige Flugschriften wurden durch die Rote Feldpost mit dem
"Sozialdemokrat" als Agitationsmaterial versandt. Das erwähnte
Flugblatt wurde auch per Briefpost an Soldaten einer Kaserne im
Elsaß geschickt.

Nach Angaben  von Belli trugen andere Flugblätter "Irgendeine
fromme Überschrift" und waren demnach als christliche Traktät-
chen aufgemacht.

Über den ungewöhnlichen Fall einer sozialdemokratischen Anti-
tarnschrift berichtete der "Sozialdemokrat" vom 30. Mai 1880.

Ein reaktionärer Magdeburger Buchhändler hatte die famose Idee,
eine antisozialistische Hetzschrift als sozialdemokratische
Broschüre zu tarnen. Der Titel lautete: "Der Sieg der Sozial-
demokratie - Deutschland als Republik. Von einem Parteifreunde".
In seinem an das Polizeipräsidium gerichtete Ersuchen um Druck-
genehmigung hieß es: "Ich war gezwungen, Titel und Anfang
scheinbar sozialdemokratisch zu halten, damit das Heftchen auch
in diejenigen Hände komme, für die es bestimmt ist."

Natürlich erhielt der die Druckgenehmigung und dazu noch einen
Textbeitrag von der Polizei selbst. Das Machwerk wurde in fünf-
bis sechstausend Exemplaren gedruckt und unter Beifügung der
polizeilichen Druckerlaubnis an die Buchhändler zu "schleu-
nigen Verbreitung im patriotischen Interesse bei hohem Rabatt"
verschickt.

Aber da hatten die sozialdemokratischen Genossen den Spieß be-
reits umgedreht. "Im Laufe weniger Tage nach Erhalt des Wisches
und noch vor der Ausgabe desselben an die Buchhändler wurde eine
Broschüre hergestellt, welche der vom Polizei-Präsidenten privi-
ligierten im Umschlag und auf den ersten und letzten Seite
täuschend nachgeahmt war, so daß sie nicht nur auf den ersten
Anblick, sondern selbst bei flüchtigem Überlesen der nicht auf-
geschnittenen Blätter von der reaktionären Schwindelschrift zu
unterscheiden war, im Innern befand sich eine fulminante 'Brand-
predigt gegen die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung',
wie es die über diesen gelungenen Streich wütenden Gegner jetzt
nennen ... - Die so ausgestattete sozialistische Broschüre wurde
in etwa 25 000 Abzügen zur gleichen Zeit wie ihre reaktionäre
Doppelgängerin ausgegeben und gelangte, da sie allenthalben für
die polizeilich befürwortete Schrift gehalten wurde, unter dem
Schutz der Polizei ungehindert, ja zum großen Teil an Stelle der
letzteren in ganz Deutschland zur Verbreitung, so daß sich die
überschlaue Polizei mit ihrem eigenen messer geschnitten und
selbst den Sozialisten einen vortrefflichen Weg zur Propaganda
im deutschen Volk geliefert hatte! Und wie gründlich derselbe
ausgenutzt werden konnte, zeigte die Tatsache, daß die weise
Behörde erst jetzt, nach mehr als zwei Monaten, auf die Sache
gekommen ist und zum Verbot schreiten konnte. Und sauer genug
ist ihre letzteres geworden; denn wie die sozialistische Nahrung
verbieten, ohne die ganz gleich reaktionäre mitzutreffen? Das
Verbot vermag denn auch kein anderes äußeres Kennzeichen anzu-
geben, als daß die Farbe des Umschlags 'hellrot statt blaßrot'
sei. Wie viele Polizisten werden aber entwickelten Farbsinn genug
haben, um diese heikle Unterscheidung machen zu können? Da wird
wohl am Ende nichts übrig bleiben, als daß die Regierung den
ganzen Wortlaut der verfemten und doch so schwer faßbaren Schrift
zum Abdruck bringt. Wenn sie das aber nicht will, wird die so-
zialistische 'Brandschrift' im gegnerischen Gewande wohl lange
in Deutschland Verbreitung finden ..."

Es ist nicht bekannt, wo diese Antitarnschrift gesetzt und ge-
druckt wurde. Die näheren Umstände, besonders die Schnellig-
keit der Reaktion, lassen den Schluß zu, daß das innerhalb
Deutschland geschehen ist, womöglich in der gleichen Druckerei,
wo sie zugrunde liegende Hetzschrift hergestellt wurde und
vielleicht unter teilweiser Verwendung des gleichen Satzes.

4.8.  Die Rote Feldpost

Der "Sozialdemokrat" und andere im Ausland gedruckte soziali-
stische Schriften wären wirkungslos geblieben, wenn sie nicht
in die Hände der deutschen Arbeiter gelangt wären. Daß dies
mit größter Regelmäßigkeit erfolgte, war das Verdienst der Ver-
triebsorganisation, die unter dem Ehrennamen "Rote Feldpost"
bekannt wurde und von Ende 1879 bis zum Fall des Sozialisten-
gesetzes unter Leitung des "roten Feldpostministers" Julius
Motteler stand.

Zwar konnt der individuelle Bezug des "Sozialdemokrat" nach
den geltenden Gesetzen nicht betraft werden, wohl aber dessen
Verbreitung, wozu auch die mündliche Weitergabe des Inhalts,
beispielsweise durch Vorlesen, gezählt wurde. Mit allen, ein-
schließlich ungesetzlichen Mitteln versuchte die Polizei, die
Verbreiung des Blattes in Deutschland zu unterbinden. An der
deutsch-schweizerischen Grenze wachte ein verstärktes Aufgebot
von Zollbeamten darüber, daß keine Sendungen mit illegalem In-
halt aus der Schweiz eingeschmuggelt wurden. Post- und Bahnbe-
amte waren verpflichtet, verdächtige Brief-, Paket- oder Fracht-
sendungen sofort der Polizei zu melden. Derartige Sengungen
wurden unter Bruch des durch das Reichspostgesetz vom 28. Ok-
tober 1871 garantierten Briefgeheimnisses bedenkenlos geöffnet
und geprüft. Diese Handlungswiese wurde in Parteikreisen als
Briefstieberei bezeichnet, abgeleitet vom Namen des aus dem
Kölner Kommunistenprozeß von 1852 unrühmlich bekannten ehema-
ligen Leiters der preußischen politischen Polizei und in be-
absichtigtem Anklang an das Wort Dieberei.

Eine andere Methode der Polizei bestand darin, bei dem Emp-
fänger einer verdächtigen Sendung kurz nach deren Abholung
eine Haussuchung durchzuführen. Deshalb wurden die Vertrauens-
männer der Roten Feldpost immer wieder ermahnt, erhaltene
Sendungen schnellstens weiterzuleiten.

Im Dienst der Polizei stand weiterhin ein ganzes Heer von
Spitzeln, die angesetzt wurden, um die Verteilerstellen in
Deutschland aufzuspüren, und die sogar auf schweizerischem
Boden ihr Unwesen trieben, selbst in der Nähe des Haupt-
quartiers der Roten Feldpost, wo sie versuchten, sich Per-
sonen, die das Haus verließen, an die Fersen zu heften.

Unter solchen Umständen war es eine hervorragende Leistung,
den Vertrieb so zu organisieren, daß er elf Jahre lang fast
reibungslos funktionierte. Nur in vereinzelten Fällen gelang
es der Polizei, größere Sendungen zu beschlagnahmen, und in
der Regel wurde dafür Ersatz nachgeliefert.

Dabei wurden an die Rote Feldpost ständig steigende Anforde-
rungen gestellt. Auf der einen Seite wurden die polizeilichen
Anstrengungen immer mehr verstärkt, auf der anderen Seite
stieg die Auflage des "Sozialdemokrat", mußten immer größere
Mengen über die Grenze gebracht und verteilt werden.

Die Anzahl der abgesetzten Exemplare stieg in zwei Jahren von
1416 (Ende 1879) auf 3737 (1881), im folgenden Jahr um weitere
3000 und in den letzten Jahren des Sozialistengesetzes auf über
11 000. Ursprünglich nur als Funktionärsorgan geplant, er-
reichte der "Sozialdemokrat" mit Hilfe der Roten Feldpost eine
hohe Massenwirksamkeit. Dabei muß beachtet werden, daß die
nach Deutschland expedierten Exemplare nach einer Schätzung
Mottelers durchschnittlich von fünf bis zehn Arbeiter gelesen
wurden, die sich auch in die für damalige Verhältnisse nicht
unbeträchtlichen Abonnementsgebühr von drei Mark pro Vier-
teljahr teilten.

Auf der Versandliste der Roten Feldpost standen über hundert
Orte in allen Teilen Deutschlands, von denen im Jahre 1888
dreizehn regelmäßig hundert und mehr Exemplare bezogen. An der
Spitze standen Berlin mit annähernd 1700, Hamburg mit über 800,
Leipzig mit 700, Dresden mit 400 und Chemnitz mit annähernd 300
Exemplaren.

Ein erheblicher Teil der Auflage  - 1882 etwa ein Fünftel - wurde
im Ausland abgesetzt. Der "Sozialdemokrat" verfügte über Aus-
landsfilialen in der Schweiz (außer Zürich in Basel, Bern, Chur,
Genf und Winterthur), in Frankreich (Paris), Großbritannien
(London und Glasgow), Belgien (Antwerpen, Brüssel, Gent,
Lüttich und Verviers), Dänemark (Kopenhagen), Argentinien
(Buenos Aires) und den USA (in New York allein vier Filialen,
außerdem in Brooklyn, Chikago, Cincinnati, Lawrence, Philidel-
phia, Pittsburgh, Scranton und St. Luis).

Der aufopferungsvolle Einsatz der Mitarbeiter der Roten Feldpost
hat entscheidend zum Sieg der deutschen Arbeiterklasse über
das Sozialistengesetz beigetragen. Friedrich Engels hat ihre
Leistung hoch anerkannt. In seinem Abschiedsbrief an die Leser
des "Sozialdemokrat" schrieb er: "Wie oft hat mir altem Revolu-
tionär das Herz im Leibe gelacht, wenn ich diese so ausgezeich-
net eingeölte, geräuschlose Wechselwirkung zwischen Redaktion,
Expedition und Abonnenten, diese businesslike, geschäftsmäßig
organisierte revolutionäre Arbeit Woche für Woche, jahraus
jahrein mit gleicher Sicherheit sich abwickeln sah!"

Die von der Roten Feldpost entwickelten und angewandten Met-
hoden des illegalen Kampfes und ihre Erfahrungen sind auch
später innerhalb und außerhalb Deutschlands vielfach genutzt
worden, so im illegalen Kampf der russischen Funktionäre
vor der Oktoberrevolution, der deutschen Linken während des
ersten Weltkrieges, der KPD nach dem Krieg und vor allen
im Widerstandskampf gegen den Faschismus.
                    - - -
Vergleicht man das System der Roten Feldpost mit einer Pyra-
mide, so bildete deren Spitze die zentrale Expedition in Zü-
rich-Hottingen, auch Hauptfeldpostamt genannt, von dem es
über mehrere Stufen - den Transit, die "Bergestellen", die
"Haupt-Feldpoststationen" und die "Mittel-Feldspoststationen" -
hinabging bis zur Basis, die von den Vertrauensmännern der
örtlichen Bezugsquellen gebildet wurde. Daran schloß sich in
größeren Orten noch eine örtliche Vertriebsorganisation, mit
der das Hauptfeldpostamt aber nicht direkt zu tun hatte. So
fungierte der Leipziger Vertrauensmann am Ort als Zentralkol-
porteur des "Sozialdemokrat"; für jeden Distrikt waren Di-
strikkolporteure eingesetzt, denen wiederum Bezirkskolpor-
teure für die einzelnen Stadteile und Randdörfer unterstanden.
Einem Spitzelbericht zufolge trafen sich beispielsweise am
29. Mai 1881 20 bis 25 Kolporteure in der Wohnung des Genossen
Konrad Müller, um die Nummer 19 und 20 des "Sozialdemokrat"
zur Weiterverteilung in Empfang zu nehmen. Obwohl die Mehrzahl
der von Spitzeln ermittelten Kolporteure aus Leipzig ausgewiesen
wurde, konnte der weitere Vertrieb des "Sozialdemokrat" in
Leipzig nicht unterbunden werden.

Die Umgebung des Hauses in Zürich-Hottingen, in dem das Haupt-
feldpostamt untergebracht war und in dem Motteler mit seiner
Frau auch wohnte, war damals noch unbebaut, so daß sich Poli-
zeispitzel nicht unbemerkt annähern konnten. Hier wurden der
"Sozialdemokrat" und andere illegale Schriften verpackt und
zum Versand gebracht; von hier aus wurde der illegale Trans-
port über die Grenze, der sogenannte Transit, organisiert; hier
liegen alle Verbindungsfäden zu sämtlichen Zwischenstationen
und örtlichen Bezugsstellen zusammen.

Nach Überschreitung der Grenze wurden die Sendungen in den
Bergstellen umgepackt und an die Haupt-Feldpoststellen im
Reich weitergeleitet, von denen durchschnittlich zehn bis zwölf
zur Verfügung standen, meist in größeren Orten, im Sprachge-
brauch der Mitarbeiter der Roten Feldpost auch Vorstoßorte ge-
nannt. Dort wurden nach Entnahme des für den eigenen Bereich
bestimmten Teils der Sendung die übrigbleibenden "Feldpostbei-
säcke" gemäß den getrennt übermittelten Instruktionen des
Hautpfeldpostamtes postfertig gemacht und an drei von vier Mit-
tel-Feldpoststationen weitergeschickt.

Die Postsäcke waren mit Päckchen, Doppelbriefen und einfachen
Briefen gefüllt. Einfache Briefe durften bis 15 Gramm wiegen und
enthielten jeweils ein Exemplar des "Sozialdemokrat". Sie wurden
bereits im Hauptfeldpostamt adressiert, je nach Empfänger mit
der richtigen oder einer Deckadresse, und brauchten in der Zwi-
schenstation nur noch frankiert und auf verschiedenen Briefkästen
verteilt zu werden. Das Briefabonnement sicherte die schnellste
Zustellung, verursachte aber auch höhere Kosten und war deshalb
teurer (4,30 Mark im Quartal gegenüber 3 Mark bei Sammelbezug).
Doppelbriefe durften bis 250 Gramm wiegen und entheilten in
der Regel 10 bis 12 Exemplare des "Sozialdemokrat". Noch grö-
ßere Stückzahlen für die einzelnen Bezugsstellen waren in Päck-
chen verpackt. Doppelbriefe und Päckchen waren nicht adressiert,
sondern lediglich mit einer aus Buchstaben und Ziffern bestehen-
den Bleistiftnotiz versehen. Diese Bleistiftchiffren wurden in
den Mittel-Feldpoststationen, von denen es durchschnittlich 36
bis 48 gab, auf Grund der vom Hauptfeldpostamt gesondert und in
Geheimschrift übermittelten Aufstellung durch die Anschriften
der jeweiligen Bezugsstellen ersetzt. Dann wurden die Sendungen
frankiert und über die Post an die Bezugsstellen, von denen es
etwa 180 gab, weitergeschickt, wo die weitere Verteilung im ei-
genen Ort und den umliegenden Ortschaften erfolgte.

Grundsätzlich verkehrte das Hauptfeldpostamt mit nur einem Ver-
trauensmann an jedem Feldpostort, der allerdings ermächtigt
war, sich für alle Fälle einen Ersatzmann heranzuziehen. Zu
den Aufgaben der Vertrauensmänner gehörte die Bestellung der
benötigten und die Abrechnung der erhaltenen Exemplare, die Be-
schaffung von Deckadressen und vor allem die Organisation des
Vertriebs am Ort. Sie korrespondierten direkt mit dem Haupt-
feldpostamt.

Großer Wert wurde darauf gelegt, daß die örtliche Vertriebs-
organisation nicht mit der sonstigen illegalen Parteiorgani-
sation verquickt wurde, um diese bei "Unfällen" nicht in die
Angelegenheit zu verwickeln und umgekehrt. Als Vertauensmänner
der Roten Feldpost sollten nach Möglichkeit Leute eingesetzt
werden, die nicht als Parteifunktionäre bekannt waren.
                    - - -
Das Prinzip, das der Tarnung illegaler Sendungen der Roten
Feldpost bei der Verpackung und dem Versand zugrunde lag, ist
von Motteler später in folgenden Sätzen formuliert und von
anderen Tarnmethoden, wie sie Most und seine Anhänger ange-
wandten, klar abgegrenzt worden: "nur Mittels genauer Kenntnis
der territorialen und lokalen Verhältnisse dies- und jenseits
und in enger Anlehnung an die Geschäfts- und Verkehrsverhält-
nisse, die da herrschen und die es gilt verstehen und beherr-
schen zu lernen, sichert man sich die Vorteile des Feindes.
Mit abenteuerlichen Methoden a la Most, mit Gipsfiguren oder
Blechbüchsen für konzentrierte Milch, in denen Zeitungen etc.
stecken, mit Bambus- oder Pfefferrohren oder mit Walnußscha-
len, in welche 'Legion' winzige Flugblättchen gesteckt (resp.
eingeleimt) sind, die dann beim Transport platzten, täuscht man
den Feind nicht, man muß seine Wege gehen uns seine 'Gewandung'
tragen und neben und hinter ihm Deckung suchen. Mosts Schmuggel-
methoden obiger Art waren Erfindungen der Spitzel ... und haben
in Österreich besonders manchen armen Adressaten ... auf lange
Zeit ins Zuchthaus gebracht. - In der Guerilla mit der deut-
schen Grenzpolizei hat die sozialdemokratische 'Feldpost" des-
halb auch solche Manöver mit 'Schmuggelmasken' meist vermieden."

Zweifellos können die von Motteler kritisierten Tarnmethoden
nicht generell verworfen werden. Oft genug sind sie mit Erfolg
angewandt worden, besonders dann, wenn es sich um gelegent-
liche Sendungen geringeren Umfangs handelte und die Tarnbehäl-
ter des illegalen Materials so ausgewählt waren, daß sie zu den
Lebens- und Arbeitsverhältnissen des Empfängers paßten und ihr
Erhalt keinen Verdacht erregte. Es handelte sich durchaus nicht
immer um Erfindungen von Spitzeln. Motteler spielt hier offenbar
darauf an, daß in der Zeit, als Mosts anarchistische "Freiheit"
eine Zeitlang (1882) in der Schweiz gedruckt wurde, sich unter
den für die Herausgabe des Blattes Verantwortlichen auch ein
Spitzel der Berliner politischen Polizei befand, der für seine
verräterische Tätigkeit nicht nur seinen Polizeisold, sondern
bezeichnenderweise auch noch mit Geldmittel zur Finanzierung der
"Freiheit" erhielt.

Im übrigen räumte Motteler ja ein, daß auch die Rote Feldpost
gelegentlich von solchen Methoden Gebrauch gemacht hat, wenn
er schreibt, daß sie "meist" vermieden wurden.

Andererseits steht außer Zweifel, daß solche Methoden für die
umfangreichen und regelmäßigen Lieferungen, wie sie die Rote
Feldpost bewerkstelligte, auf die Dauer ungeeignet waren. Eine
wöchentliche Sendung von 40 bis 50 Kilogramm, und später des
Drei- bis Vierfachen dieses Gewichts in halbierten, ausgehöl-
ten und wieder zusammengeleimten Walnüssen unterzubringen, war
schon vom Arbeitsaufwand her ein Ding der Unmöglichkeit, ganz
abgesehen davon, daß in einer Nuß nicht einmal ein Exemplar
des "Sozialdemokrat" Platz gefunden hätte. Und der regelmäßige
Empfang von Gipsbüsten und anderen ungewöhnlichen Gegenständen,
die beim Adressaten keine weitere Verwendung fanden, hätte
diesen schon nach kurzer Zeit in Verdacht gebracht.

Die Richtigkeit der von Motteler herausgearbeiteten Prinzipien
- im Gewand des Gegners aufzutreten, sich seinen Geschäfts-
und Verkehrspraktiken anzupassen, neben und hinter ihm Deck-
ung zu suchen - ist durch die Praxis bewiesen worden.

Nebenbei bemerkt, daß Motteler als tüchtiger Geschäfts-
mann stets bemüht war, die Unkosten für Verpackung, Ver-
sand, Unterhalt der Mitarbeiter, Bezahlung engagierter
Schmuggler usw. so niedrig wie möglich zu halten. In seinem
Bericht geht er ausführlich auf die keineswegs unwichtige
finanzielle Seite der Angelegenheit ein. Hier sei nur vermerk,
daß es ihm gelang, die Rote Feldpost aus einem anfänglichen
Zuschußunternehmen der Partei in ein Unternehmen umzuwandeln,
das sogar Geldüberschüsse an die Partei abführen konnte. Grund-
lage war dafür eine strenge Rationalisierung von Verpackung
und Versand unter vorrangiger Beachtung der Geheimhaltungsregeln.
                    - - -
Die Art der Verpackung und des Versands richtete sich nach
Beruf und Lebensumstände des Adressat. Die Zustellung des
"Sozialdemokrat" an die Bezieher in Deutschland erfolgte nach
zwei Hauptmethoden: Als Briefpost oder als Frachtversand. Bei
der Briefpost wurde zwischen direkter und indirekter Briefpost
unterschieden.

Da das Einzelabonnement nicht betraft werden konnte, bezogen
viele Abonnenten, die Wert auf schnelle Zustellung legten, den
"Sozialdemokrat" als direkte Briefpost auf ihre eigene Adresse,
exponierte Genossen auch über ihre "Deckadressaten". Diese
Exemplare wurden in Zürich einzeln in Briefumschlägen verpackt,
adressiert, frankiert und eingeworfen, letztes auch außerhalb
von Zürich, wenn besondere Gründe dafür vorlagen.

Die indirekte Briefpost wurde von "Expreßgeldjägern" über die
Grenze nach Deutschland gebracht und erst dort eingeworfen.
Anfangs wurden diese Briefe bereits in der Schweiz adressiert
und mit deutschen Briefmarken frankiert. Später wurden sie,
verpackt in Doppelbriefen und Päckchen, erst nach Überschrei-
tung der Grenze in den Bergstellen zu Postpaketen umgepackt
und an die Haupt-Feldpoststationen im Inneren des Landes ver-
schickt, wo die weitere Adressierung, Frankierung und Versen-
dung wie oben aufgeführt erfolgte.

Um das zulässige Höchstgewicht eines Briefes einzuhalten, durf-
te das Druckpapier ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten,
mußte aber auch gedeckt genug sein, damit der Durch auf beiden
Seiten nicht durchschlug. Auch die Briefumschläge mußten leicht
und undurchsichtig sein, so daß der Druck nicht durchschimmerte.

Um zu verhindern, daß der allwöchentliche Empfang gleichartiger
Briefe beim Zustellpostamt des Empfängers Verdacht erregte,
wurden abwechselnd Briefumschläge verschiedener Form und
Farbe verwendet. Es kamen insgesamt 49 verschiedene Briefum-
schläge, sieben Formate in je sieben Farben, zur Anwendung.

Da bei Gerichtsverhandlungen auch der Handschriftenvergleich
als Beweismittel diente, wurde Wert darauf gelegt, die Briefe
an die einzelnen Adressaten in wechselnden Handschriften zu
adressieren. Mottelers Frau, die für die direkte oder "kleine"
Briefpost verantwortlich war, ließ keinen vertrauenswürdigen
Besucher fort, bevor er nicht einen Stoß Briefumschläge mit
Adressen beschrieben hatte.

Die Adressierung erfolgte an Hand von Adreßlisten, die jede
Woche neu überprüft wurden. "Der beständige Wechsel in den
Adressen, herbeigeführt durch Wohnungs- oder Ortswechsel,
Briefsperre, Verrat oder Bespitzelung der Adressaten, verur-
sachte sehr viel Arbeit und erforderte große Umsicht." Die
Beschaffung immer neuer Adressen, darunter Tausender von
Deckadressen unverdächtiger Personen, gehörte zu den Auf-
gabe der Vertrauensmänner in Deutschland.

Der überwiegende Teil der Auflage des "Sozialdemokrat" wurde
nicht mit Briefpost, sondern als Frachtversand nach Deutsch-
land expediert. Dazu kam eine wachsende Menge sonstiger
Literatur - Flugblätter, Broschüren, Bücher -, so daß in man-
cher Woche ein oder zwei zusätzliche Schmuggeltransporte durch-
geführt werden mußten. "Die Nachfrage nach marxistischer Lit-
eratur war so groß, daß zum Beispiel Friedrich Engels Schrift
'Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissen-
schaft' nicht im Jahr ihrer Erstveröffentlichung in deutscher
Sprache, das heißt 1883, in der zweiten und dritten Auflage
herausgegeben werden mußte. Verhältnismäßig kleine Partei-
organisationen bestellten bei der Roten Feldpost 50 und mehr
Exemplare dieser Broschüre."

Schließlich konnte im Februar 1883 August Bebel voller Berech-
tigten Stolzes von der Tribüne des Reichstages aus erklären:
"Es besteht im Augenblick eine Organisation in bezug auf un-
seren Schriftenvertrieb in Deutschland, daß nahezu ungehindert
jedes Quantum von verbotenen Schriften eingeführt werden kann."

Auch beim Frachtversand wurde auf Mannigfaltigkeit der Form der
Gepäckstücke und korrekte Anpassung an die Verpackungs- und
Versandtmethoden der Geschäftswelt geachtet.

Belli erinnerte sich: "Derossi und später Joos mußten die für
die verschiedenen Orte bestimmte Sachen in die geeignete Paket-
form bringen. Die Umhüllung des Ganzen aber katte Motteler zu
geben. Motteler fügte, sägte und hämmerte Kisten in allen For-
men und Größen zusammen. War ihm dann diese 'Zimmermannsarbeit'
gelungen, so hatte er seine helle Freude daran. Auch ich half
ihm dabei ..."

Diese verschiedenartigen Kisten und Kistchen, die mit harmlosen
Inhaltsangaben wie "Kurzwaren" und dergleichen versehen wurden,
enthielten die päckchenweise verpackten Sendungen für die ver-
schiedenen Orte.

Andere Sendungen wurden als Reisekoffer, Mägdetruhen, Jahr-
marktslisten, Stoffballen, Schäfte- und Schuhwarenkolli usw.
getarnt, im Sommerhalbjahr auch als Obst- und Gemüsesendungen,
wofür man sich eigene Körbe anfertigten ließ.
                    - - -
Eine der schwierigsten Teilstrecken auf dem Weg der illegalen
Schriften von der Druckerei bis zum Bezieher in Deutschland
war der sogenannte Transit, das heißt der Transport über die
Grenze, wenn auch Motteler und Belli der Meinung waren, die
Organisation des Weitertransports jenseits der Grenze ein-
schließlich der Beschaffung der dazu benötigten Deckadressen
sei noch schwieriger gewesen.

Joseph Belli war der Leiter des Transits. er stammte aus dem
Badischen, betrieb 1877 in dem an das deutsche Konstanz un-
mittelbar angrenzenden schweizerischen Grenzort Kreuzlingen
ein Schuhmachergeschäft und kannte sich in den Grenzverhält-
nissen bestens aus. Unermüdlich machte er neue Schmuggelwege
ausfindig, organisierte die Grenztransporte und führte viele
Transporte selbst aus.

Bis Ende 1879 war es gelungen, entlang der gesamten deutsch-
schweizerischen Grenze von Lindau bis Konstanz, also das
Bodenseeufer entlang, und von da bis Basel eine Reihe von
Schmuggelposten zu schaffen, die ziemlich regelmäßig beför-
dern konnten. Ein weiterer Schmuggelpfad führte über Vorarl-
berg nach Österreich, wo der "Sozialdemokrat" ebenfalls ver-
boten war.

Kleinere Mengen wurden besonders in der ersten Zeit auch in
Kinderwagen über die Grenze geschafft. Kinderwagen mit Klein-
kindern boten mancherlei Versteckmöglichkeiten in den Unter-
lagen des Kindes, im Deckbett oder im aufgetrennten und wie-
der verklebten Wachstuchbezug des Wagens. Und Mütter, die mit
ihren Kindern die Grenze zu einem Verwandtenbesuch im Nachbar-
ort passierten, waren eine alltägliche und zunächst unverdäch-
tige Erscheinung. Dieser Transportmöglichkeit bediente man sich
übrigens gelegentlich auch innerhalb Deutschlands für die Ver-
teilung am Ort oder von Ort zu Ort.

Andere Teilsendungen wurden, panzerähnlich glattgepackt, am
Körper versteckt und so über die Grenze gebracht. Für diesen
Zweck wurden auch speziell angefertigte und mit entsprechenden
Taschen versehene Korsetts verwendet. "Besucher aus dem Reich
wurden von Motteler ohne Gnade in den Dienst genommen, und reich
'bepanzert' zogen sie der Heimat zu", erinnert sich Belli, und
Bebel schreibt: "Kam aber ein Genosse auf den 'Olymp', der nach
Deutschland reiste, dann mußte ein solcher eine besondere Pro-
zedur über sich ergehen lassen. Der 'rote Postmeister' ... ord-
nete alsdann an, daß er Betreffende bis auf die Unterwäsche
sich entkleidete. Alsdann wurde der Körper und seine Gliedmaßen
kunstgerecht mit Briefen in den verschiedensten Formen eingepackt
und ausgepolstert. War dieses Geschäft unter steter großer Hei-
terkeit der Beteiligten beendet, dann durfte er zur Bahn, um
sich jenseits der Grenze in sichere Händen der überflüssigen
Last zu entledigen. Mir ist nicht bekannt, daß je einer der so
ausgepolsterten Genossen von einem Zerberus jenseits der Grenze
gefaßt worden wäre."

Größere Sendungen wurden auf dem Landweg mit Eisenbahn oder
Fuhrwerken, auf dem Wasserweg mit Booten über den Bodensee
"transportiert". Genossen und deren Frauen, die diese Trans-
porte ausführten, wurden im internen Sprachgebrauch als "Feld-
jäger" oder, sofern sie Wassertransporte ausführten, als "See-
löwen" bezeichnet. Die Rote Feldpost konnte sich dabei auf etwa
sechshundert in der Schweiz lebende deutsche Sozialdemokraten
stützen, aber auch Schweizer Genossen halfen mit.

Daneben wurden auch gegen entsprechende Bezahlung gewerbsmäßige
Schmuggler engagiert, die in ihren Fuhrwerken Zucker, Kaffee,
Tabak, Seide, Uhren oder andere gängige Schmuggelware zu beför-
dern glaubten. Einer dieser Kutscher, dessen Dienste wegen über-
triebener Geldforderung abgelehnt worden war, verriet allerdings
aus Verärgerung einen Transport, wodurch die Rote Feldpost 1884
einen ihrer schwersten Verluste erlitt.

Eilige Sendungen ließ man als Passagiergut in den Packwagen von
Eilzügen, die zugehörigen Gepäckscheine und notwendigen weiteren
Angaben gleichzeitig als Einschreibebrief mit der Bahnpost be-
fördern. Zwischen Abfahrt des Zuges und Abholung des Frachtgutes
durch die Bergestelle vergingen in der Regel nur drei bis vier
Stunden.

Andere Sendungen wurden manchmal, um den Herkunftsort zu ver-
wischen, stundenlang mit dem Handwagen über Land gefahren und
auf einer Bahnstation außerhalb Zürichs aufgegeben.

Manche Sendungen wurden nachts auch Schleichwegen zu Fuß über
die Grenze geschafft, drüben im Wald oder an anderer heimlicher
Stelle umgepackt und dann zur Bahn oder Post gebracht.

Bei den nächtlichen Bootsfahrten über den Bodensee setzten sich
die Genossen zusätzlicher Gefahr für Leib und Leben aus, wenn
zur Dunkelheit noch Nebel und Sturm aufkamen. Belli, der mit
seinem Lehrjungen solche Transporte öfter durchgeführt hat,
schilderte das anschaulich wie folgt: "Häufig wurden auf dem
See die Landung unmöglich gemacht, oder unsere Plätze waren von
Grenzjägern bewacht. In solchen Fällen mußten wir verborgen
warten, bis die Grünröcke sich entfernten. Das dauerte oft lange
und bang Stunden. Da die Mitwirkenden fast alle verheiratet
waren, so wurde das auch unruhige Stunden für die Frauen zu
Hause. - Es gab auch andere Zwischenfälle, die die Rückkehr
vezögern konnten. So, wenn wir noch auf Schweizer Boden von uns
Übelgesinnten beobachtet oder überrascht wurden. da lag denn
allemal die Befürchtung vor, daß wir über die Grenze signali-
siert worden waren. Wir mußten neue Wege suchen, um die Leute
in Täuschung zu halten. Bei Nebel konnte es vorkommen, daß man
trotz Kompaß auf dem See im Kreise herumgondelte und stunden-
weit ober- und unterhalb der gesuchten Landungsstelle heraus-
kam. Nicht selten brach Sturm los, und es gelang nur mit dem
Aufgebot aller Leibeskräfte, sich der wachsenden Wogen zu er-
wehren. Manchmal schlug eine Welle über das Boot hinweg, daß
man sich schon im See verloren fühlte. Aber wir hatten das
Glück, das Unwetter austoben zu hören, wir waren heil, nur die
Ruder und unsere zerschundenen Hände verrieten den Kampf. -
Heute weiß ich noch, wie meine Frau mit Zittern und Zagen auf
meine Heimkehr wartete und keinen Schlaf finden konnte. Und so
war es auch bei den anderen. War's vorüber, war die Freude groß,
und keine hatte den Mut verloren oder je den Versuch gemacht,
den Mann zurückzuhalten. So tief und gründlich wurzelte der Haß
und die Verachtung gegen die unsinnige Unterdrückung und gegen
ihre brutalen Schergen."

Waren Überfahr und heimliche Landung geglückt, so wurde die
Lieferung zur Abholung durch andere Genossen an vereinbarter
Stelle abgelegt oder vergraben, zum Beispiel in einem Kleefeld,
von dem ein Genosse frühmorgens einen Handwagen voll Klee für
seine Ziege holte, in dem das illegale Material verborgen war.

Eine raffinierte Methode zur Irreführung des Gegners bestand
darin, ihn auf die Spur kleinerer Sendungen zu setzen, die ab-
sichtlich geopfert wurden, um ihn von einer anderen Stelle ab-
zulenken, wo ein größerer Transport durchgeschleust werden
sollte.

"Den Feind zu Irretieren", schreibt Motteler dazu, "Und zu be-
schäftigen an anderer Stelle als da, wo wir ihn nicht brauchen
konnten, opferten wir  ... mitunter größere oder kleinere Sen-
dungen, deren Herstellung uns nur noch Druck und Paper kostete
... die 'Polizeifänge' mußten uns bald da, bald dort in abwei-
chender Richtung 'Luft schaffen' helfen."

Nach Schilderung eines Falles, in dem der Gegner durch ab-
sichtliches Liegenlassen unadressierter Pakete auf eine falsche
Spur gelenkt wurde, fährt Motteler fort: "Wir hatten damals eine
neue Methode und eine günstigere Transitroute nit allzuferne
aufgeschlossen und ein besonderes taktisches Interesse daran,
die Aufmerksamkeit auf jede Stelle zu lenken, deren Zugänge
aus der Schweiz zu erforschen sehr zeitraubend war und deren
laufende Deckung die größere Anzahl deutscher Grenzjäger dort
in Anspruch nahm."

Daß Motteler sich das Risikos derartiger Kriegskunst völlig
bewußt war, geht aus seinen folgenden Worten hervor:" Derar-
tige Scheinmanöver müssen grundsätzlich nur angewendet werden,
wenn man dazu unausweichbar gezwungen ist und sich auf positive
Weise nicht anders Luft schaffen kann. Sonst Nicht!"

Bis Anfang 1885 wurde eine neue Transitstrecke erschlossen.
Seitdem ging die Hauptmasse des Frachtversands nicht mehr über
die schweizerisch-deutsche Landgrenze oder den Bodensee, son-
dern durch Frankreich nach Belgien und Holland. Die Fracht
wurde renommierten Speditionsfirmen zum Transport bis zu den
Feldpoststationen im Inneren von Belgien und Holland über-
geben. Von dort erfolgte die Weiterbeförderung an und über die
deutsche Grenze durch deutsche Feldpostleute auf dem Land- oder
Wasserweg Schulter an Schulter mit belgischen, holländischen
und dänischen Genossen, die ihre Aufgabe "mit militärischer
Präzision" erfüllten. Unter ihnen befand sich eine Reihe von
Eisenbahnern und Seeleuten. Auf diese Weise kam die erste so-
zialdemokratische "internationale Feldpostorganisation" zu-
stande, wie Motteler voller Stolz feststellt.

Die neuen Transitstrecken führten nun über Frankreich, Belgien,
Holland und Dänemark nach Aachen, Bremen, Hamburg und Stettin.
Wichtigster Umschlagplatz auf deutschem Boden wurde das Ham-
burger Freihafengebiet. Von hier aus wurde die Fracht auf
Schleichwegen zu einer eigens für diesen Zweck eingerichteten
Häute- und Lederzurichterei gebracht und von da in neuer Auf-
machung ins innere Deutschlands verschickt.

Die altbewährten Schweizer Transitlinien wurden dennoch nicht
brachgelegt, sondern für eilige und besondere Sendungen "In
flottestem Gang" gehalten.

Die internationale Solidarität bewährte sich nicht bloß bei der
Unterstützung der Roten Feldpost durch ausländische Genossen,
sondern auch umgekehrt bei der tatkräftigen Hilfe der Roten
Feldpost für russische und polnische Revolutionäre, deren in
Genf oder Paris gedruckte illegale Schriften über die deutsche
und österreichische Grenze geschmuggelt wurden.

4.9. Geheimdruckereien

Die Herstellung des "Sozialdemokrat" in der Schweiz erfolgte
nicht in einer Geheimdruckerei, sondern nach den dortigen
Landesgesetzen völlig legal in der Schweizerischen Vereinsbuch-
druckerei und Volksbuchhandlung in Hottingen-Zürich. Diese war
aus der Vereinigung der seit 1870 von Hermann Greulich heraus-
gegebenen sozialdemokratischen Zeitung "Die Tagwacht" und einer
von dem aus München zugewanderten Sozialdemokraten Jakob Franz
1871 gegründeten Verkaufsstelle für sozialistische Literatur
hervorgegangen. Sie war 1876 unter dem neuen Namen von dem
Schweizerischen Arbeiterbund, der 1873 gegründeten Dachorgani-
sation der schweizerischen Arbeiterverbände, übernommen worden.

Solidarisch stellte der Schweizerische Arbeiterbund seine Ein-
richtungen den deutschen Genossen für Satz und Druck des "Sozial-
demkrat" zur Verfügung. Um Interventionen des Bismarckstaats
vorzubeugen, übernahm nach außen hin der Schweizer Buchbinder
August Herter als nomineller Verleger und Redakteur die Verant-
wortung für den "Sozialdemokrat". Dieser erschien bis Juni 1881
mit dem Impressum "Verlag A. Herter, Industriehalle, Riesbach-
Zürich", dann bis März 1882 unter "Verlag A. Herter, Hottingen-
Zürich, Kasinostraße 3" und danach bis 1888 unter "Verlag Volks-
buchhandlung Hottingen-Zürich".

Wegen interner geschäftlicher und politischer Schwierigkeiten bot
der Schweizerische Arbeiterbund 1882 die Schweizerische Vereins-
buchdruckerei und Volksbuchhandlung der deutschen Partei zum Kauf
an. Die deutsche Parteiführung nahm das Angebot an und finanzierte
den Ankauf durch Ausgabe von 1000 Anteilscheinen zu je vier Mark
oder fünf Schweizer Franken oder einem US-Dollar. Der Name wurde
abgeändert in "Schweizerische Genossenschaftsbuchdruckerei
Hottingen-Zürich". Die Verantwortung nach außen übernahm der
schweizerische Sozialdemokrat Conrad Conzett. Als nominelle Ei-
gentümer und zugleich Treuhänder der investierten Parteigelder
wurden August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Friedrich Wilhelm
Fritzsche, Ignaz Auer und Karl Grillenberger eingesetzt, als Re-
daktionskommission Bebel, Liebknecht und Fritzsche.

Als es im Laufe der Jahre angesichts der steigende Auflage und
der verstärkten Grenzüberwachung immer schwieriger wurde, die
in der Schweiz gedruckten illegalen Literatur über die deutsche
Grenze zu schmuggeln, ging man dazu über, zunächst kleiner Teile
und zuletzt den größte Teil der Auflage des "Sozialdemokrat" in
Deutschland selbst geheim zu drucken.

Geheimdruckereien für den "Sozialdemokrat" existierten zu ver-
schienden Zeiten, etwa seit 1881, in Crimmitschau, Altenburg,
Burgstädt, Stuttgart (hier wurde 1884 der Ersatz für die zu
Ostern verlorene Sendung gedruckt), in Köln, Nürnberg, Hamburg
und Leipzig, abgesehen von anderen Druckereien in Berlin und
anderen Orten, wo zwar nicht der "Sozialdemokrat", aber andere
Schriften illegal gedruckt wurden.

Die Vervielfältigung erfolgte in Druckereien, deren Inhaber
oder Mitinhaber selbst der Partei angehörten oder ihr nahe-
standen, oder auch in kleinen "Quetschen", deren Besitzer im
Konkurrenzkampf mit größeren Betrieben das politische Risiko
auf sich nahmen, um zu einem gutbezahlten Auftrag zu kommen.

Ein Herstellungsweg verlief längere Zeit über Nürnberg, wohin
das Manuskript gesandt und im Betrieb Karl Grillenbergers ge-
setzt und gedruckt wurde. In der Regel wurden aber nicht die
Manuskripte, sondern die druckfertigen Matern an die Geheim-
druckereien in Deutschland versandt. "Die Herüberschmuggelung
der Matern nach Deutschland", schreibt Bebel, "geschah in sehr
ingeniöser Weise. Das Blatt wurde bald hier, bald dort fertigge-
stellt, manchmal auch auf längere Zeit an einem Ort, erlaubten
das die Umstände. Die Polizei merkte bald, wohl unterrichtet
durch die Grenzbeamten, denen zeitweilig immer kleiner werden-
de Sendungen Blätter in die Hände fielen, daß in der Hauptsache
das Blatt in Deutschland gedruckt werden müsse. Die Polizei
setzte nunmehr ihr ganzes Können ein, um den Orten der geheimen
Herstellung auf die Spur zu kommen. Vergeblich. Wo nicht Unge-
schicklichkeit im Spiele war, reichte der Witz der Polizei
nicht aus, Entdeckungen zu machen. Verräter gab es hier keine,
denn die Genossen, die sich an der Herstellung dieser Litera-
tur beteiligten, waren erstklassige Männer, auf deren Verschwie-
genheit und Geschicklichkeit man bauen konnte. Während der
ganzen Dauer des Sozialistengesetzes gelang es der Polizei auch
nicht einmal, eine Herstellungsstätte verbotener Schriften zu
entdecken. Mit geradezu unerhörter Kühnheit druckte zum Beispiel
längere Zeit Grillenberger den 'Sozialdemokrat'. Die Nürnberger
Polizei ahnte, daß er bei Wörlein & Co., dem Grillenbergerschen
Geschäft, hergestellt werde. Sie veranstaltete auch eine Haus-
suchung nach der anderen bei Tag und bei Nacht, jedoch stets
ohne Resultat."

Von einer dieser Haussuchungen berichtet der Augenzeuge Philipp
Wiemer: "So druckten wir einmal eine Nummer des 'Sozialdemokrat'
... Der Satz war schon in der Maschine, ein Abzug dieser gefähr-
lichen Nummer wurde von Hans Wörlein, unserem Faktor und Mit-
inhaber der Firma Wörlein & Co. gelesen, und über dieser Be-
schäftigung störte ihn der Eintritt der Polizei. Wörleins Pult
stand neben der Eingangstür zu unserem Expeditionslokal. Der
Offiziant, hinter dem zwei Schutzleute standen, eröffnete uns,
daß er Haussuchung vornehmen müsse. Wörlein, geistesgegenwärtig,
hob den Deckel seines Schreibpults in die Höhe und lud den Po-
lizeibeamten zur Durchsuchung des Pultes ein. Der Abzug der
Nummer rutschte dabei hinter das Pult, und was auf dem Pult-
deckel lag, war der Abzug der neuesten 'Tagespost', den zu
studieren der Polizeimann nicht für notwendig hielt. In-
zwischen gingen ... Genossen Hans Renner in den anstoßenden
Maschinensaal und veranlaßte das Verschwinden der Druckform
aus der Maschine. Es kam nun mein an die Reihe und dann das-
jenige Renners. Auf dem Hof ließ sich Grillenbergers Donner-
stimme vernehmen, das war für uns ein Signal, daß in seiner
Holzbude, prahlerisch Redaktionspalais genannt, gehaussucht
wurde. Er hatte keine Ahnung, daß bei uns und im Setzersaal
gleichzeitig andere Polizeitruppen an der Arbeit waren. Der
unsere verfügte sich in den Maschinenraum abgeordnet, so
waren wir verloren. So aber verbrauchte die Polizei ihre
Mannschaft, um Grillenbergers, in Wörleins, in meiner und
in der elterlichen Wohnung Renners Haussuchungen vorzunehmen
zu lassen, und wir waren gerettet!"

Eine ähnliche Rolle wie Grillenberger in Nürnberg spielte
Robert Walther in Westsachsen. Seit 1881 druckte er in sei-
ner Quetsche in Crimmitschau verlorengegangene Sendungen des
"Sozialdemokrat" nach, hauptsächlich aber illegale Flug-
blätter, die meistens mit dem Druckvermerk "Druck und Verlag
der Genossenschaftsdrucherei Hottingen-Zürich" versehen waren.
Oft wurden die Blätter bei Mondschein auf dem Dach des Hauses
gesetzt und dann unter größter Wachsamkeit gedruckt.

Einige Wochen lang wurde der Druck in Altenburg besorgt, und
1883 ging Walther nach Burgstädt, einer kleinen Industrie-
stadt in der Nähe von Chemnitz, wo er seine illegale Tätig-
keit fortsetzte. Jahrelang, bis zum Fall des Ausnahmegesetzes,
blieb Burgstädt einer der wichtigsten Druckorte des "Sozial-
demokrat". Allwöchentlich wurden hier 8000 bis 9000 "Schlipse",
wie die einzelnen Exemplare des "Sozialdemokrat" im Partei-
jargon genannt wurde, gedruckt und expediert.

Die Druckerei war in einem kleinen Hintergebäude der Innen-
stadt untergebracht, gut geschützt gegen unerwünschte Sicht.
Nach außen hin diente sie der Herstellung eines Ortsblattes,
der "Burgstädter Zeitung". Der Druck des "Sozialdemokrat" und
illegaler Flugblätter erfolgte nachts auf einer Handpresse bei
dicht verhängten Fenstern, so daß kein Lichtstrahl nach außen
drang. Jedes Stück Makulatur wurde sofort verbrannt, die Druck-
platten nach Fertigstellung der Auflage sofort eingeschmolzen.
Walther selbst promenierte während des Druckes in den umliegen-
den Straßen und behielt vor allem das Polizeirevier und die
Gaststätten im Auge, um jede verdächtige Bewegung sofort sig-
nalisieren zu können.

Die für den Druck benötigten Matern wurden vermutlich aus der
Grillenbergerschen Druckerei in Nürnberg bezogen, aber nicht
auf direktem Wege nach Burgstädt, sondern bald an diese, bald
an jene Deckadresse der weiteren Umgebung versandt. Von dort
wurden sie dann abgeholt und, oft auf Rücken und Brust gebun-
den, heimlich zu ihrem Bestimmungsort gebracht.

Verpackung und Versand erfolgte nach den bekannten Regeln der
Roten Feldpost. Da in der Burgstädter Gegend die Produktion
von Wirkwaren durch kleinere Betriebe vorherrschender Industrie-
zweig war, wurde die illegale Sendungen meist als Wirkwaren-
pakte getarnt. Um auf entsprechenden Umfang und entsprechendes
Gewicht zu kommen, wurden die Pakete mit Dachziegeln, Schiefer,
Stroh und dergleichen ausgestopft. Die Adressen ließ man in ver-
schiedenen Handschriften schreiben, ohne die Genossen und deren
Frauen, die damit beauftragt wurden, über den Zweck dieser Adres-
senschreiberei zu informieren. Die fertige Pakete wurden, soweit
sie für entferntere Orte bestimmt waren, reihum auf Postämtern
der Umgebung in nicht zu großen Mengen aufgegeben.

Welchen Umfang die Expedition der Burgstädter Geheimdruckerei
angenommen hatte, läßt sich daran ermessen, daß Walther eines
Tages mit einem Pferdefuhrwerk nicht weniger als 25 Kisten nach
Chemnitz brachte, in denen drei Nummern des "Sozialdemokrat"
verpackt waren, deren Auslieferung sich verzögert hatte. Da
sich für diese Menge nicht gleich eine Unterbringungsmöglich-
keit bot, stellte man die einzelnen Kisten schließlich aufs
Geratewohl in den Hausfluren verschiedener Handwerker ab, von
denen man annehmen konnte, daß sie nicht gleich zur Polizei
laufen wurden. In der Tat ging nicht eine einzige Kiste verloren.

In Leipzig wurde der "Sozialdemokrat" von 1888 bis 1889 illegal
gedruckt, und zwar in der Druckerei Radelli und Hille in der
Seeburgstraße. Die Partei stellte der Druckerei zu diesem Zweck
7000 Mark für die Anschaffung einer Schnellpresse und eines
Stereotypierapparates zur Verfügung. Die Matern wurden an die
Deckadressen eines Kaufmanns nach Altenburg geschickt. Sonntags
früh furhder Altenburger Drucker Kunze nach Leipzig, um die Auf-
lage fertig zu stellen, und brachte sie abends in einem Reise-
korb verpackt nach Altenburg zum Versand.

Nachdem im Herbst 1888 Redaktion und Expedition des "Sozial-
demokrat" auf Betrieben des Bismarck-Staates ausgewiesen wor-
den und nach London gegangen waren, erfolgte der Druck fast
ausschließlich in Deutschland. Fortan gehörte zu den wichtig-
sten Druckorten neben Burgstädt und Leipzig auch Hamburg, wo
Wilhelm Schröder als Feldpostmeister wirkte.

In seinen Erinnerungen heißt es: "Die Matrizen kamen von Lon-
don herüber und zwar in einer Verpackung so sicher und unauf-
fällig, daß auch einem sehr gewiegten Pfadfinder der Polizei
nicht der Gedanke an Konterbande hätte kommen können. Sobald
der Empfänger die Ankunft des kostbaren Gutes gemeldet hatte,
ging der Beauftragte damit zur Druckerei ... Wer ein bißchen
Ortskenntnis hatte, wußte immerhin eine kleinere 'Quetsche'
zu finden, deren Besitzer schwer ums Dasein zu kämpfen hatte
und dem daher ein nobel entlohnter Auftrag gerade recht kam.
Dort, wo zuverlässige Männer in der Nacht den 'Sozialdemokrat'
erst in Platten gegossen und dann sauber druckten, war tags
zuvor irgendeine Kriegsvereinszeitung aus der Maschine gebracht
worden. Das ging gegen Bargeld und wenn es sein mußte, unter
Gewährung von Vorschuß alles in geschäftsmäßiger Ruhe und Nü-
chternheit zu. Nu die Bedingung war unerläßlich, daß möglichst
wenig Leute um die Sache wußten, daß diese wenigen die Kunst
des Schweigens übten und daß sie im übrigen in der Parteibe-
wegung gar nicht hervortraten, am allerwenigsten aber sich in
der Öffentlichkeit zeigten. es hätte sonderbar zugehen müssen,
wenn unter den tausend Mitgliedern einer großen, trotz dem Aus-
nahmegsetz wohlorganisierten Gemeinde sich nicht ein halbes
Dutzend Genossen gefunden hätte, die diesen Anforderungen ent-
sprachen.

So kam denn die neue Art der Herstellung und Verbreitung ver-
botener Lektüre vor allem wohlfeiler zu stehen als die alte des
umständlichen Schmuggels, auch wenn der Drucker mit seinen bra-
ven Gehilfen der Nachtarbeit entsprechend entlohnt wurde und
es auf ein Fäßchen Bier mit Abendbrot nicht ankam, falls ein
besonders hübscher Streich gelungen war. gewiß, auch diese Ar-
beit war sehr vom Zufall abhängig und hätte eines Tages gefähr-
lich ablaufen können. Aber das Glück blieb der neuen Einrich-
tung hold, und als Anfang Oktober 1890 die letzte Nummer des
'Sozialdemokrat' ausgedruckt war, konnte über die Arbeit meh-
rerer Jahre quittiert werden mit dem Vermerk, daß die Polizei
uns nicht ein einziges Mal ins Gehege gekommen war."

Dem bliebe nur hinzuzufügen, daß auch in diesem Fall das Glück
dem Tüchtigen hold war. Denn ausschlaggebend dafür, daß es zu
keinen Verlusten kam, waren der Demut und die Unerschrockenheit,
die Geschicklichkeit und F9indigkeit, die Opferbereitschaft und
Verschwiegenheit der beteiligten Genossen.

Überhaupt ist nur ein Fall bekannt, wo eine Geheimdruckerei
zwar nicht beim Durch des "Sozialdemokrat", wohl aber eines
illegalen Flugblattes durch die Polizei überrascht wurde. Das
geschah im April 1888 in Berlin. Da das Flugblatt den Druckver-
merk "Genossenschaftsdruckerei Hottingen-Zürich" trug, mußte
es vor Gericht als Beweis dafür herhalten, daß "die Mehrzahl
der mit dem gleichen Vermerk versehenen, hier und anderwärts
vertriebenen Flugblätter keineswegs in Hottingen-Zürich,
sondern innerhalb des Deutschen Reiches hergestellt" wurde.

Im gleichen Monat gelang es den Berliner Sozialdemokraten aber
auch, ein Flugblatt in der Riesenauflage von 200 000 Exempla-
ren heimlich zu drucken und zu verteilen. Den Transport zu den
Verteilungsstellen besorgten größtenteils Frauen mit Wäsche-
körben, wie sie damals von den Hausfrauen für den Wäschetrans-
port zu den Wäschereien und Wäschemangeln benutzt wurden. Jede
Verteilungsstelle hatte eine Anzahl Verteilertrupps, denen be-
stimmte Wohnblocks zugewiesen waren, innerhalb dessen auf jeder
Verteiler zwei bis drei Häuser entfielen. Die Verteilung erfolg-
te schlagartig ab 20 Uhr 30 - also zu einem Zeitpunkt, wo die
Haustüren noch nicht verschlossen, die Treppenhäuser aber schon
ziemlich unbelebt waren - und mußten binnen einer halben Stunde
abgeschlossen sein, damit die Polizei keine Zeit zum Eingreifen
fand. Die Flugblätter wurden unter den Türen durchgeschoben,
wobei mit den Hintergebäuden und oben begonnen wurde, und auf
dem Rückweg nicht von Übelgesinnten gestellt zu werden.

Daß selbst so umfangreiche Schriften wie Bebels Werk "Die Frau
und der Sozialismus" in Deutschland illegal gedruckt wurden,
wurde schon in dem Abschnitt über Tarnschriften erwähnt.

4.10. Geheimkorrespondenz

Die Geheimkorrespondenz, daß heißt der Austausch geheimer oder
vertraulicher Informationen politischen Charakters zwischen
den Genossen der Partei auf schriftlichem Wege, ist nur ein
Bestandteil der illegalen Tätigkeit, ja sogar nur ein Bestand-
teil der innerparteilichen Kommunikation, die überwiegend in
mündlicher Form erfolgt - bei persönlichen Begegnungen, Be-
sprechungen, Versammlungen, Schulungen, Kongressen. Sie bildet
aber auch eine notwendige Ergänzung zur mündlichen Information,
zu mündlichen Gedankenaustausch, zum Beispiel wo lange Verbin-
dungswege zu überbrücken sind, wo eine persönliche Begegnung
zu gefährlich wäre, weil eine oder beide Seiten beobachtet oder
verfolgt werden oder wo es auf die genauer Wiedergabe eines
langen oder schwierigen Textes ankommt, der nicht einfach im
Kopf behalten werden kann.

Den unbestreitbaren Vorzügen der schriftliche Fixierung einer
geheimen Information stehen aber auch schwerwiegende Nachteile
gegenüber. Die Geheimhaltung einer mündlichen Information ist
gesichert, wenn die Geheimnisträger Verschwiegenheit bewahren.
Dagegen werden bei der schriftlichen Niederlegung Schriftstücke,
also Objekte erzeugt, die auch ohne Verschulden der Korrsponden-
ten in die Hände unberufener Personen gelangen, der Polizei An-
haltspunkte für die Verfolgung, der Justiz gegenständliche Be-
weise für die Bestrafung liefern können. Und die Behörden - Po-
lizei, Post, Zoll, Justiz - setzten alles daran, um in Besitz
belastender Schriftstücke zu gelangen.

Immer wieder riefen Parteiführung und Zentrale der Roten Feld-
post im "Sozialdemokrat" und in gesonderten Flugschriften, sicher
noch weit öfters in Absprachen, den Genossen ins Gedächtnis,
welche Geheimhaltungsregeln bei der Korrespondenz und überhaupt
bei der Anfertigung von Schriftstücken und dem Umgang mit ihnen
zu beachten sind.

Diese Regeln lassen sich etwa in folgenden Leitsätzen zusammen-
fassen:

Erstens soll die Geheimkorrespondenz auf das notwendige Min-
destmaß beschränkt werden. Das bezieht sich sowohl auf die An-
zahl der übermittelten Schreiben als auch auf Art und Umfang
der übermittelten Informationen.

Zweitens soll die Korrespondenz nicht über die wirklichen
Adressen der Absender und Empfänger, sondern über Deckadressen
abgewickelt werden.

Drittens sollen wiederholte Sendungen an den gleichen Emp-
fänger mit verschiedener Handschrift adressiert, nach Möglich-
keit auch bei verschiedenen Postämtern aufgegeben werden. Die
bei der Postüberwachung eingesetzten Polizeibeamten waren auch
mit Handschriftenproben sowohl der bekannteren ortsansässigen
als auch der führenden Sozialdemokraten des In- und Auslandes
ausgestattet, an Hand deren sie die ein- und ausgehenden Sen-
dungen überprüften. (Schreibmaschinen kamen erst später in
Gebrauch. Ihre Anschaffung wäre für den einzelnen Vertauens-
mann auch zu kostspielig und zu auffällig gewesen.)

Viertens sollen in den Schreiben keine Personen- oder Ortsna-
men genannt werden. Wenn unumgänglich, sollen dafür Abkürzungen,
zum Beispiel die Anfangsbuchstaben, oder Decknamen eingesetzt
werden.

Fünftens sollen, wenn möglich, Briefe, Postkarten oder Tele-
gramme in verabredeter Sprache, im Stil einer unverfänglichen
geschäftlichen oder familiären Mitteilung abgefaßt werden.

Sechstens sollen wichtige Mitteilungen chiffriert werden.

Siebentens sollen geheime Schreiben nach Kenntnisnahme sofort
vernichtet werden. Keinesfalls dürfen sie an polizeizugänglichen
Orten aufbewahrt werden. Das gleiche trifft zu für Chiffrierun-
terlagen wie Schlüssel, bei der Chiffrierung oder Dechiffrierung
entstehendes Zwischenmaterial und zugrunde liegende Klartexte.
Leichtfertige Aufbewahrung geheimer Unterlagen wird offenem
Verrat gleichgesetzt.
                    - - -
Die Einschaltung von Deckadressen im Postverkehr war eine der
Schutzmaßnahmen der illegal kämpfenden Arbeiterpartei gegen die
gemeinsame "Briefstieberei" von Post und Polizei.

Der erste Teil der weiter unten im Wortlaut wiedergegebenen
Druckschrift "Stiebers Verdruß" bringt weitere drastische Bei-
spiele für die ständige flagrante Verletzung des Postgeheimnis-
ses, wobei sich die Behörden in schamloser Weise auch schäbig-
ster Tricks bedienten. So wurden verdächtige Briefe angeblich
versehentlich geöffnet oder einfach unterschlagen. Pakete wurden
durch absichtliches Stoßen und Quetschen beschädigt, um deren
Inhalt erkennen zu können. In anderen Fällen begleitete ein
Polizeibeamter den Briefträger zur Wohnung des Empfängers, um
die Post sofort nach deren Aushändigung zu beschlagnahmen. In
Österreich wurden die Zollämter mit eingeschaltet; politisch
verdächtige Briefe wurden dort unter der fadenscheinigen Be-
gründung geöffnet, man habe verbotene Lose darin vermutet. In
Breslau steckte unter der gleichen Decke auch die Justiz. Die
Polizei lieferte dem dortigen Amtsgericht eine Liste mit etwa
dreitausend Namen von Personen, die als Sozialdemokraten ver-
dächtig waren. Das Gericht verfügte kurzerhand, entgegen den
gesetzlichen Bestimmungen, daß alle an diese Personen einge-
henden Postsendungen von der Post an das Gericht abzuliefern
und dort zu durchsuchen seien.

Die Beschaffung sicherer Deckadressen galt als eine der schwie-
rigsten Aufgaben in der illegalen Arbeit. Die Adressen von Per-
sonen, die als Anhänger der Sozialdemokratie bekannt waren,
schieden vornherein aus, denn es mußte angenommen werden, daß
deren Post ebenfalls überwacht wurde. Es mußten aber dennoch
Personen sein, die der Sozialdemokratie politisch nahestanden,
die bereit und mutig genug waren, eingehende Geheimpost für
dritte Personen in Empfang zu nehmen, sicher aufzubewahren, dem
Empfänger schnellstens auszuhändigen und darüber Außenstehenden
gegenüber Stillschweigen zu bewahren. Es mußten außerdem Perso-
nen sein, bei denen ein Briefwechsel mit entfernten Orten und
dem Ausland nichts Auffälliges an sich hatte, was die Aufmerk-
samkeit von Post und Polizei hätte erregen können, am besten
Geschäftsleute, die ohnehin geschäftliche Beziehungen zu jenen
Orten unterhielten.

Es war natürlich nicht immer möglich, alle diese Bedingungen
gleichzeitig in zufriedenstellendem Maße zu erfüllen, zumal
noch ein vierter Gesichtspunkt zu beachten war: Es genügte
nicht, nur eine Deckadresse an jedem Ort zu haben. Für den
Fall, daß eine Deckadresse aus irgendeinem Grund ausfiel - sei
es, daß der Adressat nach einem anderen Ort verzog, erkrankte,
verstarb oder auch nur bei der Polizei verdächtig geworden war,
sei es auch nur, daß er es ablehnte, seine Rolle weiterzuspie-
len - mußten weitere Deckadressen in Reserve gehalten werden.
Auch sonst war es zweckmäßig, die Deckadressen von Zeit zu
Zeit zu wechseln.

Manchmal halfen sich die Vertrauensleute auf die Weise, daß sie
als Deckadresse die Anschrift einer Person angaben, die ihnen
zwar bekannt war und hinreichend vertrauenswürdig erschien,
deren Einverständnis aber nicht vorher eingeholt worden war.
Dann suchte der Vertrauensmann diese Person auf und teilte ihr
mit, er habe Nachricht erhalten, daß eine für ihn selbst be-
stimmte Sendung mit der und der Absenderangaben (die natürlich
fingiert, aber mit dem Korrespondenten vereinbart war) versehent-
lich an den anderen adressiert worden sei und bat ihn um Be-
scheid beim Eintreffen der Sendung. Diese Art des Vorgehens barg
natürlich ein erhöhtes Risiko in sich, scheint sich aber in der
Praxis ebenfalls bewährt zu haben.

Von der altbewährten Praktik der Verwendung von Decknamen zur
Verbergung der Identität exponierter und gefährdeter Genossen
in bestimmten Situationen wurde unter dem Sozialistengesetz
ausgiebig Gebrauch gemacht. Um ihren Zweck zu erfüllen, mußten
sie von zeit zu Zeit gewechselt werden.

Decknamen wurden nicht bloß in der Korrespondenz, sondern auch
auf illegalen Kongressen und als Pseudonyme der Verfasser von
Artikeln für den "Sozialdemokrat" benutzt. So erschienen Bei-
träge von Bernstein unter dem Pseudonym Leo, einem Anagramm
seines Kneipnamens Oel, oder unter Vitellius, von Vollmar unter
Surtur oder Walther, von Liebknecht unter selim, eine Umkehrung
seines Spitznamens miles (= Soldat), von Kautsky unter Symmachus
oder J-r, einer Abkürzung seines Spitznamens Juchzer.

Motteler führte anfangs den Decknamen Dr. T. Brandtner, später
Moretti. Wilhelm Schröder, der letzte rote Feldpostmeister in
Hamburg, nannte sich Xanthius, später Rosa.

Die Vertrauensmänner der Roten Feldpost verwendeten in der Kor-
respondenz mit der Zentrale oft recht originelle Decknamen denen
man anmerkte, daß ihnen diese Maskerade auch Spaß gemacht hat,
wie folgende Blütenlese zeigt: Kardinal (Vertrauensmann in Magde-
burg), Cruzifix (Hannover), Lederstrumpf (Hamburg), Roter Paulus
(Freiburg, Michel Stieber (Frankfurt a. M.), Dorndistel (Ort
unbekannt).

4.11. Chiffriermethoden

4.11.1. Überblick

Eine der wesentlichsten Maßnahmen zur Absicherung der Geheim-
korrespondenz sowie unerläßlicher persönlicher Aufzeichnungen
gegen die Einsichtnahme durch Polizei, Justiz oder andere un-
erwünschte Personen war die Chiffrierung. Chiffriermethoden
wurden schon Mitte der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts
in der deutschen Arbeiter- und Widerstandsbewegung angewandt,
aber ihre breite und systematische Anwendung ist erst unter
dem Sozialistengesetz nachweisbar.

Das Chiffrierwesen der verbotenen Partei trat bereits ein Jahr
nach Erlaß des Sozialistengesetzes mit einer Perfektion in Er-
scheinung, die darauf schließen läßt, daß auf diesem Gebiet
schon vorher Erfahrungen gesammelt wurden.

Im illegalen Kampf unter dem Sozialistengesetz kamen haupt-
sächlich drei Chiffriermethoden zur Anwendung: ein Substitu-
tionsverfahren, chemische Geheimschreibverfahren und die ver-
abredete Sprache.

Bei dem Substitutionsverfahren, das im folgenden Abschnitt
näher beschrieben wird, handelt es sich um ein sogenanntes
offenes Chiffrierverfahren, be dessen Anwendung scheinbar
sinnlose Buchstabenfolgen erzeugt werden, die auch bei ober-
flächlicher Betrachtung den Eindruck erweckten, es liege Ge-
heimtext vor.

Dagegen gehören chemische Geheimschreibverfahren und die ver-
abredete Sprache zu den sogenannten gedeckten Verfahren, bei
denen der Geheimtext in einem unverdächtigen Klartext so ver-
borgen wird, daß er von Nichteingeweihten gar nicht erkannt
wird. Bei chemischen Geheimschreibverfahren wird der Geheim-
text mit unsichtbarer Tinte zwischen die Zeilen eines harmlosen
Brieftextes geschrieben, bei der verabredeten Sprache wird für
bestimmte Wörter und Sätze der Alltagssprache eine geheime Be-
deutung vereinbart. Die verabredete Sprache eignete sich be-
sonders für die telegrafische Übermittlung kurzer eiliger
Nachrichten.

Chiffrierverfahren wurden vor allem angewandt im Schriftverkehr
der Züricher Zentrale der Roten Feldpost mit ihren zahlreichen
Vertrauensleuten im Reich, weiter in telegrafischen Mitteilungen
der "Feldjäger", die nach Überschreiten der Grenze in verabre-
deter Sprache Erfolg oder Mißerfolg ihrer Mission an die Zen-
trale meldeten, aber auch im innerdeutschen Schriftverkehr der
illegalen Parteileitung mit örtlichen Parteivorsitzenden und ande-
ren Funktionären. Das geht unter anderem aus einer Bemerkung bei
Hielmann hervor, wonach die notwendigsten Briefe, die zwischen
der illegalen Parteileitung von Chemnitz und dem "Olymp" (Zen-
trale Parteileitung) gewechselt wurden, "gern mit chemischer
Tinte oder einer verabredeten Geheimschrift" geschrieben wurden.

In der Zentrale der Roten Feldpost war Karl Derossi von 1880
bis 1884, als er nach Amerika auswanderte und durch Joseph
Joos abgelöst wurde, für die technisch-organisatorische Seite
der Geheimkorrespondenz verantwortlich. Zu seinen Aufgaben
gehörte nicht nur die Führung der Verzeichnisse der Deckadres-
sen und Decknamen, sondern auch die Vereinbarung der anzu-
wendenden Chiffriermethoden und Schlüssel, die von Zeit zu Zeit
gewechselt werden mußten, mit den Korrespondenten im Reich.
Auf welchem Weg diese Vereinbarung getroffen wurden, ist nicht
bekannt, höchstwahrscheinlich aber nicht auf dem Postweg, son-
dern dem Weg persönlicher Übermittlung durch grenzüberschrei-
tende Mitarbeiter der Roten Feldpost oder gelegentliche Besucher
aus dem Reich.

Belli erinnert sich, das Derossi unaufhörlich "mit der Entdek-
kung von Chiffren und einer chemischen Geheimschrift" beschäf-
tigt war und auch "sinnreiche Apparate für die Komposition
und Auflösung der Chiffren" baute. Das läßt darauf schließen,
daß auch mit anderen Chiffriermethoden als den dreien, deren
Anwendung nachgewiesen ist, experimentiert wurde und solche
vielleicht auf einzelnen Linien erprobt wurden. Bei den Appa-
raten handelt es sich vermutlich um einfache mechanische Ge-
räte, wie si damals als Hilfsmittel beim Chiffrieren und De-
chiffrieren benutzt wurden. Chiffrierscheiben, -schieber und
-gitter.

Schieber und Scheiben dienten der Substitution (Ersetzung) der
Elemente (Buchstaben, manchmal auch Ziffern und Satzzeichen)
des Klartextes durch Elemente des Geheimtextes. Beide ent-
hielten je zwei Alphabete, von denen das eine unbeweglich,
das andere beweglich war. Beim Schieber waren die beiden
Alphabete einander geradlinig wie beim Rechenschieber, bei
der Scheibe kreisförmig zugeordnet. Die gebräuchlichste Form
war die, daß die unbewegliche Skala die Buchstaben in normaler
alphabetischer Reihenfolge enthielt, die unbewegliche Skala
dagegen in vermischter Reihenfolge. beim Chiffrieren wurden
die Buchstaben des Klartextes der Reihe nach im feststehenden
Alphabet aufgesucht und durch die gegenüberstehenden Buchsta-
ben der beweglichen Skala ersetzt. Der Schlüsselwechsel erfol-
gte durch Änderung der Anfangsstellung, die beim Schieber durch
verschiebung und bei der Scheibe durch Drehung der beweglichen
Skala erfolgte, oder durch Einführung eines neuen Mischalphabets.

Gitter dienten der Transposition (Versetzung) des Klartextes.
Bei der gebräuchlichsten Form benutzte man Schablonen aus Karton
oder anderem Material, aus denen ähnlich den weißen Feldern
in einem Kreuzworträtsel bestimmte Felder ausgeschnitten waren.
In diese leeren Felder wurde beim Chiffrieren der Klartext in
bestimmter Reihenfolge eingetragen und dann in anderer bestimm-
ter Reihenfolge herausgeschrieben, wodurch sich der Geheimtext
ergab. Der Empfänger mußte natürlich über das gleiche Gitter ver-
fügen, um die Dechiffrierung in umgekehrter Reihenfolge durchzu-
führen zu können. Der Schlüsselwechsel erfolgte durch Änderung
der Reihenfolge des Eintragens oder Herausschreibens, durch
Drehen oder Wenden des Gitters oder durch Einführung eines
neuen Gitters. Für die damalige Beliebtheit der Gitterverfahren
spricht die Tatsache, daß in dem "Handbuch der Kryptographie"
des Österreichers Eduard Fleissner von Wostrowitz, das 1881 in
Wien erschien, mehr als ein Drittel des Textes den Gitterver-
fahren gewidmet ist.

Die Vermutung, Derossi habe sich mit der Konstruktion von Chif-
friergeräten der angeführten Art, zumindest von Scheiben und
Schiebern befaßt, wird durch verschiedene Hinweise im "Sozial-
demokrat" bekräftigt.

In Nummer 52 vom 22. Dezember 1881 erschien unmittelbar unter
der zum wiederholten Male aufgenommenen Anzeige der Broschüre
"Stieber's Verdruß" folgende Anzeige "Weiter ist durch uns zu
beziehen, soweit der Vorrat reicht: Chiffrier-Scheiben in
Schachteln, zum schnellen und sicheren Chiffrieren nach dem
System 'Stiebers Verdruß' mit Vereinfachung des Zahlen-Chiffrie-
rens. Preis pro Ex. fanko: Fr. -,75 = Mk. -,60." die gleiche
Anzeige erschien in verkürzter Form noch einmal in Nummer 33
vom 10. August 1882.

Zwei Monate später, in Nummer 44 vom 19. Oktober 1882, erschien
folgende Anzeige: "Taschen-Chiffrierapparate. Schieber, schnell
und sicher nach dem System 'Stieber's Verdruß' arbeitend, sind,
soweit der Vorrat reicht, für a 40 Pfg. durch die Expedition
des 'Sozialdemokrat' zu beziehen."

In Nummer 18 des "Sozialdemokrat" vom 27. April 1882 war ein
Artikel erschienen, in dem die Schaffung eines Parteiarchivs
und einer Parteibibliothek vorgeschlagen wurde. Alle Genossen
und Freunde wurden aufgefordert, zu diesem Zweck Materialien
zur Geschichte der deutschen Arbeiter- und Widerstandsbewegung
zu übergeben, seien es Briefe, Protokolle und andere hand-
schriftliche Unterlagen, Bücher, Zeitungen, Flugblätter und
andere Druckerzeugnisse oder auch Parteistempel und andere
Gegenstände. Von Zeit zu Zeit wurde dieser Aufruf in Erinner-
ung gebracht und besonders drauf hingewiesen, daß dem Partei-
archiv von jedem Flugblatt der illegalen örtlichen Parteior-
ganisation zwei Exemplare erwünscht seien. In Nummer 52 vom
20. Dezember 1883 hieß es: "Das Partei-Archiv bringen wir
unseren Genossen und Freunden wiederholt dringend in Erinnerung
und werden demnächst das bisher eingegangene Brauchbare, kata-
logisch geordnet, quittieren." Die erste Quittung wurde in Num-
mer 2 des "Sozialdemokrat" vom 10. Januar 1884 veröffentlicht.
Sie bestätigte den Erhalt von 22 Archivstücken des damals nahe-
zu 75jährigen Mitkämpfers von Marx und Engels Johann Philipp
Becker, darunter Briefe, Protokollbücher und Stempel. Noch im
gleichen Jahr erschienen im "Sozialdemokrat" sechzehn weitere
Quittungen der "Archivverwaltung" über Neueingänge, darunter
weitere Sendungen von Becker. Von besonderem Interesse ist
hier die Archivquittung in Nummer 11 vom 13. März 1884 für
C. Derossi aus Hirslanden, weil darin "2 Chiffrierapparate"
angeführt werden. Ob es sich dabei um Scheiben, Schieber,
Gitter oder andere Geräte gehandelt hat, ist nicht bekannt.

Unmittelbar unter dieser Archivquittung erschien folgender Ab-
schiedsgruß Derossis, der wie so viele in Europa verfolgte
Freiheitskämpfer des 19. Jahrhunderts nach Übersee auswanderte:
"Bei meiner Abreise nach Amerika den Genossen ein herzliches
Lebewohl" Zürich, 12. März 1884. C. Derossi."

4.11.2. Stiebers Verdruß

"Stiebers Verdruß" war der Titel einer Broschüre, die Ende 1880
im Verlag des "Sozialdemokrat" erschien, und in der Partei-
sprache zugleich Bezeichnung für das darin beschriebene und
empfohlene Substitutionsverfahren. In der Broschüre wurde das
Verfahren auch als Quadratschrift (nach der quadratischen Form
der verwendeten Chiffriertafel) oder Unentzifferbare Chiffre-
schrift (nach der damals gebräuchlichen französischen Bezeich-
nung "chiffre indechiffrable") bezeichnet. In der neueren kryp-
tologischen Literatur wird es meist nach seinem vermeintlichen
Erfinder Vigenere-Verfahren genannt.

Das Verfahren wurde schon in der ersten regulären Numer des
"Sozialdemokrat" (nach der "Probenummer", die eine Woche vor-
her erschienen war), in Nummer 1 vom 5. Oktober 1879, den
Genossen zur Anwendung empfohlen. In dem Artikel "Die Brief-
stieberei in Deutschland", der hier schon auszugsweise zitiert
wurde und Hinweise zur Umgehung der an sich ungesetzlichen,
von den deutschen Behörden dennoch ausgeübten Postüberwachung
enthielt, hieß es: "(Man) bediene sich bei besonders wichtigen
Mitteilungen der Chiffrenschrift, am besten der in jedem neu-
eren Lehrbuch der Chiffrierkunde vorfindlichen Chiffre Indechif-
freable (unentzifferbaren Chiffrenschrift), schließe den Brief
recht vorsichtig und schreibe die Adresse mit verstellter
Handschrift.

Der Hinweis auf die vorhandenen kryptologischen Lehrbücher war
offenbar unzureichend. Es gab nur wenige solcher Lehrbücher in
deutscher Sprache, und diese befanden sich entweder in Privat-
besitz oder in Dienststellen und wissenschaftlichen Biblio-
theken, deren Benutzung den Arbeitern praktisch verwehrt war.
Wissenschaftliche Bibliotheken gab es nur in größeren Städten.
Benutzer, die nicht selbst Wissenschaftler oder sonstige ange-
sehene Bürger des Ortes waren, mußten die Bürgschaft solcher
Personen bringen oder einen größeren Geldbetrag als Kaution
hinterlegen, und welchem Arbeiter wäre das schon möglich ge-
wesen. Außerdem hätten sich Arbeiter mit der Nachfrage nach
kryptologischer Literatur sofort verdächtig gemacht.

All das sah man in der Zentrale der Roten Feldpost sehr bald
ein, und ein Vierteljahr nach dem obenerwähnten Artikel er-
schien im "Sozialdemokrat" eine Artikelserie, in der das emp-
fohlene Verfahren ausführlich beschrieben und seine Anwendung
erläutert wurde. Die Serie besteht aus fünf Artikeln, die in
der Feuilleton-Rubrik des "Sozialdemokrat" unter der Über-
schrift "Geheimschriften" vom 4. Januar bis 1. Februar 1880
(Nummer 1 - 5 des Jahrgangs 1880) veröffentlicht wurden. Ein
Verfasser ist nicht genannt; die Verwendung lateinischer Zitate
läßt lediglich den Schluß zu, daß er eine höhere Schulbildung
gehabt haben muß.

Im ersten dieser fünf Artikel wird, ausgehend von einem Spionza-
Zitat, die Idee von der Gleichberechtigung aller Menschen ver-
treten. Der Sozialismus erstrebe nichts weiter als die konse-
quente Durchsetzung dieser Idee in der gesellschaftlichen Wirk-
lichkeit. Bisher seien Erfahrungen, Kenntnisse und Entdeckungen,
auf deren Nutzung alle Menschen Anspruch hätten, durch eine Min-
derheit vor den Volksmassen verborgen worden, um sich die al-
leinige Ausbeutung zu sichern. Dazu gehöre auch die Kunst des
Schreibens, die ursprünglich ein Geheimnis der Priester- und
Herrscherkasten gewesen sein, deren spätere Ausbreitung aber
doch nicht verhindert werden konnte. "Diese neue Öffentlichkeit,
vor der keine Kastenunterschiede galten, sondern für die es nur
Wissende und Unwissende gab, vertrug sich aber wenig mit den
Interessen der bevorrechteten Klassen. Konnten doch geschrie-
bene Mitteilungen und Verständigungen jetzt von jedem gelesen
und dadurch ihr Zweck, den sich Verständigenden Nutzen auf Ko-
sten anderer zu bringen, vereitelt werden, Wohl konnte man die
Niederschriften durch Siegel verschließen, gewandten und krä-
ftigen Boten übergeben und ähnliche Maßregeln für Sicherheit
zu einer Zeit, wo die Gewalt alles war, wenn sie selbst in un-
serer Zeit des 'Rechts' nicht immer genügen? Das Siegel konnte
gebrochen werden, der Bote bewältigt oder bestochen, die Bedeck-
ungsmannschaft erschlagen werden. Es mußten also andere, nicht
äußerliche, sonder in der Schrift selbst liegende Mittel gefun-
den werden, um Geschriebenes dem Nichteingeweihten unzugänglich
zu machen."

Der zweite Artikel fährt fort: "Aus diesem Bestreben entstanden
die Geheimschriften. Man erfand eine Art des Schreibens, welche
von der gewöhnlichen, allen Gebildeten einer Nation, ja auch
wohl (wie beim Griechischen) weit darüber hinaus bekannten ab-
wich und deshalb nur dem in Geheimnis Gezogenen verständlich
war." Es folgt ein kurzer Überblick über die Geschichte des
Chiffrierwesens von den alten Griechen und Römern über das Mit-
telalter bis zur neueren Zeit, wo die Ausbildung von Chiffrier-
methoden zu einer förmlichen Wissenschaft geworden sei.

Aus dem dritten Artikel, om 18. Januar 1880, soll hier ausführ-
lich zitiert werden, weil daraus ersichtlich ist, daß die Genos-
sen, die für das Chiffrierwesen der Partei verantwortlich waren,
über die Möglichkeiten der gegnerischen Dekryptierung, hier De-
chiffrierkunst genannt, informiert waren und die einschlägige
Literatur studiert hatten. Es heißt darin:
"Die ... Anfänge der Chiffrenschrift ... erfüllten den Zweck
der Geheimhaltung bald nicht mehr, denn das große Interesse an
der Durchdringung des Geheimnisses reizte den Scharfsinn zur
Entdeckung von Mitteln, durch welche die Entzifferung der Ge-
heimschriften auch dem nichteingeweihten möglich wurde. Und
diese Entdeckung wurde bald gemacht und damit der Grund zur
Dechiffrierkunst gelegt, welche von nun an ein überaus wichti-
ges Hilfsmittel der äußeren und inneren Politik, also der Diplo-
matie und Polizei blieb. Für jede Sprache gibt es nämlich ge-
wisse, auf die Häufigkeit des Vorkommens der Buchstaben, der
Vokalisation und die öfteren Wiederholungen bestimmter Buchsta-
benkompositionen (besonders Vor- und Schlußsilben), sowie auf
den Gesetzten des Satzbaues basierende Regeln, welche dem De-
chiffreur bei solch einfachen Chiffrenschriften selbst bei
einiger Vorsicht der Korrespondierenden in betreff des Wort-
und Satzbaues schnell Anhaltspunkte gebe, von denen aus er
dann vermittels geschickter Kombinationen leicht den Schleier
vollkommen zu zerreißen mag.

Das nächstliegende Verteidigungs- und Sicherungsmittel hingegen
war nun die wechselnden Zeichen; für die verschiedenen Buch-
staben, besonders die häufig vorkommenden (wie im Deutschen
s, t, e, t usw.) wurden nicht mehr ein und dieselben, sondern
verschiedene Zeichen genommen. Ferner wurden die einzelnen Worte
und Sätze nicht mehr, wie in der gewöhnlichen Schrift, von ein-
ander getrennt, sondern fortlaufend aneinander gereiht und
zwischen sie und auch anderweit sogenannter Nichtsgelter (Non-
valeurs), d. h. Buchstaben, welche verabredungsgemäß nichts
gelten, sondern nur zur Irreführung des Dechiffreurs da sind,
eingeschoben. Sodann wurde die Bezeichnung der Buchstabe nicht
mehr durch einzelne Zeichen, sondern durch mehrgliedrige Chiffre
erfunden, indem man das Alphabet in mehrere Gruppen einteilte
und nun jedem Buchstaben die Chiffre der Gruppe, zu welcher er
gehörte, und der Stelle, welche er in ihre einnahm, gab. Neben-
her gingen noch der häufige Wechsel des Schlüssels, d. h. der
Chiffrier- und Dechiffriertabellen, welche den Korrespondie-
renden die verabredeten Zeichen zeigen, ferner der Wechsel der
Sprache, das Schreiben in verkehrter Ordnung (nämlich von der
Rechten zur Linken), vor allem aber das sogenannte Schreiben
in contrario, d. h. die Niederschrift einer Stelle in gerade
entgegengesetzte Sinn als in welchem sie gemeint ist und ver-
standen werden soll (was natürlich bestimmte Zeichen dem Einge-
weihten anzeigen). Das letztere Mittel wurde nicht nur dazu
verwendet, besonders wichtige Stellen für den Fall der Entzif-
ferung seitens eines Unberufenen dem richtigen Verständnis des
letzteren zu entziehen, sondern mehr noch dazu, in Verbindung
mit einem absichtlich leicht gewählten Schlüssel den Dechif-
freur, resp. dessen Auftragsgeber auf eine falsche Fährte zu
bringen und ihn zu bestimmten, von den Korrespondenten gewollten
Handlungen zu veranlassen.

All diese und ähnliche Mittel erschweren nun allerdings dem un-
berufenen Dechiffreur die Enträtselung der Geheimschrift außer-
ordentlich, manche aber zugleich die Anwendung der Chiffren-
schrift für die Korrespondenten selbst überaus schwierig. Ein
einziger Fehler, beim Chiffrieren oder Dechiffrieren nach so
komplizierten Systemen begangen, ist oft hinreichend, auch dem
befugten und im Besitz des Schlüssels befindlichen Dechiffreur
die ganze Mitteilung unleserlich zu machen. Für den allgemeinen
Gebrauch sind derartige Systeme überdies schon des mit  ihrer
Anwendung verknüpften bedeutenden Zeitaufwandes wegen ungeeig-
net; denn so viel überflüssige Zeit, wie die Diplomaten, hat
nicht jedermann. Man hat deshalb gesucht (der letztgenannte
Grund fiel dabei allerdings am wenigsten ins Gewicht), System
zu konstruieren, welche mit der Sicherheit vor unberufener Ent-
zifferung zugleich die Leichtigkeit des Gebrauchs verbinden,
und ist deren gegenwärtig eine überaus reiche Auswahl vorhanden
(das einzige Krohn'sche Chiffrenbuch, 1873 in Berlin erschienen,
enthält deren zirka 3 1/2 Tausend).

Das die bezeichneten Anforderungen - daß es leicht handhabbar
und sicher vor Entdeckung sei - am meisten erfüllende Chiffren-
system ist indes entschieden die sogenannte Chiffre indechif-
frable oder unentzifferbare Chiffrenschrift ..." - Soweit der
Auszug aus dem Artikel vom 18. Januar 1880.

Der vierte Artikel, vom 25. Januar 1880, und die erste Hälfte
des fünften und letzten Artikels, vom 1. Februar 1880, bilden
das Kernstück der Artikelfolge. Hier wird die Chiffriertabelle
des vorgeschlagenen Verfahrens abgedruckt und eine Anweisung
zu ihrer Anwendung gegeben. Diese Passage stimmt fast wörtlich
über ein mit der entsprechenden Passage in der Schrift "Stiebers
Verdruß", die weiter unten wörtlich wiedergegeben wird.

Im letzten teil des fünften Artikels wird betont, "daß wir das
vorstehende Chiffriersystem keineswegs lediglich zur Belehrung
über Geheimschriftwesen mitteilen, sozusagen als Merkwürdigkeit
mitteilen, sondern auch zugleich, um dem Leser dadurch ein be-
währtes Mittel zur Geheimhaltung seiner Korrespondenz an die
Hand zu geben." Die Artikelfolge schließt mit den Worten:
"Welche Mittel ... anzuwenden sind, um die gegen uns gerichte-
ten Anschläge zu paralysieren, das zeigt uns am besten das Bei-
spiel unserer Gegner. Machen wir es uns zu Nutze und bekämpfen
wir sie mit ihren eigenen Waffen. Denn es ist weise, vom Feind
zu lernen ...".

Die Broschüre "Stierbers Verdruß" wurde in Nummer 1 des "So-
zialdemokrat" vom 2. Januar 1881 mit folgendem Text ange-
zeigt: "Stieber's Verdruß. Geheimschrift zur Sicherung des Brief-
verkehrs in und mit Deutschland und anderen Ländern, in denen
die Reaktion ihr Wesen treibt. Zweite vermehrte Auflage. Mit
großer, zum Aufziehen eingerichteter Chiffrentafel. Preis:
20 Pf. = 25 Cts. - Der systematische Briefdiebstahl, welchen
in Deutschland - und nicht minter in Österreich - die verbün-
dete Post und Polizei gegenüber den Sozialdemokraten ausüben,
nacht für letztere eine Reihe von Sicherheitsmaßregeln und für
wichtige Mitteilungen selbst die Anwendung einer der Polizei
unzugänglichen Geheimschrift nötig. Die ausführliche Anleitung
hierzu findet sich in 'Stieber's Verdruß', der deshalb allen
Parteigenossen, namentlich denen, welche viel mit Briefverkehr
in Parteiangelegenheiten zu tun haben, zu empfehlen ist. Die
Expedition des "Soz.-Dem.'".

Die gleiche Anzeige erschien nochmals in Nummer 6 des "Sozial-
demokrat" vom 6. Februar 1881, dann in verkürzter Form (unter
Weglassung des Textes nach der Preisangabe) in Nummer 11 vom
13. März 1881, wiederum in der ausführlichen Form in Nummer 52
vom 22. Dezember 1881, hier in Verbindung mit der obenerwähnten
Anzeige von Chiffrierscheiben, schließlich noch einmal (in ver-
kürzter Form und in Verbindung mit dem Angebot von Chiffrier-
scheiben) in Nummer 33 vom 10. August 1882. Danach war die Bro-
schüre offenbar vergriffen, denn es erschien nur noch, in Num-
mer 44 vom 19. Oktober 1882, die ebenfalls schon angeführte
Anzeige von "Taschen-Chiffrierapparat (Schiebern), die zur An-
wendung mit dem System Stiebers Verdruß empfohlen wurden.

Die Broschüre "Stieber's Verdruß" umfaßte acht numerierte Text-
seiten im Format 12,5 mal 18,2 cm und eine Chiffriertafel, die
in der Mitte so beigeheftet war, daß sie zum Gebrauch leicht
aus der Broschüre entnommen werden konnte.

Die Bezeichnung als zweite vermehrte Auflage ist wohl so zu
verstehen, daß die im Januar des gleichen Jahres im "Sozial-
demokrat" veröffentlichte Artikelfolge "Geheimschriften" als
erste Auflage zu gelten hat.

Der einleitende Text ist gegenüber der Artikelfolge stark ver-
ändert. Auf die philosophisch- historische Einleitung wurde zu-
gunsten einer Aktualisierung des Textes verzichtet. Unter Anfüh-
rung markanter Beispiele wird eindringlich vor den Gefahren der
behördlichen "Briefstieberei" gewarnt und die Notwendigkeit der
Benutzung von Deckadressen und Chiffrierverfahren begründet.
Nach dem Hinweis auf die Vielzahl der existierenden Chiffrierver-
fahren und auf die Gefahren der gegnerischen Dekryptierung
folgt ab Seite 4 die Beschreibung und Gebrauchsanweisung der
"Quadratschrift oder Unentzifferbaren Chiffrenschrift", die
wegen ihrer "leichten Anwendbarkeit und vollkommenen Sicherheit
vor Entdeckung" allen Sozialdemokraten zum Gebrauch empfohlen
wird. Dieser Teil der Schrift weist gegenüber der Artikelfolge
nur geringfügige, dem besseren Verständnis dienende Änderungen auf.

Dagegen ist der letze Teil des Broschürentextes, beginnend mit
Den Worten "Ganz besonders muß man sich auch davor hüten ...",
gegenüber der Artikelfolge "Geheimschriften" völlig neu. Wäh-
rend diese mit einigen allgemeinen Betrachtungen schließt,
bringt "Stieber's Verdruß" weitere konkrete Hinweise zur Er-
schwerung der gegnerischen Dekryptierung. Insbesondere soll die
Chiffrierung einzelner Wörter in Sätzen oder wirklicher Namen
in Unterschriften vermieden werden, weil die Polizei deren Be-
deutung erraten und auf Grund dessen den Schlüssel finden könnte.

Nachstehend der vollständige Wortlaut der Schrift, wobei ledig-
lich die Rechtschreibung den heutigen Regeln angepaßt wurde.

                Siebers Verdruß
  Geheimschrift zur Sicherung des Briefverkehrs
  in und mit Deutschland und anderen Ländern, in
        denen die Reaktion ihr Wesen treibt.
            Zweite, vermehrte Auflage.
Verlag des "Sozialdemokrat", Zentralorgan der deutschen
                Sozialdemokratie.
 A. Herter, Industriehalle, Riesbach-Zürich (Schweiz).
                      1880.

Die schon früher bisweilen geübte, seit Erlaß des Sozialisten-
gesetzes aber im großen betriebene Briefstieberei macht in
Deutschland immer größere Fortschritte, was unter den gegen-
wärtigen, im "Freieinigen Reich" herrschende Verhältnissen
allerdings nicht zu verwundern, sondern nur selbstverständlich
ist. So wenig ein Dieb ohne Dietrich auskommt, so wenig kann
eine Reaktion ohne schwarzes Kabinett bestehen.

Und dieses ist bereits ganz systematisch organisiert. In den
Postämtern aller größeren und als Hauptnester der Sozialdemo-
kratie verrufenen Städte ist ein regelmäßiger Polizeidienst
eingeführt, in der Weise, daß Tag und Nacht Polizeibeamte an-
wesend sind, welche sämtliche ankommende und abgehende Briefe
und Päckereien besichtigen. Die Briefspitzel sind mit Verzei-
chnissen bekannter Sozialisten der betr. Stadt, sowie mit
Adressen und Handschriftproben von im In- und Ausland wohnen-
den sozialistischen "Führern" versehen. erscheint eine Sendung
auf Grund irgendeines dieser Anhaltspunkte für verdächtig, so
wird sie aufgehalten und werden zum Zweck der Auskundschaftung
dreierlei Verfahren angewendet. Entweder die Sendung wir "per-
lustrier", d. h., wenn es ein Brief ist, durch Aufschneiden
oder "irrtümliches Eröffnen von Amtswegen", wenn ein Packstück,
durch gewaltsames Stoßen und Quetschen eröffnet. Oder die Sen-
dung der Post-Polizeibehörde avisiert, die dem Postboten einen
Polizeiagenten mitgibt, welcher die Sendung sofort nach Abgabe
beschlagnahmt. Insbesondere werden die Sendungen aus dem Aus-
land, namentlich aus Zürich und der Schweiz überhaupt , dann
aus Belgien, Paris, London usw. durchschnüffelt.

Aber nicht genug, daß der Polizei in der Post ein ständiger
Platz eingeräumt worden ist, daß ferner einzelne Postbeamte
zum Zweck der Briefstieberei oder deren Beihilfen hierzu ente-
der bestochen oder deren selbstangebotene Dienste bereitwillig
angenommen worden sind: auch die Post selbst ist korrumpiert
und die infame Briefschnüffelei, d. h. das schwarze Kabinett
ist offiziell, durch geheime Erlasse des Generalpostmeisters und
der Oberpostdirektionen, eingeführt. Ein solcher Erlaß des Ge-
neralpostmeisters hinsichtlich der "Perlustrierung" von Postsen-
dungen, in denen verbotene Schriften zu vermuten, wurde u. a.
in der Frühjahrssession des Reichstags zur Diskussion gebracht,
wobei sich die Würdelosigkeit des Reichstages und speziell der
Herren Liberalen wieder einmal im hellsten Lichte zeigte. Denn
trotzdem selbst Lasker nicht umhin konnte, die Sache für "be-
denklich" zu finden und die Tatsache der Verletzung des Brief-
geheimnisses außer Zweifel stand, hatte man nicht den leisteten
Tadel für ein solches schändliches Gebaren: war es doch bloß
gegen dei Sozialisten gerichtet!

Seitdem haben Briefverletzung und Briefdiebstahl noch größere
Dimensionen angenommen. In Berlin, Dresden, Altona, München und
an zahllosen anderen Orten sind die skandalösesten Stiebereien
im größeren Stil - Diebstahl zahlreicher Briefe, Bandsendungen
und ganzer Pakete - vorgekommen und zum Teil auf Grund des
durch diese infamen Manipulationen gewonnenen Materials Straf-
prozesse gegen die Adressaten und deren Freunde eingeleitet
worden. Wie weit die Organisation des schwarzen Kabinetts be-
reits gediehen ist, beweist u. a. eine vor einiger Zeit in dem
in Zürich erscheinenden "Sozialdemokrat", veröffentlichte "ver-
trauliche". d. h. geheime Postinstruktionen neueren Datums,
durch welche die Oberpostdirektion die Vorstände der kaiser-
lichen Postämter zur genauen Durchsuchung von Briefen, in wel-
hen verbotene Zeitungen zu vermuten sind, angewiesen und ihnen
hierzu detaillierte Anweisungen geben!

Das Allerskandalöseste aber, was bisher da war - was in der
nächsten Zukunft noch alle kommen wird, kann man ja nicht
wissen - ist das Vorgehen der verbündeten Post, Polizei und
"Justiz" in Breslau. Die Polizei lieferte dem Amtsgericht eine
Liste, auf welcher bei 3000 des Sozialismus Verdächtige ver-
zeichnet standen. und das Gericht verfügte kurzweg, daß alle
an diese Personen abzuliefern und dort zu durchsuchen seien,
ob sie nicht verbotene sozialistische Korrespondenzen ent-
halten. Zwar hat das Landgericht auf erhobene Beschwerden
dem Gesetz gemäß anerkannt, daß eine Beschlagnahme und Durch-
suchung von Postsendungen auf den bloßen Verdacht, es könnten
sich in ihnen verbotene Schriften befinden, und ohne daß eine
Klage gegen den Empfänger bereits anhängig ist, nicht zulässig
sei. Allein das Amtsgericht fährt trotz dieses Entscheids -
wohl auf Verabredung - ungestört in der bisherigen unverschäm-
ten Briefstieberei fort.

In Österreich hat man ein noch einfacheres Mittel gefunden. Man
erklärt einfach jeden brief, von dem man vermutet, daß er für
Polizeilich und Staatsanwalt interessante Dinge enthält, für ver-
dächtig, verbotene - Lose zu enthalten und läßt ihn auf dem
Zollamt öffnen. -

Unter diesen Umständen kann von einem wirklichen Briefgeheimnis,
besonders den Sozialdemokraten gegenüber, dermalen nicht mehr
die Rede sein. Es müssen deshalb alle, welche ihren Briefwechsel
nicht gerne von schmutzigen Polizeinasen durchschnüffelt haben
wollen, in erster Linie aber die aufs heftigste verfolgten So-
zialdemokraten, für welche jede Briefabfassung zu Haussuchungen,
Erwerbsbenachteiligungen, Prozessen usw., mit einem Wort zu
Schädigungen der eigenen und anderer Privatinteressen, sowie
vor allem zur Schädigung der Partei führen können - darauf be-
dacht sein, ihren Briefverkehr durch künstliche Mittel vor den
Klauen der amtlichen Briefhabichte zu sichern.

Daß man zu diesem Zweck niemals an "verdächtige" Adressen (be-
kannte Sozialdemokraten usw.) sendet, sondern sich stets dritter
unverdächtiger Adressen, sogen. Vermittlungs- oder Deckadressen
bedient; daß man weiter so wenig als möglich Namen nennt und
dieselben nur durch Anfangsbuchstaben, Zeichen oder sonst be-
zeichnet; daß man Verfängliches nicht direkt und offen schreibt,
sondern derlei unter einer unverfänglichen, am besten geschäft-
lichen Ausdrucksweise versteckt; vor allem aber, daß man ver-
dächtige Briefe niemals an polizeizugänglichen Orten aufbe-
wahrt (eine Zuwiderhandlung gegen diese Regel ist fast stets
einem Verrat gleich zu achten!) - : diese und ähnliche Sicher-
ungsmittel setzen wir als selbstverständlich voraus. Ihre An-
wendung ist eine Pflicht!

Aber dieselben reichen nicht im entferntesten hin. Wirksam und
ausreichend kann die Korrespondenz sowie jede andere Aufzeich-
nung nur durch Unverständlichmachung für die Uneingeweihten ge-
schützt werden. Und dieses Ziel ist in der Hauptsache nur durch
die Anwendung der Geheim- oder Chiffrenschrift zu erreichen.

Solcher Chiffrenschrift gibt es nun zahllose, von den einfach-
sten bis zu den kompliziertesten Systemen. Indessen muß man
auch bei ihrer Anwendung vorsichtig sein, da die im Dienst der
Regierung arbeitende Dechiffrierkunst sehr entwickelt ist. Es
gibt nämlich für jede Sprache bestimmte, auf der Häufigkeit des
Vorkommens der Buchstaben, der Vokalisation und die öfteren Wie-
derholungen bestimmter Buchstabenzusammensetzungen (besonders
Vor- und Schlußsilben), sowie auf den Gesetzten des Satzbaues
basierende Regeln, welche dem Dechiffrierkundigen bei den ge-
wöhnlicheren (Zeichen-, Zahlen- usw.) Chiffrierschriften schnell
Anhaltspunkte geben, von denen aus dann vermittels geschickter
Kombinationen leicht der Schleier des Geheimnisses zerrissen
werden kann. Außerdem bedarf man zu den meisten Chiffreschriften
großer Schlüssel-Tabellen, welche verloren oder weggenommen
werden können; ferner ist das Chiffrieren meist sehr zeitraubend
und mühsam, und derlei Unzuträglichkeiten mehr.

Alles das aber wird möglichst vermieden durch Anwendung eines
Systems, welches wir nachfolgend genauer beschreiben und das wir
seiner leichten Anwendbarkeit und vollkommenen Sicherheit vor
Entdeckung wegen allen, welche wichtige Korrespondenzen haben,
namentlich allen Sozialdemokraten zum Gebrauch empfehlen.
Dieses Chiffriersystem heißt:

Quadratschrift oder Unentzifferbare Chiffreschrift

Chiffrierung und Dechiffrierung werden vermittels der beilie-
genden Chiffretafel (welche man sich zum handlichen Gebrauch
am besten auf starke Pappe aufzieht) bewerkstelligt:

                        Sprachlinie
      a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z

   a  b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a
   b  c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b
   c  d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c
   d  e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d
W  e  f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e
a  f  g h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f
h  g  h i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g
l  h  i k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h
l  i  k l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i
i  k  l m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k
n  l  m n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l
i  m  n o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m
e  n  o p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n
   o  p q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o
   p  q r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p
   q  r s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q
   r  s t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r
   s  t u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s
   t  u v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t
   u  v w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u
   v  w x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v
   w  x y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w
   x  y z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x
   y  z a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y
   z  a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z

Zur Chiffrierung ist ein beliebiges, natürlich nur den beiden
Korrespondenten bekanntes Wort als Schlüssel nötig, welches
Buchstabe für Buchstabe unter die zu chiffrierende Nachricht
zu setzen ist - ch, ä, ö, u natürlich als zwei Buchstaben,
j = i - womit, sobald es zu Ende ist, immer wieder von neuem
begonnen wird, bis die darüber stehenden Buchstaben des Textes
aufhören. Die Chiffrebuchstaben werden nun gefunden, indem man
von dem Buchstaben des Schlüssels (auch Wahlwort genannt) in
der Wahllinie waagerecht und von dem Buchstaben des darüber
stehenden Textes in der Sprachlinie senkrecht bis zu dem Punkt
fortfährt, wo sich beide Linien kreuzen.

Ein Beispiel wird das klar machen. Setzen wir, die zu chif-
friende Nachricht laute also: "Morgen abends neun Comite bei
Paul. Anwesenheit aller dringend nöthig. Ed. Müller."
Wahlwort sei jacoby. Man wird also zunächst die Buchstaben des
Wahlwortes unter die des Testes setzen. Also:

M o r g e n  a b e n d s  n e u n  C o m i t e  b e i
j a c o b y  j a c o b y  j a c o  b y j a c o  b y j

P a u l.  A n w e s e n h e i t  a l l e r
a c o b.  y j a c o b y j a c o  b y j a c

d r i n g e n d   n o e t h i g.
o b y j a c o b   y j a c o b y.

E d.  M u e l l e r.
j a   c o b y j a c.

Nun zeiht man eine Linie unter die beiden Buchstabenreihen und
beginnt in der oben angegebenen Weise die Buchstaben der Chif-
frenschrift, gewissermaßen das Produkt der beiden Buchstaben
des Wahlwortes und des Textes aufzusuchen. Suche wir nun i (den
Buchstaben des Textes) in der Sprachlinie auf und fahren von
erstem in der Horizontallinie, von letzterem in der Vertikal-
linie fort, so finden wir auf der Kreuzung der beiden Linien
v, den gesuchten Chiffrenbuchstaben. Mit a und o in gleicher
Weise verfahren, ergibt p,
r/c = u, g/o = v, e/b = g, n/y = m usw. Die ganze Chiffrenar-
beit wird folgendermaßen aussehen:

M o r g e n  a b e n d s  n e u n  C o m i t e  b e i
J a c o b y  j a c o b y  j a c o  b y j a c o  b y j
v p u v g m  k c h b f r  w f x b  e n v k w t  d d s

P a u l.  A n w e s e n h e i t  a l l e r
a c o b.  y j a c o b y j a c o  b y j a c
q d i n.  z w x h g g m r f m h  c k u f u

d r i n g e n d   n o e t h i g.
o b y j a c o b   y j a c o b y.
s t h w h h b f   m x f w w l f.

E d.  M u e l l e r.
j a   c o b y j a c.
o e.  p i g k u f u.

Die Nachricht, welche Ed. Müller an seine Freunde und Genossen
senet, lautet demnach chiffriert: vpuvgm kchbfr wfxb envkwt dds
qdin. zwxhggmrfmh ckufu oe. pigkufu.

Die Wiese, in der man beim Dechiffrieren verfährt, ergibt sich
hiernach von selbst. Man schreibt das Wahlwort wieder Buchsta-
be für Buchstabe unter die Buchstaben des Chiffrenschrift, su-
cht den Buchstaben des Wahlwortes in der Wahllinie auf, fährt
von ihm waagerecht bis zum Buchstaben der Chiffrenschrift und
von diesem senkrecht aufwärts bis zur Sprachlinie, auf welcher
sich der Buchstabe der Klarschrift findet.

Der Empfänger der obigen Chiffrenachricht wird also zunächst
wieder das Wahlwort Buchstabe für Buchstabe unter die einzel-
nen Chiffren setzen. Also:

v p u v g m  k c h b f r  w f x b  e n v k w t  d d s
j a c o b y  j a c o b y  j a c o  b y j a c o  b y j

q d i n.  z w x h g g m r f m h  c k u f u
a c o b.  y j a c o b y j a c o  b y j a c

s t h w h h b f   m x f w w l f.
o b y j a c o b   y j a c o b y.

o e.  p i g k u f u.
j a   c o b y j a c.

Nun zieht man unter die beiden Buchstabenreihen einen Strich
und beginnt in der angegebenen Weise zu dechiffrieren. Man
fährt von i ( dem Buchstabe des Wahlwortes) in der Wahllinie
waagerecht bis zu v ( dem Buchstaben des Chiffretextes) und
dann von diesem senkrecht aufwärts bis zur Sprachlinie, auf
der amn m, den Buchstaben des entzifferten Textes, finden
wird. In der gleichen Weise gibt man a zu p 'o, u/c = r,
v/o = g, g/b = e, m/y = n usw. So gelangt man wieder zu dem
obigen Text: "Morgen abends neun Comite bei Paul. Anwesenheit
aller dringend nöthig. Ed. Müller." -

Die Vorteile dieses Systems springen sofort in die Augen. Es
st sehr leicht zu handhaben; sobald man sich nur einige Male
darin versucht hat, geht das Chiffrieren wie das Dechiffrieren
spielend. Freilich darf man, besonders beim Chiffrieren, nicht
unexakt sein und die Buchstaben nicht verwechseln, weil sonst
das Dechiffrieren sehr unsicher, wenn nicht unmöglich wird.
Ein einziger ausgelassener Buchstabe oder eine Verwechselung
der Sprach- und Wahllinie oder des aufgesuchten Chiffrebuch-
staben kann die heilloseste Verwirrung hervorbringen. Deshalb
ist es auch gut, besonders für den Anfang, die Chiffrenschrift
zur Probe selbst einmal zu dechiffrieren. - Was aber die Sicher-
heit betrifft, so ist es klar, daß ein System, bei dem jeder
Buchstaben fast jedesmal durch ein anderes Schriftzeichen ge-
geben wird, der Dechiffrierkunst die denkbar geringste Anhalts-
punkte gibt. Wenn man überdies die Wahlworte häufig wechselt,
was nicht die geringste Schwierigkeit macht - wenn man will,
kann man auch einen ganzen Satz als Schlüssel nehmen -, so ist
eine Entzifferung auf Grund rechnerischer Kombinationen ein-
fach unmöglich.

Mit der größte Vorteil aber ist, daß man nicht wie bei anderen
Systemen einen geschriebenen Schlüssel (Tabellen) zu haben
braucht, der bei einer Haussuchung und sonst wie weggenommen
oder eingesehen werden kann; die wenigen Wahlworte können
vielmehr leicht im Gedächtnis behalten werden. Um sich letz-
teres noch zu erleichtern, besonders wenn man sich einer grö-
ßeren Zahl von Wahlworten bedient, kann man z. B. eine belie-
bige Stelle aus einer Dichtung oder irgendein anderes Zitat in
einer beliebigen Sprache wählen, welches die beiden Korrespon-
denten ihrem Gedächtnis genau einprägen. Das erste Wort des
Zitates bildet dann den Schlüssel (das Wahlwort) Nr. 1, das
zweite den Schlüssel Nr. 2 usw. Um den Korrespondenten anzu-
zeigen, welches der angewandte, resp. anzuwendende Schlüssel
ist, setzt man dann der Chiffrierkorrespondenz einfach die
betreffende Nummer vor. Vor ganz allgemein gebrauchten Phrasen
kann man sich - obwohl die Entdeckung immens schwierig ist,
da der Dechiffreur alle ihm bekannten Zitate das richtige finden
könnte - immerhin hüten, besonders bei sehr wichtigen Korre-
spondenzen. Was man indes für ein Mittel wähle, um dem Ge-
dächtnis nachzuhelfen (das beste ist allerdings, wenn letztes
derartige Unterstützung gar nicht bedarf), jedenfalls hüte man
sich vor einfacher schriftlicher Aufbewahrung des Schlüssels,
da sonst der ganze Zweck der Geheimschrift verteilt werden
kann.

Ganz besonders muß man sich auch davor hüten, einzelne Worte
mitten in einem Satzzusammenhang oder wo man bei einiger
Sachkenntnis (die bei der Polizei meist vorhanden) den Sinn des
chiffrierten Wortes erraten kann, z. B. einen wirklichen Namen
als Unterschrift, zu chiffrieren. So unentzifferbar nämlich
das nach dem mitgeteilten System Chiffrierte ist, so leicht
wird es, den Schlüssel zu erraten, sobald man aus dem Zusam-
menhang oder den begleitenden Umständen den Sinn eines chif-
frierten Wortes zu erraten vermag. Setzen wir z. B. den Fall,
ein aus Braunschweig kommender chiffrierter Brief hätte die
Unterschrift iffwsk getragen. Die stiebernde Polizei sieht
sich die Unterschrift an, zählt die Buchstaben, überfliegt
das Register der bekannten Braunschweiger Sozialisten und fin-
det, daß "Bracke" sechs Buchstaben bedeutet. Sie setzt nun
dieses Wort Buchstabe für Buchstabe unter das Dechiffrenwort
und sucht (umgekehrt wie beim gewöhnlichen Dechiffrieren) den
Buchstaben des vermuteten Textwortes in der Sprachlinie auf,
verfolgt von ihm aus die Vertikallinie abwärts bis zum Buchsta-
be des Chiffrenwortes und erhält dann, von letzterem aus waage-
recht zur Sprachlinie gehend, auf dieser den Buchstaben des
gesuchten Wahlwortes; d. h. nur dann, wenn die Unterschrift
wirklich Baracke hieß. Also:

i f f w s k   (Chiffrenwort)
b r a c k e   (vermutetes Textwort)
g o e t h e   (gesuchtes Wahlwort)

Errät also die Polizei nur ein einziges Wort, so vermag sie
den Schlüssel zu finden und damit alles übrige Chiffrierte zu
entziffern. Man sorge also dafür, daß ein solches Erraten un-
möglich ist und chiffrierte namentlich nie einzelne Worte mit-
ten im Zusammenhang, sondern stets nur ganze Sätze.

Nur unter Beachtung der angegebenen Vorsichtsmaßregeln wird
unser Chiffriersystem seinen Zweck erfüllen und wirklich
Schutz vor Unberufenen gewähren. - Möge dieser "Stiebers Ver-
druß" in den Händen der Sozialdemokraten zu einer vielgebrauch-
ten und erfolgreichen Waffe im Dienst der Freiheit gegen die
Reaktion in Deutschland und anderwärts werden: dem Gewaltherr-
schertum aller Sorten zu Trutz, der hehren Sache des Volkes zu
Nutz! (Durch der Schweiz. Vereinsdruckerei Zürich-Hottingen)

Soweit die Wiedergabe des Originaltextes der Schrift "Stiebers
Verdruß".

Das beschriebene Chiffrierverfahren ist seit dem 16. Jahrhun-
dert bekannt. Über die Priorität seiner Erfindung habe sich
Franzosen, Deutsche und Italiener gestritten. Auf Grund einer
Untersuchung des Amerikaners Charles J. Mendelsohn, die 1940
veröffentlicht wurde, kann heute folgendes als gesichert gelten:

Das Prinzip der polyalphabetischen Substitution, das heißt der
Chiffrierung mit verschiedenen Chiffrieralphabeten im Wechsel,
wurde von dem Italiener Leone Battista Alberti, der hauptsäch-
lich als universaler Künstler der Frührenaissance bekannt ist,
um 1470 entdeckt. Der deutsche Abt und Polyhistor Trithemius
fertigte Angang des 16. Jahrhunderts zum Zweck der polyalphabe-
tischen Substitution eine Reiher von Chiffriertabellen an, die
in feststehender Reihenfolge benutzt werden sollten. Der Ita-
liener Giovanni Battista Bellaso fügte um 1550 das Prinzip des
Schlüssels hinzu und schuf damit die Möglichkeit, die Alphabete
in wechselnder Reihenfolge zu verwenden. Der Italiener Giovanni
Battista (oder Giambattista) della Porta vermischte 1563 die
Reihenfolge der Buchstaben in den Alphabeten. Der Franzose
Blaise de Vigenere kombinierte in seinem 1586 erschienenen
Chiffrentraktat die Tafel des Trithemius, den Schlüssel Bellasos
und die Buchstabenmischung Portas zu dem, was heute allgemein
als Vigenere-Verfahren bezeichnet wird, obwohl er diese Ver-
fahren weder erfunden noch diesen Anspruch erhoben hat.

Früher waren auch andere Bezeichnungen des Verfahrens gebräuch-
lich, wie zum Beispiel Quadratchiffre oder Quadratschrift - so
in "Stiebers Verdruß" - wegen der quadratischen Form der Chif-
friertafel oder Multiplikationschiffre, weil bei der Chiffrie-
rung quasi jeweils ein Buchstabe des Klartextes mit einem Buch-
staben des Schlüssel multipliziert wird und als Ergebnis ein
Buchstabe des Geheimtextes erscheint.

Die vorliegende Form des Verfahrens stellt durch die Verwendung
von Standardalphabeten anstelle von Mischalphabeten und von
kurzen, periodisch wiederholten Wörtern anstelle längerer Texte
als Schlüssel gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag Vigeneres
eine Vereinfachung dar. In dieser vereinfachten Form hat es
aber jahrhundertelang einen geradezu legendären Ruf genossen,
wie auch aus solchen Bezeichnungen wie "chiffre par excellence"
(die hervorragendste Chiffre) oder "Chiffre indechiffrable"
(die undekryptierbare Chiffre) hervorgeht. Vigenere selber hat
nicht behauptet, das Verfahren sei absolut sicher. Paradoxer-
weise hat er selbst ein anderes Verfahren erfunden, das eine
höhere Sicherheit bietet als das nach ihm benannte, aber nicht
von ihm stammende Verfahren, und dieses andere Verfahren ist
nicht nach ihm benannt worden.

Die Legende von der absoluten Sicherheit des Verfahrens hat
sich teilweise bis in das 20. Jahrhundert erhalten, obwohl
bereits 1863 der ehemalige preußische Major Friedrich Kasiski
eine wissenschaftliche Methode zur Rekonstruktion des Schlüs-
sels veröffentlicht hatte. (Gelegentliche Dekryptierungen
durch richtiges Erraten des Schlüsselwortes hatte es auch vor-
her schon gegeben.) Die erfolgreiche Anwendung von Kasiskis
Dekryptiermethode setzt allerdings voraus, daß eine bestimmte
Mindestmenge von Geheimtext, dem der gleiche Schlüssel zugrun-
de liegt, zur Verfügung steht. Diese Mindestmenge ist abhängig
von der Länge des Schlüssels.

Einige Hinweise in "Stiebers Verdruß" lassen vermuten, daß den
Autoren Kasiskis Entdeckung nicht unbekannt war. Die Mahnung,
das Wahlwort (den Schlüssel) häufig zu wechseln, gegebenen-
falls einen ganzen Satz als Schlüssel zu nehmen, des weiteren
die Forderung, die Deckadressen von Zeit zu Zeit zu wechseln,
dienten dem Zweck, zu verhindern, daß die Polizei eine für die
Dekryptierung ausreichende Menge schlüsselgleicher Geheimtextes
in die Hände fiel.

Bei der hier gegebenen Anwendung als Gedächtnisverfahren er-
schwerte die Verlängerung des Schlüssels die Handhabung, denn
je länger der Schlüssel, um so mehr Alphabete mußten bei jeder
Chiffrierung oder Dechiffrierung aufgeschrieben und danach wie-
der vernichtet werden. Deshalb hat man sich wohl in der Regel
mit kürzeren Schlüsselwörtern begnügt, wie bei dem Beispiel in
"Stierbers Verdruß" mit dem sechsbuchstabigen Wahlwort jacoby,
was ebenso vielen Chiffrieralphabeten entspricht.

In einem Brief des Freiburger Vertrauensmannes vom 5. Oktober
1883 heißt es: "Die Chiffre-Schrift hat nicht gestimmt, weder
auf Berger noch auf Knapp noch auf Gaigel." Offenbar war in
der Zentrale ein Schlüssel verwechselt worden. Aus der Mittei-
lung geht aber auch hervor, daß auf dieser Linie gleichzeitig
oder kurz nacheinander drei verschiedene Schlüsselwörter ver-
wendet wurden, von denen eines fünf, die beiden anderen sechs
Buchstaben lang waren. Da sich in den Schlüsselwörtern einige
Buchstaben wiederholten, wurden jeweils nur vier bis fünf ver-
schiedene Chiffrieralphabete benötigt. Das erleichterte zwar
die Handhabung, erhöhte aber zugleich das Risiko einer De-
kryptierung.

Trotz aller Einschränkungen hinsichtlich der Sicherheit des Ver-
fahrens war es unter den gegebenen Umständen wohl doch das best-
mögliche und hat anscheinend in der Geheimkorrespondenz seinen
Zweck voll erfüllt, zumal in der Regel nur kürzere Texte chif-
friert wurden. Meistens waren es Namen und Anschriften wie in
folgendem Schreiben der Zentrale an einen Vertrauensmann:
"Neue Deckadresse: P. Ktwv., bamon zw dntfwivtoso
 Zacgohyrw, Oyhrgoeoxz, Yoeppi straße. Zuname zur Vorsicht
 nochmals: Npef. Hiermit einiges Agitationsmaterial. Aus D.
 sind wir schon lange ohne Nachricht; auf drei Briefe keine
 Antwort. Deshalb Zusendung seit Nr. 8 eingestellt. Haben Sie
 Verbindung mit dort? Gruß Di".
 (Di ist vermutlich die Abkürzung für Derossi.)

Eine Variante des Verfahrens ist ein halbes Jahrhundert später,
um 1930, in der deutschen Arbeiterbewegung angewandt worden.

4.11.3. Pinselbriefe

Als Pinselbriefe wurden in der Umgangssprache der Partei die
mit Geheimtinte geschriebenen Briefe bezeichnet, weil sie mit
einer bestimmten Flüssigkeit überpinselt werden mußten, um die
Schrift sichtbar zu machen.

Die Substanz, die für die Zubereitung der Geheimtinte und des
Reagenzmittels benötigt wurden, sollten nach Möglichkeit ohne
Schwierigkeiten und Aufsehen beschaffbar sein. Am besten waren
solche Chemikalien geeignet, die auch sonst in Haushalt oder
Handwerk Verwendung fanden und daher ohne weiteres in Drogerien
oder Apotheken erhältlich waren.

Apotheker waren es auch, die von den Gerichten manchmal hinzu-
gezogen wurden, wenn nachgewiesen werden sollte, daß ein vor-
liegender Brief einen mit unsichtbarer Tinte geschriebenen Ge-
heimtext enthielt. Nicht immer führte das zum gewünschten Erfolg,
wie folgendes Vorkommnis zeigt, über das Belli berichtet.

In Konstanz stand der Feldjäger Hans Arnold, den Motteler auf
den Decknamen "der Jugendliche" getauft hatte, vor Gericht.
"unter den Beweismitteln befand sich ein brief, von dem der An-
kläger annahm, daß er mit chemischer Tinte geschrieben sei. Der
Sachverständige, Apotheker Leiner, sollte die Reagenz vornehmen.
Er hatte auch richtig die nötigen Stoffe bei der Hand. Nur ver-
wechselte er die beiden. Unter großer Spannung ging die Prozedur
vor sich. Statt mit der Reagenzsubstanz das Blatt zu überstrei-
chen, nahm er die Schreibsubstanz, und im Nu war auf dem ganzen
Papier ein großer blauer Klatsch. Der Verdruß war nicht klein.
Herr Leiner war ein liberaler Freidenker und braver Mann. Wir
neigten der Ansicht zu, daß das Versehen wohl kein Versehen war."

Die Feldjäger der Roten Feldpost trugen beim Grenzübertritt ein
mit Geheimtinte geschriebenes Adressenverzeichnis und das dafür
benötigte Reagenzmittel versteckt bei sich, "bald im Schlips-
knoten, bald im Sporenkaten der Stiefel usw.". Erst jenseits
der Grenze wurden die Adressen sichtbar gemacht, die Sendungen
einzeln adressiert und auf Post- und Bahnstationen der umlie-
genden Ortschaften zur weiteren Beförderung aufgegeben.
"hätte man keinen Unterschlupf", schreibt Belli, "so kam es oft
vor, daß die Reagenz an einem diskreten Örtchen vorgenommen, die
Adressen dem Gedächtnis eingeprägt und dann vernichtet wurden."

Auch die Briefe der Vertrauensmänner der Roten Feldpost in
Deutschland an die Zentrale, die nach einer Mittelung Eingel-
bergs in die Tausende gehen, waren mit unsichtbarer Tinte ge-
schrieben, soweit es sich um den eigentlichen politischen Text
handelt, oder mit dem in "Stiebers Verdruß" beschriebenen Ver-
fahren chiffriert. Am Kopf eines dieser Briefe findet sich die
kritische Bemerkung Mottelers, daß der "mit Kali geschriebene
Brief schon vor dem Pinseln" lesbar gewesen sei.

4.11.4. Verabredete Sprache, verschleierte Sprache und Karten-
chiffre

Die verabredete Sprache eignete sich besonders für kurze Mit-
teilungen wie die Signalisierung bestimmter Vorkommnisse oder
die Ankündigung bestimmter Vorhaben. Da die verabredeten Wör-
ter und Wendungen und ihre Bedeutung im Kopf behalten werden
mußten, mußte ihre Anzahl begrenzt bleiben. Die Verabredung
beschränkter sich daher auf bestimmte, immer wiederkehrende
oder vorauszusehender Standardsituationen auf Orts-, Personen-
und Zeitangaben. In diesem Sinne gehören auch Decknamen und
andere Deckbezeichnungen zur verabredeten Sprache.

Motteler berichtet, daß die Feldjäger der Roten Feldpost, die
illegale Schriften über die Grenze schmuggelten und dort zum
weitern Versand brachten, über Erfolg oder Mißerfolg ihres
Unternehmens telegrafisch in verabredeter Sprache an die Zen-
trale in Zürich Meldung machten. Der Telegrammtext "Anna ist
abgereist" bedeutete beispielsweise, daß eine bestimmte Lie-
ferung ordnungsgemäß Versand worden war. War ein Teil der Sen-
dung verlorengegangen, so hieß es: "Onkel krank, Brief folgt";
bei größeren Verlusten: "Onkel schwer krank", und es war zu
Verhaftungen und em Verlust ganzer Sendungen gekommen: "Onkel K
im Spital, Aufkommen hoffnungslos". Im letzten Fall hatte der
Buchstabe K oder ein dafür eingesetzter Vorname mit dem gleichen
Angangsbuchstaben noch eine spezielle Bedeutung. Er bezeichnete
unter mehreren gleichzeitig abgegangenen Sendungen ein ganz be-
simmtes Paket, von dem in der Zentrale bekannt war, welche
und wieviele Schriften es enthielt und für wen diese bestimmt
waren. Auf Grund der telegrafischen Verlustmeldung konnte so-
fort eine neue Lieferung mit noch vorhandenen Exemplaren in
veränderter Verpackung in die Wege geleitet werden.

Natürlich konnten für den gleichen Zweck auch ganz andere Wör-
ter und Wendungen als die angegebenen verabredet werden.

Um verabredete Sprache handelte es sich auch, wenn in Gotha,
wie schon angeführt, illegale Parteiversammlungen durch Annon-
cen folgender Art in der Ortszeitung angekündigt wurden: "S.P.
Morgen abend alle Seeberg", wobei mit den Genossen für die
Ortsbezeichnung "Seeberg" eine ganz andere Stelle am entgegen-
gesetzten Ende der Stadt verabredet war. Solche Zeitungsanzei-
ge erfüllten einen doppelten Zweck. Erstens erreichte die Ein-
ladung alle ortsanwesenden Genossen, ohne daß jeder einzelne
benachrichtigt werden mußte, und zweitens wurde die Polizei,
die natürlich von der Annonce auch Kenntnis genommen hatte,
auf eine falsche Fährte gelockt.

Viele Briefe der Vertrauensmänner im Reich an die Zentrale der
Roten Feldpost wurden nicht schriftlich, sondern in der Brief-
kasten-Rubrik des "Sozialdemokrat" beantwortet. Manche Nummern
enthalten Dutzende solcher Antworten, die in verschleierter
Sprache abgefaßt waren. Durch Verwendung von Abkürzungen,
Umschreibung und Anspielung auf Dinge, die zwar dem Absender
des Briefes, nicht aber dem Außenstehenden verständlich waren;
wurde annähernd der gleiche Effekt erreicht wie durch Chif-
frierung.

Der erste "Briefkasten der Expedition" erschien in Nummer 11
des "Sozialdemokrat" vom 14. Dezember 1879. Aus dem Briefkasten
der Nummer 6 vom 18. Februar 1880, der insgesamt zwanzig Ant-
worten und Mitteilungen enthielt, stammen die folgenden beiden
Beispiele: "-lfd: Notiz erhalten. Diebssicher nur mit 'Feld-
jäger' lieferbar, der kann nicht gestiebert werden. Ernennen
Sie dort einen sichern, wir werden ihn 'beritten machen' und
alles gemeinsch. an der 'Bande' vorbeidirigierten" und  "G. B.
a. d. Weser: '3' am 25. 1. reichsüblich abgegangenen und Fol-
gendes ebenso präzis. Hoffentlich indes eingetroffen. Ersatz
trotzdem veranlaßt."

Für die Übermittlung kurzer, standardisierter geheimer Nach-
richten in aller Öffentlichkeit konnten auch andere als sprach-
liche Zeichen verwendet werden, zum Beispiel Spielkarten bei
der sogenannten Kartenchiffre, die ebenso wie die verabredete
Sprache und die chemischen Geheimschreibverfahren zu den ge-
deckten Verfahren gehört. Der Schlüssel besteht in der Verab-
redung, die über die geheime Bedeutung einzelner Spielkarten
und ihrer Lage im aufgedeckten Kartensatz getroffen wurde.

Die Kartenchiffre ist für die telegrafische Übermittlung über-
haupt nicht, für den Briefverkehr wenig geeignet. Unter dem
Sozialistengesetz wurden sie, wie bereits angeführt, in Gotha
und vielleicht auch in anderen Orten für die Ankündigung ille-
galer Parteiversammlungen eingesetzt. Im Schaufenster eines
Schreibwarengeschäftes wurde, wie das für Werbezwecke üblich
war, ein offener Satz Spielkarten ausgelegt, in dem bestimmte
Karten und ihre Zuordnung zueinander Ort, Tag, Uhrzeit und ge-
gebenenfalls auch Teilnehmerkreis der nächsten Zusammenkunft
signalisiert. Passanten, die die Schaufensterauslage betrach-
teten, konnten keine geheime Bedeutung erkennen, wenn sie nicht
in das System eingeweiht waren.

4.12. Die Eiserne Maske

Alle Maßnahmen des Geheimnisschutzes, von der Absicherung ge-
heimer Versammlungen über die Herstellung und Verbreitung il-
legaler Druckschriften bis hin zur Chiffrierung der Korrespon-
denz, mußten ihre Wirkung verfehlen, wo die Geheimnisträger
selbst Parteifeinde waren oder zu Verrätern wurden. Deshalb
mußten die Maßnahmen des Geheimnisschutzes durch Maßnahmen der
Abwehr von Parteifeinden und Parteischädlingen ergänzt werden.

Die Abwehr richtete sich in erster Linie gegen Spitzel und Pro-
vokateure im Dienst der Polizei, aber auch gegen charakter-
schwache Elemente in den eigenen Reihen, die durch Unterschla-
gung von Parteigeldern die Partei schädigten, durch Schatz-
haftigkeit fahrlässig Verrat begingen oder unter dem Druck der
Polizei- und Justizorgane und aus Furcht vor Gefängnishaft,
Ausweisung und Verlust ihrer Existenzgrundlage zum Verräter
wurden, und drittens auch gegen Parteimitglieder, die durch
Propagierung von Terrorakten, Verleumdung der Parteiführung
und andere grobe Verstöße gegen die Parteidisziplin dem Geg-
ner in die Hände arbeiteten.

Der Abwehr- und Sicherheitsdienst der Partei entstand aus dem
Sicherheitsdienst der Roten Feldpost und stützte sich hautp-
sächlich auf deren Vertrauensmännernetz. Er wurde ebenso wie
die Rote Feldpost von Julius Motteler ins Leben gerufen und
geleitet. Nach der Deckbezeichnung, mit der später Spitzel-
warnungen im "Sozialdemokrat" unterschrieben wurde, wurde er
"Eiserne Maske" genannt und unter diesem Namen zum Schrecken
aller Spitzel und Provokateure.

Über seine Entstehung berichtet Motteler: "Über jeden bei uns
direkt Bestellenden wurde Referenz in Deutschland eingeholt,
sofern er keine aufgab oder uns unbekannt war. Deshalb verband
sich von Anbeginn der 'Sicherheitsdienst' mit dem 'Feldpost-
dienst'. Polizeibesteller, unbekannt Bleibende, Nichtparteige-
nossen, Zeitungsredakteure gegnerischer Richtung, Journalisten,
Schriftsteller mit ungenügender Referenz erhielten ihre Briefe
stets in derselben Couvertfarbe und -facon und von derselben
Hand adressiert sowie an derselben Poststelle eingeworfen.
Vermutliche Polizeizuträger und dergleichen konnten derart
eruiert und unsere Freunde in Deutschland auf sie aufmerksam
gemacht werden ... Unser geschäftlicher Sicherheitsdienst war
einfach erste Lebensfrage für unsre ganzen Unternehmungen. Mit
ihm verband sich naturgemäß (es wuchs vielmehr aus ihm heraus)
der politische Sicherheitsdienst ... der später unter dem 'Kol-
lektivwesen' 'die eiserne Maske' der Schrecken aller Schurken
und Lumpen war ... Auf diesem Weg führte die Praxis, besonders
ach bei der Organisation und Übung unsres 'Tansit- und Feldpost-
dienstes' allerwärts, zu dem untrennbar nebeneinander herlaufen-
der Feldpost- und Partei-Sicherungsdienst. Die Lahmlegung von
Verdächtigen, Brandmarkung betrügerischer und verräterischer
Elemente und füglich unsre Spitzelentlarvungen waren der na-
türliche Ausfluß der von der Polizei gegen unsere Partei gestif-
tet und unterhaltenen korrupten und korrumpierenden Lockspitzel-
arbeit. Deren Resultate sind weltbekannt geworden durch unsre
Entlarvungen der Berliner Hauptagenten in der Schweiz, was die
Verwerfung der Puttkamerschen Expatriationsvorlage 1888 im
Reichstag und schließlich den Sturz des Sozialistengesetzes
und dessen weiter Folgen herbeiführen half."

Der letzte Satz bezieht sich auf einen Gesetzentwurf, der im
Januar 1888 von der Regierung dem Reichstag vorgelegt wurde.
Demnach sollte das Sozialistengesetz bis 1893 verlängert und
zugleich wesentlich verschäft werden. Personen, die ausgewie-
sen oder wegen Verbreitung verbotener Druckschriften verur-
teilt worden waren, sollten die deutsche Staatsbürgerschaft
verlieren und aus dem Reich ausgewiesen werden. Auf Grund von
Ermittlungen der Eisernen Maske entlarvten Paul Singer und
August Bebel vor dem Reichstag die Spitzelwirtschaft des Innen-
ministers Robert von Puttkamer und brachte dadurch den Gesetz-
entwurf und letzten Endes den Innenminister selbst zu Fall.
Der Reichstag stimmte lediglich einer Verlängerung des Sozia-
listengesetzes in der bisherigen Form um weitere zwei Jahre zu.
                    - - -
In der Tat nahm der Einsatz von Spitzel und Provokateuren durch
die politische Polizei gegen die um ihre Rechte kämpfende Ar-
beiterklasse unter dem Sozialistengesetz vorher nicht gekannte
Ausmaße an und wurde seit Mitte der achtziger Jahre weiter ver-
stärkt. Für die Gefährlichkeit dieses altberüchtigten und wohl
tückischsten Kampfmittel der herrschenden Klasse zeugen fol-
gende wenige Beispiele.

Einer der ersten Verräter war der ehemalige Bäcker Rudolf
August Wolf, auch Richard Wolf genannt, in Hamburg, der bereits
1878 der Berliner politischen Polizei seine Dienst anbot.
Er verriet unter anderem die Pläne des illegalen Parteiorga-
nisation in Hamburg, was zu einer Haussuchungs- und Verhaftungs-
welle im August und September 1879 in Hamburg führte. - Wolf
war es auch, der Anfang 1880 den für den ersten illegalen
Parteikongreß unter dem Sozialistengesetz vorgesehenen Tagungs-
ort, Roschbach in der Schweiz, an die Polizei verriet. Von
diesem Verrat, wenn auch nicht von der Person des Verräters,
erhielt die Partei durch den Sicherheitsdienst noch rechtzei-
tig Kenntnis, so daß der Kongreß unter verstärkten Sicherheits-
vorkehrungen auf einen späteren Zeitpunkt nach Wyden verlegt
werden konnte. Dieses Vorkommnis deutet darauf in, daß der
Sicherheitsdienst bereits zu jener Zeit einen Verbindungs-
mann in der Berliner politischen Polizei hatte. - Nunmehr
verfaßte Wolf einen provokatorischen "Protest der vereinigten
Berliner Ausgewiesenen von Hamburg und Umgegend" an den Wydener
Kongreß. Darin wurde die Parteiführung auf das heftigste ange-
griffen und unter anderem der Unterschlagung von Parteigeldern
bezichtigt. Der "Sozialdemokrat" sei nur eine Versorungsanstalt
für gewisse Leute. Diese sollten doch den Mut haben, offen die
gewaltsame Revolution zu predigen. Wenn sie aber die Unmöglich-
keit einer jetzigen Revolution einsähen, sollten sie den Schwin-
del unterlassen. - Damals hatte die Hamburger Parteiorganisa-
tion gegen Wolf schon Verdacht geschöpft, weshalb er nicht offen
als Verfasser des "Protestes" auftreten konnte. Die Polizei
versuchte ihn zu retten, indem sie ihn wegen ultralinker Tä-
tigkeit aus Hamburg auswies, aber im Herbst 1880 wurde er end-
gültig als Spitzel überführt. Die Berliner politische Polizei
mußte ihn nun als Spitzel fallen lassen. Aber Wolf verlangte
eine hohe Abfindung und drohte, im Weigerungsfalle seine ge-
samte Korrespondenz mit der politischen Polizei preiszugeben.
Es kam zunächst zu einem Kompromiß, aber im Mai 1883 wurde Wolf
verhaftet und in das Polizeigefängnis Altona eingeliefert,
wo er am nächsten Morgen erhängt aufgefunden wurde. Nach
offizieller Version hatte er Selbstmord begangen, aber alle
näheren Umstände deuteten auf Mord. So oder so hatte ein
übles Subjekt sein nicht unverdientes Ende gefunden.

Wie Wolf in Hamburg, tat sich in Leipzig der Lockspitzel Carl
Heinrich durch radikales Gebaren hervor. Während einer längeren
Abwesenheit Bebels von Leipzig setzte er dort das Statut einer
Geheimorganisation durch, das im Gegensatz zu den Beschlüssen
des Wydener Kongresses stand und im Berliner Polizeipräsidium
verfaßt worden war. Nach Bebels Rückkehr wurde die Maßnahme
rückgängig gemacht. Die von Heinrich verteilten hektographier-
ten Exemplare des geheimen Statuts wurden vernichte - bis auf
eines, das bei den folgenden Haussuchungen bei Heinrich selbst
gefunden wurde. Daraufhin wurde im Juni 1881 über Leipzig der
kleine Belagerungszustand verhängt, womit der Zweck der Provo-
kation teilweise dich erreicht war. Heinrich wurde erst 1887
endgültig als Spitzel entlarvt.

Auch der Spitzel F. Schmidt, der 1882 wegen krimineller Delik-
te aus Dresdengeflohen war, lieferte nicht nur Berichte an die
Polizei, sondern trat auch als Provokateur auf, indem er zum
Beispiel vorschlug, einen Attentatsfonds zu gründen, Vorträge
über die "Propaganda der Tat" hielt und Anleitungen für den
Tyrannenmord gab. Schmidt wurde bereits im November 1882 ent-
larvt und nach seiner Rückkehr nach Deutschland wegen seiner
früheren Verbrechen zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

In Berlin wurde 1885 der Kriminalschutzmann Ihring unter dem
Nahmen Mahlow in der Parteiorganisation eingeschleust; um die-
se zu Gewalttätigkeiten zu provozieren und damit eine Begrün-
dung für die weitere Verlängerung des Sozialistengesetzes zu
schaffen.

Der Sicherheitsdienst der Partei stützte sich, wie erwähnt, vor
allem auf die Vertrauensmänner der Roten Feldpost und deren
Verbindungen, bezog aber in wichtigen Fällen auch andere be-
sonders gewandte und nach Möglichkeit weniger bekannte Partei-
mitglieder in die Aufklärungstätigkeit ein. Seine Vertrauens-
leute saßen in vielen Hauptstädten Europas und zweifellos auch
in der Berliner politischen Polizei, obwohl darüber aus ver-
ständlichen Gründen weder Motteler noch Bebel nähere Angaben
machen.

Die eingehenden Spitzelwarnungen und Verdachtsmeldungen liefen
bei Motteler zusammen, der das Notwendige veranlaßte. Sein be-
rühmtes Spitzelarchiv ist erhalten geblieben und wird von Engel-
berg wie folgt beschrieben: "Wenn wir von modernen Vorstellun-
gen einer säuberlich geordneten Karthotek an die on Motteler
überlieferten Material herangehen, werden wir reichlich ent-
täuscht. Hier wurden Briefe und Originaldokumente mit Notizen
und Randbemerkungen versehen, dort wurde ein ausgedienter Brief-
umschlag, der gerade greifbar war, oder ein anderer Fetzen Pa-
pier benutz, um darauf Notizen oder gar Gedächtnisprotokolle
niederzuschreiben. Reichten für diesen letzteren Zweck die zur
Hand genommenen Papiere nicht aus, dann wurden in bunter Folge
andere Stücke angeklebt - linksherum, rechtsherum, oben, unten,
aufklappbar oder in einer Art  Ziehharmonikaform, alles, wie
es der Augenblick gerade eingab. Er schrieb mit Tinte, vor
allem aber mit seinem geliebten Blaustift. Die Ordnung dieses
Archivs lag nicht im Äußeren, sie war vielmehr im Kopf Mottelers
selbst."

Über Mottelers Arbeitsstil schreibt Engelberg weiter "Für Motte-
ler selbst ist bezeichnend seine umsichtig bohrende Art der Ana-
lyse und auch die vielleicht etwas altfränkische-umständliche
Art seine Anwendungen und seiner Fragenschemata. In seinen
Analysten fehlen weder Vergleiche von Schriftzügen, Briefum-
schlägen und Ortsangaben noch Stilanalysen, die manchem Ger-
manisten zur Ehre gereichen würde. Er hatte ein besonders fei-
nes Ohr, um zu unterscheiden, ob ein Schreiber entsprechend
seiner ganzen beruflichen Stellung und seinem Alter seine Über-
zeugung echt wiedergab oder ob es sich um ein Elaborat handelte,
das auf fremde Anweisung oder sogar nach fremden Diktat ge-
schrieben wurde. Motteler ließ sich sowohl in seiner Organisa-
tion der Roten Feldpost von seinem in Jahrzehnten des poli-
tischen Kampfes geschärften Instinkt leiten; aber darauf ver-
ließ er sich nicht vollkommen, sondern stützte sich auf seine
sehr genaue, analysierende Beobachtung anderer Menschen."
                    - - -
Der Sicherheitsdienst der Partei begnügte sich nicht mit allge-
meinen Ermahnungen zur Wachsamkeit und Verschwiegenheit und
der Hausgabe von Instruktionen für richtiges Verhalten im il-
legalen Kampf (vgl. Abschnitt 3.4.3.). Personen, die als Poli-
zeispitzel oder sonstige Parteischädlinge erkannt oder ver-
dächtigt waren, wurden in der Briefkastenrubrik des "Sozial-
demokrat", später auch in der Rubrik "Sprechsaal", öffentlich
angeprangert und damit weitgehend unschädlich gemacht.

Als erstes Hervortreten des Sicherheitsdienstes der Partei an
das Licht der Öffentlichkeit gilt folgende Notiz im Brief-
kasten des "Sozialdemokrat" vom 15. Februar 1880: "Spitzel-
kundschaft in Brl., M-, Z-: Wenn noch was für Euch übrig-
bleibt, werden wir uns das Vergnügen mache, aufzuwarten.
Erst kommen die Roten dran. Gute Unterhaltung indes!" Offen-
bar bezog sich diese Notiz auf einen mißglückten Versuch der
Berliner politischen Polizei, in die Vertriebsorganisation des
"Sozialdemokrat" einzudringen.

Bereits in der vorangehenden Nummer vom 8. Februar 1880 war
die Warnung des Nürnberger Vertrauensmannes vor einem Schwin-
dler und Betrüger veröffentlicht worden.

Weitere Warnungen erschienen laufend, meist mit voller Namens-
und Wohnsitzangabe, gegebenenfalls auch mit Personenbeschrei-
bung, wie folgendes Beispiel aus dem "Sozialdemokrat" vom
16. Dezember 1887 zeigt: "Aufgepaßt! der Denunziant  und
Beutelschneider Carl Gabriel, Zigarrenarbeiter aus Neudamm
..., war diesen Sommer in Weißenfels, von wo aus folgendes
Signalelement gegen wird: Gabriel ist mittelgroß, hat hellblon-
des, gekräuseltes Haar, gelbblonden Schnurrbart, blaue Augen.
Dialekt sächsisch. Auftreten sehr verdächtig. Sorge man für
rascheste Weiterverbreitung und gebührende Aufnahme des
Gauerns."

Die fünfzig Warnungen, die in dem wahllos herausgegriffenen
Zeitraum von August 1883 bis Dezember 1885, also knapp zwei-
einhalb Jahren, im "Sozialdemokrat" veröffentlicht wurden,
richteten sich zu annähernd gleichen Teilen gegen Spitzel,
Denunzianten und Verräter (23) und gegen Schwindler und Be-
trüger (27). bei den letzteren handelte es sich zum Teil um
Mitglieder, die Parteigelder unterschlagen hatten, größten-
teils aber um Personen, die sich unter Vorspiegelung angeb-
licher politischer Verfolgung Unterstützungsgelder von der
Partei erschwindelt hatten und auch sonst duch unmoralischen
Lebenswandel, Trunksucht, Arbeitsscheu, Schwatzhaftigkeit
und Prahlerei negativ aufgefallen waren.

Nur in wenigen Fällen mußten ausgesprochene Warnungen wider-
rufen werden. Dennoch sah sich der Sicherheitsdienst anläßlich
eines solchen Widerrufs zu der Mitteilung veranlaßt, in Zukunft
würde nur solche Warnungen aufgenommen, "bei denen die Ver-
dachtsmomente genau detailliert vorgelegt werden" ("Sozial-
demokrat" Nr. 14/1883).
                    - - -
Die Anzahl der veröffentlichten Warnungen war nach einigen
Jahren so angewachsen, daß von dem einzelnen Vertrauens-
mann unmöglich verlangt werden konnte, alle im Kopf zu be-
halten. Der Sicherheitsdienst beschloß die Herausgabe eines
Gesamtverzeichnisses als Hilfsmittel für die Vertrauensmänner
der Partei und der Roten Feldpost.

In Nummer 51 des "Sozialdemokrat" vom 13. Dezember 1883
erschien folgende Mitteilung "Alle bisherigen Warnungen im
'Sozialdemokrat' sollen tunlichst mit Anfang 1884 als Schwarze
Lite zusammengefaßt im Separatdruck erschienen." Gleich-
zeitig wurde zur Übersendung einschlägigen Materials aufge-
fordert.

In Nummer 34 des "Sozialdemokrat" vom 27. August 1885
wurde mitgeteilt: "Die Schwarze Liste ist mit Nummer 34 und
35 an alle uns bekannten Vertrauensleute versandt worden. -
Wir Bitten, uns den Eingang zu bestätigen, etwaige Richtig-
stellungen nebst erforderlichen Beweisstücken rechtzeitig
einzusenden und Fortführung auf Grund des 'Sozialdemokrat'
von Nummer 22/1884 an auf den beigehefteten weißen Blättern
selbst zu bewirken. - Die Listen sind nicht Privateigentum,
sondern dienen den einzelnen Orten zur Orientierung durch
ihre Vertrauensleute."

Der vollständige Titel des Verzeichnisses, das als 27seitige
Broschüre ohne Angaben des Druckortes erschien, lautete:
"Schwarze Liste der deutschen Sozialdemokratie. Verzeichnis
von Personen, gegen welche von Vertrauensleuten der So-
zialistischen Arbeiterpartei Deutschland Warnungen erlassen
wurden."

Diese "Schwarze Liste" stellte ein revolutionäres Gegenstück
zu jenen reaktionären Schwarzen Liste dar, die in Unter-
nehmerkreisen verbreitet wurden und verhindern sollten, daß
Arbeiter, die wegen ihrer politischen Tätigkeit entlassen wor-
den waren, in einem anderen Betrieb wieder Arbeit fanden. Sie
verzeichnete 175 Personen und war in drei Abschnitte eingeteilt.

Abschnitt I verzeichnete 24 "Verräter, Überläufer und Verleum-
der", darunter die führenden Vertreter der anarchistischen
Richtung Most und Hasselmann, die auch als Verleumder aufge-
treten waren und auf dem Wydener Kongreß aus der Partei aus-
geschlossen worden waren.

Abschnitt II enthielt die Namen von 96 "Spitzeln und Denunzian-
ten", teilweise mit Signalement (Statur, Haarfarbe, Haar- und
Barttracht, besondere Kennzeichen wie Narben und Warzen, Dia-
lekt und Sprechweise, sonstige Verhaltensweise).

Abschnitt III führte 55 "Schuldenmacher, Schwindler und Beutel-
schneider" auf.
                   - - -
Weitere Warnungen folgten. Nicht alle trugen die Unterschrift
"Die eiserne Maske", sondern offenbar nur diejenigen, die sich
gegen Spitzel richteten, die unmittelbar im Dienst der Berliner
politischen Polizei standen. Diese spielte die Rolle einer Leit-
stelle der Sozialistenverfolgung in ganz Deutschland und streckte
ihre Fühler auch nach dem Ausland aus.

Am 24. Dezember 1887 prangerte der "Sozialdemokrat" unter der
Überschrift "Polizeiagenten - Dynamitagenten" die Namen von
zwölf Geheimagenten des Berliner Polizeipräsidiums an. Schon im
Januar 1888 wurde das "zweite Spitzeldutzend" eröffnet, das
durch Bekanntgabe weiterer im März 1889 aufgefüllt wurde. noch
im gleichen Monat wurde das "dritte Dutzend" von Spitzeln der
Berliner politischen Polizei mit der Veröffentlichung von fünf Na-
men begonnen, denen bis April 1890 acht weitere folgten.

Das war aber nicht alles. zahlreiche weitere Warnungen tru-
gen nicht die Unterschrift der Eisernen Maske, sondern kei-
nerlei Unterschrift oder Unterschriften wie "Die Expedition des
'Sozialdemokrat'" (so in den Nummern 10, 11, 28, 29, 31 und
42 des Jahrgangs 1888), "Die Apoldaer Genossen" (14/88),
"Der beauftragte" (Warnung aus Brandenburg in Nr. 32/88),
"Die Genossen in Forst und Berge" (13/89), "Die Stuttgarter
Genossen" (30/89).

Eine Reihe von örtlichen Sicherheitsdiensten der Partei hatte
sich eigene Namen zugelegt, wie folgende Unterschriften zei-
gen: "Die Spreewacht" (Berlin, Nr. 2, 24 und 39/88), "Das
rote Wachkommando" (Langenberg bei Gera, 14/88), "Die rote
Wacht am Strand der Darm" (Heidelberg, 15/88), "Der Maas-
Hecht" (Aachen, 50/88), "Die Kottmarwacht" (Neugersdorf,
5/89), "Die rote Strandwacht" (Wilhelmshaven, 21/89).

So wie die Berliner politische Polizei ihre Agenten auch im
Ausland hatte, wurde auch der Sicherheitsdienst der Partei
von Genossen im Ausland unterstützt. Warnungen gingen ein
vom Kommunistischen Arbeiterbildungsverein London (Nr. 27
und 46/88), von der Deutschen Lesegesellschaft in Kopenha-
gen (2/90), "Im Namen der Pariser Genossen" (2/90), von
den Genossen aus Basel (7/90) und vom deutschen Arbeiter-
verein Bern (26/90).

Als Warnungen eigener Art an die Polizeispitzel selbst ist wohl
auch eine Nachricht zu verstehen, die in Nummer 3 des "So-
zialdemokrat" vom 15. Januar 1885 kommentarlos wiedergege-
ben wurde und wonach in Frankfurt am Main der als Spitzel
bekannte Polizeirat Rumpf mit zwei Dolchstichen tot aufgefun-
den wurde.

Für Aufklärer im Dienst der Partei war schon der Terminus
"Kundschafter" gebräuchlich, wie aus folgender Aufforderung
hervorgeht, die im Anschluß an ein Spitzelsignalement in Num-
mer 30 des "Sozialdemokrat" vom 30. August 1883 erfolgte: "Un-
sere Kundschafter sind aufgefordert, seinen jeweiligen Aufent-
halt usw. usw. hierher und an die Vertrauensleute des bezüg-
lichen Ortes raschest zu signalisieren."
                   - - -
Nach Motteler auf Betreiben Bismarcks 1888 aus der Schweiz
ausgewiesen worden war, leitete er von London aus weiterhin
den Sicherheitsdienst der Partei und behielt diese Funktion bis
zu seiner Rückkehr nach Deutschland, die nach 22jähriger Emi-
gration erst 1901 erfolgen konnte, nachdem der gegen ihn er-
lassene Steckbrief aufgehoben worden war.

In seiner Londoner Wohnung und in der Wohnung von Friedrich
Engels hatte er zahlreiche Besprechungen auch zur Sicherheits-
und Abwehrfragen mit den Parteiführern August Bebel, Wilhelm
Liebknet und Paul Singer. Daneben baute er das Parteiarchiv
auf und betätigte sich aktiv im Londoner Kommunistischen Arbei-
terbildungsverein, wo er energisch gegen anarchistische Spalter
auftrat. Aus Rache überfiel ihn im Februar 1895 zwei Anachi-
sten in seiner Wohnung, doch entschied Motteler das Treffen mit
Hilfe eines Ochsenziemers zu seinen Gunsten. Schon vorher hatte
er den sozialdemokratischen Journalisten Ferdinand Gilles,
der sich seit 1886 in London befand, als Polizeispitzel entlarvt.

Rechts- und linksopportunistische Kräfte in der Partei, die sich
durch den Sicherheitsdienst der Partei verunsichert fühlten,
hatten sich schon während des Sozialistengesetzes mit der Be-
gründung gegen seine Tätigkeit gewandt, daß mit den öffentli-
chen Warnungen auch Unschuldige getroffen werden könnten,
was in Ausnahmefällen ja auch geschehen ist und wohl unver-
meidbar war.

Auf dem ersten legalen Parteitag, der nach dem Außerkrafttre-
ten des Sozialistengesetzes im Oktober 1890 in Halle stattfand,
stellten sie den Antrag, alle Beschwerden gegen die Eiserne
Maske durch eine Kommission prüfen zu lassen.

Der Parteitag lehnte dieses Mißtrauensvotum ab. Paul Singer
erklärte "Die Partei hat allen Grund, dem unter dem Namen
Eiserne Maske existierenden Unbekannten dankbar zu sein ...
Immer zugegeben, daß für den Fall, daß wirklich jemand Un-
recht geschehen ist, dies sehr bedauerlich wäre, glaube ich
dich, daß die sozialdemokratische Partei keine Ursache hat,
Fragen zu stellen, an deren Beantwortung ein Interesse ein-
zig und allein die Polizei hat."
                   - - -
Die Schaffung eines wirksamen Abwehr- und Sicherheitsdien-
stes gehört zu den bedeutendsten Errungenschaften der revo-
lutionären deutschen Arbeiterpartei unter dem Sozialistenge-
setz und war eine notwendige Voraussetzung für den schließ-
lichen Sieg im Widerstandskampf gegen das Sozialistengesetz.
Um seinen Aufbau hat sich besonders Julius Motteler unver-
gängliche Verdienste erworben. Die Eiserne Maske bewährte
sich als revolutionäre organisierte Gegenpolizei und scharfe
Waffe im Kampf der Arbeiterklasse gegen ihre Ausbeuter und
Unterdrücker, indem sie Spitzel entlarvte, Verräter und Be-
trüger brandmarkte, Verdächtigungen klärte und Verleumdun-
gen zurückwies. Ihre Tradition lebt fort in den Organen für
Staatssicherheit der sozialistischen Länder und in den Sicher-
heitdiensten der revolutionären Arbeiterparteien anderer
Länder.


Anmerkungen

Die Erklärung abgekürzter Quellen- und Literaturangaben
folgt am Schluß der Anmerkungen.

1. Einleitung

Seite    Stichwort: Anmerkung

   7     Fünf Hauptperioden: Grundriß der Geschichte der
         deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1963,
         S. 8 - 38; SWB, Bd. 1, S. 778 - 780.
   8     Besonderheiten der Entwicklung in Deutschland:
         Vgl. Karl Obermann, Deutschland von 1815 bis 1849,
         Berlin 1961, S. 4 - 6, 31 - 45, 57 - 76; Deutsche
         Geschichte in Daten, Berlin 1967, S. 382 - 393;
         SWB (Artikel Deutscher Bund, Deutsches Reich,
         Demagogenverfolgung u. a.); Klassenkampf -
         Tradition - Sozialismus, Berlin 1974, S. 218 - 232.
  11     Marx-Zitat: Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms,
         MEW, Bd. 19, Berlin 1962, S. 29.
  13     Hochverratsprozeß gegen Zentrale der KPD:
         Rolf Helm, Anwalt des Volkes, Berlin 1978,
         S. 91 - 100.
  16     Tarnung: Das Wort stammt aus dem althochdeutschen
         und bedeutete soviel wie verheimlichen (tarni =
         heimlich). In diesem Sinne auch Tarnkappe = unsicht-
         bar machender Mantel. - In der deutschen Kryptologie
         hat das Wort seit dem ersten Weltkrieg auch noch
         eine spezielle Bedeutung: Anwendung eines Chiffrier-
         verfahrens mittlerer Sicherheit, im Gegensatz zu
         Verschleierung (Anwendung eines Chiffrierverfahrens
         geringer Sicherheit) und (Ver-)Schlüsselung (An-
         wendung eines Chiffrierverfahrens hoher Sicherheit).
         Vgl. Günter Seeck, Sicherheit des Fernmeldeverkehrs
         im Kriege, in der Truppenpraxis, Jg. 1957, H. 8, S. 302.
  17     Falsche Ausweispapiere: Auf die Beschaffung und An-
         fertigung falscher Ausweispapiere, die im illegalen
         Kampf sehr wichtig sind, soll in dieser Arbeit nicht
         näher eingegangen werden. Doch sei darauf hingewiesen,
         daß dazu spezielle Kenntnisse, Fertigkeiten und tech-
         nische Mittel benötigt werden. Anfang der zwanziger
         Jahre gelang es der Berliner politischen Polizei
         zweimal, ausgezeichnet eingerichtete "Paßfälscher-
         zentralen" der KPD auszuheben.
  17     Decknamen Lenins: I. N. Wolper, Pseudonym W. I. Lenins,
         Berlin 1970, verzeichnet 131 Decknamen und Pseudonyme
         Lenins, darunter viele, die nur aus ein oder zwei
         Buchstaben bestanden, eine abgewandelte Schreibweise
         (Lenins) oder eine allgemeine Form (Ein Bolschewik,
         Ein Beobachter, Ein Leser) darstellten.
  18     Pieck-Brief an Thälmann: Der Brief wurde als Kassiber
         in Thälmanns Zelle geschmuggelt und ist abgedruckt in
         BzG, Jg. 18, 1976, H. 1.
  18     Keinerlei Aufzeichnungen: So auch GdA, Bd. 5, S. 51.
  19     Chiffre: Das Wort stammt aus dem Arabischen und ist in
         seiner französischen Form auch in Deutsche übernommen
         worden. Das arabische sifr bedeutet svw. Null, das
         französische chiffre (ebenso wie englisch cipher,
         spanisch und italienisch cifra) sowohl Ziffer als
         auch Geheimzeichen oder Geheimschreibverfahren. Die
         beiden letzten Bedeutungen hat es auch im Deutschen.
         Das Wort Ziffer stammt übrigens vom gleichen arabi-
         schen Ausgangswort und findet sich bereits im Mittel-
         hochdeutschen. Der Zusammenhang beider Bedeutungen
         ergibt sich daraus, daß beim Chiffrieren der Klartext
         oft in ein Zifferntext umgewandelt wird. Die einge-
         deutschte Form Verzifferung für Chiffrierung hat sich
         nicht durchgesetzt. Aber das Gegenwort Entzifferung
         ist durchaus gebräuchlich, allerdings in erweitertem
         Sinn. Man versteht darunter nicht bloß Dechiffrierung
         und Dekryptierung, sondern jede Enträtselung unbe-
         kannter oder schwer lesbarer Texte, also auch unbe-
         kannter Sprachen, unleserlicher Handschriften oder
         rätselhafter Inschriften.
  23     Gedeckte Verfahren: Der amerikanische Autor David
         Kahn hat neuerdings in seinem Buch The Codebreakers,
         New York 1964, S. XIII, XVI und 975, vorgeschlagen,
         die gedeckten Verfahren unter der Bezeichnung
         "steganographische Methoden" von den offenen Chif-
         frierverfahren als "kryptologische Methoden" zu
         unterscheiden.
  23     Geheimtinte: Abbildung bei Gerhard Feix, Kleines
         Lexikon für Kriminalisten, Berlin 1965, S. 184 - 188.
  25     Bucheinband als Versteck: Die russische Revolutio-
         närin Wera Figner, die über zwanzig Jahre einge-
         kerkert war, berichtet in ihren Lebenserinnerungen
         ("Nacht über Rußland", Halle 1957, S. 323), wie es
         ihr einmal gelang, den Einband eines Buches aufzu-
         trennen, einen Zettel hineinzulegen und den Einband
         mit Schwarzbrot wieder zuzukleben. Der Zettel ent-
         hielt weiter nichts als einige aufmunternde Worte
         an einen besonders deprimierten Mithäftling. Ein
         zweiter Versuch dieser Art schlug fehl, weil die
         Gendarmen den Zettel fanden. - Nadeshda K.
         Krupskaja, die Lebensgefährtin Lenins, berichtet,
         daß sie in Ufa, wo sie die letzte Zeit ihrer Ver-
         bannung nach der Entlassung Lenins verbrachte, mit
         einem Buchbinder in Verbindung stand, der besonders
         geschickt darin war, doppelte Einbanddecken herzu-
         stellen, in denen illegale Manuskripte versteckt
         werden konnten, oder Manuskripte zu Einbanddeckeln
         zusammenzukleben (Nadeshda Krupskaja, Erinnerungen
         an Lenin, Berlin 1959, S. 54). An derer Stelle
         erwähnt sie, daß auch chiffrierte Adressen in Buch-
         einbänden versteckt wurden (a. a. O., S. 157). -
         Lenin gab in einem Brief an Axelrod sogar detail-
         lierte Hinweise für den Kleister, den man verwenden
         sollte, um zu verhindern, daß das eingelegte Schrift-
         stück mit anklebte und beim Herauslösen beschädigt
         wurde (Brief Lenins aus Petersburg an Axelrod in
         Zürich, 1895, in LW, Bd. 34, S. 4).
  26     Tod des Verräters Grisel: M. Beer, Allgemeine Ge-
         schichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe,
         Teil 4, 3. Aufl. Berlin 1923, S. 34.
  27     Verräter Haupt: Friedrich Engels, Zur Geschichte des
         Bundes der Kommunisten, in MEW, Bd. 8, S. 591.
  28     Polizeispitzel als Geheimbundchef: Es handelt sich um
         Lucien de la Hodde, seit 1839 Mitglied der Gesell-
         schaft "Neue Jahreszeiten", 1841 Gruppenorganisator,
         1842 Instrukteur und noch im gleichen Jahr, nach dem
         Rücktritt des bisherigen Leiters, Vorsitzender. Es
         gelang ihm, durch Entschärfung der Willenskundgebungen,
         immer unregelmäßiger werdende Durchführung von Ver-
         sammlungen und andere geschickte Manöver den revolu-
         tionären Schwung der Mitglieder allmählich zu lähmen,
         bis die Organisation völlig bedeutungslos geworden
         war. Vgl. Höppner, Bd. 1, S. 351 f.
  28     Malinowski: Lenin, der "linke Radikalismus", die Kin-
         derkrankheit im Kommunismus, in LAW, Bd. 5, S. 494 f.
  29     Chicago 1886: Dieter Fricke, Kleine Geschichte des
         Ersten Mai, Berlin 1980, S. 6 -12.
  30     Petersburger Blutsonntag: Geschichte der Kommunisti-
         schen Partei der Sowjetunion, 2. Aufl. 1973, S. 93 f.;
         Sigrid Wegner-Korfes, Blutsonntag 1905 - Fanal der
         Revolution, 2. Aufl. Berlin 1979.
  31     Fouché und sein Polizeisystem: Gerhard Feix, das große
         Ohr von Paris, S. 67 - 77.
  33     Chiffrepässe: Abbildung bei Feix, a. a. O., S. 74.
         Das System ist in einer anonymen deutschen Schrift
         ausführlich dargestellt worden: Geheime Polizeischrift
         des Grafen von Vergennes ..., Eisenach 1793, 46 Seiten.
         Ausführliche Wiedergabe auch bei Johann Ludwig Klüber,
         Kryptographik, Tübingen 1809, S. 292 - 317. Charles
         Gravier Graf von Vergennes (1717 - 1787) war Gesandter
         in verschiedenen Ländern und seit 1774 Außenminister
         Ludwigs XVI. Klüber schreibt, nach anderen Angaben
         seien die Chiffrenpässe bereits in den letzten Regie-
         rungsjahren Ludwigs XV. (1715 - 1774) eingeführt
         worden und von Vergennes lediglich verbessert worden,
         außerdem habe ein gewisser Johann Ferdinand Opitz
         aus Böhmen behauptet, er habe sie seit 1783 ent-
         wickelt.
  33     Stieber: Wilhelm Stieber (1818 - 1882), Polizeirat
         und Leiter der preußischen politischen Polizei, war
         einer der Organisatoren und Hauptzeuge des Kölner
         Kommunisten Prozesses. Unter den gefälschten Beweis-
         mitteln, die von ihm dem Gericht vorgelegt wurden,
         befand sich ein angeblicher Brief von Marx, in
         dem dessen Handschrift nachgeahmt war, und das an-
         gebliche Originalprotokollbuch der Zentralbehörde
         des Bundes der Kommunisten, das von drei Londoner
         Agenten Stiebers angefertigt worden war. Marx und
         Engels sind wiederholt auf diese Vorgänge eingegangen,
         so in einer gemeinsamen "Erklärung zum Abschluß des
         Kölner Prozesses", die am 29. November 1852 in der
         Londoner Zeitung "The Morning Advertiser" erschien
         (MEW, Bd. 8, S. 394 - 397), in einem weiteren Arti-
         kel von Engels, der am 22. Dezember 1852 in der
         "New-York Daily Tribune" erschien (MEW, Bd. 8, S.
         398 - 404), in der Schrift von Marx "Enthüllungen
         über den Kommunisten-Prozeß zu Köln", die 1853
         anonym in Basel und Boston erschien (MEW, Bd. 8,
         S. 405 - 470), in der Beilage 4 der Marx-Schrift
         "Herr Vogt" (1860, MEW, Bd. 8, S. 565 - 573), im
         Nachwort von Marx zur Neuausgabe der "Enthüllungen"
         1875 (MEW, Bd. 8, S. 574 - 576) und in der von
         Engels geschriebenen Einleitung zu einer weiteren
         Ausgabe der "Enthüllungen" 1885, unter dem Titel
         "Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten"
         (MEW, Bd. 8, S. 577 - 593).
  34     Statuten des Bundes der Kommunisten: MEW, Bd. 4,
         S. 596 - 601; Karl Marx und Friedrich Engels, Zur
         Geschichte des Bundes der Kommunisten, 5. Aufl.
         Berlin 1974, S. 47 - 53.

2. Von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis zum Bund der
Kommunisten

  36     Gesundheitszustand sächsischer Fabrikarbeiter:
         Rudolph Strauß, Die Lage und Bewegung der Chemnitzer
         Arbeiter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
         Berlin 1960, S. 107 - 116.
  37     Engels-Zitat: Friedrich Engels, Die Lage der arbeiten-
         den Klasse in England, 7. Aufl., Berlin 1979, S. 281.
  37     Zunahme der Kriminalität: Engels, die Lage ...,
         S. 198 f.
  37     Wilddieberei: Engels, Die Lage ..., S. 331 - 333;
         Dave Morgan, A Short History of the British People,
         Leipzig 1977, S. 48.
  37     Heine-Verse: Aus "Deutschland. Ein Wintermärchen"
         (Entstanden 1843/44).
  39     Unruhen in Aachen und Leipzig: Helmut Bock, Die Illu-
         sion der Freiheit, Berlin 1980, S. 54 - 69 und 72 - 76.
  40     Wolff-Zitat: Wilhelm Wolff, Das Elend und der Aufruhr
         in Schlesien (entstanden Juni 1844), nach GdA, Bd. 1,
         S. 488.
  41     Engels-Zitat: Engels, Die Lage ..., S. 293.
  42     Brandstiftungen und Sprengstoffanschläge: Engels, Die
         Lage ..., S. 288 f.
  42     The Black Cattle: Morgan, a. a. O., S. 47.
  42     Thugs von Glasgow: Engels, Die Lage ..., S. 47.
  43     Ziegeleiarbeiter: Engels, Die Lage ..., S. 294 f.
  46     Utopischer Arbeiterkommunismus: SWB, Bd. 2, S. 674 f.;
         Philosophisches Wörterbuch, Hrsg. Georg Klaus und Man-
         fred Buhr, 11. Aufl. Leipzig 1975, Bd. 1 S. 117 - 121
         und Bd. 2 S. 1138 f.; Höppner, Bd. 1, S. 305 - 497.
  47     Blanquis Instruktion für den bewaffneten Aufstand
         ("Instruction pour une prise d'armes"); Deutsche Über-
         setzung in Louis-Auguste Blanqui, Schriften zur Re-
         volution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Reinbek
         bei Hamburg 1971, S. 156 - 172.
  50     Bounarrotis Geschichte der Verschwörung der Gleichen
         ("Conspiration pour l'egalite dite de Babeuf"): Die
         2. Ausgabe erschien 1830 in Paris, eine englische
         Übersetzung 1836 in London, eine deutsche Über-
         setzung von Anna und Wilhelm Blos 1909 in Stutt-
         gar. - Über Buonarroti vgl. Höppner, Bd. 1,
         S, 221 - 229 und Bd. 2, S. 84 - 86.
  50     Höppner-Zitat: Höppner, Bd. 2, S. 85.
  51     Französische Geheimbünde der dreißiger Jahre:
         Höppner, Bd. 1, S. 229 - 247 und 346 - 363; Beer,
         Bd. 4, S. 97 -100; WG, D. 6, S. 196 f. und 201 f.
  52     Revolutionäre Phalange: Höppner, Bd. 1, S. 230.
  53     Burschenschaft: Karl Obermann, Deutschland von 1815
         bis 1849, Berlin 1961, S. 31 - 38, 44 - 45, 92 - 94;
         SWB, Bd. 1, S. 391.
  54     Gießener Schwarze: Obermann, a. a. O., S.37 - 38.
  54     Jünglingsbund: Obermann, a. a. O., S. 44- 45, AF,
         Bd. 5/II, S. 14 - 15.
  55     Stuttgarter Burschentag: Obermann, a. a. O.,S. 92;
         AF, Bd. 5/II, S. 35 - 37.
  56     Männerbund: AF, Bd. 5/II, S. 57 - 61.
  57     Büchners Gesellschaft der Menschenrechte: Obermann,
         a. a. O., S. 99 - 102; SWB, Bd. 1, S. 681; AF, Bd. 5/II,
         S. 62 - 65 und 181 - 185; Heinrich von Treitschke,
         Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, Leip-
         zig 1927, Bd. 4, S. 601 - 603.
  58     Junges Deutschland: Obermann, a. a. O., S. 103 - 108;
         SWB, Bd. 1, S. 880; AF, Bd. 5/II, S. 67 - 77, 194 -
         196, 277 - 278; Treitschke, a. a. O., Bd. 4, S. 589 -
         593.
  58     Deutscher Volksverein: AF, Bd. 5/II, S. 116 - 122,
         198 - 201;  Obermann, a. a. O., S. 97 - 99; SWB, Bd. 1,
         S. 448.
  58     Bund der Geächteten: AF, Bd. 5/II, S. 121 - 156,
         201 - 227, 286 - 297 (Statuten); Obermann, a. a. O.,
         S. 108 - 112; SWB, Bd. 1, S. 304 f.
  59     Bund der Geächteten: AF, Bd. 5/II, S. 156 - 163,
         227 - 235, 297 - 302 (Statuten); Obermann, a. a. O.,
         S. 112 - 115; SWB, Bd. 1, S. 305 f; GdA, Bd. 1,
         S. 29 - 34.
  62     Todesurteile gegen Verräter: AF, Bd. 5/II, S. 66 f,
         71.
  63     Aufnahme in Gesellschaft der Jahreszeiten: Blanqui,
         Schriften zur Revolution ..., S. 39 f.
  63     Aufnahme in den Bund der Geächteten: AF, Bd. 5/II,
         S. 134 - 135, 141 - 143, 211 f, 289 - 290, 294.
  64     Aufnahme in den Bund der Gerechten: AF, Bd. 5/II,
         S. 162 f, 297 f.
  68     Decknamen: AF, Bd. 5/II, S. 131 f, 136, 141, 163,
         176, 210, 212 f, 216, 287, 289.
  71     Erkennungszeichen: AF, Bd. 5/II, S. 138 - 141, 163 f,
         215, 235, 242 f, 302 - 304.
  74     Truppenmusterung der Gesellschaft der Jahreszeiten:
         Höppner, Bd. 1, S. 237.
  74     Zeltversammlung: AF, Bd. 5/II, S. 213.
  75     Arbeiterzeitungen: Höppner, Bd. 1, S. 248 f.
  75     Hessischer Landbote: Georg Büchners Werke und Briefe,
         Leipzig 1949, S. 171 - 183, Vorbericht S. 171.
  76     Munitionsfabrik der Gesellschaft der Familien: Höppner,
         Bd. 1, S. 232.
  78     Leßner-Zitat: Friedrich Leßner, Ich bracht das "Kommu-
         nistische Manifest" zum Drucker, Berlin 1975, S. 80.
  80     Maurerchiffre: Andre Lange/E.-A. Soudart, Traite de
         cryptographie, Paris 1935, S. 60 f; David Kahn,
         The Codebreakers, New York 1967, S. 772.
  80     Carbonari-Chiffre: Lange/Soudart, a. a. O., S. 323 -
         236; Kahn, a. a. O., S. 772 f.
  80     Chiffriermethoden des Bundes der Geächteten: AF, Bd. 5/
         II, S. 149 f, 177 f, 223 f, 307.
  82     Buonarrotis Anagramme: Buonarroti, a. a. O., Bd. 2,
         S. 219 - 221.
  92     Agent Bruhn: Karl Obermann, Zur Geschichte des Bundes
         der Kommunisten 1849 bis 1852, Berlin 1955, S. 31.
  92     Spitzel Hirsch: Obermann, zur Geschichte ...,
         S. 106 - 108.
  92     Marx- Zitat: Karl Marx, Enthüllungen über den Kommu-
         nisten-Prozeß zu Köln, MEW, Bd. 8, S. 437.
  93     Marx-Zitat: Karl Marx, Herr Vogt, MEW, Bd. 14,
         S. 438.
  94     Engels-Zitat: Friedrich Engels, Zur Geschichte des
         Bundes der Kommunisten, MEW, Bd. 21, S. 220.
  96     Becker-Brief: Obermann, Zur Geschichte ..., S. 44.
  97     Deckname Ch. Williams: Berliner Zeitung vom 31. 5.
         1978.
  97     Briefzitat: Obermann, Zur Geschichte ..., S. 114 f.

4. Im Widerstandskampf gegen das Sozialistengesetz 1878 - 1890

   5     Die Pariser Kommune und die deutsche Arbeiterbewegung:
         Vgl. Geschichte der SED, Abriß, Berlin 1978; Ernst Engelberg,
         Deutschland von 1841 bis 1871, Berlin 1959; Ernst Engelberg,
         Deutschland von 1871 bis 1897, Berlin 1965; Deutsche Ge-
         schichte in Daten, Berlin 1967; GdA, Bd. 1, Berlin 1966,
         S. 219 - 351; GdA, Chronik, Teil I, Berlin 1965.
   5     Marx-Zitat: MEW, Bd. 33, S. 209.
   5     Charakteristik der Epoche: Die internationale Arbeiterbewegung,
         Bd. 2 Die Arbeiterbewegung in der Periode des Übergangs
         zum Imperialismus (1871 - 1904), Moskau 1981, S. 8.
   6     Marx-Zitat: MEW, Bd. 19, S. 29.
   8     Bebel-Zitat: GdA, Bd. 1, S. 314.
   9 f.  Bebel-Zitat: August Bebel, Aus meinem Leben, Bd. 2,
         Stuttgart 1914, S. 370 - 373.
  12     Inhalt des Sozialistengesetzes: Vgl. Sachwörterbuch der Ge-
         schichte Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung,
         Bd. 2, Berlin 1970, S. 519; vollständiger Gesetzestext bei
         Dieter Fricke, Die deutsche Arbeiterbewegung 1869 - 1890,
         Leipzig 1964, S. 128 - 134.
  17     Reichstageswahlergebnisse: Dieter Fricke, Die deutsche Ar-
         beiterbewegung 1869 - 1914, Berlin 1976, S. 526.
  18     Wydener Kongreß: GdA, Bd. 1, S. 362 f.; SWB, Bd. 2, S. 846 f.
  20     Bebel im Reichstag: Horst Bartel u. a., Der Sozialdemokrat
         1879 - 1890, Berlin 1975, S. 28.
  21 ff. Bebel-Zitat: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 108 - 110, 120.
  24 f.  Bebel über Motteler: Clara Zetkin, Zur Geschichte der
         proletarischen Frauenbewegung Deutschlands, Frankfurt a. M.
         1978, S. 138 - 141.
         Über Motteler vgl. ferner: Friedrich Pospiech, Julius
         Motteler, der "rote Feldpostmeister". Mit Marx, Engels,
         Bebel und Liebknecht Schöpfer und Gestalter der deutschen
         und internationalen Arbeiterbewegung. Ein Streifzug durch
         die Frühgeschichte der Arbeiterbewegung und die große zeit
         der Sozialdemokratie. Eßlingen am Neckar 1977. Außerdem
         Ruth Rüdiger, Julius Motteler, in "Urania" H. 7/78, S. 48 f.;
         Bartel, Sozialdemokrat, S. 58 - 60; Biographisches Lexikon
         zur Deutschen Geschichte, Berlin 1967, S. 343 f.; Biogr.
         Lexikon zur GdA, Berlin 1970, S. 335 - 337.
  28     Belli über Derossi: Joseph Belli, Die rote Feldpost,
         Berlin 1956, S. 118 f.
  29     Hinweis in Probenummer des "Sozialdemokrat" vom
         28. 9. 1879: Wiedergabe auch bei Karl-Alexander
         Hellfaier, Die deutsche Sozialdemokratie während des
         Sozialistengesetzes 1878 - 1890, Berlin 1958, S. 155.
  29 f.  Verhaltensmaßregeln vom 5. 10. 1879: Vgl. Dieter
         Fricke, Bismarcks Prätorianer. Die berliner politische
         Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung
         (1871 - 1898). Berlin 1962, S. 88.
  30     Ständiger Hinweis des "Sozialdemokrat": Vgl. Hellfaier,
         S. 156.
  30 f.  Aufruf vom 26. 9. 1880: Vgl. Fricke, Prätorianer,
         S. 322.
  31 ff. Artikelserie Bebels: "Sozialdemokrat" Nr. 45 - 47/1882;
         vgl. Fricke, Prätorianer, S. 323 - 328.
  34     Hinweise der Expedition: Hellfaier, S. 166.
  35     Winke für die Agitation: Vgl. Hellfaier, S. 27 f. - Bei
         der Broschüre "Rathschläge für die sozialistische
         Agitation", deren Neuauflage, diesmal in London, in
         Nummer 46 des "Sozialdemokrat" vom 10. November
         1889 angezeigt wurde, handlet es sich vermutlich um
         die gleiche Schrift.
  36     "Rathschläge für das politische Leben": Hellfaier, S. 27.
  36 f.  Rundschreiben 1884: Fricke, Prätorianer, S. 345 - 347.
  38     Bebel-Zitat: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 137.
  39     Flugblattaktionen: Hellfaier, S. 68.
  39     Illegale Organisation in Berlin: Hellfaier, S. 55,
         83 - 114; Fricke, 1869, S. 166 - 171; Fricke, Hand-
         buch, S. 155 - 158; SWB, Bd. 1, S. 805 f.
  40 ff. Illegale Organisation in Hamburg: Hellfaier, S. 130;
         Fricke, 1869, S. 171 - 176; Fricke, Handbuch, S.
         159 - 162.
  42     Illegale Organisation in Leipzig: Hellfaier, S. 55 und 58;
         Fricke, Handbuch, S. 162 f.; Bartel, Sozialdemokrat,
         S. 29 f.
  42     Illegale Organisation in Breslau: Hellfaier, S. 57.
  42     Illegale Organisation in Dresden: Bartel, Sozialdemokrat,
         S. 30.
  42 f.  Illegale Organisation in Chemnitz: Rudolph Strauß/Kurt
         Finsterbusch, Die Chemnitzer Arbeiterbewegung unter
         dem Sozialistengesetz, Berlin 1954, S. 40 f.
  43     Illegale Organisation in Barmen: Hellfaier, S. 56.
  43     Illegale Organisation in Braunschweig: Hellfaier, S. 57;
         Bartel, Sozialdemokrat, S. 29.
  43     Corpora: Fricke, Handbuch, S. 165; Fricke 1869,
         S. 178; SWB, Bd. 1, S. 359.
  44 f.  Konsumverein als Tarnorganisation: Strauß, S. 38.
  45     Elberfelder Sachsenverein: "Sozialdemokrat" vom 28.
         Juni 1883; Wiedergabe bei Fricke, ausgelacht, S. 40 - 43.
  46     Vom Kriegsverein zum Arbeiterbildungsverein: Adolph
         "Hoffmann's Erzählungen", Berlin o. J., S. 135 f.;
         auch bei Fricke, ausgelacht, S. 49 - 52.
  47 ff. Singers Verabschiedung: Die Geschichte der Berliner
         Arbeiterbewegung, Hrsg. Eduard Bernstein, Bd. 2,
         Berlin 1907, S. 180 f.; auch bei Fricke, ausgelacht,
         S. 79 f.
  49 f.  Winters Beisetzung: "Sozialdemokrat" vom 9. 12. 1887;
         auch bei Fricke, ausgelacht, S. 82 f.
  50 f.  Chemnitzer Sommerausflüge: Ernst Heilmann, Geschichte
         der Arbeiterbewegung in Chemnitz und Umgebung, Chem-
         nitz o. J., S. 201 - 204.
  51     Geraer Abzeichenverbot: Fricke, ausgelacht, S. 75.
  51 f.  Erinnerung Georg Schmidts: Fricke, ausgelacht, S. 144.
  52     Versammlung in Großenhain: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 124 f.
  53     Versammlung in Chemnitz: "Sozialdemokrat" vom 13. 2.
         1881; auch bei Fricke, ausgelacht, S. 61 ff.
  53     Bebel-Zitat: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 125 f.
  53 f.  Landeskonferenz bei Dresden: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 126 f.
  54 f.  Landeskonferenz bei Chemnitz: Strauß, S. 41.
  55     Funktionärskonferenz in Chemnitz: Strauß, S. 39 f.
  55 f.  Feuerwehrtag in Eßlingen: Ernst Engelberg, Revolutio-
         näre Politik und Rote Feldpost 1878 - 1890, Berlin
         1959, S. 197.
  56     Delegiertenwahl im Straßengraben: Adolph "Hoffmann's
         Erzählungen", Berlin o. J., S. 123 f.; auch bei
         Fricke, ausgelacht, S. 52 f.
  57     Thüringer Landesparteitage: Ebenda, S. 39 - 42; auch
         bei Fricke, ausgelacht, S. 34 ff.
  57 f.  Hamburger Corpora-Versammlungen: Hellfaier, S. 130 -
         132.
  59     Wydener Kongreß: Hellfaier, S. 178 - 191; Bebel, AmL,
         Bd. 3, S. 143 - 159; Belli, S. 159 f.; Fricke, Hand-
         buch, S. 144 - 148; Fricke, 1869, S. 157 - 160;
         SWB, Bd. 2, S. 846 f.
  60     Zitat aus Einladung: Hellfaier, S. 183.
  61     Kopenhagener Kongreß: Hellfaier, S. 193 - 205; Fricke,
         Handbuch, S. 149 f.; Fricke, 1869, S. 162 -164;
         SWB, Bd. 1, S. 1035.
  62     St. Gallener Kongreß: Hellfaier, S. 206 - 215; Fricke,
         Handbuch, S. 151 - 155; Fricke, 1869, S. 164 - 166;
         SWB, Bd. 2, S. 619 f.
  65     "Die Frau und der Sozialismus": Bebel, AmL, Bd. 3, S. 98 f.
  65     "Die Laterne": Fricke, Handbuch, S. 388; Bebel AmL,
         Bd. 3, S. 43; Bartel, Sozialdemokrat, S. 36 f.
  66     "Freiheit": Fricke, Handbuch, S. 389 f.
  66 f.  "Der Sozialdemokrat": Fricke, Handbuch, S. 190 - 392;
         Fricke, 1869, S. 226; Belli, S. 152.
  67     "Ungeziefer-Tod": Belli, S. 152. Abbildung in GdA,
         Bd. 1 nach S. 352. - Der "Sozialdemokrat" Nummer 31
         vom 1. August 1880 meldete: Wegen des Flugblattes
         'Ungeziefer-Tod' fanden weiter in Hainichen, Freiberg,
         Großenhain und den anderen Orten Maßregelungen statt.
         Am letzteren ort sitzt Genosse Sichert seit sechs
         Wochen deshalb ..."
  69     Rote Feldpost: Engelberg, Rev, Politik (darin auf den
         Seiten 239 - 282 auch der sogenannten Motteler-Bericht
         aus dem Jahre 1895); Bartel, Sozialdemokrat, S. 54 -
         106; Belli; Fricke, Handbuch, S. 393 -397; SWB, Bd. 2,
         S. 414 - 416; Fricke, 1869, S. 225 - 230; Bebel, AmL,
         Bd. 3, S. 90 - 99; Hellfaier, S. 143 - 178.
  72     Engels-Zitat: MEW, Bd. 22, S. 77.
  72 f.  Leipziger Vertriebsorganisation: Bartel, Sozialdemokrat,
         S. 88 - 91.
  74 f.  Motteler-Zitat: Motteler-Bericht, S. 267.
  78     "Der beständige Wechsel ... Umsicht": Bebel, AmL,
         Bd. 3, S. 93.
  78     "Die Nachfrage ... Broschüre": Clara Zetkin, Zur Ge-
         schichte der proletarischen Frauenbewegung in Deutsch-
         land, Berlin 1958, S. 193.
  79     "Derossi .. dabei": Belli, S. 173.
  80     Belli-Zitat: Belli, S. 178.
  80 f.  Bebel-Zitat: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 93.
  82 f.  Belli-Zitat: Belli, S. 118.
  83 f.  Motteler-Zitat: Motteler-Bericht, S. 268 f.
  87     Bebel-Zitat: Bebel, AmL, Bd. 3, S. 97 f.
  87 f.  Bericht Wiemers: Fricke, ausgelacht, S. 123 - 125.
  88 f.  Druckorte Crimmitschau, Altenburg und Burgstädt:
         Heilmann, S. 209 - 212; Hellfaier, S. 152 und 176.
  90     Druckort Leipzig: Bartel, Sozialdemokrat, S. 99.
  90     Druckort Hamburg: Ebenda, S. 99.
  90 f.  Schröder-Zitat: Fricke, ausgelacht, S. 130 f.
  92     Aushebung einer Geheimdruckerei in Berlin: Hellfaier,
         S. 153.
  92     Flugblattaktion in Berlin: Fricke, ausgelacht,
         S. 127 - 130.
  99     Innerdeutsche Chiffrierkorrespondenz: Heilmann, S. 160.
  99 f.  Belli-Zitat: Belli, S. 118.
 103     Kryptologische Lehrbücher: Ein Vergleich mit der zeit-
         genössischen kryptologischen Literatur führte zu dem
         Schluß, daß von dem Autor bzw. den Autoren der Artikel-
         folge "Geheimschriften" und der Schrift "Stiebers
         Verdruß" hauptsächlich folgende deutschsprachige Werke
         benutzt worden sind: Johann Ludwig Klüber, Kryptogra-
         phik, Tübingen 1809; H. A. Kerndörffer, Kryptographie,
         Leipzig 1835; Friedrich W. Kasiski, Die Geheimschriften
         und die Dechiffrier-Kunst, Berlin 1863. - Alle drei
         Schriften befassen sich ausführlich mit dem beschrie-
         benen Verfahren und mit Dekryptiermöglichkeiten.
         Klüber und Kerndörfer behandeln auch die chemischen,
         unsichtbaren oder symphatetischen Geheimschriften,
         Klüber außerdem die Kartenchiffre, wie sie in Gotha
         angewandt worden ist. Kasiskis Schrift wirkte epoche-
         machend in die Geschichte der Kryptologie, weil er
         erstmals eine wissenschaftliche Methode zur Dekryptie-
         rung des bis dahin als unentzifferbar geltenden Ver-
         fahrens darstellte. Seine Dekryptiermethode wurde
         später von anderen Kryptologen weiterentwickelt.
 121     Prioritätsstreit: Der Nationenstreit um den Vorrang bei
         der Erfindung des Verfahrens widerspiegelt sich auch in
         der kryptologischen Literatur. Die meisten französisch-
         en, englischen und amerikanischen Autoren verwenden die
         Bezeichnung Vigenere-Verfahren. Einige deutsche Autoren
         wie Schneickert (1900) und Dröscher (1920) sowie der
         Österreichische Figl (1926) verwenden die Bezeichnung
         Tritheimsches Verfahren (nach Trithemius, Abt von Tri-
         theim) oder, zur Unterscheidung von anderen
         Verfahren des Trithemius, Trithemeinsche Multiplika-
         tionschiffre. Der Italiener Luigi Sacco hat sich um 1930
         nachdrücklich dafür eingesetzt, das Verfahren nach seinem
         Landsmann Bellaso zu benennen.
 121     Mendelsohn: Charles J. Mendelsohn, Blaise de Vigenere and
         the 'chiffre carre', in "Proceedings of the American
         Philosophical Society", Vol. 82, 1940, Nr. 2, S. 103 -
         129.
 123     Freiburger Brief: Engelberg, Rev. Politik, S. 117.
 124     Schreiben der Zentrale: Hellfaier, S. 166 f.
 125     Belli-Zitat: Belli, S. 158.
 125     "bald im Schlipsknoten": Motteler-Bericht, S. 265.
 125     Belli-Zitat: Belli, S. 148.
 125     Kritische Bemerkung Mottelers: Fricke, Prätorianer,
         S. 132.
 126     Verabredete Sprache: Motteler-Bericht, S. 265.
 127     Gothaer Zeitungsanzeige: Wilhelm Bock, Im Dienste der
         Freiheit, Berlin 1927, S. 35.
 128     Gothaer Kartenchiffre: Ebenda, S. 35.
 129 f.  Motteler-Zitat: Motteler-Bericht, S. 259 und 273 f.
 131 f.  Verräter Wolf: Fricke, Prätorianer, S. 93 - 101;
         Pospiech, S. 150.
 132     Lockspitzel Heinrich: Fricke, Prätorianer, S. 102 - 105.
 132     Lockspitzel Schmidt: Fricke, Prätorianer, S. 133 f.
 132 f.  Provokateur Ihring: Fricke, Prätorianer, S. 184 ff.
 133 f.  Eingelberg-Zitate: Engelberg, Rev. Politik, S. 212.
 136 f.  Schwarze Liste: Wiedergabe bei Hellfaier, S. 245 - 258.
 139     Motteler in London: Pospiech, S. 184 und 186 f.
 139 f.  Hallescher Parteitag: Pospiech, S. 149.
         Berlin 1969/70.

Abgekürzte Quellen- und Literaturangaben

AF                       Archivalische Forschungen zur Geschichte der
                         Deutschen Arbeiterbewegung. Hrsg. Leo Stern.
                         Bd. 5/II: Vom kleinbürgerlichen Demokratismus
                         zum Kommunismus. Die Hauptberichte der Bundes-
                         zentralbehörde in Frankfurt am Main von 1838
                         bis 1842 über die deutsche revolutionäre Be-
                         wegung. Hrsg. Werner Kowalksi. Berlin 1978.
Bartel, Sozialdemokrat   Horst Bartel, Wolfgang Schröder
                         Gustav Seeber, Heinz Wolter: Der
                         Sozialdemokrat 1879 - 1890. Ein Bei-
                         trag zur Rolle des Zentralorgans im
                         Kampf der revolutionären Arbeiterbe-
                         wegung gegen das Sozialistengesetz.
                         Berlin 1975.
Bebel, AmL               August Bebel: Aus meinem Leben, Bd.
                         1 - 3. Stuttgart 1914.
Belli                    Joseph Belli: Die rote Feldpost.
                         Berlin 1956.
BzG                      Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung.
                         1959 ff.
Engelberg, Rev. Politik  Ernst Engelberg: Revolutionäre Politik
                         und Rote Feldpost 1878 - 1890.
                         Berlin 1595.
Fricke, 1869             Dieter Fricke: Die deutsche Arbeiter
                         bewegung 1869 - 1890. Ihre Organi-
                         sation und Tätigkeit. Leipzig 1964.
Fricke, ausgelacht       "... und ausgelacht obendrein!"
                         Heiteres und Ernstes aus dem Kampf
                         der deutschen Arbeiterklasse gegen
                         das Sozialistengesetz 1878 - 1890.
                         Zusammenstellt, bearbeitet und
                         eingeleitet von Dieter Fricke.
                         Berlin 1978.
Fricke, Handbuch         Dieter Fricke: Die deutsche Arbeiter-
                         bewegung 1869 - 1914. Ein Handbuch
                         über ihre Organisation und Tätigkeit
                         im Klassenkampf. Berlin 1976.
Fricke, Prätorianer      Dieter Fricke: Bismarcks Prätorianer.
                         Die Berliner politische Polizei im Kampf
                         gegen die deutsche Arbeiterbewegung
                         (1871 - 1898). Berlin 1962.
GdA                      Geschichte der deutschen Arbeiter-
                         bewegung. Bd. 1 - 8. Berlin 1966.
Heilmann                 Ernst Heilmann: Geschichte der Arbeiter-
                         bewegung in Chemnitz und Umgebung.
                         Chemnitz o. J.
Hellfaier                Karl- Alexander Hellfaier: die deutsche Sozial-
                         demokratie während des Sozialistengesetzes
                         1878 - 1890. Berlin 1958.
Höppner                  Joachim Höppner und Waltraud Seidel-Höppner:
                         Von Babeuf bis Blanqui. Französischer Sozia-
                         lismus und Kommunismus vor Marx. Bd. 1 - 2,
                         Leipzig 1975.
LAW                      W. I. Lenin: Ausgewählte Werke in sechs
                         Bänden. Berlin 1970/71.
LW                       W. I. Lenin: Werke, Berlin 1955 ff.
MEW                      Karl Marx und Friedrich Engels: Werke.
                         Berlin 1956 ff.
Motteler-Bericht         Bericht Julius Mottelers an italienische Genossen
                         über die revolutionäre Anti-Geheimbundtaktik
                         die Rolle des "Sozialdemokrat" und die Rote
                         Feldpost. Ein Engelberg, Revolutionäre Politik
                         und Rote Feldpost, S. 239 - 282.
Pospiech                 Friedrich Pospiech: Julius Motteler, der "rote
                         Feldpostmeister". Mit Marx, Engels, Bebel und
                         Liebknecht Schöpfer und Gestalter der deutschen
                         und internationalen Arbeiterbewegung. Ein
                         Streifzug durch die große Zeit der Sozial-
                         demokratie. Eßlingen am Neckar 1977.
"Sozialdemokrat"         Der Sozialdemokrat. Zürich - London 1879 - 1890.
Strauß                   Rudolph Strauß und Kurt Finsterbusch: Die
                         Chemnitzer Arbeiterbewegung unter dem Sozia-
                         listengesetz. Berlin 1954.
SWB                      Sachwörterbuch zur Geschichte Deutschlands
                         und der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. 1 - 2
                         Berlin 1969/70.
WG                       Weltgeschichte in zehn Bänden, Berlin 1961/68.

Minibuch des MfS Sammler*17
Minibuch RotenFrontKämpferBund
                      R F B

»Ich gelobe: Niemals zu vergessen, daß das Schicksal der Arbeiterklasse
 der ganzen Welt unlöslich verbunden ist mit der Sowjetunion.«

Aus dem Kampfgelöbnis des Roten Frontkämpferbundes

               ● R O T  F R O N T ●

                      Oktober
                 Zeitschrift des RFB

Finker RFB

Erwe   Konspiration

Franz  Chiffriersysteme
       Teil 1
       Teil 2

Franz  Chiffrierfehler
       Teil 1
       Teil 2
Thälmann
Aufgaben und Rolle des Roten Frontkämpferbunds
in den Klassenschlachten der Weimarer Republik

Mit der Gründung des Roten Frontkämpferbundes (RFB) im Juli 1924
schuf sich die deutsche Arbeiterklasse eine ihrer bedeutendsten
politischen Organisationen. Der RFB entstand zu Beginn der
Periode der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, zu deren
Kennzeichen das Wiedererstarken des deutschen Imperialismus und
Militarismus gehörte.
Um den ständig brutaler werdenden Angriff der Reaktion auf die
sozialen und politischen Rechte der Arbeiter und aller anderen
Werktätigen erfolgreich entgegentreten zu können, bemühte sich
die KPD darum, die Angehörigen aller ausgebeuteten Schichten
zum gemeinsamen Kampf für ihre Interessen und Rechte zusammen-
zuführen. Hierzu gehörte auch die Erziehung der Arbeiter wie
aller Werktätigen zur Wehrhaftigkeit und die Verteidigung ihres
Lebens und ihres Eigentums gegen alle Anschläge reaktionärer
Kräfte. Unmittelbarer Anlaß zur Gründung des RFB war das Trei-
ben der militaristischen Verbände im Frühjahr 1924, das sich
insbesondere in revanchistisch-chauvinistischen Aufmärschen
sowie in einem zügellosen, von der Polizei unterstützten Terror
gegen die Arbeiterbewegung äußerte. Ein Höhepunkt dieser Um-
triebe war der sogenannte Deutsche Tag in Halle am 11. Mai 1924,
als über 20 000 uniformierte Mitglieder militaristischer Verbände
für die Errichtung eines großdeutschen Kaiserreiches
aufmarschierten.
Die unter dem Befehl eines Sozialdemokraten stehende Polizei
hatte die Militaristen gegen demonstrierende Arbeiter beschützt,
drei Demonstranten erschossen, zahlreiche weitere verwundet
und Hunderte verhaftet. Auch in anderen Teilen Deutschlands,
so in Jena und Fürstenwalde, hatten sich die klassenbewußten
Arbeiter in erbitterten Auseinandersetzungen gegen die Provo-
kation der Militaristen und gegen den Terror der demokra-
tischen Polizei zur Wehr zusetzen. Diese Vorgänge unter-
strichen die Notwendigkeit, der erstarkenden Reaktion auch
unter den veränderten Bedingungen organisiert entgegenzutre-
ten, um die elementaren Lebensrechte der Werktätigen zu schützen.
Diese Aufgabe war am besten durch eine große, legale Schutz-
und Wehrorganisation zu lösen.
Als sich die Zentrale der KPD im Mai 1924 mit dieser Frage be-
schäftigte, schlugen einige Mitglieder vor, eine einheitliche
Schutz- und Wehrorganisation durch den Eintritt der revolutio-
nären Arbeiter in das Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold zu bilden.
Das Reichsbanner war im Februar 1924 als Organisation zum
Schutz der bürgerlich-demokratischen Republik gegründet worden
und stand unter Führung der Parteien der Weimarer Koalition.
Den größten Einfluß übten die rechten SPD-Führer aus, während
die meisten der etwa eine Million Mitglieder sozialdemokratische
oder gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und Angestellte waren.
Die Führung dieser Organisation, insbesondere aber ihrer Vor-
sitzender, der von dem Märzkämpfen 1921 her berüchtigte Otto
Hörsing, bekämpfte jeden Ansatz einer Zusammenarbeit mit Kom-
munisten, und oft genug wurden Reichsbannertruppen gegen klas-
senbewußte Arbeiter eingesetzt. Das Reichsbanner stellte keine
proletarische Abwehrformation dar, ein Eintritt in diese ihrem
Wesen nach bürgerliche Organisation kam also nicht in Frage.

Die Zentrale der Partei beschloß daher, als proletarische Wehr-
und Schutzorganisation den RFB zu schaffen. Die Gründungsbewe-
gung sollte von den Bezirken Großthüringen und Halle-Merseburg
ausgehen, wo es im Vorjahr starke proletarische Hundertschaften
gegeben hatte, deren Erfahrungen und Kader für die Organisation
zur Verfügung standen, und wo die Empörung über die militaris-
tischen Umtriebe besonders stark war. Als erste Grundeinheit
wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Juli 1924 während einer pro-
letarischen Sonnenwendefeier auf den Höhen bei Schnett (nörd-
lich von Eisfeld) die Ortsgruppe Hildburghausen gegründet.
Mitte Juli 1924 bildeten Kommunisten die provisorische Bezirks-
leitung Thüringen des RFB. Sie veröffentlichte am 16. Juli im
KPD-Bezirksorgan Neue Zeitung einen Gründungsaufruf, der
sich vor allem an die ehemaligen Kriegsteilnehmer wandte und
sie aufforderte, aktiv gegen Faschismus und neues Völkermorden
zu kämpfen und sich dazu überall in Ortsgruppen des RFB zu or-
ganisieren. Auf der Gründungsversammlung in Jena, die am näch-
sten Tag stattfand, traten 200 Arbeiter dem RFB bei; noch im
Juli bildeten sich weitere Ortsgruppen u. a. in Apolda, Gotha,
Rudolstadt, Saalfeld und Sonneberg.
Ende Juli 1924 begann der KPD-Bezirk Halle-Merseburg mit der
Gründung des RFB. Besonders großen Anteil daran hatten die Kom-
munisten Gustav Borrmann und Richard Richter. Im Gründungsauf-
ruf, den die Bezirkszeitung Klassenkampf am 29. Juli
1924 veröffentlichte, hieß es, daß der RFB die Losung Krieg
dem imperialistischen Krieg auf seine Fahnen geschrieben hat.
Der Bund will, so hieß es weiter, den Massen den Haß gegen
den imperialistischen Weltkrieg einimpfen, der naturnotwendig
das Ergebnis der Verwirklichung des Sachverständigengutachtens
(des Dawes-Planes) sein muß. Der ,Rote Frontkämpferbund'
duldet deshalb als Führer keine ,Etappenschweine', sondern
nimmt Proleten, die im Schützengraben das Völkermorden kennen
und hassen gelernt haben. Die Gründungsversammlung in Halle
fand am 31. Juli 1924 im Volkspark statt.
Wenige Woche danach gab es bereits Ortsgruppen in Merseburg,
Weißenfels, Naumburg, Bitterfeld, Eisleben und Wolfen. Obgleich
die ersten Gruppen des RFB in Thüringen entstanden, gingen die
stärkeren Impulse für die weitere Entfaltung der Bewegung doch
von Halle-Merseburg aus. Noch im August 1924 bildeten sich Orts-
gruppen in Dresden, Plauen, Braunschweig, Berlin, Cottbus, Senf-
tenberg und Guben; im September erfolgten Gründungen u. a. in
Leipzig, Stettin, Breslau und Fürstenwalde, im Oktober in Köln
und Königsberg, im November in Kassel, Beuthen und Oppeln, im
Dezember in Hamburg, Essen und Stuttgart. Dem Ruf des RFB folgte
auch eine immer größer werdende Zahl von Jugendlichen, die sich
in einer besonderen Abteilung, dem Roten Jungsturm (RJ), zu-
sammenschlossen. Der RJ war den RFB angegliedert, genoß aber
eine gewisse Selbständigkeit, weil man den Besonderheiten der
Jugendarbeit Rechnung tragen wollte. Die Jugendlichen hatten
nicht als Soldaten am Kriege teilgenommen und in den meisten
Fällen auch keine Militärdienst geleistet; hinzu kamen die phy-
sischen und psychischen Unterschiede gegenüber den Erwachsenen.
Die erste Abteilung RJ wurde am 22. August 1924 auf einer Ver-
sammlung in Jena gegründet, auf der 105 Jugendliche ihren Ein-
tritt erklärten. In Berlin erfolgte die Gründung am 30. Oktober
1924 auf einer Massenversammlung in den Sophiensälen. Im Rahmen
seines antimilitaristischen Kampfes sah der RJ eine wichtige
Aufgabe darin, den reaktionären Bestrebungen nach Einführung der
Arbeitsdienstpflicht entgegenzutreten.
Der RJ nannte sich ab Januar 1926 Rote Jungfront (RJF), weil die
militaristische Jugendorganisation Jungsturm gerichtliche Klage
gegen die Führung des Namens eingereicht hatte.
In den RFB traten auch zahlreiche proletarische Frauen und Mäd-
chen ein, da der Kampf gegen Militarismus und Kriegshetze voll-
auf ihren Interessen entsprachen. Bei vielen Ortsgruppen wurden
Frauenabteilungen gebildet. Es zeigte sich aber, daß infolge der
spezifischen Wehr- und Selbstschutzaufgaben des RFB die Mitglied-
schaft von Frauen unzweckmäßig war. 1925 wurden darum die Frauen-
abteilungen aus dem RFB herausgelöst und zunächst zur Roten Frau-
enliga und später, am 29. November 1925, zum Roten Frauen- und
Mädchenbund zusammengeschlossen. Vorsitzende dieser ersten pro-
letarischen Frauenorganisation Deutschlands wurde Clara Zetkin.

Da die revolutionären Traditionen der roten Matrosen besonders
lebendig waren und da der politischen Arbeit in den Hafenstädten
und auf den Schiffen zudem eine besondere Bedeutung zukam, wurde
als Unterabteilung des RFB die Rote Marine geschaffen, die Orts-
gruppen in den Hafenstädten bildete. Ihr gehörten ehemalige und
aktive Matrosen an.
Die Gründung und Ausbreitung des RFB stieß bei der deutschen
Reaktion wie beim ausländischen Imperialismus auf erbitterten
Widerstand. In Bayern verhinderten die unter dem Einfluß fa-
schistischer Behörden lange Zeit die Gründung. In Mecklenburg,
Pommern, Schlesien und anderen ostelbischen Gebieten waren die
Junker und die in ihren Diensten stehenden Organisationen, ins-
besondere der faschistisch-militaristische Stahlhelm, bemüht,
mit Terror und Korruption die Einbeziehung der Landarbeiter und
Kleinbauern in die RFB-Bewegung zu verhindern. Im Ruhrgebiet
und im Saarland versuchten die imperialistischen Besatzungs-
mächte, durch Aufmarsch- und Uniformverbote sowie andere Schi-
kanen die Ausbreitung der Bewegung zu hemmen. Allen diesen Hemm-
nissen zum Trotz entwickelte sich der Bund jedoch erfolgreich.

Mit der Gründung des RFB erreichte die militärpolitische Arbeit
der KPD einen Höhepunkt. Auf der Grundlage der Lehren der Klas-
siker des Marxismus-Leninismus hatte sich die Partei seit ihrer
Gründung auch um die Aneignung und Anwendung der proletarischen
Militärtheorie bemüht. Das war eine wichtige Voraussetzung zur
Beherrschung jener spezifischen Seiten der Gesamtpolitik, die
auf die Schwächung und schließlich Zerschlagung des imperialis-
tischen Militärapparates sowie auf die militärische Vorberei-
tung, Durchführung und Sicherung der proletarischen Revolution
gerichtet sind. Die revolutionäre Wehrerziehung hatte daher
stets eine wichtige Rolle im antiimperialistischen Kampf und
bei der politisch-ideologischen und organisatorischen Vorberei-
tung der Arbeiterklasse auf den Kampf zur Eroberung der poli-
tischen Macht gespielt. Der Gewalt der bürgerlichen Gegen-
revoltion, heiß es bereits im Gründungsprogramm der KPD,
muß die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegenge-
stellt werden, den Anschlägen, Ränken, Zettlungen der Bourgeoi-
sie die unbeugsame Zielklarheit, Wachsamkeit und stets bereite
Aktivität des proletarischen Masse, den drohenden Gefahren der
Gegenrevolution die Bewaffnung des Volkes und Entwaffnung der
herrschenden Klassen.

Entsprechen dieser Grundlinie waren die Bemühungen um die Schaf-
fung proletarischer Wehrorganisationen stets ein wesentlicher
Bestandteil der Militärpolitik der Partei gewesen. Der bereits
in den Tagen der Novemberrevolution gebildete Rote Soldatenbund
sowie der Ordnerdienst und die proletarische Hundertschaften von
1923 waren proletarische Wehrorganisationen.

Bereits in der Zeit der revolutionären Nachkriegskrise hatte
die KPD sich intensiv darum bemüht, ihre militärpolitischen
Aktivitäten und Forderungen entsprechen den Lehren Lenins mit
dem Kampf um die Aktionseinheit der Arbeiterklasse zu verbinden.
In einer längeren Auseinandersetzung mit rechts- und linksop-
potunistischen Strömungen überwand die Partei sowohl die Unter-
schätzung der Militärfrage und der revolutionären Wehrerziehung
als auch die Verabsolutierung der militärischen Seite des Klas-
senkampfes, das militärische Abenteuertum.

Nachdem es der internationalen Großbourgeoisie mit Hilfe rechts-
sozialdemokratischer Partei- und Gewerkschaftsführer bis 1923
gelungen war, den von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolu-
tion inspirierten Ansturm der Arbeiterklasse auf die Bastionen
des Weltimperialismus zurückzuschlagen, trat in der revolutio-
nären Bewegung der kapitalistischen Länder eine zeitweilige Ebbe
ein. In Deutschland vollzog sich mit ausländischer, vor allem
amerikanischer Hilfe ein Wiedererstarken des deutschen Imperia-
lismus, dessen Bedeutung im imperialistischen Lager als Vorposten
und Sturmbock gegen die Sowjetunion ständig zunahm. Das ökono-
mische und politische Wiedererstarken des deutschen Imperialis-
mus war mit einem neuen Anwachsen des Militarismus verbunden,
das sich u. a. in einer zunehmenden Aktivität revanchistisch-
aggressiver Kräfte äußerte. Der deutsche Imperialismus begann
sein bereits im ersten Weltkrieg angestrebtes Ziel, die Erobe-
rung der Vorherrschaft in der Welt, erneut anzusteuern. In die-
ser Situation stand die KPD vor der Aufgabe, Schlußfolgerungen
aus den Kämpfen der revolutionären Nachkriegskrise zu ziehen
und eine auf dem Marxismus-Leninismus beruhende Strategie und
Taktik auszuarbeiten. Die proletarisch-revolutionären Kräfte
in der Partei unternahmen große Anstrengungen, um die Arbeiter-
klasse zur Abwehr der reaktionären Angriffe zu befähigen und
sie auf neue entscheidende Klassenkämpfe vorzubereiten. Ange-
sichts der verschärften Ausbeutung und der sich verstärkenden
militaristischen Umtriebe entwickelten sich eine intensive po-
litische Massenarbeit zur Verteidigung der Interessen der Werk-
tätigen, gegen die Politik der Militarisierung und Kriegsvorbe-
reitung. Ein Ausdruck dieses Ringens um die Mobilisierung und
Organisierung der Werktätigen war die Schaffung großer, zentra-
lisierter Massenorganisationen.
Die KPD orientierte auf eine breite politische Massenarbeit,
deren Hauptinhalt das Ringen um die Aktionseinheit der Arbeiter-
klasse und um das Bündnis mit den nichtproletarischen werktä-
tigen Schichten war. Diese Politik, die erst in scharfen Kampf
gen die ultralinke, sektiererische Fischer-Maslow-Clique durch-
gesetzt werden mußte, betraf selbstverständlich auch das Gebiet
der Militärpolitik und der proletarischen Wehrerziehung. Die
Unmöglichkeit, den Kampf um die Macht in der gegebenen Situation
direkt in Form bewaffneter Auseinandersetzungen führen zu können,
bedeutete keinesfalls, daß die proletarische Wehrerziehung an
Bedeutung verlor. Sie konnte allerdings vorerst nicht auf den
Kampf zum unmittelbaren Sturz der imperialistischen Herrschaft
gerichtet sein, sondern mußte die Massen für den aktiven Kampf
gegen Imperialismus, Militarismus und zunehmende Kriegsvorberei-
tung und für die Verteidigung der Sowjetunion gewinnen und sie
darauf vorbereiten. Ihren sichtbaren und wirksamen Ausdruck fand
diese Orientierung in der Gründung des RFB, der sich unter Füh-
rung der KPD zu einer wichtigen antiimperialistischen und anti-
militaristischen politischen Kampforganisation der Arbeiter-
klasse entwickelte.

Da der Militarismus gerade in Deutschland besonderen Einfluß
besaß, bedurfte es hier zu seiner wirkungsvollen Bekämpfung
nicht nur größerer Anstrengungen, sondern auch vielfältigerer
Formen und Methoden und einer stärkeren Konzentration der Kräfte.
Die Partei handelte bei der Gründung des RFB vollauf im Sinne
Karl Liebknechts, der eine besondere intensive antimilitaris-
tische Aufklärungsarbeit gefordert und dazu auf dem Jenaer Par-
teitag 1905 erklärt hatte: Der Militarismus wirkt internatio-
nal - als Gefährdung des Völkerfriedens - und national als Boll-
werk und Sturmbock gegen den ,inneren Feind', das kämpfende Pro-
letariat. Unsere Weltpolitik und unsere Klassenpolitik zwingen
uns, gerade ihm zu Leibe zu gehen.
Der RFB war sowohl Schutzorganisation gegen den Terror der Po-
lizei und der militaristischen Banden als auch antimilitaris-
tische Aufklärungs- und Kampforganisation. Seine wichtigste und
umfangreichste Aufgabe bestand darin, die werktätigen Massen
über die Gefahr des Militarismus und über die Vorbereitung eines
neuen Krieges aufzuklären und sie zum Kampf gegen diese Gefahren
zusammenzuschließen. Besonders den ehemalige Frontsoldaten und
der Arbeiterjugend wollte er die wahren Zusammenhänge bewußt
machen, ihnen erklären, wie groß das Geheimnis ist, in dem
der Krieg geboren wird. Die Soldaten des imperialistischen
Weltkrieges und ihre Söhne sollten als Soldaten der roten, der
proletarischen Klassenfront gewonnen, sollten zu Vorkämpfern
der proletarischen Wehrhaftigkeit erzogen werden.

Wesentliche Bedeutung für die Wirksamkeit der antimilitaris-
tischen Aufklärungsarbeit und für die innere politisch-ideo-
logische Festigkeit des RFB besaß das Erscheinen der Bundes-
zeitung Die Rote Front ab 15. Oktober 1924. Die Zei-
tung, die zunächst monatlich, ab 1. Januar 1926 halbmonatlich
und ab 1. Mai 1928 wöchentlich erschien, entheilt viel Mate-
rial zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie, zur Ge-
schichte der bewaffneten Kämpfe der Arbeiterklasse, zum Wesen
und Rolle des Imperialismus und Militarismus, zur Geschichte
der Sowjetunion und ihrer Armee sowie zur aktuellen Fragen der
Militärpolitik. Zusammen mit den zahlreichen anderen Druck-
schriften de RFB war Die Rote Front den Roten Front-
kämpfern ein wichtiger Helfer in ihrer antimilitaristischen
Überzeugungsarbeit.

Die erste Bundesführung wurde im August 1924 gebildet und trug
naturgemäß provisorischen Charakter. Am 1. Februar 1925 fand
die 1. Reichskonferenz des Bundes statt; sie hatte die Aufgabe,
die bisherige Entwicklung der Organisation einzuschätzen, die
nächsten Aufgaben herauszuarbeiten und die Führung des Bundes
zu wählen. Der RFB zählte zu dieser Zeit etwa 15 000 Mitglieder
und hatte - außer in Bayern - in allen Teilen Deutschlands Orts-
gruppen gebildet. Dennoch mußte die Konferenz feststellen, daß
die bisherige Führung die vorhandenen Möglichkeiten zur Erwei-
terung des Masseneinflusses ungenügend genutzt und der inneren
Festigung des RFB zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Das
Fehlen einer klaren politischen Linie, ungenügende Disziplin
und organisatorische Schwächen sowie mangelhafte Unterstützung
durch von ultralinken Sektierern beeinflußte Parteileitung
bildeten ernsthafte Hemmnisse für die weitere Entwicklung der
Organisation. Nach dieser kritischen Analyse, die Ernst
Schneller in seinem Referat vornahm, wählte die Konferenz eine
neue Bundesführung mit Ernst Thälmann an der Spitze.

Ernst Thälmann, zu dieser Zeit bereits ein anerkannter und er-
fahrener Funktionär der deutschen und internationalen Arbeiter-
bewegung, besaß als gedienter Artillerist und Teilnehmer der
Schlachten in der Champagne, an der Somme und der Aisne, in
denen er zweimal verwundet worden war, militärische Kenntnisse
und Erfahrungen. Im Oktober 1923 hatte er in führender Position
am Hamburger Aufstand teilgenommen.

In der Führung des RFB wurde Thälmann tatkräftig von Ernst
Schneller unterstützt, der während des ersten Weltkrieges
Offizier gewesen war, sich aber bereits mit Fragen der Arbeiter-
bewegung und des Marxismus beschäftigt hatte. 1919 war Schneller
zunächst Mitglied der SPD geworden und dann 1920, unter dem Ein-
druck der Kämpfe gegen den Kapp-Putsch, zur KPD übergetreten.
Theoretische Kenntnisse, Kampfgeist, Einsatzbereitschaft und
enge Verbundenheit mit den Werktätigen hatte ihn sehr rasch zu
einem bekannten Funktionär der Partei werden lassen. 1923 er-
warb er sich große Verdienste beim Aufbau der proletarischen
Hundertschaften, was die Zentrale der KPD veranlaßte, ihn zum
Vorsitzenden ihres Ständigen Militärischen Rates zu berufen.
Von 1924 bis 1927 leitete er die militärpolitische Abteilung
im Zentralkomitee der KPD und war gleichzeitig von 1926 bis
1928 verantwortlicher Redakteur der von der Partei illegal her-
ausgegebenen militärpolitischen Zeitschrift Oktober, die
auch bei der militärpolitischen Qualifizierung innerhalb des
RFB eine bedeutsame Rolle spielte.
Zu den Führern des RFB gehörte auch Hans Jendretzky und Fritz
Selbmann. Weitere Kampfgefährten Ernst Thälmanns in der Führung
des Bundes waren Willi Leow als 2. Bundesführer. Werner Jurr
als Reichsführer der Roten Jungfront (1927 bis 1929), Albert
Schreiner als Chefredakteur der Roten Front und Etkar Andre
als Führer des Gaues Wasserkante. Unter der neuen Führung nahm
der RFB einen raschen Aufschwung . Am 1. Juni 1925 hatte er be-
reits mehr als 51 000 Mitglieder in 826 Ortsgruppen. Seine
stärksten Gaue waren Halle-Merseburg, Thüringen, Berlin-Brand-
enburg, Ruhrgebiet, Niederrhein und Erzgebirge-Vogtland; schwä-
cher waren Bayern, Niederschlesien, Hessen, Rhein-Saar, Ober-
schlesien, Mecklenburg und Pommern. Entscheidend für die wei-
tere Entwicklung des RFB waren nunmehr die Herstellung eines
richtigen Verhältnisses zur KPD und die zielbewußte politische
Tätigkeit der Kommunisten in der Organisation. Diese Frage ge-
wann zunehmend an Bedeutung, da mit dem Wachstum der Organisation
der Anteil der parteilosen Mitglieder von 53 Prozent im Juni
1925 auf über 60 Prozent im Jahre 1928 anstieg. Ernst Thälmann
wandte sich mehrfach mit kritischen Hinweisen an die von den
Ultralinken beherrschte Zentrale der KPD und forderte energisch
ein richtiges Verhalten zum RFB und dessen bessere Unterstützung
durch die Partei.

Obwohl der RFB keine militärische Organisation war, bediente er
sich in seiner Tätigkeit doch gewisser militärischer Regeln und
Formen; das betraf vor allem die Gliederung, das einheitliche
Kommandosystem und die militärische Disziplin. Von den Feinden
der Arbeiterklasse wurde dem RFB deshalb vorgeworfen, daß er
zwar vorgebe, den Militarismus zu bekämpfen, in Wirklichkeit
aber selber einen roten Militarismus verkörpere. In der
antikommunistischen bürgerlichen Geschichtsschreibung finden
sich derartige Behauptungen auch heute noch.
Wenn der RFB sich bestimmter militärischer Formen bediente,
dann geschah das deshalb, um dem Kampf für die Interessen der
Arbeiterklasse unter den gegebenen historischen Bedingungen
größere Wirksamkeit zu verleihen. Der Schutz der klassenbewus-
ten Arbeiter, ihres Eigentums und der von ihnen geschaffenen
Einrichtungen erforderte ein hohe Maß an Einsatzfähigkeit, Ge-
schlossenheit, Beweglichkeit und Durchschlagskraft, die wiederum
die Beherrschung bestimmter militärischer Regeln und Formen zur
Voraussetzung hatten. Hinzu kam, daß die reaktionären Verbände
durch die bewußte Pflege militärischer Formen den Geist des
Militarismus wachzuhalten suchten. Weite Volkskreise vor allem
kleinbürgerliche und bäuerliche Schichten, sollten in dem Glau-
ben bleiben, das Militärische sei mit dem Nationalen,
dem Vaterländischen identisch; nicht zuletzt deshalb bezei-
chneten sich auch die militaristischen Verbände selbst als na-
tionale Verbände.

Der RFB mußte nicht nur die Arbeiter vor den Militaristen
schützen; er hatte auch dafür zu sorgen, daß nicht die Marsch-
kolonnen der bürgerlichen Verbände das Straßenbild beherr-
schten. Die Bundesführung konnte bereits im Frühjahr 1925 in
einem Bericht an die Zentrale der KPD feststellen: Der RFB hat
dadurch, daß er an die immerhin in Fleisch und Blut übergangene
Tradition des militärischen Wesens anknüpfte, und durch Hervor-
kehrung seines Klassenkampfcharakters die Sympathie der Massen er-
worben. Die Anwendung militärischer Formen und die Berücksich-
tigung der militärischen Aspekte war schließlich auch deshalb
notwendig, um das Ziel, die Erziehung der Arbeiter zu revolu-
tionären Wehrhaftigkeit, möglichst rasch und möglichst umfas-
send zu erreichen. Die revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse
in allen Ländern haben bis auf den heutigen Tag immer wieder die
Notwendigkeit gut organisierter, disziplinierter, einheitlich
und zielbewußt geführter proletarischer Kampfeinheiten bekräf-
tigt. In einer revolutionären Disziplin und in strengster Zucht
unterwerfen wir uns allen Befehlen und Anordnungen, die im
Kampf für die Interessen des Proletariats notwendig sind, hieß
es im Fahneneid, den alle Roten Frontkämpfer schworen und mit
dem sie zum Ausdruck brachten, daß sie sich bewußt allen Anfor-
derungen des revolutionären Klassenkampfes unterwarfen.

Die Gliederung des RFB entsprach sowohl militärischen Forder-
ungen als auch den Grundsätzen des demokratischen Zentralis-
mus. Die kleinste Einheit war die Gruppe, die aus acht Mann
und einem Gruppenführer bestand. Vier Gruppen bildeten einen
Zug, drei Züge eine Kameradschaft, mehrere Kameradschaften -
je nach örtlichen Verhältnissen - eine Abteilung, mehrere Ab-
teilungen eine Ortsgruppe. Abteilungen gab es allerdings nur
in den großen Städten, wie Berlin, Hamburg, Leipzig usw. Zu
den Abteilungen bzw. Ortsgruppen gehörten die organisatorisch
selbständigen Einheiten des RJ bzw. der RJF, die in gleicher
Wiese wie der RFB untergliedert waren und eigene Führer hatten.
Eine größere Anzahl von Ortsgruppen war im Untergau zusammen-
gefaßt, dessen Gebiet sich in der Regel über mehrere Kreise
erstreckte. Mehrere Untergaue bildeten einen Gau, der terri-
torial in der Regel mit dem jeweiligen KPD-Bezirk identisch
war. Im Frühjahr 1925 gab die Bundesführung ein Kommando-Regle-
ment heraus, das die Grundlage für ein einheitliches Kommando-
system bildete und bei Demonstrationen, Aufmärschen und Übun-
gen Anwendung fand. In seiner Einleitung hieß es: Die Erfah-
rung hat gelehrt, daß geordnete, eindrucksvolle Aufmärsche grö-
ßerer Massen von Kameraden nur möglich sind, wenn ein einheit-
liches Kommandosystem in allen Bezirken und Ortsgruppen durch-
geführt wird ... Das Kommando verlangt eine sofortige, schnelle
und exakte Ausführung. Von der Schärfe und Exaktheit des Komman-
dos hängt die gute Ausführung in den meisten Fällen ab. Das
Reglement besaß erhebliche Bedeutung für das wirkungsvolle Auf-
treten des Bundes; auf seine Beherrschung wurde größter Wert ge-
legt. Zahlreiche Übungen dienten dazu, das Geben und Ausführen
der Kommandos zu trainieren, um eine größtmögliche Sicherheit
und Exaktheit zu erreichen.

Höhepunkt der politischen Massenarbeit waren die in jedem Jahr
in Berlin durchgeführten Reichstreffen, bei denen 1925 etwa
30 000, 1926 schon 50 000, 1927 und 1928 jeweils über 100 000
Rote Frontkämpfer aufmarschierten; sie begeisterten hundertau-
sende Werktätige, spornten sie zu neuen Kämpfen an und stärkten
den Einfluß des Bundes. Die Reichstreffen dokumentierten immer
deutlicher, wie das Ringen der KPD um die Aktionseinheit der
Arbeiterklasse das politische Wirken des RFB bestimmte; sie
waren Demonstrationen der proletarischen Wehrhaftigkeit, rich-
teten sich gegen die imperialistischen Kriegstreiber und doku-
mentierten den Willen der Roten Frontkämpfer, die Sowjetunion
mit allen Mitteln zu verteidigen. Im Frühjahr 1929 hatte der RFB
mehr als 150 000 Mitglieder.

Der RFB war von Anfang an eine internationalistische Organi-
sation. Dieser Charakter kam besonders deutlich beim III. Reichs-
treffen 1927 zum Ausdruck. Nach dem Aufmarsch fand am 6. Juni
in Berlin eine Konferenz der RFB-Führung mit den zahlreich er-
schienen ausländischen Gästen statt. Auf ihr wurde beschlos-
sen, den Rüstungen des Weltimperialismus mit der Bildung einer
proletarischen Wehrinternationale entgegenzutreten. in Frankreich
existierte bereits die Republikanische Vereinigung ehemaliger
Kriegsteilnehmer, und in der Tschechoslowakei gab es die Ord-
nerwehren der Kommunistischen Partei. Nach der Berliner Kon-
ferenz entstanden im Herbst 1927 in der Schweiz die Arbeiter-
schutzwehr und in Großbritannien die Revolutionäre Liga der
ehemaligen Soldaten und Frontkämpfer. Im Dezember 1927 begann
in Österreich der Aufbau eines Roten Frontkämpferbundes. An
seinem Gründungskongreß nahm eine starke Delegation des deut-
schen RFB unter Führung Thälmanns teil. Ansätze proletarischer
Wehr- und Schutzorganisationen entwickelten sich auch in Däne-
mark, Schweden und anderen Ländern.

Kernstück der internationalistischen Einstellung des RFB und
eine der Grundlagen für die gesamte Tätigkeit des Bundes war
seine revolutionäre Verbundenheit mit der Sowjetunion und ih-
rer Armee. Zwischen RFB-Gauen und Einheiten der Roten Armee
bestanden enge Bezeihungen, die in der gegenseitigen Überreich-
ung von Fahnen und in Besuchen ihren Ausdruck fanden. Thälmann,
Jendretzky und andere Führer des RFB wurden zu Ehrensoldaten
der Roten Armee ernannt, andererseits waren Stalin, Budjonny
und andere Persönlichkeiten der Sowjetunion Ehrenmitglieder
des RFB. In diesen Bindungen zeigte sich das gemeinsame An-
liegen der Kommunisten und fortschrittlichen Kräften in Deutsch-
land und der Sowjetunion: das Ringen um die Zurückdrängung von
Imperialismus, Militarismus und Reaktion im Herzen Europas
und um die Sicherung des ersten sozialistischen Staates gegen
einen imperialistischen Überfall.

Auf einer Reichsführertagung am 28. und 29. November 1928 wer-
tete Thälmann die Ergebnisse des VI. Weltkongresses der Kommu-
nistischen Internationale für den RFB aus und betonte dabei,
daß der RFB als Teil der internationalen revolutionären Arbei-
terbewegung für den Sieg der Sowjetunion kämpfen werde, falls
imperialistische Staaten sie angreifen sollten. Gleichzeitig
wies er auf die Möglichkeit hin, daß es zu einem Zusammenstoß
zwischen einer imperialistischen Mächtekoaltion und einer an-
deren Koalition kommen könnte, der auch die UdSSR angehöre. In
einem solchen Falle werde der RFB für den Sieg jener Koalition
kämpfen, der die Sowjetunion als Mitglied angehöre, die Zugehö-
rigkeit kapitalistischer Staaten zu diesem Bündnis sei demgegen-
über von untergeordneter Bedeutung. In Auseinandersetzung mit
dem kleinbürgerlichen Pazifismus hob Thälmann hervor, daß die
individuelle Kriegsdienstverweigerung den imperialistischen Krieg
nicht verhindern kann; die Massenlosung müsse daher lauten:
Nicht Boykott des Krieges, sondern Eintritt der Arbeiter in die
imperialistische Armee und Übergang auf die Seite der sowjeti-
schen Truppen! Diese Orientierung erwies sich im zweiten Welt-
krieg als richtig und erlangte ab Sommer 1941 unmittelbar pra-
ktische Bedeutung.

Das Abflauen der Konjunktur, die neuerliche Verschärfung der
imperialistischen Widersprüche und das Anwachsen der Massen-
kämpfe führten Ende 1928 und Anfang 1929 entscheidende Kreise
des deutschen Finanzkapitals zu der Ansicht, daß die Zeit für
den Übergang zu einer Politik des Abbaus der bürgerlich-parla-
mentarischen Verhältnisse, zur Anwendung diktatorischer Herr-
schaftsformen und für eine aggressive Außenpolitik gekommen sei.
Ein ernsthaftes Hindernis für die Verwirklichung dieses reak-
tionären Kurses war die Existenz des RFB, der unter Führung
der KPD und in Zusammenarbeit mit ihr Millionen von Werktätigen
gegen die Diktatur- und Kriegspolitik mobilisieren konnte. Aus
diesen Gründen sollte zuerst er ausgeschaltet werden. Der
preußische Innenminister Grzesinski (SPD) und der Reichsinnen-
minister Severing (SPD) nahmen die von Polizeipräsidenten
Zörgiebel (SPD) provozierten blutigen Ereignisse vom 1. bis
3. Mai 1929 in Berlin zum Anlaß, den RFB zuerst in Preußen und
kurz danach in allen deutschen Ländern zu verbieten.
Die sozialdemokratischen Führer erklärten demagogisch, daß das
RFB-Verbot erforderlich sei, um die Demokratie zu schützen. In
Wirklichkeit wurde mit diesem Verbot jedoch der Demokratie ein
schwerer Schlag versetzt, wurde die Spaltung der Arbeiterklasse
vertieft und den Faschisten ihr Vormarsch erleichtert.

Auf Beschluß des Zentralkomitees der KPD setzte der RFB seinen
Kampf nun illegal fort. Die Behörden der Weimarer Republik
gingen mit scharfen Maßnahmen gegen den Bund vor. Bis Herbst
1929 wurden über 1000 Rote Frontkämpfer verhaftet und 300 von
ihnen zu Freiheitsstrafen verurteilt. In den Jahren 1930 und
1931 befanden sich mehr als 3000 RFB-Mitglieder in den Gefäng-
nissen der Weimarer Republik.
Ab 1930 richtete sich der Kampf des illegalen RFB vor allem
gegen den anwachsenden Faschismus. Die Roten Frontkämpfer wirk-
ten in den Einheitsausschüssen und Kampfkomitees, vor allem
aber in den Wohngebiets- und Häuserschutzstaffeln und anderen
Organen des Massenselbstschutzes.

Die Verschärfung des Kampfes machte es erforderlich, die mili-
tärische Ausbildung der RFB-Mitglieder einschließlich ihrer wehr-
sportlichen Tätigkeit zu intensivieren. Dabei wandte sich die
Bundesführung energisch sowohl gegen militärisches Abenteurer-
tum als auch gegen Tendenzen des individuellen Terrors und be-
tonte die Notwendigkeit des wehrhaften politischen Massenkampfes
gegen den Faschismus. Der RFB setzte seinen Kampf auch nach der
Errichtung der faschistischen Diktatur fort, obgleich die Be-
dingungen jetzt ungleich härter waren. Die noch bestehenden il-
legalen RFB-Gruppen verschmolzen mit den unter Führung der KPD
kämpfenden Widerstandsorganisationen. Der RFB nimmt in den Tra-
ditionen des wehrhaften Kampfes der deutschen Arbeiterklasse
einen hervorragenden Platz ein.

Eine konsequente internationalistische Haltung, das ständige
Streben nach politisch-ideologischer Stählung und nach Erhöhung
der militärischen Kenntnisse, ein eindeutiges Freund-Feind-Bild
sowie Einsatzbereitschaft, Selbstlosigkeit, Mut und Tapferkeit -
das zeichnete die Rote Frontkämpfer aus, das ist ihr Vermächtnis
als ständige Forderung der sozialistischen Wehrhaftigkeit.


Hinweise zur Konspiration und Geheimhaltung im Klassenkampf

Auszüge aus der Zeitschrift Oktober (RFB) Jahrgänge 1931 - 1932

                   Konspiration

                        Erwe.

Die legal bestehenden Organisationen der revolutionären Arbeiter-
bewegung müssen darauf vorbereitet sein, ihre Tätigkeit in der
Illegalität fortsetzen zu können. Das soll nicht bedeuten, daß
diese Vorbereitung nur darin bestehen neben dem legalen Partei-
apparat einen illegalen Apparat mit Ersatzfunktionären, Arbeits-
räumen und was sonst notwendig ist aufzubauen, der gewissermaßen
bereitgestellt wird, um beim Eintritt der Illegalität an die
Stelle des bis zu diesem Zeitpunkt legal arbeitenden Organisa-
tionsapparates zu treten.

Abgesehen davon, daß sich ein solcher Apparat sehr bald als Tot-
geburt herausstellen würde, veranschaulicht uns gerade die jet-
zige Situation, wie legale und Illegale Arbeitsmethoden lebendig
miteinander verbunden und elastisch den Aufgaben zur Gewinnung
der Mehrheit der Arbeiterklasse und Organisierung der Revolu-
tion angepaßt werden müssen.

Gewichtige Faktoren sind es, welche die revolutionären Arbeiter
schon zur Zeit des Bestehens legaler Organisationen zur Anwendung
illegaler Methoden veranlassen. Einerseits verpflichtet die sich
stetig verschärfende Situation zur Verstärkung der revolutionären
Arbeit in den Betrieben, zur Verstärkung der Arbeit unter den be-
waffneten Kräften des Staates und der Bourgeoisie, sowie zur An-
wendung schärferer Methoden im Klassenkampf seitens des revolu-
tionären Proletariats, andererseits will der bürgerliche Staat
durch faschistische Regierungsverordnungen, durch Polizei,
Justiz- und Unternehmerterror die Tätigkeit der revolutionären
Organisationen lahmlegen.
Verbot proletarischer Organisationen,. vor allem des Roten
Frontkämpferbundes, polizeiliche Überfälle auf Häuser und Lokale
der legal bestehenden Organisationen des Proletariats, Verbot
der kommunistischen Presse, Verbot und Beschlagnahme proleta-
rischer Literatur, Anmeldepflicht und Überwachung der Versamm-
lung, Demonstrationsverbot, Verwendung von Polizeibeamten als
Provokateure, Schießerlasse, hohe Gefängnis- und Zuchthaus-
strafen für revolutionäre Arbeiter - das sind einige der Mittel,
deren sich die herrschende Klasse bedienst, um den Einfluß des
fortgeschrittensten Teiles der Arbeiterklasse zu hemmen. Die
legale Periode gehört unzweifelhaft der Vergangenheit
an. wenn auch zunächst erst einige proletarischen Organisationen
verboten sind und ein Verbot der Kommunistischen Partei noch
nicht verfügt wurde, so wäre es dich absurd, angesichts der
Schranken, die der legalen Bestätigung gesetzt sind, von einem
legalen Zustand zu reden. Höchste Aktivitäten in der Massenarbeit
durch weitestgehende Ausnutzung aller noch gebliebenen legalen
Möglichkeiten verbunden mit geschickt angepaßten illegalen Me-
thoden verfeinert mittels tiefgreifender Spezialarbeit, durch-
bricht die gesetzten Schranken und ist die beste Waffe im Kampf
um die Legalität.

Die Gewohnheit des Arbeitens in der verhältnismäßig langen legalen
Periode, die relative Gefahrlosigkeit durch eine vordem ziemlich
plump arbeiten Polizei, brachte es mit sich, daß der deutsche
Arbeiter im allgemeinen kein sehr geschickter Konspirativer
ist, der es versteht, auch mit illegalen Methoden Massenarbeit
durchzuführen und sich gegen die Zugriffe eines großen, geschickt
und systematisch arbeitenden Polizeiapparates zu sichern.
Die politische Polizei hat in den letzten Jahren der klassen-
mäßigen Zuspitzung eine wesentliche Entwicklung durchgemacht.
Vor allem ist die Zentralisierung und Konzentrierung bemerkens-
wert. Der IA des Polizeipräsidiums in Berlin gehören weit über
100 Beamte an. Das Landeskriminalpolizeiamt in Berlin, welches
dem Polizeipräsidenten in Berlin unterstellt ist, hat für eine
sachgemäße, einheitliche Tätigkeit aller Landeskriminalpolizei-
stellen zu sorgen. Der Polizeipräsident in Berlin ist laut
Ministerialverordnung vom 24. 4. 31 für Maßnahmen nach § 12
Absatz 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung
politischer Ausschreitungen für den gesamten Bereich des Frei-
staates Preußen zuständig.

In der Ausübung seiner Tätigkeit ist das Landeskriminalpolizei-
amt in Berlin nicht sehr engherzig. Wenn auch ein Reichskriminal-
polizeiamt noch nicht besteht, de facto übt das Landeskriminal-
polizeiamt bereits Rechte eines Reichskriminalamtes aus. Berliner
Beamte der Politischen Polizei betätigen sich nicht nur in andern
Städten Preußens, sondern auch in anderen Ländern der Deutschen
Republik, wie z. B. in Hamburg, Bauern, Hessen. Das geschieht
häufig, ohne die Polizei des betreffenden Landes hiervon in
Kenntnis zu setzen. Die Zusammenarbeit mit anderen Staats- und
Reichsbehörden ist ebenfalls gesichert. Z. B. reagiert die
Reichspost reibungslos auf Anträge über polizeiliche Postüber-
wachung und gibt ihren Beamten schnellstens diesbezügliche An-
weisungen. Früher machten einzelne Reichspostdirektionen und
auch untere Postbeamte der Polizei häufig Schwierigkeiten.

Gegen kommunistische Zersetzung glaubt sich die Schaffung
besonderer Zersetzungsabwehrstellen erfolgreich schützen zu
können. Auch die Kommandeure der Schutzpolizei widmen sich dieser
Abwehrtätigkeit. Hier wie dort ist die Korrumpierung Einzelner
mittels Belobigungen, Belohnungen (Groeners Uhren) und Beför-
derungen die beliebteste Methode. Engste Zusammenarbeit mit der
Politischen Kriminalpolizei ist vorhanden. Eine stete Vervoll-
kommnung der Organisation des Apparates der Politischen Krimi-
nalpolizei ist also offensichtlich. Hinzu kommt, daß die fach-
liche Qualität der Beamten ebenfalls heraufgesetzt wurde. An
die Stelle der alten ehemaligen Militäranwärter sind jüngere,
besonders geschulte Spezialisten gesetzt worden.

Über den Umfang der polizeilichen Überwachung geben nachstehend
aufgeführte Zitate (Namen sind fortgelassen) aus einer Meldung
eines Polizeigenossen Aufschluß: ... Seit dem 15. August sind
sämtliche Reviere Berlins durch Rundbefehl angewiesen worden, die
Lokale ihres Bereiches einer ständigen Kontrolle zu unterziehen.
Insbesondere soll mit den Lokalinhabern Verbindung hergestellt
werden, so daß die Polizei jederzeit in der Lage ist, auch Zu-
sammenkünfte kleinster Gruppen zu kontrollieren. Die Lokalin-
haber sollen verpflichtet werden, selbst kleine Versammlungen
und Sitzungen, die von dem Lokalinhaber nicht bekannt oder auf-
fälligen Personen anberaumt sind, sofort der Revierwache zu
melden. ... Es sind Anweisungen an die Beamten ergangen, auf
nicht angemeldete Personen zu achten. Der Hauswirt ... Ort ...
Str. ... hat eine Meldung an den Reviervorsteher des dortigen
Reviers erstattet, wonach bei der Frau ... Straße ... häufig
kommunistische Abgeordnete und Früherer verkehren und auch un-
angemeldete Personen wohnen. Der Reviervorsteher hat bereits
schriftlich Meldung erstattet, und es ist mit einer baldigen
Haussuchung durch die IA zu rechnen.

Wir sagten, daß jeder Arbeiter und Funktionäre lernen muß, eine
gute konspirative Arbeit zu leisten. Sagen wir damit, daß er
sich mit seinen Genossen in der Organisation gleich einem Häuf-
lein Verschwörer betätigen soll? - Mit nichten. - Der legalen,
wie der halblegalen und der illegalen Organisation stehen immer
die gleichen Aufgaben: breiteste Massenarbeit zur Gewinnung der
Mehrheit der Arbeiterklasse, revolutionäre Mobilisierung der
Massen. In Ländern wie Polen, China und Bulgarien sehen wir gute
revolutionäre Massenarbeit trotz brutalsten Terror. Gewaltige
Streiks und imposante Massendemonstrationen in Polen, gewaltige
Massenkundgebungen durch Ausnutzen der Fraktionstätigkeit in der
Kuomintang in China, der Wahlerfolg in Bulgarien, alles das
sind beredte Zeugnisse für die Möglichkeiten, mit illegalen
Methoden Massenarbeit zu leisten.

Die meisten Erfahrungen in der Massenarbeit durch illegale Or-
ganisationen habe zweifellos die Betriebszellen. Der Unternehmer-
terror verlangte bei den meisten dieser Zellen schon seit ihrem
Bestehen die Anwendung illegaler Methoden in der Massenarbeit.
Leider ist die revolutionäre Betriebsarbeit in Deutschland noch
sehr ungenügend und mangelhaft. und doch können gerade in den
Betrieben die revolutionären Organisationen ihre stärksten und
unverwundbarsten Machtpositionen schaffen. Gute Sicherheitsmaß-
nahmen sind auch bei höchster Aktivität möglich. Zu bestimmten
Arbeiten können dem Betrieb Fernstehenden herangezogen werden.
Je breiter die Massenbasis im Betrieb durch höchste Aktivität
geworden ist, desto leichter ist es, die Arbeit zu sichern,
desto schwerer wird es den Unternehmer, Spitzel in die Zelle
zu senden, da die Kontrolle durch breite Massen revolutionärer
Arbeiter am wirksamsten ist. Eine in den Betrieben fest veran-
kerte Organisation, die sich noch feste Positionen in den Massen-
organisationen schafft, bleibt in ihrer Tätigkeit durch ein
Verbot fast unberührt.

Wichtig ist für jede revolutionäre Organisation die Schaffung
sicherer Druck- und Vervielfältigungsmöglichkeiten. Die Betriebs-,
Häuserblock-, Stadtteil- und Dorfzeitungen müssen in ihrer Auf-
machung und in ihrem Inhalt immer besser ausgestaltet werden.
Starke Positionen in den Massenorganisationen ermöglichen es
auch, deren Organe in geschickter Weise zur revolutionären Pro-
paganda zu benutzen.

Die Frage, ob die verbotene, illegale Organistion noch weiter
Mitglieder aufnimmt und wirbt, sollte eigentlich keine Frage mehr
sein. Es wäre feiges Zurückweichen vor den Maßnahmen der kapi-
talistischen Staatsorgane, wollte sie auf die Mitgliederwerbung
verzichten. Im Gegenteil, höchste Aktivität in der Propaganda
und Agitation muß die Antwort sein. Das soll natürlich nicht
heißen, daß jeder unbesehen als Mitglied aufgenommen werden
kann. Aber die Kollegen von Betrieb und Stempelstelle, aus den
Massenorganisationen, die Bewohner des gleichen Häuserblockes
müssen den Organisationsmitgliedern so gut bekannt sein, daß
über Verläßlichkeit des Aufzunehmenden entschieden werden kann.

Je breiter die Massenbasis, desto leichter ist es, gute Arbeits-
räume für Funktionäre, Lagerräume für Organisationsmaterial,
Post- und Meldestellen für den Kurierapparat, Deckadressen für
Briefe und Pakete, Wohnungen und Lokale für Versammlungen, Sit-
zungen und Delegiertenkonferenzen festzulegen.

Die Spezialbearbeitung mit besonderen illegalen Methoden (Nach-
richtenarbeit) der Faschisten, der anderen imperialistischen
Parteien, der Reichswehr, des Polizeiapparates, der anderen
Staatsorgane, der Kriegsrüstungsindustrie, der Unternehmerver-
bände und anderer Institutionen des Staates- und des Bürgertums
ist als Verfeinerung und Vertiefung der breiten Massenarbeit
unbedingt erforderlich, aber nur möglich, wenn eine wirkliche
Massenbasis vorhanden ist; ohne dieselbe auch gegenstandslos,
da ihr Ertrag kaum ausgewertet werden kann.

Der Schutz des Materials und Eigentums sowohl der illegalen als
auch der legalen Organisationen ist unter allen Umständen eine
wichtige Aufgabe für die revolutionären Arbeiter. Es ist einer
revolutionären Organisation unwürdig, den Schutz des Eigentums
der meist sogar faschistischen (!) Organisationen einer Wach-
und Schließgesellschaft zu übertragen. Die Aufgabe, des Organi-
sationsmaterial und Organisationseigentums zu sichern, ist aber
durch die Bereitstellung einer Wachgruppe im Organisationslokal
noch nicht erschöpfend durchgeführt. Die gesamte Tätigkeit re-
volutionärer Organisationen muß bereits in der gegenwärtigen
Situation immer unter dem Gesichtspunkt durchgeführt werden, daß
die Polizei kein wertvollstes Material beschlagnahmen kann. Schon
jetzt ist es notwendig, verschiedenen Arbeiten an sicheren Orten
zu erledigen als sie die Organisationsräume darstellen. Da über
den größten Teil der Literatur bereits Verbote und Beschlagnahme-
verfügungen erlassen sind, ist die Organisierung eines besonderen
Literaturvertriebsapparates notwendig, der es ermöglicht, auch
diese Literatur an die Arbeitermassen zu bringen, ohne daß diese
wertvolle Material von der Polizei beschlagnahmt werden kann.

Gewiß sind die Arbeitsmethoden, die die Sicherheit verbürgen,
zeitraubender. Aber jede Nachlässigkeit rächt sich bitter. Noch
immer wird häufig der bequeme Weg, über Telefon und offizielle
Organisationsadressen Mitteilungen vertraulicher Art zu gebe,
dem sicheren Weg durch Kuriere oder Deckadressen aus purer Leicht-
fertigkeit vorgezogen. Daß es an der Zeit ist, endlich aus den
Fehlern und deren unliebsamen Folgen die notwenigen Lehren zu
ziehen, dürfte jeden revolutionären Arbeiter einleuchten.

Richtige konspirative Arbeit und Vorbereitung zur Illegalität
hat nicht gemein mit sektiererischer Verschwörungstaktik, son-
dern ist Entfaltung höchster Aktivität und breiter Massenarbeit
unter Anwendung legaler und illegaler Methoden in engster Ver-
bindung. Die revolutionäre Mobilisierung breiter Massen ist das
zu erreichende Ziel. Es darf weder vor der Anwendung illegaler
Methoden, die durch den verschärften und verstärkten Kampf in
der zugespitzten Situation und durch diktatorische Regierungs-
maßnahmen unvermeidlich sind, zurückgeschreckt werden, noch
darf auf die weitestgehende Ausnutzung aller legalen Betätigungs-
möglichkeiten im revolutionären Kampf verzichtet werden. Nun
noch einige Grundsätze zum persönlichen Verhalten in der kon-
spirativen Arbeit, die zum Gemeingut aller revolutionärer Arbei-
ter werden müssen.
Bekämpfung der Schwatzhaftigkeit und Ruhmrederei ist eine wich-
tige Aufgabe. Jeder revolutionäre Arbeiter mache sich den Grund-
satz zu eigen: Jeder auch er selbst - braucht von der Organisa-
tion der konspirativen Arbeit nicht mehr zu wissen, als zu seiner
Tätigkeit unbedingt erforderlich ist.
Pünktlichkeit in der Trefftätigkeit erhöht die Sicherheit.
Vorsicht bei Telefongesprächen! Das Telefon ist nicht als Ver-
bindungsmittel in der konspirativen Arbeit geeignet. Ausnahmen
sind nur dann zulässig, wenn nach vereinbartem Kode gesprochen
wird. Deckadressen dürfen nicht mehr Postsendungen erhalten, als
den Verhältnissen, in denen der Deckadressat lebt, entspricht.
Die Anwendung der Chiffreschrift muß äußerst sorgfältig geschehen,
besonders gilt das für die Übermittlung von Adressen.
Kuriere und revolutionäre Arbeiter, die besondere Aufträge haben,
müssen unauffällig gekleidet sein und sich ihrer Umgebung ent-
sprechend benehmen. Trefforte sind häufig zu wechseln.
Organisationsmaterial und besonders Namen und Adressen von Mit-
arbeitern dürfen nicht in der Wohnung aufbewahrt werden, sondern
sind an guten Stellen sicher zu lagern. Auch darf das Material
nicht überflüssiger Weise in der Tasche herumgeschleppt werden.
Adressen sind, soweit sie nicht im Gedächtnis fest gehalten werden
können, chiffriert niederzulegen.
Revolutionäre Arbeiter, die in bestimmten Aufträgen zusammenar-
beiten, meiden zweckmäßig jeden überflüssigen persönlichen Ver-
kehr untereinander (Familienbekanntschaften usw.).
Gegenseitige Kontrolle mit einer gesunden Vorsicht, welche nicht
in panikartige Spitzelfurcht ausarten darf, erhöht die Sicherheit
der Arbeit

                  Chiffriersysteme

                       Franz.

                       Teil I

In einem Brief der Orgabteilung des Ekki an die Partei der KI
über Die Organisatorischen Aufgaben bei der Durchführung der
Beschlüsse des 10. Ekki-Pleniums (siehe Die Kommunistische
Internationale Nr. 42 vom 23.10. 29) heißt es: ... die Orgabteilung
des Ekki beantragt die Erörterung folgender Fragen:
a) Über Organisierung regelmäßiger Listen leitender Kader (mit
   Beobachtung aller Regeln der Konspiration für den Fall, wenn
   die Dokumente der Polizei in die Hände fallen)...
   In Bezug auf die Technik dieser Registrierung und Listen-
   führung erteilt die Orgabteilung folgende Anweisung:
   a) Kein kompliziertes System mit Karten und Kästen usw. -
      das ganze Material muß in kleine Heftchen eingetragen
      werden, und zwar mit Chiffre und Geheimzeichen, und als
      geheime Dokumente aufbewahrt werden, so daß sie rasch und
      sicher vernichtet werden können ...
Die Frage nach einem sicheren und dabei zweckmäßigen System zum
Chiffrieren des internen Parteimaterials hat für Deutschland, wo
wir nach Inkrafttreten des neuen Republikschutzgesetzes mit stärk-
sten Polizeiverfolgungen zu rechnen haben, zweifellos besondere
Bedeutung. Alle Erfahrungen beweisen, daß jede Haussuchung oder
Verhaftung eine ganze Kette neuer Haussuchungen oder Verhaftungen
nach sich zieht, wenn es der Polizei gelingt, aufgefundene Namen
oder Adressen zu entziffern. Nachstehend sollen darum unsere Ge-
nossen einige technische Einzelheiten des Chiffrierens übermit-
telt werden, durch deren Anwendung sie sich und die Partei vor
schweren Schädigungen bewahren können. Dabei schalten wir aus
der großen Zahl der bestehenden Systeme alle diejenigen aus,
die infolge leichter Entzifferung oder schwieriger Anwendung
als unzweckmäßig betrachtet werden müssen. Von diesem Gesichts-
punkt aus betrachtet ist das nachstehende beschriebene System das
für die Erfordernisse der Partei am besten geeignete.
Das ganze System beruht auf einer Zahlengruppe, deren Zusammen-
stellung man sich genau merken muß, die aber niemals schriftlich
festgelegt werden darf, weil mit ihrer Kenntnis die Entzifferung
der Chiffre jedem Fremden ohne weiteres möglich ist.
Zur besseren Einprägung der notwendigen Zahl nehmen wir am Besten
das Datum irgend eines Ereignisses, das nicht so leicht in Ver-
gessenheit geraten kann. Man hüte sich jedoch davor, allzu nahe
liegende Daten zu nehmen, weil die Polizei naturgemäß durch
Nachprüfung dieser Daten versuchen wird, hinter die Zusammen-
stellung der Zahl zu kommen. Sagen wir also, mein Urgroßvater sei
am 28. 6. 1845 gestorben. Auf diesem Datum, an dessen Stelle man
natürlich auch jedes andere nehmen kann, baut sich jetzt der
Chiffreschlüssel auf. Wir haben in ihm die Ziffern 2 8 6 1 8 4 5
enthalten, deren Quersumme die Zahl 34 ergibt. Diese Zahl hängen
wir an die sich aus dem Datum ergebende Zahl an, so daß wir jetzt
folgende Zusammenstellung erhalten: 2 8 6 1 8 4 5 3 4.
die jetzt noch fehlenden Ziffern, also die 7, 9 und die 0 hängen
wir wiederum hinten an. Die somit erreichte Zahl 2 8 6 1 8 4 5 3
4 7 9 0, in der alle Ziffern von 1 bis 0 enthalten sind, ist der
endgültige Chiffreschlüssel, mit dem wir in den nachstehenden Aus-
führungen weiter arbeiten wollen. Durch einige technische Än-
derungen kann das Dechiffrieren noch weiter erschwert werden. So
kann man willkürlich entweder die Quersumme oder die noch feh-
lenden Ziffern oder auch beides dem gewählten Datum vorsetzen
statt anhängen. Wir wollen davon aber Abstand nehmen.
Zum Chiffrieren einer Notiz gehört jetzt nur noch das Alphabet.
Es empfiehlt sich, zum ständigen Gebrauch ein Alphabet anzu-
fertigen, das in fünf Gruppen zu je fünf Buchstaben unterteilt
ist:
ABCDE
FGHIK
LMNOP
QRSTU
VWXYZ
Das Chiffrieren einer Notiz, sagen wir der Adresse Alfred
Krause, Stuttgart, Wilhelmstraße 137, geht jetzt folgender-
maßen vor sich:
Von dem zu chiffrierenden Buchstaben gehen wir soviel Buchstaben
im Alphabet vorwärts, wie der entsprechenden Ziffer aus der
Chiffrezahl entspricht, wobei sich die Zahl, sobald sie er-
schöpft ist, immer wiederholt. Vom A in Alfred gehen wir also
2 Buchstaben nach vorn und erhalten so das C, Vom L gehen wir
(siehe Chiffrezahl), 8 Buchstaben nach vorn und erhalten das T.
Vom F gehen wir 6 Buchstaben vor und erhalten das M usw. Die so
chiffrierte Notiz sieht dann wie folgt aus:
286184
ALFRED
ctmsnh
535790
KRAUSE
pufbbe
286184535
STUTTGART
ubauclfuy
7902861845
WILHELMSTR
dslknrnaxw
Die unter dem Klartext stehenden Buchstabengruppen sind somit
die chiffrierte Notiz. Es empfiehlt sich bei der praktischen An-
wendung dieses Systems die Buchstabengruppen entweder überhaupt
nicht zu trennen:
           C T M S N H P U F
           B B E U B A U C L
           F U Y D S L K N R
           N A X W
oder aber eine willkürliche Trennung vorzunehmen:
           C T M  S N H P U F B
           B E U B A  U C L F U
           Y D S L  K N R N A
           X W
Bei der Entzifferung wird man dann die Buchstabengruppen, so
wie sie im Klartext zusammengehören, leicht herausfinden.
Das Chiffrieren von Zahlen, wie in der obigen Adresse genannten
Hausnummer 137 erfolgt nach folgender Methode:
So wie man sich zum Chiffrieren von Schriftwörtern eine leicht
einprägsame Zahl merkt, so sucht man sich zum Chiffrieren von
Zahlen ein leicht einprägsames Merkwort, das zehn Buchstaben
umfaßt und in dem kein Buchstabe doppelt vorkommt, z. B.
HeilMoskau. Anstelle der zu chiffrierenden Ziffer
schreibt man dann einfach den Buchstaben, der der Reihenfolge
nach dem Kennwort entspricht, also statt 1 3 7 die Buchstaben
H I S.
Das Entziffern dieser Zahl ist sehr einfach. Das H ist in dem
Kennwort unseres Beispiels der 1. Buchstabe. Das I ist der 3.
und das S ist der 7. Buchstabe. So erhalten wir wieder die
Zahl 137.
Das Entziffern der chiffrierten Schriftwörter erfolgt ebenso
in umgekehrter Reihenfolge, indem von jedem Buchstaben um so
viel Buchstaben im Alphabet nach rückwärts gegangen wird, wie
der entsprechenden Ziffer aus der Chiffrierzahl entspricht.
Vom C um w Buchstaben nach rückwärts kommen wir zum A, vom T
um 8 Buchstaben zurück erhalten wir das L, vom M steht 6 Buch-
staben zurück das F usw.
286184
ctmsnh
ALFRED
535790
pufbbe
KRAUSE
286184535
ubauclfuy
STUTTGART
7902861845
dslknrnaxw
WILHELMSTR
Dieses System hat folgende Vorzüge:
1. Jedes schriftliche Aufbewahren des Chiffreschlüssels, erfahr-
   ungsgemäß eine ständige Gefahrenquelle, fällt fort. Sowohl
   die zum Chiffrieren von Schriftwörtern benötigte Chiffrezahl
   als auch das zum Chiffrieren von Zahlen benötigte Kennwort
   können leicht behalten werden.
2. Ein unbefugtes Dechiffrieren sit bei diesem System aufs
   äußerste erschwert. Wenn auch in dem Klartext ein belie-
   biger Buchstabe mehrmals vorkommt, so erscheinen doch im
   chiffrierten Text immer andere Buchstaben. Im oben gewähl-
   ten Beispiel enthält das Wort Stuttgart nicht weniger als
   vier T, an deren Stelle im Chiffretext die Buchstaben B, U,
   C und Y erschienen. Dadurch ist das Entziffern ohne Kenntnis
   der benutzten Chiffrezahl absolut unmöglich. (Daß bei prak-
   tischer Anwendung dieses Systems weder das von uns als Beispiel
   benutzte Kennwort noch die Chiffrezahl verwandt werden darf,
   ist selbstverständlich. Es gibt ja an deren Stelle unzählige
   andere Zusammenstellungen.)
3. Sowohl das Chiffrieren als auch das Dechiffrieren erfordert
   bei einiger Übung, gemessen an anderen Systemen, verhältnis-
   mäßig wenig Zeit.
Somit kann diese Methode als für die Zwecke der Partei absolut
brauchbar bezeichnet werden. Wir werden in der nächsten Nummer
des Oktober noch auf einige andere Systeme, die gleich-
falls verwendbar sind, eingehen.

                   Chiffriersysteme

                        Franz.

                       Teil II

Während man sich zur Anwendung des Chiffriersystems, welches
in der letzten Nummer des Oktober behandelt wurde, eine
S c h l ü s s e l z a h l  zu merken hat, werden jetzt ein Chif-
friersystem näher erläutern, dem ein S c h l ü s s e l w o r t
zu Grunde liegt. Auch dieses System kann als brauchbar bezeichnet
werden, wenn es richtig angewandt wird. Zunächst geben wir ein
Beispiel, in welchem wir das Schlüsselwort H o l z a r b e i t e r
benutzen. Den Schlüssel fertigt man sich, wie das Beispiel zeigt,
in der Weise an, daß man eben soviel Buchstaben in alphabetischer
Reihenfolge untereinander schreibt, wie das Schlüsselwort Buch-
staben enthält:
HOLZARBEITER
IPMABSCFKUFS
KQNBCTDGLVGT
LROCDUEHMWHU
MSPDEVFINXIV
NTQEFWGKOYKW
OURFGXHLPZLX
PVSGHYIMQAMY
QWTHIZKNRBNZ
RXUIKALOSCOA
SYVKLBMPTDPC
TZWLMCNQUEQB
Wollen wir nun chiffrieren, so suchen wir uns die Buchstaben
im angefertigten Schlüssel und bezeichnen sie durch Zahlen in
folgender Weise:
         9/7  10/8  8/11  5/1   2/10
         5/9  10/4  11/1  9/3   4/7
         3/3  3/8   6/4   2/12  5/5
         3/6  7/10

9/7 bedeutet also 9. Reihe, 7. Buchstabe; 10/8 ist 10. Reihe,
8 Buchstabe usw., bei der Entzifferung kommt demnach das Wort
KOMMUNISTENGESETZT heraus.
Bei der Anwendung dieses Systems sind folgende Regeln zu be-
achten:
1. Das Schlüsselwort muß mindestens 10 bis 12 Buchstaben ent-
   halten und ist so zu wählen, daß im Schlüssel alle Buchsta-
   ben mehrmals vorkommen, so daß genügend Spielraum zur Aus-
   wahl der Buchstaben vorhanden ist.
2. Der Schlüssel muß unbedingt jedesmal zum Chiffrieren so wie
   zum Dechiffrieren neu angefertigt werden und ist sofort nach
   dem Gebrauch zu vernichten.
Bei einem ähnlichen System benutzt man als Schlüssel die verein-
barte Seite eines vereinbarten Buches. Die Seite wird entweder
von vornherein fest verabredet, oder sie steht in einem Verhält-
nis zum Datum der chiffrierten Mitteilung. Ist z. B. die Mittei-
lung mit dem 24. datiert, so gilt die Seite 24 oder eine verab-
redete Anzahl Seiten weiter. Bei der Auswahl der Buchstaben ver-
fährt man ähnlich wie bei dem vorher beschriebenen System. Auch
hat das noch den Vorteil, daß zur Mitteilung ganze Worte verwen-
den kann. In unserem Beispiel nehmen wir den Oktober,
Jahrgang 5, Nr. 1, und zwar Seite 22.
          W    e   r   n    e   r   Berlin
         4/19 2/9 4/2 9/5 12/4 1/10 25/2/1
         Alexander  s   t   r.
         24/13/1   1/5 2/6 5/5
Dieses Beispiel zeigt die kombinierte Anwendung von Buchstaben
und Worten. Die Buchstaben sind der vereinbarten Seite entnom-
men. Bei den Worten ist jedesmal die Seitenanzahl mitanzugeben.
Bei diesem Chiffriersystem wird im Gegensatz zu den vorher be-
schriebenen Systemen darauf angewiesen, den Schlüssel (hier
also das Schlüsselbuch) zur Hand zu haben, was bei der prak-
tischen Anwendung natürlich ein Nachteil ist. Auch können wir
nur solche Genossen dieses Chiffriersystem empfehlen, die über
eine größere Anzahl von Büchern verfügen. Daß nicht wie in un-
serem Beispiel den Oktober als Schlüsselbuch benutzt,
braucht wohl nicht besonders näher begründet zu werden.

         Falsche Anwendung des Chiffrierwesens

                       Teil I

Es ist unzweifelhaft, daß die Beherrschung eines guten und
leicht anwendbaren Chiffriersystems für die gesamte konspira-
tive Arbeit unerläßlich ist. Aus diesem Grunde brachte der
Oktober im Jahrgang 5, Heft 1 eine ausführliche Beschrei-
bung eines solchen für die Zwecke der Parteiarbeit brauchbaren
Systems, das inzwischen häufig zur Anwendung gelangte. Dabei
zeigte sich jedoch verschiedentlich eine Reihe von Fehlern, die
es notwendig machten, auf die bei der Benutzung einer Chiffre
unbedingt zu beachtenden zwei Hauptregeln erneut hinzuweisen.

Die erste dieser Regel lautet: Sie sparsam in der Verwendung
der Chiffre. Chiffriere nur das, was unbedingt gesichert wer-
den muß. Eine Mittelung, die an sich harmloser Natur ist, ent-
hält für die Polizei sofort eine erhebliche Bedeutung, wenn
sie chiffriert ist und somit beweist, daß ihre Geheimhaltung
dem Schreiber besonders wichtig erschien. Darum benutze soweit
es geht die Klarschrift unter Anwendung von Deckbezeichnungen
zur Verschleierung des wirklichen Inhalts der Mitteilung. Die
Methode der Deckbezeichnungen hat bei geschickter Anwendung den
Vorteil, die Absicht der Geheimhaltung nicht erkennen zu lassen
und so die Aufmerksamkeit der Polizei abzulenken.
Die zweite Regel, die besonders wichtig ist und gegen die immer
wieder gesündigt wird, lautet: Wenn du schon chiffrierst, dann
muß es so geschehen, daß aus der Klarschrift der chiffrierte
Teil des Briefes nicht erraten werden kann.
Es ist absolut unsinnig, einzelne Worte im Satz zu chiffrieren
und zu glauben, daß sie damit vor unerwünschter Entzifferung
geschützt sind. Und doch kommt das immer wieder vor. Abgesehen
davon, daß bei derartiger Anwendung das chiffrierte Wort aus
dem übrigen Klartext leicht erraten werden kann, führt eine sol-
che Unvorsichtigkeit dazu, den ganzen Schlüssel, mit dem gear-
beitet worden ist, zu verraten. Nichts ist leichter, als aus
einem chiffrieren Wort den Schlüssel zu konstruieren, wenn die
Bedeutung des Wortes bekannt ist, oder erraten werden kann.

Wir wollen, um das an einem Beispiel zu demonstrieren, nach-
stehend den Anfang eines Berichtes wiedergeben, der kürzlich
von einem Bezirk eingesandt wurde und fordern die Genossen auf,
zu versuchten, das Rätsel zu lösen. Wir betonen dabei,
daß dieser Bericht tatsächlich so, wie wiedergegeben, abgefaßt
war. Von uns geändert wurde nur die Ortsangabe und die Schlüs-
selzahl.
In der Nacht vom 18. zum 19. April macht der ISTEFZEEH eine
 WDDAPWBOIE im Gebiet südlich von HTWLFKTUZR zwischen
 IBATVIZVQPX und IZTHAWLX

Frage: 1. Wie lautet der Klartext?
       2. Welches System wurde benutzt?
       3. Wie lautet der Schlüssel?
       4. Durch welche Fehler des Berichterstatters ist es
          leicht, die Frage 1, 2 und 3 zu beantworten?
       5. Welche Folgen können diese Fehler nach sich ziehen?
       6. Wie muß man chiffrieren, um sie zu vermeiden?

         Falsche Anwendung des Chiffrierwesens

                       Teil II

Im Oktoberheft Nr. 3 demonstrierten wir durch Wiedergabe des
Anfangs eines Berichtes die falsche Anwendung des Chiffrier-
wesens. Die meisten Leser werden das Rätsel mühelos
richtig gelöst haben. Wir bringen die richtige Lösung und die
Beantwortung der sechs gestellten Fragen, weil die gleichen
Fehler, die der Verfasser des Berichtes machte, häufig von
anderen Genossen gemacht werden.

Frage: 1. Wie lautet der Klartext?
          In der Nacht vom 18. zum 19. April macht der STAHL-
          HELM eine FELDÜBUNG im Gebiet südlich von RUDOLSTADT
          zwischen SCHWARZENBURG und SAALFELD.
       2. Welches System wurde benutzt?
          Ein Chiffriersystem, welches im Oktober Jahrgang 5,
          Heft 1 behandelt wurde. (Natürlich ist dieses System,
          wie auch die anderen Chiffriersysteme der Polizei be-
          kannt.)
       3. Wie lautet der Schlüssel?
          Die Schlüsselzahl lautete: 9 1 7 3 5 8 0 6 4 2.
       4. Durch welche Fehler des Berichterstatters ist es
          leicht, die Frage 1, 2 und 3 zu beantworten?
          Der Klartext bis zum ersten chiffrierten Wort läßt
          ohne große Mühe erraten,daß dieses Wort STAHLHELM
          heißen muß. Die Probe mit den so erratenen neun ersten
          Ziffern der Schlüsselzahl bestätigt dieses sofort, da
          bei der Umstellung jedes einzelnen Wortes immer wieder
          mit der Schlüsselzahl neu begonnen wurde.
       5. Welche Folgen können diese Fehler nach sich ziehen?
          Kommt der Polizei dieser Bericht in die Hände, so
          kann sie nicht nur den Bericht sehr schnell entziffern,
          sondern ihr wird die Schlüsselzahl bekannt. Gelingt
          es ihr dann noch andere Briefe zu erhalten, so wird
          sie diese sofort richtig lesen können. Natürlich auch
          dann, wenn in diesen Briefen (die vielleicht Mittei-
          lungen erhalten, die mehr vertraulichen Charakter sind
          als die in dem angezogenen Bericht, die Chiffre ein-
          wandfrei angewandt wurde.
       6. Wie muß man chiffrieren, um sie zu vermeiden?
          Niemals dürfen einzelne Worte im Satz chiffriert
          werden. Wird nicht die ganze Mitteilung chiffriert,
          so muß dies wenigstens mit den Sätzen oder Satzzeilen
          geschehen, die geeignet sind, die Bedeutung der chif-
          frierten Stellen aufzuschließen. Im übrigen gelten die
          Regeln, die im Heft Nr. 3 näher erläutert sind:
          Sei sparsam in der Verwendung der Chiffre!
          Wenn Du chiffrierst, dann muß es so geschehen, daß
          aus der Klarschrift der chiffrierte Teil des Briefes
          n i c h t  gelesen werden kann

Was sagen die Leser des Oktober zu nachstehender Mit-
teilung? Sie wurde von einem Leser des Oktober versandt.
Wir geben sie mit nochmaliger, aber unwesentlicher Änderung
wieder. Ist die Anwendung der Chiffre einwandfrei oder enthält
sie auch Fehler?
                20. Juni 1931
Das Datum der Konferenz der Obsthändler ist h e E R I H

Dieses Buch wurde als Beitrag der Traditionspflege hergestellt.

Berlin, Dezember 1980

»Ich gelobe: Niemals zu vergessen, daß das Schicksal der Arbeiterklasse
 der ganzen Welt unlöslich verbunden ist mit der Sowjetunion.«

Aus dem Kampfgelöbnis des Roten Frontkämpferbundes